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Band XXII (2003)Spalten 1173-1186 Manfred Berger

RUPPRECHT, Maria Luitpold Ferdinand, Kronprinz von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Bayern, Franken und in Schwaben usw., Chef des Königlichen Hauses Wittelsbach (1921-1955), * 18. Mai 1869 in München, † 2. August 1955 in Schloß Leutstetten (bei Starnberg). - Er war das älteste von dreizehn Kindern des Prinzen Ludwig Leopold Joseph Marie Aloys Alfred (spätere König Ludwig III. von Bayern) und dessen Ehefrau Marie Theresia Henriette Dorothea, Erzherzogin von Österreich-Este, Prinzessin von Modena. Als R. das Licht der Welt erblickte, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen, "daß ein künftiger Thronerbe geboren worden war. Der regierende König Ludwig II. war gerade 23, dessen Bruder Otto 21 Jahre alt. Zur Taufe des Kindes, die der Münchener Erzbischof Gregor von Scherr am 20. Mai mit Jordanwasser vollzog, erschienen König Ludwig II. samt der Königin Mutter Marie und den Prinzen und Prinzessinnen" (Schad 1993, S. 282). - Der Vater von R. hielt an den konservativen Erziehungsgrundsätzen des Königlichen Hauses Wittelsbach fest. Demnach erhielten R. und seine Geschwister eine profunde Erziehung und Bildung: Sprachen, Religion, Geographie und Geschichte, Musik, Naturkunde, Sport und Zeichnen gehörten schon früh zu ihren Unterrichtsfächern. Wann immer möglich, verbrachte das Prinzenpaar die Sommermonate auf dem Lande, und zwar, bis Leutstetten ihre zweite Heimat wurde, in der Villa "Amsee" bei Lindau: - "Der Bodensee und seine Umgebung boten für den kleinen Prinzen Rupprecht auch die erste Anregung zu sportlicher Betätigung, die er sein ganzes Leben lang treugeblieben ist. Baden und Schwimmen, weite Bergwanderungen mit der Mutter, und ausgelassene Spiele füllten die schönen Tage... Die unbeschwerten Tage der Kindheit, die der kleine Prinz in Amsse bei Lindau verbringen konnte, gingen rasch vorüber. Eine sorgfältige Erziehung sollte ihm zuteil werden, den die Entwicklung im Hause Wittelsbach machte es immer klarer, daß Rupprecht vom Schicksal berufen schien, einmal die Krone Bayerns zu tragen. - Noch regierte Ludwig II. im Glanz seiner besten Herrscherjahre. Aber alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß er keine Nachkommen als Erben des Thrones hinterlassen würde. So war Ludwigs jüngerer Bruder Otto Thronfolger. Doch auch dieser Sproß der Familie sollte nicht in der Lage sein, einst die Herrschaft anzutreten" (Heydecker 1953, S. 16). - Schließlich übernahm nach dem Tode von König Ludwig II. der bereits 65-jährige Prinz Luitpold, drittältester Sohn König Ludwigs I. und Bruder König Maximilians II. sowie Großvater von R., für seinen geisteskranken Neffen König Otto die Regierungsgeschäfte. Der Tradition folgend, wurde die Erziehung und Bildung des künftigen Monarchen nach Vollendung des siebten Lebensjahres in die Obhut eines Offiziers gelegt, "auf daß in der Pädagogik die soldatische Härte nicht zu kurz komme" (Sendtner 1954, 76). Ab den dreizehnten Lebensjahr besuchte R. für vier Jahre, als erstes Mitglied des bayerischen Herrscherhauses, eine öffentliche Schule: das "Maximilian-Gymnasium". In seiner Erinnerung waren diese Jahre die schönsten seines langjährigen Lebens: - "Zwar wurde er täglich von einem Begleiter zur Schule gebracht und wieder abgeholt, aber in den Stunden zwischen dieser Beaufsichtigung konnte er ganz ein Junge unter Jungen sein. Niemals hat er seine königliche Abkunft hervorgekehrt. Immer wollte er von seinen Klassenkameraden mit Du angeredet werden, aber die Eltern der Mitschüler duldeten es nicht... Oft genug war er der Anführer bei den ausgelassenen Streichen der Klasse. Da gab es beispielsweise einen Lehrer, der gerne überall 'schnüffelte'. Prinz Rupprecht beschloß, ihn zu heilen. Heimlich steckte er sich Papier in die Manteltasche, das