RUSKIN, John, Kunstschriftsteller und Sozialreformer, Landschafts-
und Architekturmaler, Zeichner, * 8.2. 1819 London, † 20.1. 1900
Brantwood b. Coniston (Lancashire) R., der im geistigen Leben Engl.s
eine einzigartige Stellung einnimmt, einer der stärksten Exponenten
der viktorian. Ara, der eine nur in Engl. mögliche Verbindung eines
Führers auf allen künstler. Gebieten mit einem soz. Propheten verband,
ein glänzender, unendlich fruchtbarer Schriftsteller mit einem höchst
persönl. Stil, hat auch als schaffender Künstler seinen Platz in der
Gesch. der engl. Malerei. - Einziges Kind des Weingroßhändlers
John James R. (1785-1864, Sohn eines Edinburgher Baumwollhändlers),
der als Schüler des schott. Landschafts- und Bildnismalers Alexander
Nasmyth (1758-1840) ein Malerdilettant war, und seiner Ehefrau (1818)
Margaret Cox (1781-1871, Tochter eines Heringsschiffers), genoß der
ohne Alterskameraden und fast ohne Spielzeug aufwachsende John eine
sorgfältige Erziehung im Elternhaus, in dem später die Maler William
Turner (1775-1851), George Richmond (1809-1896) und Samuel Prout (1783-1852)
als Freunde verkehrten. Der anfangs wenig formale, aber regelmäßige
und intensive Unterricht erfolgte auf rel.-sittl. Gebiet durch die
streng ev.-puritan. Mutter, wobei die tägl. Bibellesung auch Johns
Ausdrucksfähigkeit, sein Hören und seinen Stil formte, während der
rel. begründete Spielzeugmangel seinen Sinn v. Anfang an auf die Naturbeobachtung
lenkte. Vom Vater, der Geschäftstüchtigkeit mit Liebe z. Lit. und
romantischem Gefühl verband, wurde John in die weltl. Lit. - bes.
Sir Walter Scotts Romane und Alexander Popes Homer-Überss. - sowie
in die Kunst eingeführt. Als er 10 J. alt war, erhielt er einen Hauslehrer
für die klass. Sprachen (Dr. Andrews, später Schwiegervater d. Dichters
Coventry Patmore [1823-1896]), dann einen für Französisch und Mathematik.
Der anschließende 2j. Besuch der Tagesschule des Rev. Thomas Dale
(1797-1870) im Stadttl. Camberwell wurde durch eine Brust- bzw. Rippenfellentzündung
beendet; nach der Wiederherstellung hörte er 3mal wöchentlich Vorlesungen
am King's College London. Strenges wiss. Arbeiten und Konzentration
hat er nie gelernt, weshalb er immer wieder gravierende Fehler beging.
Seit 1831 nahm er Mal- und Zeichenunterricht, zunächst b. (Charles?)
Runciman, dann, während d. Studiums, b. Copley Fielding (1787-1855)
und James D. Harding (1798-1863) (Fielding warf er später Eintönigkeit
der Motive vor). Seine wirkl. Meister wurden jedoch der für seine
Vedoutenaquarelle berühmte Prout, der schott. Architekturmaler David
Roberts (1796-1864) und v.a. Turner (s. u.). - Das für R. selbstverständliche
lebenslange enge Verhältnis zu den Eltern, b. denen er bis zu ihrem
Tode lebte, ist nur verständlich, wenn man die tiefe Liebe kennt,
die diese Kleinfamilie verband. So gaben die Eltern b. aller Strenge
den Vorlieben Johns großen Raum, und sie sahen ihn schon im Kindesalter
als Genie an. (Die Tatsache, daß die Eltern Geschwisterkinder waren,
mag für seine spätere Krankheit mit verantwortl. gewesen sein). Ein
wichtiger Teil seiner Erziehung war die jährliche sommerliche Geschäfts-
und Bildungsreise des Vaters, an der Frau und Sohn teilnahmen. Im
6. Lebensjahr, 1824, war R. zum 1. Mal in Schottland (erneut 1824
und 1830) und im nordenglischen Lake District (1826 und 1830 wiederholt;
von letzterem Aufenthalt stammt sein erstes veröffentlichtes Gedicht).
1833 führte die Reise zum Rhein (u.a. Schaffhausen) und in die Schweiz
- deren schneebedeckte Berge ihn ein Leben lang faszinierten - bis
Chamonix (Mont Blanc), 1835 über die Schweiz bis Venedig. Schon 1832
hatte ihm ein Geburtstagsgeschenk, die Gedichtsammlung »Italy« (1822)
von Samuel Rogers (1763-1855) mit Turners Vignetten, die Welt Italiens
(bes. Venedig, Florenz, Rom) und die Turners erschlossen, dessen glühender
Verehrer er von da an war. Zwei Jahre später veröffentlichte der 15jährige
3 Artikel in J. C. Loudons »Magazine of Natural Hist.« (v.a.: Ursache
der Farbe des Rheinwassers; Gesteinsschichten des Mont Blanc) und
bekundete so sein Interesse an der Naturwissenschaft, die eine der
Grundlagen seiner Kunstkritik wurde. Im Okt. 1836 immatrikulierte
er sich an der Univ. Oxford und trat in das Christ Church College
ein. Seine akademischen Leistungen waren zunächst bescheiden; die
mangelnden Lateinkenntnisse mußten mit Hilfe eines Tutors verbessert
werden, für dessen Dienste R.s Vater dem College 5000 £ stiftete.
Eine lebenslange Liebe entwickelte R. dagegen zur griech. Literatur,
später auch zur griechischen Kunst. In Oxford schloß er Freundschaft
mit dem späteren Archäologen Sir Charles Thomas Newton (1816-94),
dem das Britische Museum die Ruinen von Halikarnass verdankt, mit
Sir Henry W. Acland und mit dem nachmaligen Lexikographen und Hauskaplan
Prinz Alberts, Henry George Liddell (1811-98). Von der Oxford-Bewegung
war R. seltsamerweise nicht berührt, obwohl Pusey, einer ihrer führenden
Köpfe (s. BBKL VII und XV), seit 1828 Kanoniker an Christ Church und
Hebräischprofessor war. Während der Studienzeit widmete sich R. auch
dem Verseschmieden, und nach 2 vergeblichen Versuchen 1837 und 1838
erhielt er 1839 den Newdigate-Preis für Poesie. In diese Zeit fällt
auch die unglückliche Liebe zu einer der Töchter des französischen
Geschäftspartners seines Vaters. An Ostern 1840, als R. z. Endspurt
für sein Examen angesetzt hatte, trat ein Tuberkuloseanfall ein, und
er mußte das Studium unterbrechen. Fast 2 Jahre verbrachte er in der
Schweiz (Chamonix?) und in Italien in der Hoffnung auf Besserung,
aber auch im heimatlichen Heilbad Leamington (Warwickshire), wo ihm
die Behandlung durch Dr. Jephson sehr half. Nach Überwindung der Krankheit
kehrte er im April 1842 nach Oxford zurück und erwarb das Bakkalaureat
(B.A.) mit Erfolg; der Magistergrad (M.A.) folgte 1843. - Seine
Karriere als Kunstkritiker begann R. 1836 mit 17 Jahren, als er Turner
gegen die Kritik des einflußreichen »Blackwood's Magazine« in Schutz
nahm (»A Reply to Blackwood's Criticism of Turner«). Noch klarer treten
die Keime seiner Prinzipien in seinen Artikeln über »The Poetry of
Architecture« in Erscheinung, die 1837-38 in Loudons »The Architectural
Magazine« erschienen und deren vollständiger Titel (s.u. Werke) fast
ein Programm seiner späteren Kunstkritik darstellt. In der Folge erweiterte
er die Verteidigung Turners (den er erst 1840 persönlich kennenlernte), schrieb eine
Gegenkritik über die ästhetische Ignoranz in England und legte seine
eigenen Ansichten über die Prinzipien der echten Kunst dar, wobei
er auf die Fehler der (Landschafts-)Maler Claude Lorrain (1600-82),
Gaspard Poussin (1615-75) und Salvator Rosa (1615-73) hinwies (dies
hatte zur Folge, daß Claudes Ruf im späteren 19. Jh. abnahm). Das
ganze erschien im April 1843 anonym als 1. Bd. von »Modern Painters«,
womit sich der erst 24j. einen Platz als Kunstkritiker von beispielloser
Sensibilität sicherte und der im Sinken begriffenen Popularität Turners
neuen Aufschwung brachte. Der das Buch durchziehende evangelikale
Eifer auf moralischer wie religiöser Ebene führte nach Ansicht einiger
Autoren allerdings zu einer Trübung der Urteilsfähigkeit R.s. Das
tat dem großen Erfolg jedoch keinen Abbruch, und schon im Folgejahre
wurde eine 2. Auflage nötig (insgesamt erschienen 7 Separatauflagen
von Bd. 1); selbst Dichter wie Wordsworth (s. BBKL XIV), Tennyson
und Mrs. Browning waren begeistert. 1844 war R. wieder in den Schweizer
Bergen; die Rückreise führte über Paris. Aber es waren nicht die alten
Meister des Louvre, es waren die Eindrücke der Italienreise von 1845
- Pisa, Lucca und vor allem Venedig - die seinem Leben die Richtung
wiesen; namentlich Tintoretto (s. BBKL XIV) war für ihn die Offenbarung
einer ihm bislang unbekannten Welt. Zurückgekehrt, verfaßte er unter
diesem Eindruck den 2. Bd. von »Modern Painters« (1846), worin er
begeisterte Schilderungen und einen ausgefeilten Stil mit minutiöser
Bild- und Naturbeschreibung verband. Wegen der durchgängigen protestantischen
Voreingenommenheit distanzierte sich R. später von dem Buch, wenngleich
es eines seiner bedeutendsten ist. Die Grundlage seiner Ästhetik ist
die Religion. Die kontemplative Fähigkeit (»theoria«) wird der bloß
ästhetischen gegenübergestellt, d. h. die moralische Wahrnehmung der
Schönheit wird gegenüber der sinnlichen abgehoben. Der menschl. Geist
muß die Schönheit ehrfürchtig betrachten, denn durch sie werden die
Eigenschaften Gottes offenbar. Die Überzeugung, daß der Charakter
einer Tat von dem des Täters abhängt, führt zu dem Schluß, daß ein
schlechter Mensch kein großer imaginativer Maler sein könne. Daher
seien die Grundbedingungen für gute Kunst der wahre Glaube, eine gesunde
Moral, die richtige Erziehung und gediegene soziale Verhältnisse.
