Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VIII (1994)Spalten 825-827 Autor: Susanne Siebert

ROTHMANN, Bernhard, Wiedertäufer, * 1495 in Stadtlohn bei Münster. - R., der Sohn eines Schmieds, erhielt seine Schulbildung an der Schule der Fraterherren in Deventer und an der Domschule zu Münster, nach deren Abschluß er als Lehrer in Warendorf tätig war. 1524 schließt R. in Mainz das Studium der freien Künste mit dem Magisterexamen ab und strebte nun ein Amt im Dienst der Kirche an. Mit der Unterstützung seines Verwandten Hermann Sibing wurde R. 1529 zum Priester geweiht und als Kaplan am Stift St. Mauritz vor den Toren Münsters eingesetzt. R. fiel bald durch seine große Begabung als Prediger und seine Neigung zur Reformation auf. Das Stift sandte ihn zum Studium der Theologie nach Köln, doch gibt es für Studium und Aufenthalt R.s in Köln keine Zeugnisse. Bei seiner Rückkehr nach Münster i.J. 1529 oder 1530 vertrat er vielmehr entschiedener reformatorische Auffassungen. Von lutherisch gesinnten Kaufherren Münsters wurde R. 1531 mit den Mitteln für eine Reise nach Marburg und Wittenberg versehen. Dort traf er mit Melanchthon u. Bugenhagen zusammen, die ihn - wie Luther in einem Brief - vor zwinglischen Einflüssen warnten. R. wandte sich von dort nach Straßburg, wo er W. Capito (s.d.) und C. v. Schwenckfeld (s.d.) begegnete, die für seine theologische Entwicklung maßgebend wurden. R. nahm im folgenden das Abendmahlsverständnis von Zwingli an. Im Juli diesen Jahres kehrte er nach Münster zurück, wo er in Auseinandersetzungen mit Joh. von Deventer eintrat, der vor kurzem seine Predigttätigkeit aufgenommen hatte. Auf Anzeige des Stiftspropstes und auf einen Befehl des Bischofs vom 29.8. 1531 wurde R. daraufhin das Predigen untersagt. Da er diesem offenbar nicht Folge leistete,wurde er schließlich am 7.1. 1532 durch ein Mandat des Kaisers des Landes verwiesen. R. legte sein Amt an St. Mauritz nieder und zog in das Krämeramtshaus in Münster. Dort nahm er seine schriftstellerische Tätigkeit auf und legte dem Bischof und dem Rat der Stadt sein Bekenntnis vor. Seit dem August 1532 machte sich bei R. der Einfluß von Heinrich Roll (s.d.) bemerkbar und er neigte sich spürbar der Lehrmeinung der Wassenberger Predikanten zu. Am 14.2. 1533 wurde der reformatorischen Partei vom Landgrafen Philipp die Ausübung des protestantischen Gottesdienstes in den Münsteraner Pfarrkirchen, ausgenommen den Dom, zugestanden. R. versah in dieser Zeit das Amt des Superintendenten. Er sandte die von ihm verfaßte Kirchenordnung für die Stadt Marburger Theologen zu, erhielt sie jedoch zur Überarbeitung zurück. Die Marburger Theologen formulierten die ersten Einwände gegen R.s Sakramentenlehre, später folgten Gegenschriften von Bucer, Luther, Melanchthon u.a. Im Münsteraner Religionsgespräch vom 7./8. August 1533, in dem sich R. allen Theologen von Münster, allen voran Hermann von dem Busche, als überlegen zeigte, hielt dieser an dem Bündnis mit den Wassenberger Predikanten fest. R.s theologische Entwicklung gipfelte schließlich in seiner Hinwendung zu den Melchioriten. Am 22. Oktober gab R. das gemeinsam mit Roll u.a. verfaßte Bekenntnis der Täufer heraus. Der Magistrat erteilte R. daraufhin im November Predigtverbot und konfiszierte seine Buchdruckerpresse. Am 11.12. 1533 wurden die Täufer der Stadt verwiesen, sie kehrten jedoch schon gegen Ende Dezember nach einem Bürgeraufstand unter der Führung Rolls in die Stadt zurück. R. empfing am 5.1. zusammen mit Roll die Taufe durch die Melchioriten. Am 23.1. 1534 befahl Bischof Franz die Verhaftung R.s und die Vorbereitung zur Belagerung der Stadt. Bei den Magistratswahlen am 23.2. 1534 gewannen jedoch die Gesinnungsgenossen R.s die Oberhand. In der zweiten Hälfte des Jahres ging die Regierung der Stadt völlig in die Gewalt des Melchioriten Johanns von Leiden über, dessen »Worthalter« R. als einziger gebildeter und wortgewandter Theologe unter den Vertretern des Laienchristentums wurde. Zwar hatte sich R. an allen wichtigen Schriften, Erlassen und Aufrufen der Täufer beteiligt, doch spielt er im Verlauf der Täuferherrschaft nur noch eine geringe Rolle. Sein Verbleib oder, ob er nach der Rückeroberung Münsters 1535 umgekommen ist, ist unbekannt.