er vorher mit Tinte getränkt hatte. Der gestrenge Lehrer ging auch zum Gaudium aller in die Falle, als er während der Pause den Mantel durchsuchen wollte" (Heydecker 1953, S. 19). - Zusätzlich zur Schule, zum Reit- und Tanzunterricht, mußte R. noch ein Handwerk lernen. Er wählte die Tischlerei. Sein Gesellenstück, ein Spinnrad, schenkte der Prinz seiner Mutter. Nach dem Abitur, begann des Prinzen militärische Ausbildung als "Seconde-Leutnant im Ifanterie-Leibregement", die er 1889 unterbrach. R. immatrikulierte sich an den Universitäten in München und Berlin. Dort besuchte er Vorlesungen u. a. in Philosophie, Geschichte, Rechts-, Staats-, Finanz-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Straf-, Zivil- und Kirchenrecht. August 1891 mußte der Aristokrat wieder seine soldatischen Pflichten aufnehmen. Der Prinz war bis zum Oberst aufgestiegen. Er hatte die Führung des 2. Infanterieregiments "Kronprinz" übernommen und nahm u. a. auch an den großen Kaisermanövern bei Görlitz und Breslau teil. Trotz seiner repräsentativen Verpflichtungen, und trotz seiner hohen militärischen Verantwortung fand R. immer wieder Gelegenheiten größere Reisen zu unternehmen: nach Italien, dem Balkan und die Türkei, nach Syrien und Palästina, nach Indien, China und Japan u.dgl.m.. Seine ersten Reisen unternahm der Prinz zumeist allein mit seinem Adjutanten Otto von Stetten; die späteren in Begleitung seiner Ehefrau. Über seine Reiseeindrücke hatte er Lichtbildervorträge vor der "Akademie der Wissenschaften" und vor der "Geographischen Gesellschaft" gehalten und einige umfangreichere Berichte veröffentlicht. Auch noch im hohen Alter begab sich der Wittelsbacher auf Reisen. So reiste er beispielsweise im Herbst 1952, inzwischen 83 Jahre alt, durch Süditalien und Sizilien (vgl. Sendtner 1954, S. 694 ff.). - Im Alter von 31 Jahren heiratete Prinz R. die 22-jährige Prinzessin Marie Gabrielle, Herzogin in Bayern. Sie war die jüngste Tochter des bekannten und beim Volk sehr beliebten Augenarztes Dr. Karl Theodor, Herzog in Bayern, und der Marie Josefa, Prinzessin von Braganca, Infantin von Portugal. Dem Ehepaar wurden fünf Kinder geboren (darunter eine Todgeburt): - "Bitternis durchwebte ein seltenes Glück; Kinder blühten heran und sanken ins Grab, bis schließlich die junge Frau selbst nach zwölfjähriger Ehe einem heimtückischen Leiden erlag. In der Hingabe an seine mit den Jahren immer verantwortungsvoller gewordenen militärischen Pflichten, denen sich ernste politische Arbeit im Reichsrat zugesellte, suchte der geprüfte Gatte sein seelisches Gleichgewicht" (Sexau 1954, S.5). - November 1913 übernahm König Ludwig III. im Alter von 68 Jahren, in der Nachfolge seines 1912 verstorbenen Vaters Luitpold, die Regentschaft. So wurde aus dem Prinzen R. der Kronprinz von Bayern. Ein knappes dreiviertel Jahr später brach der Erste Weltkrieg aus. In dem Siegesjubel der ersten großen Schlacht von Lothringen, der dem Kronprinzen den Marschallstab eintrug, ereilte ihn ein weiterer Schicksalsschlag: Erbprinz Luitpold starb an Kinderlähmung. Der Vater konnte nicht einmal zur Beerdigung seines vierten verstorbenen Kindes kommen, er mußte an der Front bleiben. - Über den hochadeligen Heeresführer, der sich niemals Befehlen gebeugt hatte, die seinen Anschauungen von Recht und guter Sitte widersprachen, schrieb Freiherr Erwein von Aretin in seiner Biographie über Kronprinz R.: - "Vom ersten Tage an stand des Kronprinzen VI. Armee, später die von ihm geführte Heeresgruppe im Westen und kämpfte für einen Sieg, den das Schicksal den deutschen Waffen nicht zu überlassen bereit war. Neben den drei Bänden vorliegenden Kriegserinnerungen des Kronprinzen bewahren Aufzeichnungen,... die Geschichte des furchtlosen Kampfes des Kronprinzen mit der Obersten Heeresleitung um einen baldigen Frieden, da es sowohl seiner soldatischen Einsicht als auch seiner