Analog ist »das grundlegende Gesetz« der Betrachtung der Natur ihre
Anerkennung als Werk und Geschenk Gottes. Die »Funktion der Imagination
in der Kunst« wird im letzten Teil des Bandes fortgesetzt. Auch zollt
er Tintoretto seine Bewunderung. - Die folgenden 10 Jahre, in
denen die Arbeit an »Mod. Painters« stagnierte, brachten R. eine erhebliche
Erweiterung seines Gesichtskreises und damit einige Änderungen seiner
Ansichten, aber auch die von seiner Gemütskrankheit (s.u.) mitbedingte
Überzeugung, zu jedem von ihm gewählten Thema das Richtige zu sagen.
Nach einer erneuten unglücklichen Liebe 1847 (Tochter J. G. Lockharts,
d. Schwiegersohns und Biographen von Sir Walter Scott), der ein neuerlicher
gesundheitlicher Zusammenbruch folgte, heiratete er am 10.4. 1848
in Perth die 10 Jahre jüngere -unbedeutende - Malerin Euphemia (Effie)
Chalmers Gray, Tochter des schottischen Rechtsanwalts George Gray,
eines alten Freundes der Familie (beide Elternpaare favorisierten
den Bund). Schon 1841 hatte R. bei ein paar Modellsitzungen für sie
eines seiner populärsten kleineren Werke geschrieben, das Märchen
»The King of the Golden River« (veröffentlicht 1851) - und damit einen
wichtigen Beitrag zur englischen Kinderliteratur im allgemeinen und
des englischen Märchens im besonderen geleistet, das sich hiermit
(und mit Thackerays »The Rose and the Ring«, 1855) von der »moral
tale« zu lösen und eine eigenständige Kunstgattung zu werden begann;
allerdings wird R.s an den Grimmschen Märchen orientierte Unmittelbarkeit
durch seine moralistische Neigung teilweise wieder neutralisiert.
Nun führte er die zu einer Schönheit Erblühte, seiner Gedankenwelt
und seinen Lebensgewohnheiten ziemlich fremd Gegenüberstehende in
die Londoner Gesellschaft und bei Hofe ein. Der über beträchtliche
Geldmittel Verfügende, der ein Stadthaus in London (Park Street) für
die Saison besaß, war damals bereits eine der literarischen Berühmtheiten,
und Koryphäen wie die Brownings, Carlyle (s. BBKL 1) und J. H. Froude
(1818-94) gehörten zu seinem Freundeskreis. Nach der durch eine Erkrankung
R.s unterbrochenen Hochzeitsreise führte er seine Frau später im Jahr
(Spätsommer) nach Amiens und in die Normandie, wo sie die Kathedralen
studierten. Anschließend verfaßte er im Herbst 1848 eine (bereits
während der Arbeit an »Mod. Painters« entstandene??), im Mai 1849 veröffentlichte
Essaysammlung unter dem Titel »The Seven Lamps of Architecture«. Darin
vollzieht er - noch ganz unter dem Eindruck der nordfranzösischen
Kathedralen - eine Wendung von der (venezianischen) Malerei zu der
am stärksten gemeinschaftlichen Kunst, der Architektur, bedingt durch
die Erkenntnis ihrer historischen Bedeutung als Denkmal des Lebens
eines Volkes. Und da für ihn ja große Kunst vom Adel der Lebensführung
abhängt, ist sie das sichtbare Zeichen der Tugend einer Nation, so
wie eine erniedrigte, nur dem Luxus und dem Stolz dienende Kunst ein
Zeichen nationaler Dekadenz ist. Diese Gedanken waren zwar nicht neu
- A. W. N. Pugin (1812-52) und seine neugotischen Mitstreiter hatten
sie schon ähnlich geäußert - aber R.s Beredsamkeit erzwang sich Gehör,
wo Pugin unbeachtet blieb. Als Hauptprinzipien der Architektur, die
für ihn weit mehr als bloßes Bauen und deren vornehmster Stil ihm
die Gotik war, sah R. die vor Gottes Altar brennenden 7 »Lampen« Opfer,
Wahrheit, Macht, Schönheit, Leben, Erinnerung und Gehorsam an (vgl.
Spr. 6, 23; Ps. 118, 105), wobei er diese Begriffe allerdings mit
zum Teil sehr eigenwilligen Inhalten füllte. Den Umfang seiner Bildung
offenbart er unter vielem anderen durch eine bei ihm nicht zu erwartende
Vertrautheit mit dem amerikanischen Revolutionsdichter Philip Freneau
(1752-1832), aus dessen Gedicht »The Pyramids of Egypt« (1770) er
eine Formulierung fast wörtlich übernimmt (Pocket R. 1, p. 339). (Ich
weiß nicht, ob diese vor ca. 30 Jahren von mir gemachte Entdeckung
auch anderen Autoren aufgefallen ist). In den Essays wechseln sich Erörterungen sehr spezifischer technischer
Fragen und Passagen leidenschaftlicher Ermahnung ab. Viele Architekten
fühlten sich verletzt, brach doch ein Amateur in ihr professionelles
Reservat ein, indem er die Geschmacklosigkeit und Ignoranz des zeitgenössischen
Designs, den in Material und Ausführung praktizierten Trug und die
schweren Irrtümer der selbsternannten Restauratoren alter Gebäude
attackierte. Trotzdem wurde das Buch mit seinem kühnen Angriff auf
Konventionen, seinem sozialkritischen Hintergrund, seinem Plädoyer
für einen würdigen, repräsentativen nationalen Stil, seinen praktischen
Lektionen, seinem moralischen Eifer im »Zeitalter des Häßlichen« immer
mehr beachtet und trug weitgehend zur Wiedergeburt des englischen
Geschmacks bei. Um nur ein Beispiel zu nennen: die äußere (strukturelle)
und innere Polychromie der Londoner Allerheiligenkirche (All Saints')
in der Margaret Street (1849-59) rührt vom Einfluß von »Seven Lamps«
und »Stones of Venice« (s.u.) auf den Architekten William Butterfield
her, und innerhalb weniger Jahre adaptierten Architekten in ganz England
die Details und Farbkombinationen der italienischen, bes. der venezianischen,
Gotik für zahllose von R. beeindruckte Auftraggeber. - Die Wintermonate
1849-50 und 1851-52 verbrachten die R.s in Venedig, wo John sehr zurückgezogen
lebte und sich nur der »harten, trockenen, mechanischen« Aufnahme
der Bauten widmete, die alle dem Verfall preisgegeben zu sein schienen;
dabei wurde er 1851-52 von Effie aktiv unterstützt. Ihr zuliebe verließ
er gelegentlich seine Klausur, so als er beim 1. Aufenthalt einen
der Bälle des Feldmarschalls Radetzky in Verona mit ihr besuchte,
wo sie von den Österreichern sehr umschwärmt wurde. Das Ergebnis der
venezianischen Studien war R.s kunstästhetisches Hauptwerk »The Stones
of Venice«, das durch Genauigkeit und originelle Interpretation besticht
und eine beispielhafte Erläuterung der in »Seven Lamps« niedergelegten
allgemeinen Prinzipien darstellt. In 3 Bänden schildert er die Perioden
des Ursprungs und Wachstums (»Foundations«, 1851), der vollen Blüte
in den byzantinischen und gotischen Bauwerken (»The Sea Stories«,
1853) und des politischen, moralischen und künstlerischen Niedergangs
(»The Fall«, 1853). Dabei legt er, in Konsequenz seines bisherigen
Denkens, dar, daß die gotische Architektur Venedigs aus einem Zustand
reinen nationalen Glaubens und häuslicher Tugend entstanden sei, während
die Renaissancearchitektur einem Zustand verdeckten nationalen Unglaubens
und häuslischen Lasters entsprungen sei und diesen aufzeige. Dennoch
fällt es ihm schwer, seine Theorie mit der Geschichte in Einklang
zu bringen, denn die venezianische Kunst erreichte ihren Zenith gerade
in der geschmähten Renaissance. (Vgl. den Widerspruch von John A.
Symonds [1840-93] gegen R. in seiner »Hist. of the Renaissance in
Italy«, 1875-86). Besondere Bedeutung hat bis heute der zweite, der
Gotik gewidmete Band - sowohl wegen des berühmten 6. Kapitels »Über
das Wesen der Gotik« (»On the Nature of Gothic: and herein the True
Function of the Workman in Art«), worin sich der Kunst- zum Gesellschaftskritiker
steigerte (es wurde 1854 anläßlich der Gründung des Working Men's
College (s.u.) separat veröffentlicht und wirkte z.B. auf William
Morris (1834-96) »mit der Gewalt einer Offenbarung«), als auch wegen
seiner literarischen Qualitäten. Seine flammende romantische Prosa
schwingt sich in der Beschreibung des Markusdomes (»St. Mark's«) mit
ihren Blankversen zu solcher Höhe auf, daß R. damit einen festen Platz
in der Geschichte der Kunstform »rhythmische Prosa« gewann. Seine
schmuckvolle, wohltönende Sprache insgesamt, durch eine präzise Beobachtungsgabe
ausgezeichnet (z.B. Beschreibung der Alpen oder der unscheinbarsten
Blumen und Moose), stellt den Höhe-, aber auch den Wendepunkt eines
Stils dar, der sich später wie ein majestätisches Relikt einer verflossenen
Ära las. »The Nature of Gothic«, das zur Bibel der neuen ästhetischen
Schule wurde, stellt die Quintessenz seiner Lehre dar. Und weil alle
Kunst die Verherrlichung Gottes zum Ziel hat, zählt die im Entwurf
zum Ausdruck kommende Absicht mehr als die Ausführung; und da der
Mensch kein bloßes Werkzeug und wahre Handwerksarbeit schöpferisches
Tun ist, muß jeder Handwerker seine eigenen Pläne und Muster entwerfen
und darf kein bloßer Kopist sein. Mit »Modern Painters«, »Seven Lamps«
und »Stones« nimmt R. aber auch unter den Geschichtsschreibern des
Früh- und Hochviktorianismus einen hervorragenden Platz ein, erfüllt
er doch von der Kunstgeschichte her die gleiche Mission wie Carlyle
von der politischen Geschichtsschreibung aus. - R.s überschäumende
Energie in den 1850er Jahren - sicherlich mitbedingt durch die aus
seiner Sicht glückliche Ehe - und die daraus resultierende Komplexität
seiner Aktivitäten machen es schwer, sie auf knappem Raum adäquat
darzustellen. Im Mai 1851 trat er auf Bitten Patmores in 2 Briefen
an die »Times« erstmals für die dort stark angegriffenen Präraffaeliten
- hier William Holman Hunt (1827-1910; s. BBKL II) und John Everett
Millais (1829-1896) - ein; 1854 folgten 2 weitere Briefe an die »Times«.
