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Band VIII (1994)Spalten 372-374 Autor: Karl Dienst

RINCKART, Martin, luth. Pfarrer, Dichter und Musiker, * 23. oder 24. April 1586 in Eilenburg bei Leipzig, Sohn des Böttchermeisters Georg R. und seiner Ehefrau Salome, geb. Petzsch. 1612 heiratete er in Eisleben Christine, die Tochter des Rektors Jakob Morgenstern, die 1637 an der Pest starb. 1638 heiratete er die Witwe Barbara Scheffler. 1619 starben der erstgeborene Sohn Martin und die im Mai 1619 geborene Tochter Christine. Zwei Kinder aus der ersten und eins aus der zweiten Ehe überlebten den Vater. † 8.12. 1649 in Eilenburg. - Mit 5 Jahren besuchte R. die Eilenburger Lateinschule. Durch Vermittlung des Eilenburger Superintendenten Jenisch kam R. 1601 in die Thomasschule nach Leipzig und wurde vom Thomaskantor Seth Calvisius in den Thomanerchor aufgenommen und später zum Präfekten ernannt. Von 1602 an war R. an der Universität Leipzig immatrikuliert. Da seine kirchenmusikalischen Pflichten und Neigungen offenbar sein Theologiestudium behinderten, wurde er, trotz bestandener Prüfung zum Baccalaureus (1609), 1610 nicht als Diakon in Eilenburg angestellt. Durch Vermittlung von Seth Calvisius erhielt er im gleichen Jahr die Kantorenstelle an St. Nicolai zu Eisleben, mit dem Musik- und Lateinunterricht an der dortigen Lateinschule verbunden war. 1611 wurde er Diaconus an St. Annen zu Eisleben. Gegen Ende 1613 übernahm er die Pfarrstelle in Erdeborn bei Eisleben. 1615 zum Poeta laureatus gekrönt, erwarb er 1616 die Magisterwürde und wurde 1617 Archidiaconus in Eilenburg, wo er bis zu seinem Lebensende, auch in großen Nöten im Dreißigjährigen Krieg (Pest, Hunger, Wucher, Brandschatzungen), vor allem durch seine Katechismuspredigten und als Seelsorger wirkte. Die 1630 eingegangene Eilenburger Kantoreigesellschaft baute er 1646 wieder auf. Die Leichenrede hielt ihm Superintendent Buchholz über Phil. 1, 21. Sein Siegelring trug die Inschrift: »MVSICA« = »Mein Vertrauen steht in Christo allein«. - R. zeichnete sich durch eine vielseitige theologisch-humanistisch-musikalische Bildung aus. Bekannt waren seine 7 Luther-Dramen: »Der Eislebische Ritter« (1612) enthält erstmalig in der deutschen Literatur die in Giovanni Boccaccios »Decamerone« überlieferte Fabel von den drei Ringen; im Unterschied zu Lessings »Nathan der Weise« streiten sich bei R. die drei christlichen Konfessionen um das Erbteil Immanuels; der christliche Ritter Martinus (das Luthertum) siegt über Peter (Papsttum) und Johannes (Calvinismus). Das Drama »Lutherus desideratus« (1613) war den reformatorischen Bestrebungen von 1300-1500 gewidmet. Zum Jubiläum des Thesenanschlags von 1517 erschien 1617 »Indulgentiarius Confusus«, 1621 der »Lutherus magnanimus« zum Gedächtnis des Wormser Reichstags. Das fünfte Drama war der »Monetarius seditiosus« oder der »Müntzerische Bauernkrieg« (1625). Zum Confessio-Augustana-Jubiläum erschien 1630 der »Lutherus Augustus«, in dem die Weissagung des Kardinals Cusanus behandelt wird, nach der Johannes der Täufer 1630 wieder auferstehen und Christus aller Welt zeigen werde. Zum gleichen Anlaß schuf R. 4 »Parodiae jubilaeae«. Als ersten »Jubel-Jahres-Triumph-Gesang« nennt R. das Lied der »lutherischen Debora« (Richter 5): »Nun danket alle Gott, dem Herrn Zebaoth, der uns vom welschen Sissera, vom Papst und seiner Pracht, uns, seine kleine Debora, die Kirch, hat frei gemacht«. Es wird zuweilen vermutet, daß R.s Umdichtung von Jesus Sirach 50, 24-26 eine dieser »Parodien« gewesen ist: »Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen« (EKG 228; EG 321). Dieses bekannte Lied ist um 1630 als Tischgesang entstanden und erstmals 1636 belegt. Ob es bei dem Confessio-Augustana-Jubiläum 1630 in Eilenburg gesungen wurde, muß offen bleiben, ebenso die Frage, ob R. selbst die Melodie dazu geschaffen hat, die Johann Crüger (gedruckt 1647) dann leicht umformte. R.s eigentliches »Friedenslied« ist: »Nun jauchzet ihr großen Weltkönigreich alle« (um 1644?). Das siebte Luther-Drama, »Lutherus Triumphator«, war für 1646 geplant, es wurde aber wohl nicht vollendet.