Kenntnis der feindlichen Welt sehr früh schon offenkundig war, daß dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Seine Stellung als bayerischer Thronfolger und die damit verbundene Resonanz seiner Entschlüsse machten einen Rücktritt von seinem militärischen Kommando praktisch unmöglich. Er hätte auch nirgends Verständnis gefunden, am allerwenigsten im Großen Hauptquartier, wo man sich noch 1917, ja noch bis zum Hochsommer 1918, den unwahrscheinlichsten Illusionen hingab. Die genannten Aufzeichnungen des Kronprinzen, den sein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber den ihm anvertrauten Truppen - fast möchte man sagen: - quälte, lassen die ganze Schwere dieses Ringens mit der Verständnislosigkeit der Obersten Heeresleitung erkennen, von der damals keine Kunde an die Öffentlichkeit dringen durfte. Eines freilich ist dem Kronprinzen im Bereich seiner Heeresgruppe gelungen, für das er freilich niemals Dank fand: was immer an Kunstwerken geborgen und gerettet werden konnte, wurde auf seinen Befehl in St. Quentin gesammelt und blieb erhalten. Und als die Oberste Heeresleitung den sinnlosen Befehl zur Zerstörung der Burg von Coucy gegen den Widerspruch des Kronprinzen durchzusetzen verstand, wurde wenigstens Sorge getragen, daß der mächtige Bau vorher noch jene kunsthistorisch exakte Bearbeitung und Aufnahme fand, die die Kunde von dem Gewesenen der Zukunft erhielt" (Aretin 1948, S. 16 f). - Noch während der letzten Kriegsmonate verlobte sich der Kronprinz mit der um 30 Jahre jüngeren Prinzessin Antonia von Luxemburg und Nassau. Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 wurde die Verlobung aus politischen Gründen wieder aufgehoben. Trotzdem stand die Braut zu ihrem Versprechen, denn nicht politische noch dynastische Überlegungen hatten den Kronprinzen und die luxemburgische Prinzessin einst zusammengeführt, "sondern ausschließlich Neigung und Gleichklang zweier Herzen" (Heydecker 1953, S. 97). - In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 erklärte Revolutionsführer Kurt Eisner Bayern zum Freistaat. Damit endete die 738-jährige Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie. Die Revolution zwang die königliche Familie in die Emigration, Kronprinz R. fand Unterschlupf in Tirol. Im September 1919 konnte er wieder in seine Heimat zurückkehren. Weiterhin bejahte er "das Bekenntnis zur Tradition des Wehrwillens, der soldatischen Tapferkeit und Treue, das Bekenntnis zur deutschen Schicksalsgemeinschaft" (Sendtner 1954, S. 491). Die sich zwischenzeitlich geänderten politischen als auch persönlichen Verhältnisse erlaubten dem Thronprätendenten sich von neuem dem Gedanken einer zweiten Ehe zuzuwenden. Februar 1921 wurde offiziell die Wiederverlobung des Kronprinzen mit seiner früheren Braut bekannt gegeben. Zwei Monate später, am 7. April 1921 fand die Hochzeit auf Schloß Hohenburg bei Lenggries statt. Die Einsegnung der Ehe in der Dorfpfarrkirche nahm, da Kardinal-Erzbischof Michael von Faulhaber verreist war, der apostolische Nuntius in Bayern Eugenio Pacelli vor, der spätere Papst Pius XII.. Kronprinzessin Antonia, Bayerns präsumtive Königin, wurde Mutter von sechs Kindern, deren Erziehung hauptsächlich in ihren Händen lag, da der Kronprinz einen weitgespannten Interessen- und Pflichtenkreis hatte: - "Sie hatte ihnen neben allem Selbstverständlichen viel von ihrem eigenen Wesen, ihrem natürlichen und liebenswürdigen Menschentum mitgegeben. Es bedurfte keiner umfangreichen und gelehrten Erziehungsprogramme, die waren im Hause des Kronprinzen nach wie vor verpönt. Dafür hatte die Kronprinzessin etwas Wichtigeres: die glückliche Mutterhand" (Sendtner 1954, S. 479). - Am 18. Oktober 1921 starb der Vater des Kronprinzen. Daraufhin gab der rechtmäßige Thronerbe bekannt, daß er mit dem Tode König Ludwigs III. in dessen Rechte eingetreten sei, auf die niemals vorher