An der Begründung der Bewegung hatte er entgegen einer weitverbreiteten
Auffassung keinen Anteil. Mit ihren Hauptvertretern George Frederick
Watts (1817-1904), Hunt und Millais schloß er bald Freundschaft, später
auch mit Dante Gabriel Rossetti (1828-82), dem Bruder Christinas (s.
BBKL VIII). Als namhafter Aquarellmaler war er der einzige, der die
Überlegenheit von Rossettis Aquarellen über dessen andere Werke erkannte.
Eine beträchtliche Zeit lang unterstützte er ihn dadurch, daß er jedes
seiner Werke kaufte, das ihm gefiel, und zwar zu dem Preis, den Rossetti
von jedem anderen Kunden verlangt hätte. Daß das Arrangement schließlich
endete, lag daran, daß R. Kritik üben mußte, was Rossetti als Arroganz
übelnahm. Davor zeigte sich R. nochmals sehr großzügig, indem er die
Veröffentlichung von Rossettis Übersetzungen der »Early Italian Poets«
(1861) finanzierte. - Der Tod Turners 1851 verwickelte R. in die
lange, mühsame Katalogisierung der dem Land vermachten Gemälde und
Zeichnungen des Meisters. Als T.s Testament von entfernten Verwandten gerichtlich angefochten wurde, verzichtete
R. auf die Testamentsvollstreckung, arbeitete aber weiterhin am Nachlaß
und veröffentlichte verschiedene Beiträge zur Sammlung (Works, 13).
- 1851 setzte sich R. auch für die (Wieder-)Vereinigung der protestantischen
Christen ein (»Notes on the Construction of Sheepfolds«), was zu einer
Korrespondenz mit dem Theologen F. D. Maurice (1805-72; s. BBKL V)
führte. R. lehnte dessen theologische Ansichten (u.a. Leugnung der
Ewigkeit der Hölle) zwar ab, war mit seinen sozialen Anstrengungen
aber voll einverstanden. - Relativ spät, 1853, hielt R. seinen
ersten öffentl. Vortrag, dem 49 andere (die Vorlesungen in Oxford
nicht mitgezählt) in allen Teilen des Landes folgen sollten und bei
denen seine Tendenz zur Dogmatisierung immer stärker wurde. -
Von Carlyle angeregt, war er 1854 neben Maurice einer der Gründer
des Working Men's College (Arbeiterhochschule) in London, wo er Zeichenunterricht
erteilte und Vorlesungen hielt (bis Mai 1858 regelmäßig, danach gelegentlich).
Für seine Schüler - u.a. der Graveur George Allen, später R.s Verleger
- schrieb er 2 sehr populäre Lehrbücher: »The Elements of Drawing«
(Zeichnen), 1857, und »The Elements of Perspective« (Perspektive),
1859. (Sein Mitdozent Fr. Harrison schrieb 1902 eine R.-Biographie:
s.u.). - Die mutige Ansprache, die er 1857 in Manchester über
»The Political Economy of Art« hielt, behandelte das Verhältnis zw.
Arbeitgebern und Arbeitern sowie zw. Regierung und Industrie und stellte
die Brücke dar zw. R.s früherer und späterer Karriere. - Den später
in den Adelsstand erhobenen Millais hatte R. am 2.7. 1851 persönlich
kennengelernt, spontan Freundschaft mit ihm geschlossen und ihn samt
Bruder in die Sommerferien nach Schottland mitgenommen. Während R.
dort eine Vorlesungsreihe über Architektur und Malerei (»Lectures
on Architecture and Painting«) verfaßte, malte Millais viel, u.a.
R.s Porträt (s.u.) und eine Reihe von Skizzen Effies, die ihm auch
sonst viel Gesellschaft leistete. Die im November 1853 in Edinburgh
gehaltenen »Lectures« erschienen 1854 im Druck, zu dem Millais das
Frontispiz gezeichnet und in dem R. ihn und die anderen Präraffaeliten
hoch gelobt hatte. Kurz danach reichte Effie die Scheidungsklage ein,
der R. nicht widersprach. Ihre Ehe wurde [wegen Nichtvollzugs] annulliert,
und am 3.7. 1855 wurden Millais und Effie Gray getraut (lt. einer
Qu. hatte Millais Effie 1855 entführt). Dieses Ereignis hat R. nicht
merklich aus der Bahn geworfen, vielmehr setzte er seine Aktivitäten
unvermindert fort. 1856 war er wieder in der Schweiz (Chamonix und
Freiburg), 1858 in der Schweiz und in Italien (u.a. in Turin, wo er
sich mit Veronese (s. BBKL XII) beschäftigte), 1860 in Chamonix. -
Seine bedeutendste Leistung in diesem Jahrzehnt ist die Weiterführung
und Vollendung von »Modern Painters«. 1855 verfaßte er den 3. Bd.,
der im Jan. 1856 mit dem Untertitel »Of Many Things« erschien. Er
beginnt mit einem Essay über den »Grand Style« und den Idealismus
(zus. mit dem Kapitel über die »Pathetic Fallacy« (s.u.) die bekanntesten
Teile des Bandes). Dann wird die Entwicklung der Landschaftsmalerei
von der griechischen Klassik bis zur Moderne beschrieben (einheitlichster
und charakteristischster Teil des Buches). Den Schluß bildet - völlig
überraschend - ein bewegender Beitrag über den Krimkrieg (1854-56).
In dem schon im April 1856 erschienenen 4. Bd., als Analyse der Schönheit
der Berge, Bäume und Wolken geplant, gewann bald R.s Liebe zu den
Alpen die Oberhand. Zwar werden auch Farbe, Licht (»illumination«)
und natürliche Formen (Wolken, Wasser, Pflanzen) behandelt, und auch
die bekannte Passage über den Kirchturm von Calais findet sich hier,
doch ist der Band im wesentlichen eine »Hymne an die Berge«. Der am
klarsten gegliederte der 5 Bde. behandelt in den ersten 7 Kapiteln
Turners Technik in der Bergmalerei; die nächsten vier, mit geballter
Einbildungskraft und einer Menge wissenschaftlicher Details verfaßt,
analysieren das Gesteinsmaterial und beschreiben seine geologische
Entstehung; Kapitel 14-18 sind äußerst technische Erörterungen der
resultierenden Formen; in den Kapitel 19-20 (»The Mountain Gloom«
und »The Mountain Glory«) wird untersucht, welchen Einfluß die Bergwelt
auf die menschliche Rasse ausgeübt hat. Die glänzende Rhetorik R.s
kann jedoch nicht die starrsinnige Mißachtung der Tatsachen verdecken.
So behauptet er unter Außerachtlassung der großen niederländischen
Maler, daß die Quellen der Kunst in den Bergen lägen, und zieht zum
Beweis den Mangel an großen Dichtern in Antwerpen und Amsterdam heran,
ohne sich bewußt zu machen, daß auch die Schweiz keine besitzt. Der
Band endet mit der großartigen Schilderung dreier herausragender Bergszenen
der Hl. Schrift: dem Tod Aarons, dem Tod Moses' und der Verklärung
Christi. Der 5. und letzte Band (Juni 1860), zum Teil unzusammenhängend,
setzt die Diskussion über die Landschaftsmalerei und ihre 4 Stile
(heroischer, klassischer, pastoraler und kontemplativer) fort. Besonders
bemerkenswert sind die ausgefeilten gegensätzlichen Auffassungen verschiedener
Künstler vom Tod. Dieser Überblick leitet über zu dem berühmten Kapitel
»Two Boyhoods«, worin er das Heranwachsen Giorgiones (1477-1510) in
dem idealisierten Venedig mit dem Turners im modernen London kontrastiert
(mit einer Klage über Turners Tod). (T.s ungeheuerer Ruf in der 2.
Hälfte des 19. Jh.s gründet großenteils auf R.s Einsatz für ihn).
Schon in diesem Werk verkündet R. das fortan seine Kunstbetrachtung
bestimmende Ev., daß jede große Kunst Offenbarung (im Gegensatz zu
bloßer Nachahmung) und derjenige der beste Maler sei, der zugleich
die meisten und die höchsten Ideen (in den Kategorien Macht, Nachfolge [imitation], Wahrheit, Schönheit und Relation) zum Ausdruck bringe.
Dabei prägte er u.a. den Begriff »Pathetic Fallacy« (pathet. Täuschung/Irrtum)
für die Vermenschlichung der Natur in der Dichtung, deren zu häufige
Anwendung den weniger großen Dichter verrate. Ebenfalls grundlegend
für sein späteres Schaffen war die in »Modern Painters« dargelegte
Überzeugung, daß eine geistige Gesundung nur durch das rechte Verhältnis
des menschlichen Herzens zur elementaren Natur erfolgen könne, wie
es Turner - von den Zeitgenossen unverstanden - in der Malerei versucht
habe. Die Übereinstimmung mit der Natur ist letzten Endes auch das
Thema von »Seven Lamps« und »Stones of Venice«: Die schönen, aufwärtsstrebenden
gotischen Bauten sind das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit von Künstlern und Handwerkern,
die von derselben großen Idee und demselben Lebensgefühl beseelt waren,
während die Renaissance eine künstliche Wiederbelebung erstarrter
Formen in einer Zeit mit neben- und gegeneinander stehenden sozialen
Klassen sei. Wahre Kunst entstehe nur aus einheitlichem Wollen; sie
sterbe, wenn sie sich vom natürlichen Leben trenne, das aber nur in
einer einheitlichen Nation gewährleistet sei. So sah R. wie Carlyle
im MA das Vorbild für das richtige, nach allen Seiten durch Gemeinschaftsarbeit
fruchtbare Leben, pfropfte ihm aber in Unkenntnis oder unter Nichtbeachtung
des mittelalterlichen Universalismus den Nationalstaatsgedanken des
19. Jh.s auf. - Die Wirkung von »Modern Painters«, bes. der letzteren
Bde., war gewaltig. Die Schriftstellerin Charlotte Brontë (1816-55)
fühlte durch die Lektüre ihre Augen geöffnet; ihre Kollegin George
Eliot (1819-80) verehrte R. als »einen der großen Lehrer des Zeitalters«,
der mit der Inspiration eines at. Propheten lehre; Tennyson zählte
ihn neben Francis Bacon (s. BBKL I) und John Milton (s. BBKL V) zu
den 6 Autoren, welche die imposanteste englische Prosa geschrieben
haben; auch Matthew Arnold (1822-88; s. BBKL XIV) erkannte dies an,
kritisierte aber, daß R. versuche, die Prosa mehr leisten zu lassen,
als sie kann, d.h. sie zur Dichtkunst zu machen. Sein Oxforder College
erkannte seine Leistungen an, indem es ihm 1858 die Auszeichnung »Ehrenstudent« verlieh. Die Erstausgaben der Bde. 3-5 haben
den zusätzlichen Wert, daß sie ausgezeichnete Taff. enthalten, die
von den besten Stechern der Zeit und meist nach Originalzeichnungen
R.s gearbeitet sind. In diesen und anderen Architekturzeichnungen
hat R. Unvergleichliches geleistet; von seinen Landschaften sind einige
Turner ebenbürtig. - Am Ende dieses Jahrzehnts steht das erste
ausschließlich der Sozialökonomie gewidmete Werk R.s, das er später
als das wahrste, richtigste und dienlichste all seiner Bücher bezeichnete.