Weitere Werke: Jobs christliche, wirkliche und wunderbare Kreuzschule, 1619; Christbeschreibung an die herzliebste Mutter a Martinulo ex academia seraphica, 1619/20; Die Kreutz-Schule (um 1625); Novantiqua Eilenbergica, 1627; Der Evangelischen Pilgrim Güldener Wanderstab, 1628; Zehnfacher biblischer Lokal- und Gedenkring oder Gedenkzirkel, 1628; Jesu Hertz-Büchlein, 1636; Die Meisnische Thränen-Saat, 1637; Deutscher Jeremias und sein geist- und leibliches Hungerlied aus dem 14. und 15. Kapitel, 1638; Des teutschen Friedens-Herolden güldenes Pacem und überschönes Freuden-Kleinod (um 1644); Die Katechismuswohlthaten. - Mus. Werke: Viel Töchter bringen Reichthumb, du aber übertriffst sie alle, 4 st. Hochzeitsmot., Leipzig 1645; Venanti fortunati dulce lignum, Sterbemot., Leipzig 1648.

Bibliographie: Werkverzeichnis: Johannes Linke, M. R.s geistliche Lieder nebst einer ... Darstellung des Lebens und der Werke des Dichters, Gotha 1886.

Lit.: A. Werner, Geschichte der Kantorei-Gesellschaften im Gebiete des ehemaligen Kurfürstentums Sachsen, 1902; - Ders., Die Eilenburger Kantorei und M. R.s Verdienste um diese, in: MGkK VII, 1902, 122 ff.; - Wilhelm Büchting, M. R., 1903; - Alb. Fischer - W. Tümpel, Das dt. ev. Kirchenlied des 17. Jh.s, Bd. I, 1904, 452-478; - Ad. Brüssau, M. R., und sein Lied »Nun danket alle Gott«, 1936; - Robert Eitner, Biogr.-bibliogr. Quellenlexikon der Musiker ..., 1899-1904, VIII, 243 f.; - RE3 XVII, 13-16; - Hdb. z. EKG II/1, 1957, 155 f.; III/2, 1990, 140-143; Sonderband, 1958, 349 ff.; - RGG3 V, 1110; - MGG XI, 539 ff.

Karl Dienst

Textanmerkungen:

Rinckart hat das Datum seines eigenen Geburtstages unterschiedlich angegeben, denn der Kalendertag war ihm offensichtlich nicht so wichtig wie das liturgische Datum, nämlich der Sonntag Jubilate 1586, und der fiel auf den 24. April. Der Taufeintrag im Kirchenbuch bestätigt dies eindeutig: "Montags nach Jubilate, 25. April, hat Georg Rinckart einen Sohn Martinus genannt, teuffen lassen."

Quellenergänzung:

Wilhelm Büchting und Siegmar Keil, Martin Rinckart. Leben und Werk, Eilenburg 1996, S.24f.

Literaturergänzung:

1997

Keil, Siegmar, Nun danket alle Gott - Auf den Spuren eines Chorals, in Forum Kirchenmusik 3/1997, 82-92; -

2005

Siegmar Keil, "Nun danket alle Gott" - ein Kirchenlied als Inspirationsquell, in: DIE TONKUNST online / Ausgabe 0510 (2005); -

2007

Siegmar Keil, Martin Rinckarts "Nun danket alle Gott" in unterschiedlichen Text- und Melodiefassungen, in: Forum Kirchenmusik 1/2007, S. 4-13; -

2008

Siegmar Keil, M.R.s Lutherdramen, in: Luther 79.2008, S. 95-108; -

2009

Siegmar Keil, Martin Rinckart (1586-1694) und seine Lutherdrahmen, in: Mitteldt. Jb, Bd. 15 (2008), Dößel 2009, S. 53-61, Abb.; - Siegmar Keil, "Nun danket alle Gott". M.R.s Lied im Wandel d. Zeiten. München 2009.

Letzte Änderung: 22.09.2009