Werke: Die Schriften Bernhard Rothmanns, hrsg. v. Robert Stupperich, Münster 1970.

Lit.: Gottfried Arnold, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie ... II, 505-523, Frankfurt/Main 1729, Nachdr. Hildesheim 1967; - C.A. Cornelius, Berichte der Augenzeugen über das Münsterische Wiedertäuferreich, Münster 1853, 3. 6. 7. 10-12. 19. 32. 41. 117-120 u.ö.; - K. Hase, Das Reich der Wiedertäufer, Leipzig 18632, 147 ff.; - K.W. Bouterwek, Zur Literatur u. Geschichte der Wiedertäufer, Bonn 1864; - Chr. Sepp, De veelgenoemde en weinig bekende geschriften van den wederdooper B. Rothmann, in: Geschiedkundige Nasporingen I, Leiden 1872; - L. Keller, Geschichte der Wiedertäufer u. ihres Reichs zu Münster, Münster 1880; - A. Knaake, Flugschriften aus der Reformation, Halle 1888; - H. Detmer (Hrsg.), Kerssenbroichs Wiedertäufergeschichte II, 432. 447 f. 452 ff. 508 f. 176 ff. u.ö., Münster 1899; - Hugo Rothert, B.R., in: Westfälische Lebensbilder I,384-399, ebd. 1930; - F.J.Wray, The »Vermanung« of 1542 and Rothmann's »Bekenntnis«, ARG 47, 1956, 243 ff.; - R. Stupperich, Das münsterische Täufertum, Münster 1958; - Ders., Schriften von kath. Seite gegen die Täufer, ebd. 1980; - Ders., Schriften von ev. Seite gegen die Täufer, ebd. 1983, 1-5 u.ö.; - A.F. Mellinck, The Mutual Relations between the Münster Anabaptists and the Netherlands, in: ARG 50 (1959), 16-33; - Karl-Heinz Kirchhoff, Die Täufer in Münster 1534/35. Untersuchungen zum Umfang und zur Sozialstruktur der Bewegung, Münster 1973, 16. 22. 56. 59. 61. 66. 72. 81. 83 f. u.ö.; - Ders., Das Phänomen des Täuferreichs zu Münster 1534/35, in: Raum Westfalen VI, 278. 422, ebd. 1989; - Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz IV, S. XI, hrsg. v. Martin Haas, Zürich 1974; - Richard van Dülmen, Reformation als Revolution. Soziale Bewegung und religiöser Radikalismus in der dt. Reformation, München 1977, 41. 232. 252. 259. 266-273. 275. 277-292 u.ö.; - Historisch bewogen. Opstellen over de radicale reformatie in de 16e en 17e eeuw, ... angeboden an Prof. Dr. A.F. Mellinck bij zijn afscheid als hoogleraar ..., hrsg. v. M.G.Buist, I.B. Horst, A.H. Huussen, W. Nijenhuis, Groningen 1984, 38. 44. 51. 129. 131. 137; - ADB XXIX, 364-370; - RE XIII, 542-552; - RGG3 V, 1200; - MennLex III, 522 ff.; - MennLex IV, 367-370; - LThK2 IX, 67 f.; - DLL XIII, 402 f.; - Literaturlexikon X, 45 f., hrsg. v. Walther Killy, Gütersloh, München 1991.

Susanne Siebert

Letzte Änderung: 18.02.1999