Von seiner durch Kunstgesch. und -kritik gewonnenen Basis aus stellte
R. nun auch Forderungen an die Gesellschaft und den Staat, was nicht
nur seinem Vater mißfiel. 1860 in Fortsetzungen in »The Cornhill Magazine«
begonnen, wurde die für länger geplante Serie über politische Ökonomie
wegen der feindseligen Rezensionen und dem Rückgang der Abonnenten
von den Verlegern sowie dem Schriftleiter W. M. Thackeray (1811-63)
zu einem abrupten Ende gebracht. Nur Carlyle pries R., alle anderen
betrachteten ihn als unpraktischen Visionär. Denn in den vier, 1862
unter dem Titel »Unto This Last« zusammengefaßten Aufsätzen zu einer
neuen Wirtschaftsethik forderte er im Interesse der Entwicklung zu
einer wahren Gemeinschaft z.B. eine staatliche Betreuung der Schulen
und eine Fürsorge für Arbeitslose und Alte. Nur solcher Reichtum sei
sittlich zu verantworten, der aus echter Gemeinschaft, nicht aber
aus dem Egoismus Einzelner entstünde. (Damit wandte er sich gegen
die vordringende Laissez-faire-Theorie). Auch behandelte er die Möglichkeit,
Löhne durch Gesetz festzulegen und dadurch eine regelmäßige Beschäftigung
zu erreichen. Seine Beobachtungen über Streiks und die Rolle des Volkswirtschaftlers
sind auch nach mehr als 100 Jahre noch anwendbar. Lange Zeit lächerlich
gemacht oder ignoriert, gewann »Unto This Last« Schritt für Schritt
an Einfluß auf die Arbeiterbewegung des späten 19. Jh.s, und viele
der von R. propagierten Reformen sind Wirklichkeit geworden. -
Die Jahre 1861-63 verliefen unglücklich. R.s religiöse Überzeugungen
(protestantische Rechtgläubigkeit) kamen ins Wanken, was ihn seiner
Mutter entfremdete, und seine ökonomischen Ansichten mißfielen dem
Vater. Den größeren Teil von 1861 und 1862 verbrachte er mit G. Allen
in Savoyen (meist in Mornex) sowie in Oberitalien, wo er die Notwendigkeit
landwirtschaftlicher Reformen erkannte und propagierte (Verhinderung
von Überschwemmungen, Förderung der Bewässerung). Seine von Juni 1862
bis April 1863 in »Fraser's Magazine« auf Einladung des Hrsg.s Froude
(s.o.) veröffentlichen 6 »Essays on Political Economy« erlitten dasselbe
Schicksal wie »Unto This Last«. Als gegen die Zeit gerichtete Auffassungen
erregten sie nicht ganz zu unrecht den Unwillen vieler bürgerlicher
Leser, denn R. schoß mit seinem Sarkasmus oft weit über das Ziel hinaus,
war unsauber in seinen Definitionen oder über die Position des Gegners
unzureichend informiert (wie b. John Stuart Mill); der Verleger Longman
wurde besorgt und wies Froude an, nichts weiteres von R. zu publizieren.
In diesen, erst 1872 unter dem Titel »Munera Pulveris« (»Geschenke
des Staubes«) in Buchform veröffentlichten Aufsätzen über die Elemente
der politischen Ökonomie beginnt R. mit der Definition von Begriffen,
der wichtigste von ihnen »Reichtum«. Er sucht dessen wahre Natur als
die lebensspendende Macht der Dinge zu definieren, nicht bloß als
etwas, das Wechsel- und Marktkurse regiert. - In Leserbriefen der
Jahre 1862-63, die er in »Time and Tide« sammelte (1867), verteidigte
R. seine ökonomischen Auffassungen und feilte sie aus. Dabei erhob
er keinen Anspruch auf Originalität, denn er war nur einer derjenigen,
die in der Nachfolge von Robert Owen (1771-1858) und Carlyle gegen
die klassische Schule der merkantilen Ökonomie revoltierten, welche
den ökonomischen Menschen ohne Berücksichtigung der sozialen und moralischen
Komponente postulierte. Ohne das Recht auf Eigenentwicklung zu bestreiten,
drang er auf Regulierung und Begrenzung der Wettbewerbsfreiheit durch
den Staat. Die selbstlose Behandlung der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber
propagierte er als den besten Weg zum Gewinn. Die Vehemenz der Proteste
gegen diese, in ihrer Milde heute altmodisch wirkenden Ansichten ist
ein Gradmesser der Stärke des Individualismus, der sozialen Verantwortungslosigkeit
und des Glaubens an den uneingeschränkten Wettbewerb in der Mitte
des 19. [wie zu Ende des 20.] Jh.s. »Time and Tide« enthält Anregungen
zu einem idealen Gemeinwohl, die in die Programme von William Morris
und der späteren Sozialisten (vgl. u. Attlee) eingingen, aber auch
utopische Züge tragen. Dabei war R. die Staatsform ohne Bedeutung;
wichtig war allein die Effizienz des Staates bei der Beförderung der
sozialen Wohlfahrt: er regelt die Eheschließung und führt die Schulpflicht
ein; die Arbeit wird der Neigung und dem Talent der Arbeiter angepaßt;
das in der Ungerechtigkeit wurzelnde »Gesetz« von Angebot und Nachfrage
stellt R. in Zweifel; der Lohn wird nicht mehr vom Stellenangebot,
sondern von der Qualität der Arbeit abhängen; der Arbeitstag wird
8 Stunden dauern; niedrige Arbeiten werden einer Sklavenkaste auferlegt,
die man eventuell aus den kriminellen Elementen bildet; das Wahlrecht
bemißt sich nach der Intelligenz. Erstaunlich ist b. einem Kaufmannssohn
die Überzeugung, daß jeglicher Zins Wucher ist. Von allg. Interesse
sind sein brennender Sinn für soziales Unrecht und sein militantes
soziales Gewissen. - In anderen Aufsätzen bemühte sich R., Arbeitsfreude
durch Beachtung des ästhetischen Moments zu wecken, und regte dadurch
zum Kunsthandwerk sowie zur Gartenstadt- und Landschulheim-Bewegung
an. - Alarmierender als die Wirtschaftsutopien erscheint vielen
Biographen in jenen Jahren das Wachstum einer als morbid erachteten
tiefen Zuneigung zu dem irischen Mädchen Miss Rose (Rosie) La Touche,
das er 1858 kennengelernt, dem er Zeichenunterricht erteilt und von
dem er gehofft hatte, es eines Tages zu seiner Frau machen zu können.
Die 17jährige, nach damaligen Verhältnissen also durchaus Heiratsfähige,
entschied sich 1872 jedoch dagegen, hauptsächlich aus religiösen Gründen,
denn sie war streng evangelisch, R. aber kein bekennender Christ mehr.
Ihr Tod 1875 war der größte Schmerz seines Lebens; er suchte ihren
Geist in spiritistischen Sitzungen und identifizierte sie in seiner
Erinnerung mit Carpaccios hl. Ursula (um 1495), deren Gegenwart er
lebhaft empfand. Die Geschichte dieser fixen Idee, wie die seiner
überemotionalen Freundschaft mit anderen Mädchen zarten Alters oder
die zwanghafte [?] Beschäftigung mit Rosen, ist für viele Autoren
eine Ankündigung seines späteren mentalen Zusammenbruchs. - Auf
seiner Italienreise von 1862 wurde R. von dem Spät-Präraffaeliten
Edward Burne-Jones (1833-98) und dessen Frau begleitet. Der Tod seines
Vaters am 3.3. 1864 brachte evtl. eine unterbewußte Erleichterung;
jedenfalls begann eine neue Periode intensiver, ja ruheloser Aktivität
in diesem Jahr. Zunächst jedoch wich er nicht von der Seite seiner
Mutter. Sein Dogmatismus und seine Reizbarkeit nahmen in jenen Jahren
zu und entluden sich in häufigen Vorträgen, wobei seine Zuhörerschaft
von Internatsschülerinnen bis zum Königlichen Institut der Britischen
Architekten reichte. Dabei konnte es vorkommen, daß er bei dem Thema
»Kristallographie« über die Architektur der Zisterzienser sprach.
