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Band XV (1999)Spalten 1217-1248 Autor: Hugo Altmann

RUSKIN, John, Kunstschriftsteller und Sozialreformer, Landschafts- und Architekturmaler, Zeichner, * 8.2. 1819 London, † 20.1. 1900 Brantwood b. Coniston (Lancashire) R., der im geistigen Leben Engl.s eine einzigartige Stellung einnimmt, einer der stärksten Exponenten der viktorian. Ara, der eine nur in Engl. mögliche Verbindung eines Führers auf allen künstler. Gebieten mit einem soz. Propheten verband, ein glänzender, unendlich fruchtbarer Schriftsteller mit einem höchst persönl. Stil, hat auch als schaffender Künstler seinen Platz in der Gesch. der engl. Malerei. - Einziges Kind des Weingroßhändlers John James R. (1785-1864, Sohn eines Edinburgher Baumwollhändlers), der als Schüler des schott. Landschafts- und Bildnismalers Alexander Nasmyth (1758-1840) ein Malerdilettant war, und seiner Ehefrau (1818) Margaret Cox (1781-1871, Tochter eines Heringsschiffers), genoß der ohne Alterskameraden und fast ohne Spielzeug aufwachsende John eine sorgfältige Erziehung im Elternhaus, in dem später die Maler William Turner (1775-1851), George Richmond (1809-1896) und Samuel Prout (1783-1852) als Freunde verkehrten. Der anfangs wenig formale, aber regelmäßige und intensive Unterricht erfolgte auf rel.-sittl. Gebiet durch die streng ev.-puritan. Mutter, wobei die tägl. Bibellesung auch Johns Ausdrucksfähigkeit, sein Hören und seinen Stil formte, während der rel. begründete Spielzeugmangel seinen Sinn v. Anfang an auf die Naturbeobachtung lenkte. Vom Vater, der Geschäftstüchtigkeit mit Liebe z. Lit. und romantischem Gefühl verband, wurde John in die weltl. Lit. - bes. Sir Walter Scotts Romane und Alexander Popes Homer-Überss. - sowie in die Kunst eingeführt. Als er 10 J. alt war, erhielt er einen Hauslehrer für die klass. Sprachen (Dr. Andrews, später Schwiegervater d. Dichters Coventry Patmore [1823-1896]), dann einen für Französisch und Mathematik. Der anschließende 2j. Besuch der Tagesschule des Rev. Thomas Dale (1797-1870) im Stadttl. Camberwell wurde durch eine Brust- bzw. Rippenfellentzündung beendet; nach der Wiederherstellung hörte er 3mal wöchentlich Vorlesungen am King's College London. Strenges wiss. Arbeiten und Konzentration hat er nie gelernt, weshalb er immer wieder gravierende Fehler beging. Seit 1831 nahm er Mal- und Zeichenunterricht, zunächst b. (Charles?) Runciman, dann, während d. Studiums, b. Copley Fielding (1787-1855) und James D. Harding (1798-1863) (Fielding warf er später Eintönigkeit der Motive vor). Seine wirkl. Meister wurden jedoch der für seine Vedoutenaquarelle berühmte Prout, der schott. Architekturmaler David Roberts (1796-1864) und v.a. Turner (s. u.). - Das für R. selbstverständliche lebenslange enge Verhältnis zu den Eltern, b. denen er bis zu ihrem Tode lebte, ist nur verständlich, wenn man die tiefe Liebe kennt, die diese Kleinfamilie verband. So gaben die Eltern b. aller Strenge den Vorlieben Johns großen Raum, und sie sahen ihn schon im Kindesalter als Genie an. (Die Tatsache, daß die Eltern Geschwisterkinder waren, mag für seine spätere Krankheit mit verantwortl. gewesen sein). Ein wichtiger Teil seiner Erziehung war die jährliche sommerliche Geschäfts- und Bildungsreise des Vaters, an der Frau und Sohn teilnahmen. Im 6. Lebensjahr, 1824, war R. zum 1. Mal in Schottland (erneut 1824 und 1830) und im nordenglischen Lake District (1826 und 1830 wiederholt; von letzterem Aufenthalt stammt sein erstes veröffentlichtes Gedicht). 