Verlag Traugott Bautz |
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ROSCELIN von Compiègne, Theologe u. Philosoph, * um 1050 Compiègne (Oise), † 1120/25. - Studium in Soissons u. Reims. Kanonikus u. Lehrer an verschiedenen Kathedralschulen Frankreichs (Tours u.a.). In Loches war Abaelard sein Schüler. R. hielt sich vorübergehend auch in England auf. R. war einer der »dialectici« der Zeit u. gilt als Vorläufer des mittelalterlichen Nominalismus. Vieles ist nur aus der Perspektive seiner Gegner Anselm v. Canterbury u. Abaelard bekannt. Auf der Synode von Soissons (1090/93) mußte er die ihm zugeschriebenen Theorien über die Dreifaltigkeit verwerfen. R. übte sein Lehramt weiterhin aus; ihm wurde aber vorgeworfen, er vertrete weiterhin die in Soissons abgelehnten Lehren. Nach der theologischen Eigenlehre R.s gibt es in der Dreifaltigkeit drei Substanzen, die in bezug auf das Wollen u. Vermögen eins sind. Der Ursrpung dieser Lehre ist wahrscheinlich die dialektisch starre Anwendung eines von Boethius inspirierten Personbegriffes. Die Gegner R.s legten diese Lehre als Tritheismus aus u. zogen daraus die Folgerung, daß nicht nur die zweite göttliche Person Mensch geworden sei. Anselm v. Canterbury, Otto v. Freising, Johannes v. Salisbury schrieben R. auch die Theorie zu, die Gattungen u. Arten seien Worte u. nicht Dinge; laut Abaelard soll R. auch gelehrt haben, das Ganze sei nur die Summe selbständiger Substanzen. Es ist nicht feststellbar, ob R. nur den Begriffsrealismus verworfen oder als einer der ersten den Nominalismus vertreten hat. Der Einfluß R.s im MA war gering; er wurde im 19. Jh. dadurch bekannt, daß V. Cousin u.a. ihn irrtümlich als einen Vorläufer des Rationalismus u. der Dogmenkritik hingestellt haben.
Lit.: B. Adlhoch, Roscelin und St.Anselm. In: Philosophisches Jahrbuch 20 (1907), 442 ff.; - J.M. Chladenius, Dissertatio historico-theologica de vita et haeresi Roscelini. Erlangen 1756; - V. Cousin, Fragements philosophiques pour servir à l'histoire de la philosophie. II: Philosophie du Moyen Age. Paris 1865, 86-100; - E. Gilson, La philosophie en moyen age. Paris 1952, 238 ff.; - M. Grabmann, Geschichte der scholastischen Methode. Freiburg 1900, I, 293-306; - E. Kaiser, Pierre Abélard, critique. Fribourg 1901, 211-236; - E.H.W. Kluge, Roscelin and the Medieval Problem of Universals. In: J.Hist.Phil. 14 (1976), 405 ff.; - J. de La Mainferme, Brevis confutatio epistolae a Roscelino haeretico in beatum Robertum de Colorissello nequiter confictae sub nomine Goffridi, abbatis Vindosmensis. Saumur 1682; - H.Ch. Meier, Macht und Wahnwitz der Begriffe. Der Ketzer Roscellinus. Aalen 1982; - F. Picavet, Roscelin philosophe et théologien d'après la légende et d'après l'histoire, in: Ecole Pratique des Haute Etudes. Paris 1896; - Ders., Roscelin philosophe et théologien (Anhang: Veröffentlichungen der mittelalterlichen Quellen zu Roscelin). Paris 1911; - F. Saulnier, Roscelin, sa vie et ses doctrines, étude biographique et historique. Paris 1855; - F. Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie. Berlin 1928, II, 206-9; - A. Wilmart, Le premier ouvrage de S.Anselme contre le Trithéisme de Roscelin. In: Recherches de Théologie ancienne et médiévale 3 (1931), 20 ff.; - DThC 13/2, 2911-2915; - ECatt 10, 1354 f.; - EFil 4, 205-206; - LThK2 8, 43-44; - NCE 12, 673.
Klaus Kienzler
Literaturergänzung:
2009
Sergio Paolo Bonanni, Trinità e incarnazione nella recente storiografia medievale. Roscellino, Anselmo e la "nascita" della theologia, in: Lateranum 75.2009, S. 309-325.
Letzte Änderung: 09.04.2011