Aber für R. war Kunst = Leben und der Kunst-Unterricht daher Unterweisung
in allem. Seine Ausführungen stützte er nicht durch lange Beweisführung;
sein Ziel war, zu beeindrucken und aufzurütteln. Sein exzentrischer
Mitteilungsdrang wird etwa in »The Cestus of Aglaia« offenbar, einer
Reihe von Abhandlungen über die Gesetze der Kunst (1865-66). In das
Jahr 1865 fällt auch R.s mit Abstand populärstes Buch (wiederum eine
Vortragssammlung) mit dem symbolischen Titel »Sesame and Lilies«:
das Sesam-öffne-dich des richtigen Lesens, das die Schatzkammern des
Geistes öffnet, und die Lilien der Reinheit als das Zepter, mit dem
das Weib regiert. (Das lange Vorwort behandelt die Alpen). Heute erscheint
das Buch vielen als abgedroschen viktorianisch, aber damals wies es
in eine Zukunft, in der Mädchen eine den Knaben gleichwertige Erziehung
haben und in der es freie öffentlichen Bibliotheken und bessere sanitäre
Verhältnisse geben würde. Der Band enthält seit seiner 3. Ausgabe
1871 auch den schönen, schwermütigen Vortrag »The Mystery of Life
and Its Arts«, den R. später wegen seiner sich darin offenbarenden
religiösen Unrast zeitweilig unterdrückte. Der laut Sir Leslie Stephen
(1832-1904) vollkommenste Essay R.s bildet die geistige Brücke zu
den eloquenten Diskursen über die Pflicht, und den Lohn, der Arbeit
in »The Crown of Wild Olive«, 1866, die R.s engste Annäherung an den
Agnostizismus der Zeit darstellen. - 1866, 1868 und 1869 bereiste
R. mit verschiedenen Freunden wieder den Kontinent. - Hatte er
schon zu Lebzeiten des Vaters als dessen Almosenier wirken dürfen
und zahlreiche Künstler unterstützt, so verstärkte er diese Tätigkeit,
als er durch dessen Tod ein Vermögen von 157.000 £ und einen beträchtlichen
Haus- und Grundbesitz geerbt hatte. Während er die Immobilien im wesentlichen
1885 seinen nächsten Verwandten Joanna Ruskin Agnew und ihrem Ehemann
Arthur Severn vermachte, »verschwendete« er das Geld an hunderte von
Bedürftigen, ließ vielversprechende Künstler ausbilden und gründete
halböffentliche Unternehmen wie den »Muster-Teeladen« oder die Straßenreinigungskolonnen
für Arbeitslose; Oxford und Cambridge erhielten wertvolle Turner-Sammlungen,
das Natural History Museum eine Reihe von Mineralien, darunter den
Colenso-Diamanten und den Edwardes-Rubin. Während der letzten Jahre
seines Lebens lebte er nur noch, da alles andere aufgebraucht war,
vom Ertrag seiner Publikationen, der sich auf durchschnittlich 4.000 £
pro Jahr belief. - R.s Aktivitätsdrang und seine Unfähigkeit,
sich auf eine Beschäftigung zu konzentrieren, verursachten eine erstaunliche
Vielseitigkeit: Vorlesungen über griechische Mythologie, 1869 veröffentlicht
als »The Queen of the Air« (i.e. Athena); Beratungen mit der Sozialreformerin
Miss Octavia Hill (1838-1912) über Wohnungsplanungen für Arme (sie
hatte R. schon 1853 kennengelernt, und 1864 errichtete sie mit Geld,
das R. ihr geborgt hatte, ihr erstes Wohnungsprojekt im Londoner Stadtteil
St. Marylebone); Reisen in die Schweiz und nach Italien; Beschäftigung
mit Botanik und Geologie usw. 1867 verlieh ihm die Universität Cambridge
die jur. Ehrendoktorwürde (LL.D.), verbunden mit einem Lehrauftrag;
bei der Verleihung sprach er über »Das Verhältnis der nationalen Ethik
zur nationalen Kunst«. 1869 wurde er auf die von F. Slade gestiftete
erste Professur für Schöne Künste in Oxford berufen, die er 1870 antrat.
Hier widmete er sich seinen neuen Pflichten mit fieberhaftem Enthusiasmus
und arbeitete sich fast zu Tode: 1870-77 hielt er 11 Vorlesungsreihen,
die er in 6 Bänden publizierte (mehrere mit speziell dafür geschaffenen
Illustrationen). In ihnen revidierte er im Lichte reiferer Kenntnis
das ganze Korpus seiner Lehre über die Kunst. In Kunstreiseführern über Venedig, Florenz und Amiens gab er
seine Kenntnisse weiter. So erschien z.B. 1879 eine 2bd. »Traveller's
Ed.« von »Stones of Venice«, die aus ausgewählten, mit neuem Inhalt
versehenen Kapiteln des Hauptwerks bestand und bis 1909 acht Auflagen
erlebte. Mehrere Reisen auf den Kontinent und Spezialstudien zu Botticelli
(s. BBKL I) und Carpaccio (um 1455-1526) dienten der Vorbereitung
der Führer wie der Bereitstellung neuer Illustrationen für seine Vorlesungen,
die stets gut besucht waren. Insbesondere gründete er in Oxford sein
Museum, die R. Art Coll. (s.u. Works, 21), mit der seit 1872 die von
ihm gestiftete Zeichenschule (R. Drawing School) verbunden war, an
der er 13 Jahre wirkte; weitere Lehrkräfte waren u.a. George Allen
und der Zeichner/Holzschnitzer Arthur Burgess, die R.s Schüler am
Working Men's College gewesen waren. (Das R. Museum befindet sich
im Taylorian Building). Eines der Hauptanliegen R.s war dabei, der
sich in diesen Jahren etablierenden Trennung der Ausbildung in den
Schönen Künsten und für Angewandte Kunst entgegenzuwirken (was auch
W. Morris vertrat). Die auch als R. School (of Art) bekannte Institution
leitete später in seinem Geist Albert Rutherson. Viel Zeit verwandte
R. darauf, mit einzelnen Mitgliedern der Universität Freundschaft
zu schließen. Im April 1871 ernannte ihn das Corpus Christi College zum Honorary Fellow. Ein ständiger Hörer war Prinz Leopold (1853-84),
der jüngere Sohn Königin Viktorias, mit dem R. 1878 auf Schloß Windsor
weilte. Viel belacht wurde das Straßenbauexperiment in Hinksey bei
Oxford, zu dem R. einen Kreis begeisterter junger Männer um sich scharte,
darunter der Sozialreformer Arnold Toynbee (1852-83), dessen Arbeit
im Londoner East End stark von R. inspiriert war. - In verschiedenen
Teilen des Landes bildeten sich R.-Gesellschaften und -Gilden, die
in seinem Sinne arbeiteten. - Im letzten Jahrzehnt seines aktiven
Lebens (1871-80) betätigte sich R. besonders als praktischer Reformer.
Nach dem Tod seiner Mutter (1871) hatte er das Haus in London aufgegeben
und war in das 1871 gekaufte Landhaus »Brantwood« am Conistonsee im
Lake District gezogen, fuhr aber häufig nach London. Ein Sprachrohr
für seine Reformpläne schuf er sich in den 1871-78 monatlich (87 Nrn.),
1880-84 unregelmäßig erscheinenden (Nr. 88-96) Briefen an die »Workmen
of England«, die als Sammlung, in Anlehnung an Horaz' 1. Ode, den kryptischen
Titel »Fors Clavigera« erhielten (von R. erl. als Fortuna, welche
die Keule des Herkules, den Schlüssel des Odysseus und den Nagel Lykurgs
trägt). In ihnen brachte er die vielfältigsten Ideen in einem für
ihn relativ einfachen Stil zum Ausdruck, der weit von den prachtvollen
Formulierungen von »Mod. Painters« entfernt, aber so flexibel war,
daß er ihn jedem Zweck anpassen konnte. Inkonsequent und kämpferisch,
manchmal unerträglich prahlerisch, oft bitter satirisch und immer
von starkem Mitteilungsdrang, behandeln die Briefe zahllose Themen.
Oft kann man der Richtung der Gedanken nur schwer folgen. Die klarsten
Teile sind die über Geschichte, Mythologie und Literatur; andere Briefe
behandeln Sozialökonomie, Erziehung und Glauben. Durch die ganze Serie
läuft eine Art Tagebuch, und in den gelegentlichen Erinnerung an seine
frühen Jahre liegen die Keime seiner Autobiographie. Das wichtigste
Einzelphänomen zw. 1871 und 1878 war die St. George Guild, die er
als kooperative Landwirtschafts- und Manufakturorganisation konzipiert
hatte und deren Ziel es war, die Gesellschaft auf agrarischer Grundlage
neu aufzubauen. Seinem Spendenaufruf im 8. Brief der »Fors« ging er
mit bestem Beispiel voran, indem er die Gilde mit dem Zehnt seines
noch verbliebenen Vermögens, d.h. mit 7.000 £ ausstattete. Im wesentlichen
war sie der Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und eine
Art Neofeudalismus in der Industriegesellschaft zu errichten (vgl.,
eine Generation später, G. K. Chesterton). Der Plan war in manchen
Punkten praktikabel, in anderen völlig utopisch. Der Gewinn sollte
auf alle Mitglieder verteilt werden, aber es gab keinen - um so weniger,
als R.s Gleichsetzung von Zins und Wucher das Gildevermögen gefährdete.
Mehr Erfolg als in England, wo nach 12 Jahren nur 41 Personen dem
Aufruf gefolgt waren, hatte die Gilde in den U.S.A., wo der von »Fors«
beträchtlich beeinflußte Julius Augustus Wayland nach einjähriger
Vorbereitung im Juli 1894 mit 26 Genossen in Tennessee eine soziale
Modellkolonie gründete, die er »R. Co-operation Association« nannte
und die bis 1899 existierte. - Der 57. Brief der »Fors« [Sep. 1875]
enthielt im 1.-2. Tsd. einen heftigen Angriff auf William Gladstone
(1809-98), der bis 1874 Premierminister gewesen war; als R. erkannte,
daß er dessen Charakter völlig verkannt hatte, ersetzte er den Brief
in der Folge durch ein leeres Blatt als »Gedächtnis an voreiliges
Urteil«. - In den letzten 3 Jahrzehnten seines Lebens trug R. viel
zum Wiederaufleben der häuslichen Textilindustrie bei, namentlich
im Lake District und auf der Insel Man. - Seit 1875, dem Jahr
von Roses Tod, vertrat R. wieder entschiedener den christlichen Standpunkt.
1879 schrieb er »Briefe an den Klerus über das Gebet des Herrn und
die Kirche«. Die 1880ff. erscheinenden Teile der »Bible of Amiens«
waren als Geschichte des Christentums für Kinder gedacht, die an den
Quellen des Glaubens aufgezogen worden waren. Es ging sogar das Gerücht,
R. neige zur Römischen Kirche. Aber obwohl er mit Kardinal (1875)
Manning (1808-92) speiste, erachtete er die päpstlichen Ansprüche
für Schall und Rauch. - 1876-1877 war R. in Venedig, wo er sich
mit »St. Mark's Rest«, einer Geschichte der Stadt, beschäftigte. Nach
seiner Rückkehr verursachte er einen riesigen Eklat, als er zur Eröffnung
der Grosvenor Galerie 1877 (1878?) in »Fors« nicht nur eine Lobrede
auf den dort vertretenen Burne-Jones hielt (R. hatte als einer der
ersten dessen Talent erkannt), sondern das dort ebenfalls ausgestellte
Gemälde Whistlers »Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket«
(Feuerwerk in Cremorne Gardens/Chelsea) von 1874 mit heftiger Kritik
überzog. Er empfand die unstrukturierte Ausführung als schlampig und
als Affront gegen akzeptierte Kunststandards und bezeichnete den Maler als »Geck«, der 200 Guineen dafür verlange,
daß er »der Öffentlichkeit einen Farbtopf ins Gesicht geworfen« habe.
