RIETSCHEL, Ernst Friedrich August, einer der wichtigsten deutschen Bildhauer des 19. Jahrhunderts, * 15.12. 1804 in Pulsnitz bei Dresden, † 21.2. 1861 in Dresden. R. studierte zuerst zwischen 1820 und 1826 an der Dresdener Akademie und trat danach in die Berliner Werkstatt Christian Daniel Rauchs ein. Dieser vermittelte ihm erste Aufträge (z.B. 1827 den Entwurf für das Dresdener Denkmal Friedrich August I. von Sachsen) und zog ihn zur Mitarbeit an eigenen Projekten heran. Die Jahre 1830/1831 verbrachte R. in Italien und übernahm danach 1832 eine Professur für Bildhauerei an der Dresdener Akademie. Diese Position behielt er bis zu seinem Tode im Jahre 1861. Spätere Berufungen an die Akademien von München, Wien und im Jahre 1856 als Nachfolger Rauchs nach Berlin schlug er aus. In den folgenden Jahrzehnten wurde Dresden durch seinen Einfluß zu einem Zentrum der Denkmals- und Porträtplastik im damaligen Deutschland. Aus der Fülle der von ihm gestalteten Denkmäler und Bauplastiken sind besonders hervorzuheben: das Lessing-Denkmal in Braunschweig (1848/49), das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (1852-57), das Luther-Denkmal in Worms (1858-1868, nach seinem Tode von seinen Schülern Donndorf, Kietz und Schilling vollendet) sowie Giebel, Büsten und Reliefs für das Aulagebäude der Leipziger Universität (1833-1839) und die Giebelgestaltung für das Berliner Opernhaus (1844). Unter seinen unzähligen Porträtbüsten ragen besonders diejenigen des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (1848) sowie seines Lehrers Rauch (1857) heraus. R.s Arbeiten zeichnet ein konsequenter Realismus aus, der sich vor allem in der Verwendung des jeweiligen Zeitkostüms ausdrückt. Er glaubte, das Andenken auch von Männern der »geistigen That« (Franz Kugler) durch die charakteristische Erfassung der äußeren Erscheinung und durch die Formulierung einer treffenden Körpergebärde eher als durch die idealisierende Stilisierung in antiker Manier zu befördern. Hiermit wandte er sich von den klassizistischen Formvorstellungen seines Lehrers Rauch ab und gab der deutschen Plastik der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entscheidende Impulse. Beim Entwurf für das Wormser Luther-Monument sah R. sich mit einem sich wandelnden Geschichts- und Denkmalverständnis konfrontiert. Nicht mehr ausschließlich der Einzelperson des Reformators galt es hier zu gedenken, sondern der Epoche. R. löste die Aufgabe, indem er am Sockel des zentralen Luther-Standbildes weitere szenische Reliefs anbrachte. Ergänzt wurden diese durch vollplastische Figuren von Vorreformatoren sowie geistlichen und weltlichen Mitstreitern des Wittenbergers, die auf Postamenten um das Standbild angeordnet waren. Bis heute gilt R. als einer der bedeutendsten deutschen Denkmalplastiker des 19. Jahrhunderts.
Werke: 1. Werkverzeichnis: Andreas Oppermann, E.R., 1863, (durchges. u. verm., im Anhang Katalog für das R.-Museum zu Dresden 18732); 2. Eigene Schriften: E.R., Erinnerungen aus meinem Leben, 1863; Karl Eggers, Briefwechsel zwischen Rauch und R., 1890/1891; Monika Arndt (Hrsg.), Künstler und Kunstfreund im Gespräch, E.R. und Carl Schiller, Briefwechsel 1847-1859, 1991.
