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Band XVII (2000)Spalten 1167-1171 Autor: Elias H. Füllenbach

ROTH, Leonhard, OP (Ordensname: Korbinian), ab 1952 Weltpriester der Erzdiözese München, Seelsorger in Dachau, * 28.5. 1904 in Saldenburg im Bayr. Wald (Diözese Passau), † nach dem 21.6. 1960 oberhalb von Braz in Vorarlberg. - R. stammte aus einer frommen katholischen Familie; zwei seiner Brüder wählten ebenfalls den geistlichen Beruf: Sein Bruder Franz (1899-1985) stand zunächst im Dienst Kardinal Faulhabers und trat 1931 in den USA dem Dominikanerorden bei; Josef Roth (1897-1941) war Priester der Erzdiözese München, vertrat aber nationalsozialistische Ansichten und leitete ab 1936 die katholische Abteilung des Reichskirchenministeriums (Vgl. BBKL VIII, Sp. 731 ff.). - R. zeichnete sich schon früh durch eine rasche Auffassungsgabe aus, die von den Eltern, dem Braumeister Joseph Roth und seiner Ehefrau Anna, geb. Riß, gefördert wurde. Er besuchte ab 1915 das Missions-Seminar der Benediktinerabtei in Schweiklberg (Niederbayern) und wechselte später auf das Ordensgymnasium der Dominikanerprovinz Teutonia in Vechta (Oldenburg). Nach der bestandenen Reifeprüfung im März 1924 trat er noch im selben Jahr dem Predigerorden bei; die Angabe, R. habe vor seinem Ordenseintritt in Berlin bereits Literatur und Philosophie studiert, kann daher nicht bestätigt werden. Der Einkleidung am 26.9. 1924 und dem Noviziat in Venlo folgten Studien in Walberberg und Düsseldorf und am 4.8. 1931 in der Kölner Klosterkirche Hl. Kreuz die Priesterweihe. Neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit leitete R. in Köln den »Thomaskreis für Jungakademiker«, der dem Katholischen Akademikerverband angegliedert war, und hielt zahlreiche Vorträge und Predigten, in denen seine große rhetorische Begabung deutlich wurde. Die Veröffentlichung einer Vortragsreihe machte ihn in den nächsten Jahren auch über das Rheinland hinaus bekannt. Im November 1935 wurde der erst 31jährige zum Prior des neuen Studienkonventes in Walberberg gewählt und stand damit einem der wichtigsten Häuser der deutschen Dominikanerprovinz vor, das erst ein Jahr zuvor zum Generalstudium ausgebaut worden war. Dabei gehörte R. vermutlich einer ordensinternen Gruppierung an, die dem damaligen Provinzial Laurentius Siemer OP und dessen autoritären Führungsstil gegenüber eher kritisch eingestellt war. Durch seine Predigt- und Vortragstätigkeit geriet R. zunehmend in Konflikt mit dem NS-System. Alfred Rosenberg erwähnt ihn z.B. namentlich in seiner polemischen Schrift »An die Dunkelmänner unserer Zeit« (München 1935, S. 82). Im Zusammenhang mit den »Sittlichkeitsprozessen«, in denen zahlreiche Ordensmänner beschuldigt wurden, gegen § 175 des Strafgesetzbuches, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, verstoßen zu haben, wurde auch R. eines solchen Vergehens verdächtigt. Der Verhaftung entzog er sich am 29.1. 1937 durch Flucht in die Schweiz, während die Gestapo ihn in Paris vermutete. Dem Provinzial gegenüber beteuerte er in Briefen seine Unschuld, konnte aber seinen Ausschluß aus dem Orden am 30.6. 1937 nicht mehr verhindern. Der staatliche Strafprozeß gegen ihn fand vor dem Landgericht Bonn statt, bei dem Zeugen aus dem Dortmunder Rotlichtmilieu gegen R. aussagten. In Abwesenheit verurteilte ihn das Landgericht am 3.9. 1937 wegen »sittlicher Verfehlungen« zu einer zweijährigen Haftstrafe und betonte, daß ein Verstoß gegen § 175 bei einem »der bedeutendsten Kanzelredner Deutschlands« besonders schwer wiege. Am 5.3. 1941 gelang der dt. Grenzpolizei in Konstanz die Verhaftung R.s, nachdem dieser entweder freiwillig nach Deutschland zurückgekehrt oder von der Schweiz »ausgeliefert« worden war. R. wurde zunächst in die Strafanstalt Rottenburg (Neckar) überstellt, nach Ablauf der zweijährigen Haftstrafe jedoch nicht entlassen, sondern mehrere Wochen in Köln inhaftiert und von dort am 22.5. 1943 in das KZ Dachau deportiert (KZ-Nr. 47968). Aufgrund seiner Hilfsbereitschaft genoß er im Lager hohes Ansehen, zumal er als »Asozialer« mit schwarzem Winkel - er trug weder den rosa Winkel für Homosexuelle noch den roten Winkel der anderen inhaftierten Priester - besonderen Schikanen durch die Wachmannschaften ausgesetzt war. Freiwillig meldete er sich zum Pflegedienst der Typhus-Kranken. Nach der Befreiung durch die Amerikaner am 29.4. 1945 übernahm R. die Seelsorge der nun in Dachau internierten SS-Leute. Sein Wunsch, in die Dominikanerprovinz Teutonia zurückzukehren, stieß bei dem noch amtierenden Provinzial Siemer auf Ablehnung. Erst um 1947 erfolgte eine Rehabilitierung im Orden, auch wenn R. weiterhin in Dachau blieb und im Auftrag der Erzdiözese München das 1948 dort eingerichtete Flüchtlings- und Vertriebenlager als Kurat betreute. Ein Versuch des neuen Provinzials Wunibald Brachthäuser OP, R. von Dachau abzuberufen, führte 1950 zu einer Unterschriftenaktion der Dachauer Bürger, in der um einen Verbleib des hoch geschätzten Seelsorgers gebeten wurde. Auch Kardinal Faulhaber erklärte in einem Brief an den Provinzial, daß R.s »Weggang in seelsorglicher Hinsicht und wohl auch in sozialer Hinsicht eine Katastrophe« bedeuten würde. Am 10.3. 