Diesen Vorwurf aus dem Munde des angesehen Slade-Professors konnte
Whistler, der zudem selbst aggressiv war, nicht auf sich sitzen lassen,
und er strengte 1878 eine Beleidigungsklage an. R. mußte die symbolische
Strafe von 1 Farthing zahlen, aber Wh.s Finanzen waren für 1 Jahr
ruiniert. Die Angelegenheit ist nur für den amüsant, dem R.s Krankheit
nicht bewußt ist; denn kurz darauf folgte sein 1. völliger Zusammenbruch,
und er mußte 1879 seine Professur in Oxford resignieren. Damit kam
auch die 1879 geplante Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität
Oxford in Zivilrecht (D.C.L.) nicht zustande, die dann erst 1893 in
R.s Abwesenheit erfolgte. Zunächst konnte er noch gelegentlich an
seinen vielen unvollendeten Büchern arbeiten, und 1880 hatte er sich
so weit erholt, daß er den brillanten, wenngleich völlig unsystematischen
Essay »Fiction, Fair and Foul« schreiben konnte. Doch die Krankheit
kehrte 1880 und 1881 zurück. Erst 1883 fühlte er sich so weit wiederhergestellt,
daß er einem 2. Ruf nach Oxford folgen konnte. Seine 1. Vorlesungsreihe
über die zeitgenössische englische Kunst (»The Art of England«),
1883-84, zeigte kein Nachlassen seiner Kraft und schien mit ihrer
wohlwollenderen Kritik und ihrer hoffnungsvolleren Haltung ein gutes
Omen zu sein. Doch die Aufregungen, welche die Vorlesungen mit ihrer
stets wachsenden, enthusiastischen Zuhörerschaft mit sich brachten,
waren zu viel für ihn, und er brach die 2. Reihe (»The Pleasures of
England«), 1884, die ziemlich unzusammenhängend war, auf den Rat Aclands
und anderer Freunde hin ab. Noch deutlicher wird die mentale Abweichung
in »The Storm-Cloud of the Nineteenth Century«, 1884. Im Dez. 1884
resignierte dann R., auch wegen eines Zerwürfnisses mit der Universität,
die Professur endgültig; zuvor hatte er das Vermächtnis seiner restlichen
Turner-Gemälde an die Universität widerrufen, die ihm die Mittel zur Erweiterung
der Zeichenschule aus Geldmangel verweigert, aber der Errichtung eines
neuen Laboratoriums mit Vivisektion zugestimmt hatte. - In der
Abgeschiedenheit von Brantwood, wohin ihm die o.g. Kusine Mrs. Severn
mit Mann und Familie folgte, verfaßte R. auf Anregung seines Freundes
Prof. C. E. Norton zw. 1885 und 1889 in Perioden der Rekonvaleszenz
die entzückende, allerdings nur bis 1860 reichende Autobiographie
»Praeterita: Outlines of Scenes and Thoughts... in My Past Life«.
Sie ist die Hauptquelle für seine Jugend; für seine mittleren Jahre
ist sie weniger vollständig. Daneben betätigte er sich in den gesunden
Intervallen seiner manisch-depressiven Psychose (die von mir eingesehenen
Arbeiten geben der Krankheit keinen medizinischen Namen) erstaunlich
intensiv: er gab die toskanischen Zeichnungen seiner amerikanischen
Freundin Esther Frances (»Francesca«) Alexander (»Roadside Songs of
Tuscany«), die er gekauft hatte, heraus; stellte die Biographie von
Sir Herbert Edwardes (Administrator in Indien; s.o. E.-Rubin) zusammen;
schrieb Vorworte zu Büchern von Freunden; kommentierte das Tagesgeschehen
in Leserbriefen an verschiedene Zeitungen; u.a.m. Nach einem erneuten
Anfall im Frühjahr 1887 ging er im Herbst an die Kanalküste nach Sandgate,
wo er bis Sommer 1888 blieb, mit gelegentlichen Abstechern nach London.
Anschließend unternahm er seine letzte Auslandsreise nach Frankreich,
die Schweiz (Chamonix) und Italien, die ihm aber nicht die erhoffte
Kräftigung brachte. Im Frühsommer 1889 hielt er sich einige Zeit an
der Südwestküste von Lancashire in Seascale auf, wo er ein Kapitel
von »Praeterita« schrieb. Es ist am 19.6. datiert und stellt das Ende
seiner literarischen Laufbahn dar. Von nun an ging es geistig stetig
mit ihm bergab, und die letzten 10 Jahre seines Lebens, in denen sein
Prestige und Einfluß auf dem Höhepunkt waren, waren für ihn persönlich
- von seltenen klaren Intervallen abgesehen - ein lebender Tod, wobei
sich Zeiten heftiger Erregung mit solchen völliger Teilnahmslosigkeit
abwechselten. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt er Glückwunschadressen
der Universität Oxford und zahlreicher Anhänger und Bewunderer, darunter
die meisten führenden Männer in Kunst und Literatur. Als er am frühen
Nachmittag des 20.1. 1900 nach einer 3tägigen Grippe starb, neigte
sich auch das Jh. zu Ende, gegen dessen grausamen Individualismus
und soziale Apathie er so heftig gekämpft hatte, und ein neues stand
bereit, das er zum Licht zu führen sich bemüht hatte. Bei seiner Beerdigung
in Coniston am 25.1. trug ein Kranz eines seiner Schüler den Text
aus dem Prolog des Joh.-Ev.s: »There Was a Man Sent From God Whose
Name Was John« (Es ward ein Mann von Gott gesandt, sein Name war Johannes).
Die vom Kapitel der Westminster-Abtei angebotene Bestattung ebd. lehnte
die Familie ab, da R. dort beerdigt sein wollte, wo er gestorben war.
So wurde lediglich ein Medaillon im Poets' Corner der Abteikirche
(über der Büste von Sir Walter Scott) angebracht. - R. war eine
anziehende Erscheinung: zwar nicht bes. groß (etwa 1,78 m) und im
Alter gebeugt, gab ihm sein Vollbart (seit 1879) ein sehr ehrwürdiges
Aussehen; der durchdringende Blick seiner blauen Augen wurde durch
das stets strahlende Lächeln gemildert; die delikaten Hände offenbarten
seine künstlerische Begabung; die Stimme, obwohl nicht machtvoll,
hatte ein eigenartiges Timbre, das durchdringend und anziehend zugleich
war und die Menge an seinen Lippen hängen ließ. Seine persönliche
Liebenswürdigkeit stand in krassem Gegensatz zu seinen erbitterten
schriftlichen Äußerungen, und niemand war höflicher zu Radikalen,
Juristen, Volkswirt- oder Naturwissenschaftlern als er. In der allg.
Unterhaltung tendierte er zwar zum Monolog, aber manche dieser Monologe
waren von einer Qualität, die all seine geschriebenen Worte in den
Schatten stellten (so D. G. Rossetti). Die stets begleitende leichte
Ironie verwirrte, neckte oder erfreute seine Zuhörer je nach Temperament.
Sein Charme war unwiderstehlich; keiner konnte mit Carlyle so gut
umgehen wie er; jungen Mädchen gegenüber war er ein nachsichtiger
und ergebener Diener; allen seinen Freunden - ob jung oder alt, Knabe
oder Mädchen, niedriger oder vornehmer Herkunft - zeigte er denselben
zärtlichen Charme. - Die Zeichnungen und Aquarelle, die R. nach
den strengen Regeln der »Society of Water-Colours« über 50 Jahre hinweg
anfertigte, nehmen in der Entwicklung der englischen Aquarellmalerei
einen hohen Rang ein. Als Architekturzeichnungen, die mit höchster
Formenstrenge den ganzen Stimmungsgehalt einzufangen suchen, stehen
die Aufnahmen von Bauteilen aus Venedig, Florenz, Pisa und Lucca,
aus Beauvais, Abbeville, Amiens und dem Loiretal in vorderster Reihe.
Die »Seven Lamps« sind von ihm ebenso illustriert (für die 1. Aufl.
hat er auch die Platten selbst gestochen) wie die »Stones of Venice«.
Die 15 schönsten Aufnahmen sind in einem Foliowerk als »Examples of
the Architecture of Venice« veröffentlicht. Die Illustrationen zu
»Modern Painters« stehen noch am meisten unter dem Eindruck Turners
und der Alten Meister und machen vor allem im Aufbau der landschaftlichen
Gesamtkomposition, im reichen Spiel der Wolken, in der Beobachtung
des Himmels und der Atmosphäre einen außerordentlichen Eindruck. Mit
bescheideneren Mitteln wird hier die Größe der künstlerischen Vision
Turners erreicht und in der Vergeistigung übertroffen. Wie Goethe
sucht R. aus dem Studium von Geologie und Mineralogie sich das Bild
der Landschaft organisch aufzubauen. Neben den Aufnahmen künstlerischer
Einzelformen stehen mit naturwissenschaftlicher Treue gefertigte Wiedergaben
von Kristallen, Blumen und Tieren. 1855 verfaßte er für die Arundel
Soc. die mit Holzschnitten versehene 2bd. Abh. »Giotto and His Works
in Padua«. Das R. Museum in Oxford birgt 170 Aquarelle und Zeichnungen
R.s neben einer Fülle von Gemälden, die von Tintoretto bis Burne-Jones
reichen, darunter zahlreiche von Turner. In allen spielt die Landschaft
die Hauptrolle, die laut R. größer und an Ausdrucksmöglichkeiten reicher
ist als die figürliche Kunst. Wenn er diese auch, wie seine Kopien
nach Carpaccio beweisen, in hohem Maße beherrscht, so verschmäht er
auf seinen Landschaften doch die Staffage und läßt die Natur für sich
sprechen. Ein zweites R. Museum ist das südlich von Sheffield in Meersbrook
Hall angesiedelte, das 1875 in Verbindung mit der St.-Georgs-Gilde
errichtet wurde und neben Originalen R.s mit Kunstschätzen aller Art,
italienischen und englischen Gemälden, Zeichnungen, Mss., Kupferstichen,
aber auch mit Mineralien, Abgüssen und Münzen ausgestattet wurde -
wiederum eine ganz eigenartige Lehrstätte - verbunden mit einer Bibliothek
und einer graphischen Sammlung (1935 geleitet von Prof. John Rothenstein).
