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Band VIII (1994)Spalten 941-944 Autor: Georg Sauer

RÜCKERT, Friedrich, als Orientalist ebenso anerkannt wie als Dichter, * 16.5. 1788 als Sohn eines im Dienste von (adligen) Grundbesitzern stehenden Verwaltungsbeamten in Schweinfurt, † 31.1. 1866 in Neuses b. Coburg. - Die Jugendzeit verbrachte R. auf dem Lande in seiner unterfränkischen Heimat, ab 1792 in Oberlauringen, später in Ebern u.a. Orten. Die Erinnerungen daran hat R. niedergelegt in seiner Veröffentlichung von 1829: »Erinnerungen aus den Kinderjahren eines Dorfamtmannssohns«. Die Gymnasialbildung erwarb er sich in Schweinfurt und begann 1805 in seiner unterfränkischen Universitätsstadt Würzburg das juristische Studium. Bald zog es ihn zur Philologie und Poetik, so daß er sich im Jahre 1811 in Jena mit einer Arbeit über »De idea philologiae« habilitieren konnte. Weder diese Tätigkeit noch andere Versuche, festen Fuß zu fassen (Gymnasiallehrer in Hanau), befriedigten R., so daß er sich ganz seinen eigenen Studien hingab. Es waren die Jahre der Befreiungskriege, die ihn umtrieben und beschäftigten, dies um so mehr, da er beim Auszug der Freiwilligen aufgrund seiner körperlichen Konstitution nicht angenommen wurde. Seiner Enttäuschung gab er Ausdruck in den unter dem Pseudonym Freimund Raimar veröffentlichten Gedichten »Geharnischte Sonette«, später erweitert durch »Kriegerische Spott- und Ehrenlieder«, veröffentlicht in Heidelberg 1814 unter dem Titel »Deutsche Gedichte«. Nach kurzer Redaktionstätigkeit in Stuttgart, wo er zwischen 1815 und 1817 das »Literarische Morgenblatt für gebildete Stände« von J.F. Cotta herausgab, nahm er auch davon Abstand und brach im Stile seiner Zeit zu einer ausgedehnten Italienreise auf (Herbst 1817 bis Oktober 1818). Seine Rückreise führte ihn über Wien, wo er den Sprachforscher und Orientalisten Joseph v. Hammer-Purgstall traf. Seit dieser Begegnung wandte sich sein Interesse den orientalischen Sprachen und Kulturen zu, vor allem denen des arabischen, persischen und indischen Mittelalters. Studien dieser Art betrieb er als Privatmann, zum Teil bei seinen Eltern wohnend. 1821 heiratete er Luise Wiethaus-Fischer (+ 1857); ihr sind die Gedichte gewidmet, die unter der Überschrift »Liebesfrühling« später mehrere Male aufgelegt und herausgegeben wurden. Durch seine Heirat konnte er eine ruhige Bleibe in Neuses b. Coburg (heute in die Stadt eingemeindet) finden. Dieser Ort blieb Zentrum seines Lebens auch in den Jahren, in denen er in Erlangen und Berlin lehrte. Seine Erlanger Lehrtätigkeit (1826-1841, Professor für orientalische Sprachen und Literaturen) war äußerst ergiebig und fruchtbar, sowohl auf fachlichem Gebiet wie auch auf dem Gebiet der Dichtkunst. Er lehrte orientalische Sprachen, die auch nahe Verbindung zu dem Studium der Theologie haben, z.B. Auslegung hebräischer Texte und Kenntnisvermittlung der syrischen Sprache. Besonders berührt wurde er durch den Tod zweier seiner Kinder ( Ernst, 1829-1834; Luise, 1830-1833), ein Ereignis, das ihn veranlaßte, in vielfältiger Weise und immer wieder neu über den Tod nachzudenken. Erst posthum erschienen dann seine »Kindertodtenlieder« (1872; letzte Ausgabe von H.Wollschläger, Nördlingen 1988). Weniger glücklich war für den vom fränkischen Lande stammenden R. die Lehrtätigkeit in Berlin (1841-1848), die er stets nur durch kurze Aufenthalte von Neuses her ausübte; dahin kehrte er, 60-jährig, ganz zurück und verblieb bis zu seinem Tode an diesem Orte in fruchtbarer literarischer Arbeit. - R.s vielseitige Begabung ließ ihn nicht einseitig werden. Wenn auch zu bedauern ist, daß er seine ausgezeichneten Sprachkenntnisse nicht mehr in den Dienst der wissenschaftlichen Erforschung, etwa der altorientalischen Sprachen, stellte, so ist doch auf sein Wirken zurückzuführen, daß das beginnende 19. Jahrhundert das reiche Erbe des Orients erkannte. Darin ist er Herder, Goethe und Schlegel gleichzustellen. - Wenn auch ebenso zu bedauern ist, daß er nicht noch reichhaltiger seine dichterische Ader etwa in der reinen Lyrik hat zur Geltung kommen lassen, so ist doch seine volksnahe und unmittelbar verständliche und bilderreiche Sprache zu nennen, die großen Einfluß bis heute ausüben kann. Beide Seiten seines aktiven Schaffens sind ohne einander nicht denkbar und haben sich gegenseitig befruchtet und gefördert. - Seine Ausstrahlung auf das Leben der Kirche und die Frömmigkeit der Kirchenglieder war und ist sehr groß, wie die Kenntnis einiger seiner in die Gesangbücher aufgenommenen Lieder (»Dein König kommt in niedern Hüllen«) beweist. - Schon bald nach seinem Tode wurde zu seinem Gedächtnis eine Büste (von Conrad) in Neuses aufgestellt (1869). Gustav Mahler, selbst von Leid betroffen, vertonte in freier Verwendung einige von R.s Kindertodtenliedern (1901-1904). Eine in Schweinfurt beheimatete »Rückertgesellschaft« läßt sich die Pflege der R.-Erinnerungen angelegen sein und gibt seit 1964 unter der Leitung von H.Prang »R.-Studien« (später »R.-Jahrbuch«) heraus. Mit dem Jahre 1988 (200. Wiederkehr des Geburtstages) setzte eine wahre R.-Renaissance ein, die noch anhält.