1952 wurde R. schließlich in die Erzdiözese München inkardiniert und dadurch eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung gefunden. Neben der Seelsorge widmete sich R. wieder der Vortragstätigkeit. Sein engagiertes Eintreten für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse im Internierungs- und späteren Flüchtlingslager sowie seine Initiative für die Errichtung einer KZ-Gedenkstätte, um an die NS-Verbrechen zu erinnern, führten zu Mißverständnissen und langjährigen Auseinandersetzungen mit den städtischen Behörden und dem bischöflichen Ordinariat. Schon 1947 war ihm vom Bayr. Ministerium für Sonderaufgaben vorläufiges Redeverbot erteilt worden, nachdem eine Ansprache unter dem Thema »Kultur als Gestaltung der Natur«, die R. am 12.10. 1947 im Rahmen einer Kulturwoche im Internierungs- und Arbeitslager in Nürnberg-Langwasser hielt, eine üble Pressekampagne gegen den KZ-Überlebenden verursacht hatte, auch wenn sich der ohnehin völlig abwegige Vorwurf, R. habe in seiner Rede »nationalsozialistische Thesen verteidigt und neu formuliert«, als irrtümlich herausstellte. In den folgenden Jahren griff R. immer wieder aktiv in die Kommunalpolitik ein und wandte sich gegen das erneute Aufsteigen ehemaliger Nationalsozialisten. Daß der schon beantragte Abriß des ehemaligen Krematoriums 1955 verhindert werden konnte, ist u.a. den unermüdlichen Protesten R.s zu verdanken. Als R. am 9.9. 1956, d.h. kurz nach Verbot der KPD in der Bundesrepublik, in einer öffentlichen Rede die im KZ erlebte Kameradschaft zwischen Geistlichen und Kommunisten schilderte, geriet er erneut in die öffentliche Diskussion. Zum Eklat kam es schließlich bei einer Protestversammlung in Dachau am 18.3. 1960, bei der R. neben dem angesehenen Dachauer Bürgermeister Zauner auch den verstorbenen Stadtpfarrer von Dachau, Prälat Friedrich Pfanzelt, in heftiger Weise angriff, mit den Nationalsozialisten kollaboriert zu haben. Diese Rede löste eine Welle der Entrüstung gegen R. aus. Weihbischof Johannes Neuhäusler entschied daraufhin, daß R. sofort aus Dachau abzuberufen und in einen Erholungsurlaub zu schicken sei. Wegen seines angeschlagenen Gesundheitszustandes hatte dieser zwar verschiedentlich um Versetzung gebeten, interpretierte die Vorgehensweise des Ordinariats nun aber als Amtsenthebung und »Strafmaßnahme«. Von dem angetretenen Urlaub kehrte er nicht zurück. Am 15.8. 1960 wurde seine bereits verwesende Leiche in den Vorarlberger Alpen gefunden. Die Todesursache ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Die von der Presse verbreitete Version, R. sei bei einer Bergwanderung abgestürzt, erwies sich bald als unglaubwürdig. In Dachau drängten Freunde auf eine Exhumierung. Das Ergebnis der Autopsie, bei der Schlafmittelrückstände im Blut nachgewiesen wurden, deutet auf Tod durch Erschöpfung oder Selbsttötung hin; dennoch hielt sich auch weiterhin das Gerücht, daß R. ermordet worden sei. In den folgenden Jahren wurde der »Fall Roth« mehrfach diskutiert, und dabei wurden teilweise schwere Vorwürfe gegen Neuhäusler erhoben. Neben Berichten im »Spiegel« fanden besonders ein Propagandafilm der DDR von 1964 sowie eine Sendung des Bayerischen Fernsehens von Norbert Göttler, die unter dem Titel »Der Fall Roth. Das rätselhafte Leben und Sterben eines Dominikanerpaters« am 22. und 27.4. 1997 ausgestrahlt wurde, öffentliche Beachtung. - R.s Lebensweg, besonders die Hintergründe des Strafverfahrens, sind bis heute Anlaß zahlreicher Spekulationen. Es ist auch unklar, in welchem Verhältnis R. zu seinem älteren Bruder Josef im Reichskirchenministerium stand. Prägend waren für ihn die Erfahrungen im Konzentrationslager, weswegen er sich nach 1945 energisch gegen die Verharmlosung und Verdrängung der NS-Verbrechen stemmte. Um seinen Wunsch, die Errichtung einer KZ-Gedenkstätte in Dachau, zu verwirklichen, scheute er auch nicht vor polemischen Äußerungen und zornigen Ausbrüchen zurück, die seiner »kompromißlosen Wahrheitsliebe« (Paulus Engelhardt OP, S. 91) entsprangen. Gleichzeitig quälten ihn tiefe Depressionen und Selbstzweifel, die durch seinen angeschlagenen Gesundheitszustand und Überanstrengung in seiner seelsorgerischen Tätigkeit noch verstärkt wurden. Eine umfassende Biographie, in der die oft widersprüchlichen Angaben zu seiner Person aufgeklärt werden, und eine nüchterne Beurteilung seines Wirkens angesichts der vielen apologetischen bzw. ablehnenden Darstellungen stehen noch aus.