ein Verzicht geleistet worden ist. Der 1918 von Kurt Eisner und drei weiteren Minister bekannt gegebene Thronverzicht Ludwigs III. entsprach demnach nicht der Wahrheit. Bis zu seinem Tode war R. Chef des Königlichen Hauses Wittelsbach. In dieser Funktion begründete er 1923 den "Wittelsbacher Ausgleichfond". Dadurch gelangte der Staat in den Besitz bedeutender Kunstwerke aus dem Hause Wittelsbach und anderem Familiengut wie die Königsschlösser Herrenchiemsee, Linderhof, Neuschwanstein und Schloß Hohenschwangau. Auch hatte er die große Kunstsammlung, die König Ludwig I. durch Testament zur Verfügung des jeweiligen Familienoberhauptes hinterlassen hatte, ebenfalls geschlossen dem "Wittelsbacher Ausgleichfonds" zugeführt. - Von Anbeginn stand Kronprinz R. der seit 1920 heraufziehenden Nazi-Macht mit Skepsis und Abwehr gegenüber, während Adolf Hitler nichts unversucht ließ, den rechtmäßigen Thronfolger vor seinen Karren zu spannen. In der Folgezeit sind immer wieder Versuche unternommen worden, den Kronprinzen mit Adolf Hitler zusammenzubringen. Dabei haben sich Nazi-Gefolgsmänner als "Vermittler" angeboten, allen voran Ernst Röhm, Stabschef der SA und einer der frühesten Wegbereiter Hitlers: - "Nach seiner eigenen Angabe gehörte er zu denen, die schon im November 1921, nach dem Tode des Königs, dazu drängten, den nunmehr rechtmäßigen König Rupprecht vom Dom in die Residenz zu führen, um dort den Aufruf zu erlassen, daß er sich entschlossen habe, den Thron seiner Väter zu besteigen und die Zügel der Regierung seines Landes in die Hand zu nehmen. Röhm hat dem Kronprinzen später immer wieder Informationen zukommen lassen und schließlich - einige Jahre nach 1923 - geradezu leidenschaftlich einen Vorstoß unternommen, um den Kronprinzen für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Wie Graf Soden als Augenzeuge berichtet, trug er seine Bitte sehr eindringlich vor und fiel schließlich sogar beschwörend auf die Knie. Eine solche Theatralik war allerdings das sicherste Mittel, um rasch und kurz - verabschiedet zu werden" (Sendtner 1954, S. 515). - Dem Kronprinzen war Adolf Hitler und seine nationalsozialistische Bewegung so unangenehm, daß er von 1932 an auf die Benutzung des Berchtesgadener Schloßes verzichtete. Die Nachbarschaft des "Obersalzberges" und der ganze politische Rummelbetrieb um den Führer der NSDAP hatte ihm den Aufenthalt in Berchtesgaden völlig verleidet. - In der Wiedererrichtung der Monarchie erblickten weite Kreise Bayerns, allen voran der 1921 gegründete "Bayerische Heimat- und Königbund In Treue fest", die einzig verbleibende Möglichkeit die Herrschaft der Nazis in Bayern zu brechen. Diesbezüglich konstatierte das "Nachrichtenblatt des Bayerischen Heimat- und Königbund" (vom 15. August 1923): - "Retten wird sich Bayern nur als Monarchie. Nur der bayerische König hat jene überragende Autorität, welche die leider nicht ausrottbaren Gegensätze unter den verschiedenen nationalen Gruppen, Verbänden und Parteien zu binden vermag. Wir unterscheiden zwischen deutscher Republik und deutschem Volk. Wir königstreuen Bayern halten fest an der Einheit des deutschen Volkes. Ein Gott, ein Volk, ein Reich! Wir wollen den guten, alten föderalistischen Geist und die monarchische Idee fördern" (zit. n. Sendtner 1954, S. 517). - Ende der 1920er Jahre unternahm der präsumtive König, vielfachen Einladungen Folge leistend, mehrere Reisen durch ganz Bayern: - "Hier führte der Bayerische Heimat und Königbund unter Erwein von Aretin und dem früheren Reichsrat Enoch Frhrn. von Guttenberg zusammen mit dem Bayerischen Kriegerbund unter Generalleutnant a. D. Danner Regie. Eine dieser Reisen führte durch die sonst wenig besuchten Gebiete an der Ostgrenze von Passau bis Hof, eine andere durch die Pfalz. Natürlich waren Zweck und Grundton dieser Reisen ausgesprochen politisch: Je weniger Werbekraft die bestehende