ROSEGGER, Peter, Schriftsteller, * 31.7. 1843 zu Alpl bei Krieglach (Steiermark), + 26.6. 1918 zu Krieglach. - R.s Geburtsort in der steirischen Gebirgslandschaft umfaßte in den 1840er Jahren 33 Häuser mit 261 Einwohnern. Zwar wurden die Geburts-, Ehe- und Sterbematrikel von Alpl beim Pfarramt Krieglach geführt, gleichwohl fühlten sich die Alpler St. Kathrein verbunden, da der Fußweg dorthin nur zwei Stunden betrug, nach Krieglach hingegen drei Stunden. Nach St. Kathrein gingen die Alpler daher auch zum Sonntagsgottesdienst, dort besuchten die Kinder von Alpl die Schule, denn Alpl hatte weder eine Kirche noch eine Schule. Da ein Schulzwang nicht ausgeübt wurde, gehörte das Analphabetentum unter den Einwohnern Alpls zur Regel. Auch R. hatte einen nur beschränkten Schulunterricht genossen. Weil seine körperliche Konstitution es nicht erlaubte, Alpenbauer zu werden, kam er als Siebzehnjähriger zu einem Wanderschneider in St. Kathrein in die Lehre. Von dem wenigen Geld, das er nun verdiente, kaufte er sich Bücher, zumal solche, die über Dorfgeschichten berichteten. Bald aber begann R. selbst zu schreiben. Der damalige Redakteur der Grazer »Tagespost«, Dr. Svoboda, erkannte sein schriftstellerisches Talent, weshalb er ihn an die Grazer Akademie für Handel und Industrie vermittelte. Für den Unterhalt R.s an der Akademie sorgte Peter von Reininghaus aus Graz. Als er die Akademie 1869 verließ, ermöglichte ihm ein vom steirischen Landesausschuß auf drei Jahre bewilligtes Stipendium Aufenthalte in Deutschland, Holland, der Schweiz und Italien. 1873 heiratete R. Anna Pichler, die Tochter eines Hutfabrikanten. Aus der Ehe, die nur knapp zwei Jahre währte, da Anna Pichler bereits 1875 im Kindbett starb, gingen zwei Kinder hervor. - Inzwischen hatte R. sich einen bekannten Namen als Schriftsteller machen können. 1870 war ihm durch Gustav Heckenast in Pest, den Verleger des 1868 verstorbenen Adalbert Stifter, die Herausgabe seiner Schriften angeboten worden. R. nahm das Angebot an, und seitdem erschienen seine Publikationen, insgesamt neun, bei Heckenast. Die erste Arbeit, die R. bei Heckenast verlegte, waren die »Geschichten aus der Steiermark«; sie erschien 1871. Außerdem edierte Heckenast seit 1872 den durch R. verfaßten Kalender »Das neue Jahr«; acht Jahrgänge erschienen davon. - Neben seiner schriftstellerischen Arbeit unternahm R. seit 1878 »Vorlesereisen«, die ihn u.a. nach Dresden, Leipzig, Weimar, Berlin, Hamburg, Kassel, Karlsruhe und München führten. Über die Eindrücke, die ihm die Vorlesereisen vermittelten, berichtet er in der Darstellung »Meine Vorlesereisen« (Ges. Werke, Bd. 40). - Nach Heckenasts Tod wurde R.s Verleger A. Hartleben in Wien. Hier erschien »Der Gottsucher«, eine der bedeutendsten Arbeiten R.s. Außerdem besorgte der Verleger eine Gesamtausgabe von R.s Werk. - Differenzen zwischen R. und Hartleben, die aus Honorarfragen und Editionsproblemen resultierten, veranlaßten den Schriftsteller, ein Angebot des Leipziger Verlagsbuchhändlers Ludwig Staackmann anzunehmen, da es ihm sehr positiv erschien. Solange er mit Hartleben zusammenarbeitete, hatte R. günstige Verlagsangebote stets abgelehnt. R. hat seinen jeweiligen Verlegern stets eine große Treue bewiesen. Über Ursachen und Verlauf des Verlagswechsels von Hartleben zu Staackmann berichtet der Schriftsteller im 19. Jahrgang des »Heimatgartens«. Bis zu Ludwig Staackmanns Tod im Jahre 1896 verband eine echte Freundschaft den Schriftsteller und seinen Verleger. Auch zwischen Ludwig Staackmanns Sohn und Rechtsnachfolger im Verlag, Alfred Staackmann, entstand ein äußerst günstiges geschäftliches und privates Klima. - 1879 hatte R. in 2. Ehe Anna Knaur geheiratet. Aus der überaus harmonischen Ehe gingen drei Kinder hervor. Die ehelische Harmonie, zudem die ausgezeichnete Betreuung seines schriftstellerischen Werks durch Staackmann, veranlaßten R. im Jahre 1898 zu der Feststellung: »Unter der treuen Hut des Hauses Staackmann fühle ich mich vom ersten Augenblicke an daheim.