Werke: Lebendige Kirche. Ein Vortrag, Vechta i. O. 1934; Gottes Geist in Gottes Reich, Salzburg-Leipzig 1936; Von der Gewißheit um Gott, in: Das aufgebrochene Tor. Predigten und Andachten gefangener Pfarrer im Konzentrationslager Dachau, München o. J. (1946), 162-166.

Lit.: Rolf Seeliger, Ein Toter klagt an. Dokumente enthüllen das Schicksal von Pater Leonhard Roth, in: Deutsche Woche vom 15.11.1961; - Johannes Neuhäusler, Leben und Sterben von KZ-Pater Roth, in: Klerusblatt 42, Nr. 7 (1.4.1962), 124-126 (auch als Sonderdruck erschienen); - Reimund Schnabel, Die Frommen in der Hölle. Geistliche in Dachau, Frankfurt a.M. 1965, 175 ff.; - Eugen Weiler (Hrsg.), Die Geistlichen in Dachau sowie in anderen Konzentrationslagern und in Gefängnissen. Nachlaß von Pfarrer Emil Thoma, Mödling 1971, 568; - Louis Köckert, Dachau ...und das Gras wächst... Ein Report für die Nachgeborenen, München 1976, 77-87; - Hans-Günter Richardi, Leonhard Roth, in: Dachauer Dokumente 2 (1990), 39-45; Willehad Paul Eckert OP / Paulus Engelhardt OP, Die deutschen Dominikaner im »Dritten Reich«, in: Wort und Antwort 36 (1995), 7-17, besonders 10 f.; - Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München-Wien 1995, 150; - Paulus Engelhardt OP, Korbinian Leonhard Roth OP (1904-1960), in: Wort und Antwort 39 (1998), 88-91; - LThK3 VIII, 1322 f. (Walter Senner OP).

Elias H. Füllenbach

Letzte Änderung: 19.05.2000