Lit.: Berthold Auerbach, Erinnerungen an E.R., in: Die Gartenlaube 1861, 280 ff.; - Julius Hübner, E.R., Aphorismen über ihn und seine Werke, Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte, 15, 1863, 425 ff.; - Eduard Dobbert, Die monumentale Darstellung der Reformation durch R. und Kaulbach, 1869; - Karl von Weber, Zur Lebensgeschichte E.F.A.R.s, in: Archiv für Sächsische Geschichte 10, 1872, 225-236; - Friedrich Pecht, E.R., in: Deutsche Künstler des 19. Jahrhunderts, 1877, 1. R., 80-123; - W. Heinrich, Christian Rauch und seine Schüler E.R. und Friedrich Drake, 1884; - Hermann Hettner, E.R., in: Kleine Schriften, 1884, 20-53; - Ders., Das neue Museum in Dresden: Die Bildwerke, ibid., 329-339; - Franz Schnorr von Carolsfeld, E.R. und Julius Schnorr. Zum Andenken an ihr Freundschaftsverhältnis, in: Dresdener Geschichtsbll. 4, 1908, 249 ff.; - Otto Fiebiger, Moritz von Schwind und E.R., in: Münchner Jb. der bildenden Kunst, NF 6, 1929, 282-287; - Martin Otto Johannes, E.R., der Bildhauer, 1938; - Conrad Sickel, E.R., Seine Ahnen und Nachkommen, in: Mitt. des Roland, sächs. Landesverein für Familienforschung u. Wappenkunde Dresden, 26, 1941, H. 2, 25 ff.; - Johannes Classen, E.R. und seine Beziehungen zu Pulsnitz, 1954; - Eva Schmidt, E.R: - Ein Bildhauer des 19. Jahrhunderts, in: Bildende Kunst, H. 4, 1954, 19-24; - Dies., Die Giebelgruppe des Bautzener Stadttheaters. Ein Meisterwerk von E.R., in: Jb. zur Pflege der Künste 4, 1956, 121-140; - Hans Ebert, Der Bildhauer E.R., Zum 100. Todestag des Künstlers, in: Sächs. Heimatbll., 7, 1961, 206-210; - Kurt Proksch, Die Stellung des bildhauerischen Werkes von E.R. im 19. Jh., in: Bildende Kunst 1961, H. 8, 519-526; - Otfried Wagenbreth, Das Freiberger Werner-Denkmal, seine Baugeschichte und kulturgeschichtlich-kunstgeschichtliche Bedeutung, in: Wissenschaftliche Zschr. der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, Bd. 14, 1967, 649-656; - Peter Bloch, Anmerkungen zu Berliner Skulpturen des 19. Jahrhunderts, in: Jb. Preußischer Kulturbesitz, VIII, 1970, 162-190; - Ders./Waldemar Grzimek, Das klassische Berlin. Die Berliner Bildhauerschule im 19. Jahrhundert, 1978, 138-141; - Wilhelm Weber, Das Luther-Denkmal in Worms, in: Fritz Reuter (Hrsg.), Der Reichstag zu Worms von 1521, 1971, 490-510; - Ders., Luther-Denkmäler. Frühe Projekte und Verwirklichungen, in: Hans-Ernst Mittig/Volker Plagemann, Denkmäler im 19. Jahrhundert. Deutung und Kritik, 1972, 183-215, bes. 203-209; - Gerd Spitzer, E.R. und das Denkmal Friedrich Augusts des Gerechten in Dresden, Diplomarbeit Leipzig 1979 (Masch. schriftl. Man.); - Ders., Studien zu E.R., (Diss. Greifswald) 1983; - Ders., Zum Porträtschaffen des Bildhauers E.R. (1804-1861), in: The J. Paul Getty Museum Journal, Bd. 16, 1988, 111-118; - Karl Arndt, Lessings Denkmal in Braunschweig und seine Vorläufer, in: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte 22, 1983, 163-185; 23, 1984, 175-207; 25, 1986, 187-192; - Catherine C. Fraser, Problems in an new medium: autobiographies of three artists, 1984, 7-9 u. 63-73; - Monika Arndt, Ernst Rietschel, in: Ausst.kat. »Ethos und Pathos«. Die Berliner Bildhauerschule 1786-1914. Berlin 1990, 240-245; - ThB, XXVIII, 346; - Deutscher Biographischer Index III, 1682.