1833 führte die Reise zum Rhein (u.a. Schaffhausen) und in die Schweiz - deren schneebedeckte Berge ihn ein Leben lang faszinierten - bis Chamonix (Mont Blanc), 1835 über die Schweiz bis Venedig. Schon 1832 hatte ihm ein Geburtstagsgeschenk, die Gedichtsammlung »Italy« (1822) von Samuel Rogers (1763-1855) mit Turners Vignetten, die Welt Italiens (bes. Venedig, Florenz, Rom) und die Turners erschlossen, dessen glühender Verehrer er von da an war. Zwei Jahre später veröffentlichte der 15jährige 3 Artikel in J. C. Loudons »Magazine of Natural Hist.« (v.a.: Ursache der Farbe des Rheinwassers; Gesteinsschichten des Mont Blanc) und bekundete so sein Interesse an der Naturwissenschaft, die eine der Grundlagen seiner Kunstkritik wurde. Im Okt. 1836 immatrikulierte er sich an der Univ. Oxford und trat in das Christ Church College ein. Seine akademischen Leistungen waren zunächst bescheiden; die mangelnden Lateinkenntnisse mußten mit Hilfe eines Tutors verbessert werden, für dessen Dienste R.s Vater dem College 5000 £ stiftete. Eine lebenslange Liebe entwickelte R. dagegen zur griech. Literatur, später auch zur griechischen Kunst. In Oxford schloß er Freundschaft mit dem späteren Archäologen Sir Charles Thomas Newton (1816-94), dem das Britische Museum die Ruinen von Halikarnass verdankt, mit Sir Henry W. Acland und mit dem nachmaligen Lexikographen und Hauskaplan Prinz Alberts, Henry George Liddell (1811-98). Von der Oxford-Bewegung war R. seltsamerweise nicht berührt, obwohl Pusey, einer ihrer führenden Köpfe (s. BBKL VII und XV), seit 1828 Kanoniker an Christ Church und Hebräischprofessor war. Während der Studienzeit widmete sich R. auch dem Verseschmieden, und nach 2 vergeblichen Versuchen 1837 und 1838 erhielt er 1839 den Newdigate-Preis für Poesie. In diese Zeit fällt auch die unglückliche Liebe zu einer der Töchter des französischen Geschäftspartners seines Vaters. An Ostern 1840, als R. z. Endspurt für sein Examen angesetzt hatte, trat ein Tuberkuloseanfall ein, und er mußte das Studium unterbrechen. Fast 2 Jahre verbrachte er in der Schweiz (Chamonix?) und in Italien in der Hoffnung auf Besserung, aber auch im heimatlichen Heilbad Leamington (Warwickshire), wo ihm die Behandlung durch Dr. Jephson sehr half. Nach Überwindung der Krankheit kehrte er im April 1842 nach Oxford zurück und erwarb das Bakkalaureat (B.A.) mit Erfolg; der Magistergrad (M.A.) folgte 1843. - Seine Karriere als Kunstkritiker begann R. 1836 mit 17 Jahren, als er Turner gegen die Kritik des einflußreichen »Blackwood's Magazine« in Schutz nahm (»A Reply to Blackwood's Criticism of Turner«). Noch klarer treten die Keime seiner Prinzipien in seinen Artikeln über »The Poetry of Architecture« in Erscheinung, die 1837-38 in Loudons »The Architectural Magazine« erschienen und deren vollständiger Titel (s.u. Werke) fast ein Programm seiner späteren Kunstkritik darstellt. In der Folge erweiterte er die Verteidigung Turners (den er erst 1840 persönlich kennenlernte), schrieb eine Gegenkritik über die ästhetische Ignoranz in England und legte seine eigenen Ansichten über die Prinzipien der echten Kunst dar, wobei er auf die Fehler der (Landschafts-)Maler Claude Lorrain (1600-82), Gaspard Poussin (1615-75) und Salvator Rosa (1615-73) hinwies (dies hatte zur Folge, daß Claudes Ruf im späteren 19. Jh. abnahm). Das ganze erschien im April 1843 anonym als 1. Bd. von »Modern Painters«, womit sich der erst 24j. einen Platz als Kunstkritiker von beispielloser Sensibilität sicherte und der im Sinken begriffenen Popularität Turners neuen Aufschwung brachte. Der das Buch durchziehende evangelikale Eifer auf moralischer wie religiöser Ebene führte nach Ansicht einiger Autoren allerdings zu einer Trübung der Urteilsfähigkeit R.s. Das tat dem großen Erfolg jedoch keinen Abbruch, und schon im Folgejahre wurde eine 2. Auflage nötig (insgesamt erschienen 7 Separatauflagen von Bd. 1); selbst Dichter wie Wordsworth (s. BBKL XIV), Tennyson und Mrs. Browning waren begeistert. 