Die Anstalt sollte eine Abendschule für Handwerker sein und für ihre
Bildung das Edelste aus der gewachsenen wie der geformten Welt vereinen.
R. ist aber auch untrennbar mit dem Oxforder Univ.-Museum (vollendet
1907) verbunden, für dessen Dekoration er mehrere Entwürfe anfertigte
(nur 1 Fenster ausgeführt). Im Landhaus zu Brantwood, das seit 1901
als Erinnerungsstätte (R. Museum) eingerichtet ist, und in der Bembridge
School auf der Insel Wight hat I. Howard Whitehouse 2 große Sammlungen
von R.s Arbeiten (darin über 1.000 Zeichnungen) geschaffen. 1899 gründeten
einige seiner Verehrer R. Hall (ident. mit dem von 2 Amerikanern gegründeten
R. College?) in Oxford, in der junge Leute aus dem Volk nach seinen
Grundsätzen erzogen werden sollten. - Manches von dem, was R.
über Kunst sagte, ist unhaltbar und wurde schon zu seinen Lebzeiten,
auch von Freunden, kritisiert. Vieles ist aber auch, wie schon Cook
(DNB) erkannte, seiner Liebe zum Paradox und seinen absichtlichen
Mystifikationen zu verdanken. So konnte der R. geistesverwandte G.
K. Chesterton (vgl. Bd. XIV) im Jahre 1900 feststellen, daß die Hälfte
dessen, was R.s Malerfreund Collingwood (s.u. Literatur) als einseitig
tadelte, von dem Humoristen(!) R. absichtlich einseitig formuliert
worden sei, um so den in seinen Vorurteilen liegenden Humor herauszuarbeiten
- nicht durch logische Sophistikation, sondern durch rhetorische Übertreibung
(Nonsense). - Der Einfluß R.s reicht bis weit ins 20. Jh. Die
Art-Nouveau-Bewegung mit ihren übertriebenen Blumen- und krummlinigen
Ornamenten erwuchs aus R.s Nachweis, daß die mittelalterlichen Verzierungen
in natürlichen Formen ihren Ursprung haben. Der besonders starke Einfluß
auf William Morris (s.o.) zeitigte u.a. das Arts and Crafts Movement
(Name 1888 geprägt); Oscar Wilde (1854-1900), der 1874-79 in Oxford
studierte, war tief beeindruckt von R.s Lehre von der zentralen Bedeutung
der Kunst im Leben; Leo Tolstoi (1828-1910; s. BBKL XII) bezeichnete
den Sozialreformer R. als seinen Meister. Marcel Proust (1871-1922)
gab, als er 1899 R.s Kunstkritik entdeckte, die Arbeit an seinem 1895
begonnenen autobiographischen Roman »Jean Santeuil« auf und wandte
sich der Schönheit der Natur und der gotischen Architektur zu (Reise
nach Venedig, Besichtigung der französischen Kirchen); die »Bible
of Amiens« und »Sesame and Lilies« übers. er ins Französische, ausgestattet
mit Vorworten, die erstmals seine reife Prosa zeigen. Auch andere
Dichter wie G. B. Shaw (1856-1950; s. BBKL IX) und Ezra Pound (1885-1972),
Architekten wie Frank Lloyd Wright (1867-1959), Politiker wie Mahatma
Gandhi (1869-1948) und Clement Attlee (1883-1967) waren von R. beeinflußt.
Porträts: Olgemälde von Millais, 1853-54, in: EBrit. 10,
247 (Detail); Photographie von Lewis Carroll, um 1875, in: Cambridge
Guide (s.u.) (Detail); Aquarell von Hubert von Herkomer, 1881, in:
Nat. Portrait Gallery, Lo. (Brockhaus-Enzykl.); Bronzemedaillon in
der Westminsterabtei; weitere Angaben: DNB 1196. R.s Vater führte
ein Wappen, dessen Wappenzier ein Eberkopf ist.
Bibliographien: Thomas J. Wise-James P. Smart, A Complete
Bibliogr. of the Writings... of J. R., 19 Tle., 1889-1893; Nachdr.,
2 Bde., 1964 (1152 Einträge, davon 114 Bücher); Libr. Ed. (s.u. Gesamtausgg.),
Bd. 39, 1912 (vollst. Bibliogr. bis 1910).
Werke: (Pseud.: Kataphusin), Introduction to the Poetry
of Architecture; or, the Architecture of the Nations of Europe Considered
in Its Association with Natural Scenery and National Character, in:
The Architectural Magazine, hrsg. v. John C. Loudon, 1837-1838; 1.
Separatdruck 1893 (ill.); Modern Painters: Their Superiority in the
Art of Landscape Painting to All the Ancient Masters, Proved by Examples
of the True, the Beautiful, and the Intellectual From the Works of
Modern Artists, Especially from Those of J. M. W. Turner, Esq., R.
A., By a Graduate of Oxford. (Autorschaft erst 1849 zugegeben), 5
Bde. (III-V ill.), 1843 (I), 1846 (II), 1856 (III-IV), 1860 (V); Autograph
Ed., 5 Bde., 1873; neu bearb. Aufl. v. II, 1883; Complete Ed., neu
bearb., mit Epilog, 6 Bde. (VI: Index), 1888; 1897 od. 1898 (Pocket
R.); 1903-04 (Library Ed., 3-5); ed. by L. Cust (Everyman's Library),
1907; dt.: Moderne Malerei, 5 Bde., 1902-06; The Seven Lamps of Architecture,
1849, ill.; 2. Aufl. (Taff. v. anderer Hand neu gestochen), 1855;
3., leicht veränd. Aufl., 1880; (Works, 1), London: Allen, 1882, bzw.
Allen & Unwin, 1925; ed. by S. Image. (Everyman's), 1907; 1956; dt.:
Die sieben Leuchter der Baukunst. Faks. der dt. Erstausg. v. 1900...
hrsg. v. Wolfgang Kemp. (Die bibliophilen Taschenbücher, 690), 1994;
Poems, Privatdruck 1850 (Rarität); erw. Ausg., 2 Bde., veröff. 1891,
ill.; The King of the Golden River, 1851, Ill. v. Richard Doyle; 19..
(Everyman's); Pre-Raphaelitism, 1851; 1862; The Stones of Venice,
3 Bde., 1851 (I), 1853 (II-III), ill.; Autograph Ed., 1874; Complete
Ed. (mit neuem Index), 3 Bde., 1886; 1898; 1904 (Libr. Ed., 10-11
[nur Bde. I-II?]; ed. by L. M. Philipps. (Everyman's), 1907; Auszug
1960; dt.: Steine v. Venedig, 1903-06; Faks.-Ausg., hrsg. v. W. Kemp.
(Die biblioph. Taschenbücher, 697), 1994; Examples of the Architecture
of Venice, 1851, Taff., Atlasformat; Notes on the Construction of
Sheepfolds, 1851; Letters from Venice, 1851-52. Ed. by J(ohn) L(ewis)
Bradley, 1955; dt. (dass.?): Effie u. J. R., Briefe aus Venedig. Hrsg.
v. W. Kemp. (Korrespondenzen, 9), 1995; Giotto and His Works in Padua,
1854; kleineres Format, mit Photographien der Fresken, 1900; Lectures
on Architecture and Painting, 1853, ill.; 1891; The Pre-Raphaelite
Artists, 1854; 1904 (Libr. Ed., 12); Notes on Some of the Principal
Pictures Exhibited in the Rooms of the Royal Academy..., 6 Hh., London
1855 (I), 1856 (II), 1857 (III), 1858 (IV), 1859 (V), 1875 (VI), (u.a.
Millais); The Harbours of Engl., 1856, ill. (Taff. nach Turner); 1894;
Notes on the Turner Gallery at Marlborough House, 1856; Catalogue
of Sketches and Drawings by Joseph Mallord William Turner Exhibited
at Marlborough House, London 1857 (1858?); Cat. of the Turner Sketches
in the Nat. Gallery, Tl. 1 (mehr nicht erschienen), 1857; The Political
Economy of Art, 1857; erw. Neuaufl. u.d.T. »`A Joy for Ever'; (and
Its Price in the Market)« (Kompilation aus Vortrr. v. 1856-59), 1880
(Works, 11); 1887; The Elements of Drawing, 1857, ill.; 1892; Inaugural
Address at the Cambridge School of Art, 1858; Henry W. Acland and
J. R., The Oxford Mus., 1859, ill.; 1893; The Elements of Perspective,
1859; The Two Paths. On Decoration and Manufacture, 1859, ill. (Vortrr.
1856-59); 1878 (Works, 10); 1887; 1905 (Libr. Ed., 16); Unto This
Last. On the First Principles of Political Economy, 1862 (4 Essays
aus: The Cornhill Magazine, Aug.-Nov. 1860); 1900; Auszüge (Penny
Pamphlets) u.d.T. »The Rights of Labour According to R.«, mehrere
Aufll.; Sesame and Lilies. Two Lectures, 1865; desgl., with Preface,
1882; 1900; desgl. Two Lectures and a Long Preface (üb. die Alpen),
1865; desgl. Three Lectures and a Long Preface (großenteils autobiograph.),
1871; 1882; 6. Aufl. 1900; dt.: Sesam u. Lilien, 1900; Munera Pulveris.
On the Elements of Political Economy, 1863; 1872 (Works, 2); 1886;
hrsg., zus. mit »Unto« u. »Political Economy of Art«, v. Oliver Lodge.