Republik in Land und Reich zu entfalten vermochte, je deutlicher hinter ihr das Gespenst des Rattenfängers Hitler auf die Massenmenschen einwirkte, um so wichtiger war es, dem Volk 'das geistige Prinzip' der Monarchie auch in der Person des Königs nahezubringen. - so ist es auch in weiten Kreisen verstanden worden. Der Kronprinz ist in den Städten und Dörfern des 'flachen Landes' so herzlich aufgenommen worden, wie wenn er der regierende König wäre. Dabei hatte er nichts konkret zu verschenken und zu versprechen. Er wirkte auch nicht durch seine kurzen Ansprachen, er vermied es sogar peinlich, in den politischen Tagesstreit einzugreifen. Nichts wäre gerade diesem Fürsten wesensfremder gewesen, als nach Demagogenart für seine Person zu werben. Er wirkte, er überzeugte ganz einfach - als Persönlichkeit. Selbst in den sozialdemokratischen Hochburgen, wo die Parteiparolen eine Beteiligung an den Empfängen verboten, wurden dem Kronprinzen so herzliche Huldigungen dargebracht, daß einigermaßen selbstkritische Staatslenker hätten erkennen können, wo die Rettung des Staates Bayern zu suchen und zu finden war" (Sendtner 1954, 491 f). - Das Januarheft 1933 der "Süddeutschen Monatshefte" kündete unter dem Titel "König Rupprecht" den Übergang zur Monarchie als Forderung der Stunde. Doch deren Wiedereinführung scheiterte letztlich "an den ängstlichen Bedenken des Ministerpräsidenten Dr. Held, des gleichen Mannes, von dem der kühne Gedanke zunächst ausgegangen war. Das Unheil brach über Bayern herein... Hitlers Instinkt im Erben der bayerischen Krone den stärksten Widerpart seiner unumschränkten Macht zu sehen und gerade darum seine Stärke so sehr zu fürchten, daß ein direktes Vorgehen nicht gewagt werden konnte, hatte die natürliche Folge, daß er zu der Politik der kleinlichsten Nadelstiche griff und auf jede Weise versuchte, das Ansehen des Kronprinzen zu vernichten... Da der Kronprinz sich weigerte das Leuchtenbergpalais an den vielen Festtagen des Reiches mit der Hakenkreuzfahne zu 'schmücken', wurde die Feuerwehr alarmiert, die zum großen Gaudium der Münchner mit einer Leiter von außen auf dem Dache des Palais zu befestigen hatte. Aber der Hintergrund dieses Kampfes war natürlich sehr ernster Natur, und es war vielleicht für den Kronprinzen ein Glück, daß er bei der ersten Massenschlächterei anläßlich des äußerst problematischen 'Röhm-Putsches' am 30. Juni 1934 nicht in Bayern, sondern der ewigen Schikanen etwas müde, in England war... In München aber wurde infolge einer der bei der Gestapo nicht sonderlich seltenen Verwechslungen an Stelle seines Hofmarschalls und Vertrauensmannes, Freiherrn Franz v. Redwitz, dessen Bruder Alfons verhaftet, in Dachau in Ketten gelegt und gezwungen, die Erschießungen dieser blutigen Nacht anzuhören. Das gleiche Schicksal der Verhaftung traf auch den letzten Landesleiter des Heimat- und Königbundes Freiherrn zu Guttenberg" (Aretin 1948, S. 24 ff.). - Als im August 1939 der monarchistische Widerstandskreis um Freiherrn von Harnier aufflog und die Gestapo Besitzungen der Wittelsbacher einfach konfiszierte, schließlich noch Schloß Leutstetten, den letzten Wohnsitz der Fürstenfamilie, beschlagnahmte, verließ der Kronprinz Silvester 1939 Deutschland. Er ging nach Rom. Die Kronprinzessin reiste zwei Monate später mit ihren Kindern nach. Da für Kronprinz R. nach Ablauf der genehmigten Aufenthaltszeit kein Rückreisevisum erteilt wurde, blieb die neunköpfige Familie in Italien, an unterschiedlichen Orten wohnend. Von Italien aus nahm der Thronprätendent spätestens im Frühjahr 1943 geheime Kontakte mit der Regierung von England auf. Über den Vatikan ließ er eine Denkschrift vermitteln, die offen für eine Wiedererrichtung der Witteslsbacher Dynastie in Bayern plädierte: - "Ich habe die Absicht und bin entschlossen, wenn die gegenwärtige Regierung abtritt, sofort in die Heimat