« 1912 begann Staackmann mit der Edition der »Gesammelten Werke« R.s.; sie erschienen in 40 Bänden. - Die hohe Anerkennung, der R. sich erfreute, wird verdeutlicht durch die illustren Mitarbeiter an der Festschrift, die ihm zu seinem 60. Geburtstag gewidmet wurde. Darunter befindet sich auch Gerhart Hauptmann, um nur diesen zu nennen. Als größte Ehre, die R. zu seinem 60. Wiegenfest zuteil wurde, empfand er die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Heidelberg am 9. August 1903. Für die hohe Auszeichnung fand R. die folgenden Worte: »Noch nie hat mich etwas mit so freudigem Stolze beseelt, ein Mann, der sein Lebtag nie eine Schule regelmäßig besuchen konnte, der auch nicht ein einziges offizielles Examen abzulegen in der Lage war, der den Mangel eines geordneten Wissens oft schwer empfunden hat, der das in der Jugend Versäumte nie mehr nachzuholen vermochte, dieser Mann wird plötzlich Doktor der leuchtendsten deutschen Universitäten. Das ist märchenhaft.« Später sollte er Ehrendoktor auch der Universitäten Wien und Graz werden. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. verlieh ihm den Kronenorden 2. Klasse, der österreichische Kaiser Franz Josef das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft, die Stadt Graz ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger. Franz Josefs Nachfolger Karl zeichnete R. mit dem Franz-Joseph-Orden aus, der vor ihm von den österreichischen Schriftstellern lediglich Franz Grillparzer verliehen worden war. - Als P. R. starb, verschied mit ihm ein gläubiger Katholik, der allen Glaubenssätzen dieser Religion stets treu geblieben war, ohne allerdings vor Mißständen in der Kirche die Augen verschlossen zu haben. Innig verbunden hatte er sich zeitlebens der steirischen Landschaft und ihren Menschen gefühlt, dessen bedeutendster Darsteller und Interpret er war. R. besaß einen ausgeprägten Sinn für das Große im Kleinen und im Alltäglichen. Als Volksschriftsteller ging es ihm darum zu unterhalten, zu belehren, nicht zuletzt aber auch zu helfen. Sein mundartlich eingefärbter Prosastil beherrschte die Naturschilderung nicht weniger meisterhaft wie die Menschendarstellung.
Werke: Zither und Hackbrett (Gedichte in steirischer Mundart, 1870); Volksleben in Steiermark, 1875; Die Schriften des Waldschulmeisters, 1875; Waldheimat, 1877; Der Gottsucher, 1883; Heidepeters Gabriel, 1886; Jakob der Letzte, 1888; Eindringen des Kapitalismus in ein Bauerndorf, Martin der Mann, 1889; Hoch vom Dachstein 1891; Als ich noch jung war, 1895; Das ewige Licht 1896; Erdsegen, 1900; Als ich noch der Walbauernbub war, 1902; Weltgift 1903; INRI (Christusbuch) 1905; Gesammelte Werke, 40 Bde., 1913-16 u.ö.; Briefe mit F. v. Hausegger, 1924; Briefe mit A. Silberstein, 1929.
Lit.: H. u. H. Möbius, P.R., 1903; - A. Vulliod, P. R., l'homme et l'œuvre, 1912, dt. 1913; - A. Frankl, R. 1914; - A. Schlossar, P.R., 1921; - R. Plattensteiner, R., 1923; - E. Ertl, P.R., wie ich ihn kannte und liebte, 1923; - H.L. Rosegger, P.R. und sein Heimatland, 1925; - M. Enzinger, in: Dt. Biograph. Jb., Überleitungsband, 2, 1928; - M. Schwarz, P.R. Der großdeutsche Bekenner, 1938; - F. Pock, R., 1943; - R. Latzke, Der junge R., 1943; - Ders., Der ältere und der alte R., 1953; - P.R., das Leben in seinen Briefen, hrsg. mit lebensgeschichtlichen Verbindungen von O. Janda 21948); - W. Bunte, P.R. und das Judentum. Altes und Neues Testament, Antisemitismus, Judentum und Zionismus, 1977; - W. Zitzenbacher, P.R. Sein Leben im Roman, 1978; - I. Schmidt, P.R.s »Schriften in deutscher Mundart«. Eine Sprachuntersuchung, Diss. Wien 1978; - Ch. Anderle u. W. van der Kallen, R.s Waldheimat, 1979; - Ch. Anderle, Der andere P.R. Polemik, Zeitkritik u. Vision im Spiegel des »Heimgarten« 1876-1918, 1983; - G. Pail, Die Funktion subjektiver Assoziation und ihr Wandel in den Romanen P.R.s, Diss. Graz 1984; - St. D. Garret, The sacred journey. The religious function of nature motifs in selected works by P.R., 1968; - U. Bauer, G. Schöpfer, G. Pail, »Fremd gemacht«?. Der Volksschriftsteller P.R., 1968; - U. Stock, »Sehnsuchtslandschaft« Waldheimat: P.R.s. Kindheits- u. Jugenderinnerungen, Diss. Graz 1989; - W. Hölzl, »Der großdeutsche Bekenner«: nationale und internationale Rosegger-Rezepzion, 1991; - K. Wagner, Die literarische Öffentlichkeit der Provinzliteratur - der Volksschriftsteller P.R., 1991.