(Everyman's), 1907; The Ethics of the Dust. On the Elements of Cristallization,
1866; 2. Aufl. mit neuem Vorw., 1877; The Crown of Wild Olive. Three
Lectures on Work, Traffic and War, 1866; erw. Aufl. mit dem Untertitel
»Essays on Work, Traffic, War, and the Future of Engl.« (mit einem
Anh. üb. Preußen), 1873 (Works, 6); Time and Tide by Weare and Tyne
(Zeit u. Gezeiten an [den nordostengl. Flüssen] W. u. T.), 1867,
1872 (Works, 2); 1886; On the Laws of Work, 1867 (Leserbriefe v. 1867);
The Queen of the Air. A Study of Greek Myths, 1869; 1874 (Works, 9);
Lectures on Art, Delivered before the Univ. of Oxford in 1870, 1870;
dt.: Vorlesungen üb. Kunst, 1905; (Katt. der Smlgg. der R. Drawing
School), 1870-73 (s.u. Libr. Ed., 21); Fors Clavigera. Letters to
the Workmen and Labourers of Great Britain, 8 Bde., 1871-74; neue
Aufl., 4 Bde., 1896; Aratra Pentelici: Six Lectures on the Elements
of Sculpture. Preface by C. E. Norton, ill., 1872 (Works, 3); die
7. Vorlesung dieses Kurses, »On Michael Angelo and Tintoret«, erschien
separat (3 Aufll.) u. erst 1890 zus. mit den anderen als »...Seven
Lectures...«; The Eagle's Nest: Ten Lectures on the Relation of Natural
Science to Art, 1872 (Works, 4); 1887; Love's Meinie: Lectures on
Greek and Engl. Birds, 1873-81, unvoll.; Bd. 1, 1881; 1897; Ariadne
Florentina: Six Lectures On Wood and Metal Engraving, 7 Tll., 1873-76,
ill.; 1876 (Works, 7); 1890; Val d'Arno: Ten Lectures On the Tuscan
Art directly antecedent to the Florentine Year of Victories (Kunst
d. 13. Jh.s in Pisa u. Florenz), ill., 1874 (Works, 8); 1890; Frondes
Agrestes. Readings in »Modern Painters«, 1875; Mornings in Florence,
6 Tll., 1875-77; 1889; Proserpina: Studies of Wayside Flowers while
the Air was yet Pure among the Alps and in the Scotland and Engl.
which my Father Knew, 10 Tll., 1875-86, ill.; Tll. 1-6 in: Works 1,
1879; Deucalion: Coll. Studies of the Lapse of Waves and Life of Stones,
8 Tll., 1875-83, ill.; Tll. 1-6 in: Works, 1, 1879;Letter to Young
Girls, erw. Nachdr. aus »Fors«, 1876; Bibliotheca Pastorum, hrsg.
v. R.: Bd. 1. The »Economist« of Xenophon, mit Essay R.s, 1876; Bd.
2: Rock Honeycomb: Broken Pieces of Sir Philip Sidney's Psalter Laid
up in Store for Engl. Homes, mit Vorwort u. Komm. R.s, 1877; Bd. 3
(nicht erschienen); Bd. 4: A Knight's Faith: Passages in the Life
of Sir Herbert Edwardes, zus.gestellt v. R., 1885; Guide to the Principal
Pictures at the Academy of Fine Arts, Venice, 2 Tll., 1877; rev. u.
korr. in 1 Bd., 1891; St. Mark's Rest: The Hist. of Venice, Written
for the Help of the Few Travellers Who still Care for Her Monuments,
6 Tll., 1877-84; 1884; The Laws of Fésole: A Familiar Treatise on the Elementary Principles and Practice of Drawing
and Painting, 4 Tll., 1877-78 (ill.); in Works, 1, 1879; Notes by
Mr. R. on Samuel Prout and William Hunt, ill. by a Loan Coll. of Drawings
Exhibited at the Fine Art Society's Galleries, 1879-80; Letters to
the Clergy on the Lord's Prayer and the Church, 1879; Arrows of the
Chace, 2 Bdd., 1880 (Smlg. v. Briefen, meist Leserbriefen, 1840-80,
u.a. die 4 Briefe an die »Times« zugunsten der Präraffaeliten); Our
Fathers Have Told Us: Sketches of the Hist. of Christendom for Boys
and Girls who have been held at its Fonts. 1. Tl.: The Bible of Amiens,
5 Tll., 1880-85, ill.; in 1 Bd., 1884(!); Separatdruck des 4. Kapitels
als »Traveller's Ed.« (Führer durch die Kathedrale v. A.), 1881; Cat.
of the Drawings and Sketches of Turner, at Present Exhibited in the
Nat. Gallery, 1881; 1899 ill.; The Art of England. Lectures given
in Oxford by J. R....during his second tenure of the Slade professorship,
Orpington (Kent) 1883-84 (6 Vorlesungen, Appendix u. Index); 1908
(Libr. Ed., 33); The Pleasures of England: Lectures given in Oxford,
4 Tll., 1884; The Art and Pleasures of Engl.: The Oxford Lectures
1883 and 1884. (Pocket R.), 1884; The Storm-Cloud of the Nineteenth
Century: Two Lectures delivered in the London Institution, 1884; On
the Old Road. A Coll. of Miscellaneous Articles and Essays on Art
and Lit., etc. (verf. 1834-85), 3 Bde. (Pocket R.), 1885; Libr. Ed.,
34 mit Untertitel: A Coll. of Miscell. Essays and Articles 1871-1888,
1908; Praeterita. Outlines of Scenes and Thoughts perhaps worthy of
Memory in my Past Life. An Autobiography, 28 Tle., 1885-89; 3 Bde.,
Orpington 1886-89 (I gestützt auf Nr. 10-65 der »Fors«); 3 Bde., London
1885-1900 (III erg. durch »Dilecta«: Korr. usw. z. Ill. v. »Praeterita«);
ed. by Kenneth Clark, 1949; dt., 2 Bde., Straßburg 1903; dt. Faks.-Ausg.,
2 Bde., hrsg. v. W. Kemp, 1995; Notes on the Pictures of Mr. Holman
Hunt, London 1886; Notes on Some of the Pictures of Sir J. E. Millais,
1886; Hortus Inclusus (Briefe an Misses Mary u. Susie Beever), 1887;
Ruskiniana (große Anzahl v. Briefen), Privatdr., 1890; (Coll. of Letters),
in: The New Review, March 1892; Three Letters and an Essay, 1836-41,
found in his [R.s] Tutor's Desk, 1893; Verona, and Other Lectures,
1894, ill.; Letters Addressed to a College Friend during the Years
1840-1845, 1894; Lectures on Landscape, Delivered at Oxford in Lent
Term, 1871, ill., 1897; The R. Art Coll. at Oxford (Libr. Ed., 21),
1906 (mit Abdr. sämtlicher Katt. u. 73 Taff., meist nach Gemälden
u. Zeichnungen R.s); The Diaries of J. R., ed. by Joan Evans and J.
Howard Whitehouse, 3 Bde., Oxford 1956-59 (Auswahl).
Gesamtausgg.: Works, (nur) 11 Bdd., 1871-80 (Oktav-Format); The Pocket R. (gebundene
Taschenbuch-Ausg. in Crown-Oktav), 50 Bde., London: George Allen &
Unwin, 1882-19.. (einzige authent. Ausg., mit R.s Copyright), u.a.
(o. nicht gen.), ohne Jahresangabe: Selections from the Writings of
R., 2 Bde.; Studies of Christian Art; The R. Reader; The Bible References
in the Works of R.; Works of J. R. Ed. by Edward Tyas Cook and Alexander
Wedderburn. (Library Ed.), 39 Bde., London 1903-1912 (vollst. ges.
Ausg.), u.a. (o. nicht gen.): Bd. 36-37, 1903-09: (v. Cook als »fullest
collection« bezeichnete Auswahl aus R.s unübersehbarer Korr., von
der viele Briefe noch immer ungedr. od. in den verschiedensten Veröff.
verstreut sind); Bd. 39, 1912: (vollst. Bibliogr. bis 1910).
Teilausgg.: Sesame & Lilies; The Two Paths; The King of the
Golden River. (Everyman's), London - New York: Dent - Dutton, 19..;
Auszüge aus R.s Werken, hrsg. v. J. Feis: Was wir lieben u. pflegen
müssen, Straßburg 18.., 2. Aufl. 1900; desgl.: Wie wir arbeiten u.
wirtschaften müssen, ebd. 1896; ms. 1900; desgl.: Wege z. Kunst, 4
Bde., ebd. 1898-1902; Ausgewählte Werke, dt., 15 Bde., Lpzg. 1900-06;
Menschen untereinander. Hrsg. v. M. Kühn, 1904; neue Ausg. 1927; Worte
R.s, hrsg. v. C. Hagemann, 1906; R. as Literary Critic. Ed. by A.
H. R. Ball, Cambridge 1928; Peter Quennell (Ed.), R. and the Women,
in: Atlantic Monthly 179, Feb. 1947, 37-45; ders. (Hrsg.), Selected
Writings of J. R., London 1952; ders. (Hrsg.), R. as a Literary Critic,
1952; The Lamp of Beauty: Selected Writings on Art, ed. by J. Evans,
1959; The Genius of J. R. Selections from his Writings. Ed., with
an Introduction, by John D. Rosenberg, London 1964 (ausgezeichnete
Kommentare des Hrsg.s); The Genius of J. R. Ed. by K. Clark, 1964;
J(ohn) L(ewis) Bradley (Ed.), J. R.: the critical heritage. [Selected
Writings]. (The Critical Heritage Series), London 1984, repr. 1996;
The Corr. of J. R. and Charles Eliot Norton. Ed. by John Bradley and
Ian Ousby, Cambridge (Engl.) 1987 (vollständigere u. genauere Smlg.
als zuvor); Gisela Hönnighausen (Hrsg. u. Übers.), Die Präraffaeliten.
Dichtung, Malerei, Ästhetik, Rezeption. (Reclams Universal-Bibl.,
10381), 1992, 52-84, 408.
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- W. G. Collingwood, The Art Teaching of J. R., London 1891; -
ders., The Life and Work of J. R., 2 Bde., London 1893 (mit Bibliogr.);
dt. (ident.?): J. R. Leben u. Werk. Hrsg. v. W. Kemp, 1983; -
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Herder VII, 1955, 1411; - KML im dtv, Sep. 1982, II; VI; IX; XII;
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V, 384 (Gothic Revival), 926 (Hill); VIII, 337f. (Morris); IX, 746f.
(Proust); X, 247-249: Joan Evans (†) u. Eds., R., J.; XII, 64-66
(Turner), 656f. (Wilde), 770-772 (Wright); XIII, 951-953, 958 (Art
of Architecture: Ornament), 1029-1038, 1054 (Hist. of Western Architecture:
Romanticism); XIV, 108-111, 139 (Practice and Profession of the Arts:
Preparation of the artist); XVIII, 813-817 (Europe: Modern Culture);
XXIII, 185- 195, 224 (Art of Lit.: Nonfictional Prose), 207-220, 224
(Art of Lit.: Children's Lit.); XXVII, 365-375 (Social Sciences: Hist.
of the Social Sciences); - BBKL I-II; V; VIII-IX; XII; XIV.
Hugo Altmann
Literaturergänzung:
1986
Hilary Fraser, Beauty and belief. Aesthetics and religion in Victorian literature. Cambridge 1986, S. 107-182.