zurückzukehren, die mir von ihr seit drei Jahren verschlossen ist. Ich hoffe, mit der jahrhundertealten Tradition unserer Dynastie und meiner eigenen Autorität von ihr das Chaos abzuwenden. Ich weiß, daß Millionen darauf warten, und ich werde mich dieser mir aus meiner fürstlichen Stellung gestellten Aufgabe nicht entziehen" (zit. n. Kulturreferat der Landeshauptstadt München 1998, S.9). - Juni 1944 tauchte R. in Florenz unter, um einer Verhaftung durch die Nazis zu entgehen. Am 27. Juli 1944 verhaftete die Gestapo auf persönlichen Befehl Hitlers Kronprinzessin Antonia und ihre Kinder, R. selbst konnte nicht aufgespürt werden. Der Leidensweg der Kronprinzessin und ihrer Kinder führte als "Sippenhäftlinge" durch die verschiedensten Konzentrationslager Deutschlands. Erst am 4. September 1945 erfuhr der Kronprinz aus einem Brief seiner Tochter Hilda von dem unsagbaren Leid, das die Unmenschlichkeit der Gestapo seiner Frau, seinen Kindern und seinen Enkeln bereitet hatte. Die Prinzessin schrieb aus dem großherzoglichen Palais in Luxemburg über die durchlittene Odyssee: - "'Lieber Papa! - Wir sind froh, eine Schreibgelegenheit zu haben, wo man weiß, daß der Brief auch sicher ankommt, und gute Nachrichten von Dir bekommen zu haben. Ich weiß nicht, ob Du schon Genaueres über unsere Festnahme gehört hast. - Wir wurden am 27. Juli 1944 in San Martino verhaftet. Das einzige, worüber uns die Gestapo fragte, war: Wo Du wärest, mit wem Du in Florenz umgingest, denn Du hättest öfters den Stauffenberg empfangen, und so fiele der Verdacht auf Dich, in das Attentat vom 20. Juli verwickelt zu sein. Mama wurde andauernd verhört, ins Kreuzverhör genommen, und auch wir wurden öfters verhört. Unsere Aussage, daß wir nicht wüßten, wo Du seiest, da Du nicht in Meran angekommen wärest, wie wir erwartet hatten, schenkten sie keinen Glauben. Auch sagten sie, es wäre angegeben worden, daß Du nach Meran kämest und dort wären auch schon die Zimmer bestellt gewesen, aber man konnte Dich nicht finden. - Am 13. August mußten wir von San Martino weg und wurden, da es wegen Mamas gesundheitlichen Zustandes nicht anders möglich war, auf die Seiseralm gebracht, und von dort nach Plan di Gralba. Dort erkrankte Mama an Rippenfellentzündung mit hohem Fieber. Als die Nachricht kam, daß wir in einer Stunde bereit sein müßten, nach Deutschland zu fahren, erklärten zwei Militärärzte Mama als nicht reisefähig. Trotzdem mußten wir am 5. Oktober fahren. Es war eine schreckliche Fahrt. Nach Innsbruck, wohin man sonst nur drei Stunden braucht, waren wir wegen Pannen zehn Stunden unterwegs. Als wir ankamen, war Mama schrecklich ermüdet. - Wir erfuhren, daß bestimmt worden war, daß wir von Mama getrennt und sofort weiterreisen sollten. Der Zug wurde unsertwegen eine Stunde lang angehalten, aber, Gott sei Dank, kamen wir doch wegen der vielen Pannen zu spät. - Mama wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie Irmingard vorfand, die am Gardasee war. Sie war dort nachts mit schwerem Typhus und 41 Grad Fieber aus dem Bett geholt und nach Innsbruck gebracht worden. - Wir übernachteten im Hotel, und so konnten wir Mama in der Frühe noch einmal sehen. Als wir weg mußten, erfuhr Mama nur, daß wir auf ein Schloß im Thüringer Wald kämen, wohin Irmingard später nachkommen würde. - In Weimar angekommen, blieben wir eine Woche, bis man uns sagte, wir kämen in ein Schloß in der Nähe von Berlin. - Wir kamen dann nicht in ein Schloß, sondern am 13. Oktober 44 in das KZ-Lager Oranienburg-Sachsenhausen bei Berlin. Nachbar von uns war Schuschnigg (Österreichischer Bundeskanzler von 1934 bis zum Anschluß Österreichs 1938; M. B.)