1844 war R. wieder in den Schweizer Bergen; die Rückreise führte über Paris. Aber es waren nicht die alten Meister des Louvre, es waren die Eindrücke der Italienreise von 1845 - Pisa, Lucca und vor allem Venedig - die seinem Leben die Richtung wiesen; namentlich Tintoretto (s. BBKL XIV) war für ihn die Offenbarung einer ihm bislang unbekannten Welt. Zurückgekehrt, verfaßte er unter diesem Eindruck den 2. Bd. von »Modern Painters« (1846), worin er begeisterte Schilderungen und einen ausgefeilten Stil mit minutiöser Bild- und Naturbeschreibung verband. Wegen der durchgängigen protestantischen Voreingenommenheit distanzierte sich R. später von dem Buch, wenngleich es eines seiner bedeutendsten ist. Die Grundlage seiner Ästhetik ist die Religion. Die kontemplative Fähigkeit (»theoria«) wird der bloß ästhetischen gegenübergestellt, d. h. die moralische Wahrnehmung der Schönheit wird gegenüber der sinnlichen abgehoben. Der menschl. Geist muß die Schönheit ehrfürchtig betrachten, denn durch sie werden die Eigenschaften Gottes offenbar. Die Überzeugung, daß der Charakter einer Tat von dem des Täters abhängt, führt zu dem Schluß, daß ein schlechter Mensch kein großer imaginativer Maler sein könne. Daher seien die Grundbedingungen für gute Kunst der wahre Glaube, eine gesunde Moral, die richtige Erziehung und gediegene soziale Verhältnisse. Analog ist »das grundlegende Gesetz« der Betrachtung der Natur ihre Anerkennung als Werk und Geschenk Gottes. Die »Funktion der Imagination in der Kunst« wird im letzten Teil des Bandes fortgesetzt. Auch zollt er Tintoretto seine Bewunderung. - Die folgenden 10 Jahre, in denen die Arbeit an »Mod. Painters« stagnierte, brachten R. eine erhebliche Erweiterung seines Gesichtskreises und damit einige Änderungen seiner Ansichten, aber auch die von seiner Gemütskrankheit (s.u.) mitbedingte Überzeugung, zu jedem von ihm gewählten Thema das Richtige zu sagen. Nach einer erneuten unglücklichen Liebe 1847 (Tochter J. G. Lockharts, d. Schwiegersohns und Biographen von Sir Walter Scott), der ein neuerlicher gesundheitlicher Zusammenbruch folgte, heiratete er am 10.4. 1848 in Perth die 10 Jahre jüngere -unbedeutende - Malerin Euphemia (Effie) Chalmers Gray, Tochter des schottischen Rechtsanwalts George Gray, eines alten Freundes der Familie (beide Elternpaare favorisierten den Bund). Schon 1841 hatte R. bei ein paar Modellsitzungen für sie eines seiner populärsten kleineren Werke geschrieben, das Märchen »The King of the Golden River« (veröffentlicht 1851) - und damit einen wichtigen Beitrag zur englischen Kinderliteratur im allgemeinen und des englischen Märchens im besonderen geleistet, das sich hiermit (und mit Thackerays »The Rose and the Ring«, 1855) von der »moral tale« zu lösen und eine eigenständige Kunstgattung zu werden begann; allerdings wird R.s an den Grimmschen Märchen orientierte Unmittelbarkeit durch seine moralistische Neigung teilweise wieder neutralisiert. Nun führte er die zu einer Schönheit Erblühte, seiner Gedankenwelt und seinen Lebensgewohnheiten ziemlich fremd Gegenüberstehende in die Londoner Gesellschaft und bei Hofe ein. Der über beträchtliche Geldmittel Verfügende, der ein Stadthaus in London (Park Street) für die Saison besaß, war damals bereits eine der literarischen Berühmtheiten, und Koryphäen wie die Brownings, Carlyle (s. BBKL 1) und J. H. Froude (1818-94) gehörten zu seinem Freundeskreis. Nach der durch eine Erkrankung R.s unterbrochenen Hochzeitsreise führte er seine Frau später im Jahr (Spätsommer) nach Amiens und in die Normandie, wo sie die Kathedralen studierten. Anschließend