Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VIII (1994)Spalten 547-550 Autor: Klaus Kienzler

ROGER BACON OFM, Doctor mirabilis, * um 1220 (nicht vor 1214) England (Ilchester [Somerset] oder Pfarrei Bisley [Glouchester]), + nach 1292. - R. stammt aus königstreuer, später verarmter Adelsfamilie. In Paris (vor 1245) kommentierte er als Magister artium die aristotelischen Schriften u. studierte zugleich Theologie. Aus dieser Zeit sind keine gesicherten Werke erhalten. R. ging um 1247 nach Oxford, wo er über zehn Jahre naturwissenschaftliche Experimente (Astronomie u.a.) u. besondere Studien in Sprachen, Logik, »geheimen« Büchern, Naturwissenschaften u. Mathematik betrieb. Um 1251 wieder in Paris, trat R. in den Franziskanerorden ein (wahrscheinlich 1257). Die aufreibende Arbeit trieb ihn an den gesundheitlichen Abgrund; in dieser Zeit näherte er sich der eschatologischen Geschichtsauffassung des Joachim von Fiore. R. blieb privat mit seinen Studien beschäftigt u. schrieb für Papst Clemens IV., den er als Raymond de Laon kennengelernt hatte u. mit dem er freundschaftlich verbunden war, das »Opus maius«, »Opus minus«, »Opus tertium« (1266-67). Es sollte die Summe seiner Lehre sein u. sollte zur Grundlage aller künftigen wissensch. Ausbildung dienen. Das Paket der Schriften an den Papst enthielt eine Weltkarte, die verloren ist, u. das Exemplar einer konkaven Linse, von R. mit großem Aufwand gefertigt. Das »Opus maius« umfaßt sieben Teile: Ursachen u. Heilmittel der menschlichen Unwissenheit u. des Irrtums; eine gesunde Philosophie im Dienst der Theologie; Notwendigkeit u. Wesen von Sprache, Mathematik u. Optik; Experimentalwissenschaften; Moralphilosophie. Das »Compendium studii philosophiae« (1272) gilt als Tomus I des geplanten »Opus principale«, eine Art Enzyklopädie aller Wissenschaften. Es trägt R.s Kritik gg. die Ausbildung der dominikanischen u. franziskanischen Hochschulen vor. Weitere Teile der Enzyklopädie sind in den »Communia naturalia« u. »Communia mathematica« erhalten. »Propter aliquas novitates suspectas«, wohl wegen einiger astrologischer Ansichten u. Lehren von Joachim v. Fiore, wurde R. vom franziskanischen Generalminister Hieronymus v. Ascoli (1274-79) angezeigt, besonders überwacht u. ca. 1277-79 unter Arrest gestellt. Die Haft war milde, denn R. konnte seine Studien weiter betreiben. 1292 faßte er seine Hauptthesen im »Compendium studii Theologiae« zusammen. Darin geißelt er den Verfall der Christenheit u. besonders der Theologie seiner Zeit. Danach verstummte jede sichere Nachricht. - R.s Ideal war eine Universalwissenschaft der Artisten im Dienst der Theologie. R. kritisierte den Beginn des Theologiestudiums mit der Kommentierung der »Sentenzen« von Peter Lombardus. Er kämpfte seit Paris für bessere Sprachstudien (Hebräisch, Chaldäisch, Griechisch, Arabisch), für die Naturwissenschaften als Grundlage u. Vorbild aller Wissenschaften. R. hielt die Ausbildung in Sprachen, Mathematik u. in den experimentellen Wissenschaften für wichtiger als die klassische in Grammatik, Logik, Naturphilosophie u. Metaphysik, wie sie die »moderni« betrieben. In den experimenta naturalium war R. den Zeitgenossen weit voraus. Er gab für die Bibelstudien, für die Kalenderreform, für Geographie, Alchemie u. Astrologie viele Anregungen. Er hält sich für einen Aristoteliker u. war vor allem von der Pseudo-Aristotelischen Schrift »Secretum secretorum« tief beeindruckt. Doch mehr noch bestimmten Avicenna u. Avicebron, der »Liber de causis« u.a. R.s neuplatonisch christlichen Aristotelismus. In vielem schloß er sich Robert Grosseteste u. Alexander v. Hales an. Er war kritisch gegenüber dem Franziskanergeneral Bonaventura; dagegen schätzte er Albert den Großen u. Thomas v. Aquin wegen ihrer Philosophie u. Theologie. - Von Dominicus Gundissalinus stammt R.s Gleichsetzung zw. Kontigenz u. Materie auf Grund der je verschiedenen actualitas, nicht der Form. Die Erstmaterie ist lediglich die Möglichkeit der Erschaffung des kontingenten Seins. Den Intellectus agens erklärt R. als separate Substanz u. attribuiert ihn dem Verbum divinum. So gehörte R. zu den augustinisch ausgerichteten Vertretern der Illuminationstheorie. Er unterscheidet eine allgemeine Naturoffenbarung, die Uroffenbarung u. die speziell übernatürliche Offenbarung, sowie eine zweifache experientia, die naturwissenschaftliche u. die mystische. Die rein formale Logik ist eitel, gefordert wird eine natürliche Logik (ähnlich Raimund Lullus) in Verbindung mit intuitiver Erfahrung. Das Wahrheitssuchen ist allgemein vom Beatitudo-Ziel her zu bewerten. Von den allgemeinen Attributen Gottes u. der Bewertung der christlichen Heilskünder aus erweist sich die christliche Religion als die einzig wahre. - R. hatte keine Schüler. Er geriet in Vergessenheit. Aber mit dem stolzen Aufschwung von Oxford im 17.Jh. gelangte R. zu größtem Ruhm: Er galt von nun an als der Vorläufer der modernen experimentellen Wissenschaften. Ein Kranz von Legenden wurde mit seiner Person verbunden; es ist Aufgabe der historischen Forschung, Wahrheit u. Fikton von Leben u. Werk R.s zu trennen.

