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Band VIII (1994)Spalten 756-758 Autor: Karl Dienst

ROTHE, Johann Andreas, ev. Pfarrer und Liederdichter, * 12.5. 1688 in Lissa bei Görlitz als Sohn des Pfarrers Aegidius R. und seiner Ehefrau Katharina, geb. Pfeffer. Um 1722 heiratete er eine Pfarrerstochter aus Rothenburg (Oberlausitz). † 6.7. 1758 in Thommendorf bei Bunzlau. - Nach Besuch des Görlitzer Gymnasiums unter Rektor Samuel Großer und des Breslauer Marien-Magdalenen-Gymnasiums bezog R. 1708 die Universität Leipzig zum Studium der Theologie, wo Johann Olearius, ein mit Spener befreundeter Vertreter der luth. Orthodoxie, ihn beeinflußte. 1711 ging er als Adjunkt in das zur Görlitzer Dreifaltigkeitskirche gehörende Predigerkollegium, eine Art Predigerseminar für stellungslose Kandidaten zur Vertiefung ihrer theologischen Bildung, wo der pietistische Pastor Melchior Schäffer Einfluß auf ihn ausübte. 1719-1722 war R. Hauslehrer beim Kammerherr Hans Christoph von Schweinitz in Leuba bei Görlitz, wo 1721 Graf Nikolaus von Zinzendorf R. kennenlernte. Nach Ordination in Leipzig konnte Zinzendorf R. auf die Pfarrstelle von Berthelsdorf bringen, wo Melchior Schäffer ihn am 22.8. 1722 einführte. R. stellte die erste Verbindung zwischen dem mährischen Zimmermann Christian David und dem Grafen Zinzendorf her; 1722 siedelten sich die ersten mährischen Exulanten auf dem Hutberg an; Herrnhut wurde Filiale von Berthelsdorf. Eine dort von R. am 13.8. 1727 gehaltene Abendmahlsfeier ließ die zuvor zerstrittenen Herrnhuter zueinander finden; sie und Zinzendorf haben später in dieser Feier ein neues Pfingsten, die Geburtsstunde der »Brüdergemeine« erblickt. Mit R., Schäffer und dem Schweizer Baron Friedrich von Wattewille schloß Zinzendorf einen »Viererbund zur Sicherung der Herrschaft Christi, des Gekreuzigten, im Herzen der Menschheit« mit dem Zweck, »die Herzensreligion, da die Person des Heilandes der Mittelpunkt ist«, zum Gemeingut aller zu machen. R. arbeitete an den Katechismen und ersten Gesangbüchern des Grafen mit, verfaßte einen umfangreichen exegetischen Anhang zu Zinzendorfs »Ebersdorfer Bibel« und war ein kraftvoller Erweckungsprediger. 1727 verabredete R. mit dem Grafen, daß dieser ihm die Seelsorge in Berthelsdorf überließ, wogegen dieser als R.s Katechet Herrnhut übernahm. Am 28.8. 1729 unterzeichnete R. ein »Notariatsinstrument«, das die Zusammengehörigkeit der Brüdergemeine mit der ev.-luth. Landeskirche und gleichzeitig die Unabhängigkeit in ihrer Verfassung festlegte; die sich als »erneuerte Brüderunität« ansehende Brüdergemeine verstand sich als »Kirchlein in der Kirche«. Die Lage war für R. nicht einfach: Zwischen Zinzendorfs geistigem Übergewicht, den mannigfachen Wünschen und Widersprüchen der in Herrnhut wohnenden Pfarrkindern, der Forderung der sächsischen Regierung an R., über Zinzendorf und die Brüdergemeine zu berichten (1737), und seinen persönlichen Wandlungen von mehr pietistischen Anfängen zu einer mehr landeskirchlich-luth. Haltung einen Weg suchend, kam es 1737 zum Bruch zwischen R. und der Brüdergemeine. R. legte das Pfarramt in Berthelsdorf nieder und ging 1737 nach Hermsdorf bei Görlitz und 1739 zunächst als Adjunkt, 1742 als Pfarrer nach Thommendorf bei Bunzlau. Versuche Zinzendorfs, ihn als Schloßprediger und Direktor des Theologischen Seminars nach Marienborn zu holen und damit zurückzugewinnen, scheiterten. 1742 äußerte sich Zinzendorf über R.: »Luther, Spener, Francke und (Johann Christoph) Schwedler waren mit all ihren Gaben in seiner Person beisammen«. Auch nach der Trennung urteilte Zinzendorf positiv über R. - Im EKG (269; im EG: 354) findet sich R.s Lied: »Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker sicher hält«; es dürfte 1722 entstanden sein.

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Werke: Vgl. Gottl. Friedrich Otto, in: Lexikon der oberlausitzischen Schriftsteller III, 100 ff., Görlitz 1803 (nach ADB).

Lit.: Eduard Emil Koch, Geschichte des Kirchenliedes und Kirchengesanges, 3. Aufl., 8 Bde, 1866/76, V, 240-248; - Zeitschr. f. Brüdergeschichte 5, 1911, 93-116; 6, 1912, 71-108; 7, 1913, 193-215; - Eberhard Teufel, J. A. R., in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 30, 1917, 1-69; 31, 1918, 1-111; (dazu Gerhard Reichel, in: Zeitschr. f. Brüdergesch. 13, 1919, 104-118; 14, 1920, 17); - Hermann Steinberg, J. A. R. Lebensbilder aus der Brüdergemeine, Heft 3, 1922; - Johannes Wallmann, Der Pietismus, in: Die Kirche in ihrer Geschichte 4, O 1, 1990, 113 f.; - Hdb. z. EKG II/1, 1957, 241-244; III/2, 1990, 236 f.; Sonderband, 1958, 421 ff.; - ADB XXIX, 351 ff.; - RGG3 V, 1196 f.

Karl Dienst

Literaturergänzung:

Michael Fischer ; Rebecca Schmidt, "Mein Testament soll seyn am End". Sterbe- u. Begräbnislieder zwischen 1500 u. 2000. Münster 2005, S. 153-179 (zu: "Wenn kleine Himmelserben").

Letzte Änderung: 09.04.2011