... - Im Lager wurden wir sehr streng gehalten, niemand durfte wissen, daß wir da waren und wer wir waren. - Ende Februar, als die Russen immer näher kamen, sagte man, daß wir von Oranienburg weg müßten... Wir wurden in das Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg gebracht, eines der ärgsten Vernichtungslager... - Täglich kamen Lastwagen voll Leichen an, die dort auf dem Boden gehäuft, entkleidet und verbrannt wurden. Die Luft war voll Rauch und Asche und der Gestank furchtbar... - Am 8. April wurden wir nach Dachau gebracht. Dort kamen wir mit 64 anderen Sippenhäftlingen zusammen. Die meisten waren Frauen und Kinder der Generäle von Stalingrad und der Männer vom 20. Juli... Nach kurzer Zeit kamen wir ins Gebirge in der Nähe von Reutte. Dort verbrachten wir unsere Tage mit Kartoffelschälen, Küchendienst, Boden- und Zimmerreinigen. - Am 30. April wurden wir endlich von der 3. amerikanischen Armee befreit'" (zit. n. Sendtner 1954, S. 665 ff.). - Anfang November 1945 kehrte Kronprinz R. in einem von General Dwight David Eisenhower, dem späteren 34. Präsidenten der USA, zur Verfügung gestellten Sonderflugzeug nach Bayern zurück. Sein Wohnsitz wurde wieder Schloß Leutstetten. Später kam noch ein neueingerichteter Trakt im Schloß Nymphenburg als Stadtwohnung hinzu. Seine Frau, Kronprinzessin Antonia, verstarb im Alter von 54 Jahren in Lenzerheide, Graubünden/Schweiz. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie in der Kirche von St. Maria in Navicella, Rom beigesetzt. Ihr Herz ruht, der Wittelsbacher Tradition entsprechend, in der Gnadenkapelle von Altötting. Sie hatte sich nie mehr von den durchlittenen Mißhandlungen und Entbehrungen im KZ erholen können und ist in Erinnerung daran "auch nie mehr nach Deutschland zurückgekehrt" (Bayern 1991, S. 612). Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur wurden in Bayern immer wieder Stimmen laut, die nach einer Wiedereinführung der Monarchie riefen. Doch die Zeit wies der monarchistischen Idee nur noch einen Platz im Schatzhaus der Geschichte zu. - Zeitlebens hatte sich R. mit der Kunst beschäftigt. Er hatte regen Kontakte mit Kunsthistorikern, Archäologen und vielen Künstlern. Er war Protektor und Initiator von den alljährlich in München stattgefundenen Kunstausstellungen und war u. a. Gönner und Freund von Adolf von Hildebrand, dem großen Bildhauer, der auch eine Büste des Kronprinzen schuf. Besonders unterstützte der Kronprinz Hugo von Tschudi, dessen 1909 erfolgte Berufung nach München (aus Berlin) als Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen als bedeutender Gewinn erschien, in seinem Wirken für die Pinakothek. Eine sowohl künstlerische wie menschliche Freundschaft verband den Aristokraten mit dem langjährigen Direktor des "Deutschen Archäologischen Instituts" in Rom. Prof. Dr. Ludwig Curtius, in dessen Hause der Kronprinz nach dem Zweiten Weltkrieg häufig Gast war: - "Die beiden hochbetagten Männer haben von Rom aus eine Reihe von Fahrten in die Umgebung und durch ganz Süditalien unternommen, deren reicher Ertrag an Kunstgenüssen sich in den privaten Reiseaufzeichnungen des Kronprinzen auf lebendigste widerspiegelt" (Sendtner 1954, S. 193). - Kronprinz R. starb am 2. August 1955. Vier Tage später war das Requiem in der St. Ludwigs Kirche. Anschließend erfolgte die Überführung des Verstorbenen in die Fürstengruft der Theatinerkirche. Des Kronprinzen Nachfolger als Chef des Königlichen Hauses Wittelsbach wurde sein Sohn aus erster Ehe: Erbprinz Albrecht, der sich Herzog von Bayern nannte. - In München wurde 1961 in Erinnerung an den letzten Kronprinzen Bayerns ein schlichtes Denkmal vor der Residenz errichtet. Es ist ein Brunnen mit einer allegorischen Waage und eine Athenastatuette tragenden Frauenfigur. Die 1949 in Würzburg von R. ins Leben gerufene "Kronprinz-Rupprecht-von-Bayern-Stiftung", die zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt gegründet wurde, wird heute von der "Heimathilfe, Wohnungsbaugenossenschaft e.G." verwaltet. Straßen in großen und kleineren Städten Bayerns erinnern an den letzten Thronerben der bayerischen Krone.