Werke: Opus maius; Opus minus; Opus tertium. 1266-67; Communia naturalia. Communia mathematica. 1270?; Compendium philosophiae. 1272; Compendium studii theologiae. 1292. - Ausgaben: Rogeri Bacon Opera hactenus inedita: Opus minus; Opus tertium; Compendium studii philosophiae. Ed. J.S. Brewer. London 1859; Opus minus (Ergänzungen). Ed. Cardinal Gasquet. In: English Historical Review 12 (1897), 494-517; Opus maius. Ed. J.H. Bridges. 3 Bde. Oxford 1897-1900; Opera hactenus inedita (Kommentare zu Aristoteles' Physik u. Metaphysik; De plantis, De causis, Summulae logicales), Ed. R. Steele. Oxford 1905-40; Compendium studii theologiae. Ed. H. Rashdall. In: Brit.Soc. of Franc.Stud. 3 (1911); Opus tertium (Ergänzungen). Ed. A.G. Little. In: Brit.Soc. of Franc.Stud. 4 (1912); Opus maius (Ergänzungen): Rogeri Baconis Moralis Philosophia. Padua 1953; An Unedited Part of Roger Bacons's Opus maius: »De signis«. Ed. K.M. Fredborg.

Lit.: F. Alessio, Roger Bacon (Bibliographie). In: Rivista critica di storia della filosofia (Milano) 14 (1959), 81-102; - H. Bauer, Der wunderbare Mönch. Leben u. Kampf Roger Bacons. Leipzig 1963; - D.A. Callus, Introduction of Aristotelian Learning to Oxford. In: Proceedings of the British Academy 24 (1943), 229-81; - J.I. Catto, History of the University of Oxford. I: The Early Oxford Schools. Oxford 1984; - A.C. Crombie; J.N. North, Roger Bacon. In: Dictionary of Scientific Biography, ed. C.C. Gillespie. Vol.I. London 1970, 377-83; - T. Crowley, Roger Bacon. The Problem of the Soul in his Philosophical Commentaries. Liverpool 1950; - St.C. Easton, Roger Bacon and his Search for a Universal Science. Oxford 1952; - E. Gilson; Ph. Böhner, Die Geschichte der christlichen Philosophie von ihren Anfängen bis Nicolaus von Cues. Paderborn 1952, 430-50; - E. Heck, Roger Bacon. Ein mittelalterlicher Versuch einer historischen u. systematischen Religionswissenschaft. Bonn 1957; - A.G. Little (Hrsg.), Roger Bacon Commemoration Essays. Oxford 1914; - E. Massa, Ruggero Bacone. Etica e poetica nella storia dell' »Opus maius«. Rom 1955; - NN, The Grey Friars in Oxford. Oxford 1892, 195-211; - L. Nielsen, J. Pinborg. In: Traditio 24 (1978), 75-136; - I. Tonna, La concezione del sapere in Ruggero Bacone (1214-1292). In: Antonianum 67 (1992) H: 4, 461 ff.; - F. Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie. Berlin 1928, II, 466-73; - K. Werner, Die Kosmologie u. allgemeine Naturlehre des Roger Bacon. Wien 1879; - Ders., Die Psychologie, Erkenntnis- u. Wissenschaftslehre des Roger Bacon. Wien 1879; - DThC 2, 8-34; - EFil 1, 554-558; - LThK2 8, 1356-57; - NCE 12, 552-553.

Klaus Kienzler

Letzte Änderung: 17.02.1999