Werke: Östliche Rosen, 1822; Die Verwandlungen des Abu Seid von Serug oder die Makamen des Hariri, 1826; Hebräische Propheten, übersetzt und erläutert, 1831; Schi-King, chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius, dem Deutschen angeeignet, 1833; Die Weisheit des Brahmanen, 6 Bde., 1836-1839; Sieben Bücher morgenländischer Sagen und Gedichten, 2 Bde., 1837; Gesammelte Gedichte, 6 Bde., 1837-38; Erbauliches und Beschauliches aus dem Morgenland, 2 Bd., 1837-38; Rostem und Suhrab, Heldengeschichte in 12 Büchern, 1838; Leben Jesu, Evangelienharmonie in gebundener Rede, 1839; Brahmanische Erzählungen, 1839; Saul und David, 1843; Kaiser Heinrich IV, 1844; Herodes der Große, 1844; Gesammelte Poetische Werke, 1868; Nachgelassene Gedichte und neue Beiträge zu dessen Leben, Hrsg. Conrad Beyer, 1877; R.-Studien. Ungedruckte, vereinzelte Gedichte, Briefe von und Forschungen über R., Hrsg. Boxberger 1878; Gesammelte Poetische Werke, 12 Bde., Neue Ausgabe, 1882; Poetisches Tagebuch 1850-1866, 1888; Aus (seinem) Nachlaß, Hrsg. Heinrich Rückert, 1907; R.-Nachlese, Hrsg. Hirschberg, 1910; Briefe, 1977; Am Abend zu lesen, 1978; Ausgewählte Werke, Hrsg. Annemarie Schimmel, 1988; Jetzt am Ende der Zeiten, 1988; - R. Uhrig, R. Bibliographie. Ein Verzeichnis des R.schrifttums von 1813 bis 1977, 1979.