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Werke (Ausw.): Reiseerinnerungen aus Indien, München 1922; Reiseerinnerungen aus Ostasien, München 1923; Reiseerinnerungen aus dem Südosten Europas und dem Orient, München 1923; Mein Kriegstagebuch. Drei Bände, Berlin 1929; Im Herbst 1952 durch Süditalien und Sizilien, in: Sendtner, K.: Rupprecht von Wittelsbach Kronprinz von Bayern, München 1954, 694-713.

Lit. (Ausw.): Greg, J.: Kronprinz Rupprecht von Bayern. Ein Lebensbild, München 1917; - Kolshorn, O.: Kronprinz Rupprecht von Bayern. Ein Lebens- und Charakterbild, München 1918; - Weberstedt, H. (Hrsg.): Kronprinz Rupprecht von Bayern gegen Ludendorff mit erstmaliger Veröffentlichung der Verhandlungsschriften, Berlin 1925; - Aretin E. v.: Kronprinz Rupprecht von Bayern. Sein Leben und Wirken, München 1948; - Götz, W. T.: Festgabe für Seine Königliche Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern, München-Pasing 1953; - Heydecker, J. J.: Kronprinz Rupprecht von Bayern. Ein Lebensbild, München 1953; - Sexau, R.: Rupprecht von Bayern. Zum König geboren, in: Bayrische Einigung e. V. (Hrsg.): Kronprinz Rupprecht von Bayern. Festschrift zum 85. Geburtstag 18. Mai 1954, München 1954, 4-18; - Sendtner, K.: Rupprecht von Wittelsbach Kronprinz von Bayern, München 1954; - Aretin, E. v.: Krone und Ketten. Erinnerungen eines bayerischen Edelmannes, München 1955; — Goetz, W. T.: Rupprecht, Kronprinz von Bayern: 1869-1955. Ein Nachruf, München 1956; - Bayern, A. v.: Erinnerungen 1900-1956, München 1991; - Schad, M.: Bayern Königinnen, Regensburg 1994, 282-286; - Schad, M.: Bayerns Königshaus. Die Familiengeschichte der Wittelsbacher in Bildern, Regensburg 1994, 205-224; - Bayern, I. v.: Jugend-Erinnerungen. 1923-1950, St. Ottilien 2000; - Aretin, E. v.: Wittelsbacher im Kz, München o. J.; - Kosch, W. (Hrg.): Das Katholische Deutschland. Biographisches-Bibliographisches Lexikon, Augsburg o. J., 4111; - Detjen, M.: "Zum Staatsfeind ernannt". Widerstand, Resistenz und Verweigerung gegen das NS-Regime in München, München 1998, 144-180; — Kulturreferat der Landeshauptstadt München: Bayerische Konservative, Monarchisten und Föderalisten (1998): http://www.widerstand.musin.de/w4-7.html; — Weiß, D. J.: KronprinzRupprecht - Ein Leben für Bayern; www.bayernbund-muenchen.de/rupprecht_leben_fuer_bayern.html.

Manfred Berger

Letzte Änderung: 20.06.2012