Lit.: Arnold Rudolph Carl Fortlage, F.R. und seine Werke, 1867; - Karl Macke, F.R. als Übersetzer, 1896; - Leopold Magon, Der junge R., 1914; - Helmut Prang, F.R. Geist und Form der Sprache (mit Bibliographie), 1963; - Christa Kranz, F.R. und die Antike. Bild und Wirkung, 1965; - Annemarie Schimmel, Weltpoesie ist Weltversöhnung, 1967; - Ahmed Hammo, Die Bedeutung des Orients bei R. und Platen, 1971; - Johannes Koder, F.R. und Byzanz. Der Gedichtzyklus »Hellenis« und seine byzantinischen Quellenvorlagen, 1982; - Annemarie Schimmel, F.R. Lebensbild und Einführung in sein Werk, 1987; - Hartmut Bobzin (Hrsg.), F.R. an der Universität Erlangen 1826-1841 (Ausstellungskatalog), 1988; - Jürgen Erdmann (Hrsg.), 200 Jahre F.R.: 1788-1866; Dichter u. Gelehrter; (Ausstellungskatalog), 1988; - Michael Droescher (Red.), Interdisziplinäres Symposion F.R., Dichter und Sprachgelehrter in Erlangen, 1988; - Wolfdietrich Fischer (Hrsg.), F.R. im Spiegel seiner Zeitgenossen und der Nachwelt. Aufsätze aus der Zeit zwischen 1827 und 1886, 1988; - Stadt Schweinfurt (Hrsg.), Als ich wiederkam...: F.R. zum 200. Geburtstag 1988, 1988 f.; - Golo Mann, Über R., einen der liebenswertesten unter den deutschen Dichtern, 1989; - Rolf Selbmann, F.R. und sein Denkmal: eine Sozialgeschichte des Dichterkults im 19. Jahrhundert, 1989; - Inge von Wedemeyer, F.R.: Weltbürger, Dichter und Gelehrter, 1989; - Wolfdietrich Fischer u. Rainer Gömmel, F.R., Dichter und Sprachgelehrter in Erlangen, 1990; - Mahmoud Alali-Huseinat, R. und der Orient: Untersuchungen zu F.R.s Beschäftigung mit arabischer und persischer Literatur, 1993.

Georg Sauer

Werkeergänzung:

2006

Kleine Schriften zur Indologie. Hrsg. von Beate Hess. Wiesbaden 2006.

Literaturergänzung:

1994

Rudolf Kreutner, Die "Sammlung Rückert". Würzburg 1.1994ff. (Inhalt: die R.-Sammlung in Schweinfurt); -

2005

Ein "schönes Beispiel von Gebetserhörung in der neuen Zeit". D. "Gottesmauer" bei Brentano, R., Fouqué u. als geistl. Lied, in: JLH 44.2005, S. 184-198; -

2006

Peter Horst Neumann, Rückerts Wiederkehr in Mahlers Musik, in: Merkur 60.2006, S. 124-132; -

2007

Peter Horst Neumann, Gustav Mahler u. Friedrich Rückert - e. Mesalliance? Würzburg 2007; - Adele Boghetich, Amore e solitudine in Gustav Mahler. Rückert Lieder. Bari 2007; -

2008

Jos Moons, En toch ... de moeite van gebed en geloof in het licht van K.R.s geloof en theologie. De waarde van begrip, ervaring en de christelijke traditie, in: Collationes 38.2008, S. 405-420; - Christine Svinth-Vaerge Poder, De skjulte erfaringsstrukturer i K.B.s sene teologi, in: DTT 71.2008, S. 271-289; - Der orientalist. Nachlass F.R.s in d. Universitäts- u. Landesbibliothek Münster. 2 Bde. Erlangen 2008; -

2009

Zwischen Goethe u. Gregorovius. F.R. u.d. Romdichtung d. 19. Jhrs. Hrsg. von Ralf Georg Czapla. Würzburg 2009.

Letzte Änderung: 08.07.2009