verfaßte er im Herbst 1848 eine (bereits während der Arbeit an »Mod. Painters« entstandene??), im Mai 1849 veröffentlichte Essaysammlung unter dem Titel »The Seven Lamps of Architecture«. Darin vollzieht er - noch ganz unter dem Eindruck der nordfranzösischen Kathedralen - eine Wendung von der (venezianischen) Malerei zu der am stärksten gemeinschaftlichen Kunst, der Architektur, bedingt durch die Erkenntnis ihrer historischen Bedeutung als Denkmal des Lebens eines Volkes. Und da für ihn ja große Kunst vom Adel der Lebensführung abhängt, ist sie das sichtbare Zeichen der Tugend einer Nation, so wie eine erniedrigte, nur dem Luxus und dem Stolz dienende Kunst ein Zeichen nationaler Dekadenz ist. Diese Gedanken waren zwar nicht neu - A. W. N. Pugin (1812-52) und seine neugotischen Mitstreiter hatten sie schon ähnlich geäußert - aber R.s Beredsamkeit erzwang sich Gehör, wo Pugin unbeachtet blieb. Als Hauptprinzipien der Architektur, die für ihn weit mehr als bloßes Bauen und deren vornehmster Stil ihm die Gotik war, sah R. die vor Gottes Altar brennenden 7 »Lampen« Opfer, Wahrheit, Macht, Schönheit, Leben, Erinnerung und Gehorsam an (vgl. Spr. 6, 23; Ps. 118, 105), wobei er diese Begriffe allerdings mit zum Teil sehr eigenwilligen Inhalten füllte. Den Umfang seiner Bildung offenbart er unter vielem anderen durch eine bei ihm nicht zu erwartende Vertrautheit mit dem amerikanischen Revolutionsdichter Philip Freneau (1752-1832), aus dessen Gedicht »The Pyramids of Egypt« (1770) er eine Formulierung fast wörtlich übernimmt (Pocket R. 1, p. 339). (Ich weiß nicht, ob diese vor ca. 30 Jahren von mir gemachte Entdeckung auch anderen Autoren aufgefallen ist). In den Essays wechseln sich Erörterungen sehr spezifischer technischer Fragen und Passagen leidenschaftlicher Ermahnung ab. Viele Architekten fühlten sich verletzt, brach doch ein Amateur in ihr professionelles Reservat ein, indem er die Geschmacklosigkeit und Ignoranz des zeitgenössischen Designs, den in Material und Ausführung praktizierten Trug und die schweren Irrtümer der selbsternannten Restauratoren alter Gebäude attackierte. Trotzdem wurde das Buch mit seinem kühnen Angriff auf Konventionen, seinem sozialkritischen Hintergrund, seinem Plädoyer für einen würdigen, repräsentativen nationalen Stil, seinen praktischen Lektionen, seinem moralischen Eifer im »Zeitalter des Häßlichen« immer mehr beachtet und trug weitgehend zur Wiedergeburt des englischen Geschmacks bei. Um nur ein Beispiel zu nennen: die äußere (strukturelle) und innere Polychromie der Londoner Allerheiligenkirche (All Saints') in der Margaret Street (1849-59) rührt vom Einfluß von »Seven Lamps« und »Stones of Venice« (s.u.) auf den Architekten William Butterfield her, und innerhalb weniger Jahre adaptierten Architekten in ganz England die Details und Farbkombinationen der italienischen, bes. der venezianischen, Gotik für zahllose von R. beeindruckte Auftraggeber. - Die Wintermonate 1849-50 und 1851-52 verbrachten die R.s in Venedig, wo John sehr zurückgezogen lebte und sich nur der »harten, trockenen, mechanischen« Aufnahme der Bauten widmete, die alle dem Verfall preisgegeben zu sein schienen; dabei wurde er 1851-52 von Effie aktiv unterstützt. Ihr zuliebe verließ er gelegentlich seine Klausur, so als er beim 1. Aufenthalt einen der Bälle des Feldmarschalls Radetzky in Verona mit ihr besuchte, wo sie von den Österreichern sehr umschwärmt wurde. Das Ergebnis der venezianischen Studien war R.s kunstästhetisches Hauptwerk »The Stones of Venice«, das durch Genauigkeit und originelle Interpretation besticht und eine beispielhafte Erläuterung der in »Seven Lamps« niedergelegten allgemeinen Prinzipien darstellt. In 3 Bänden schildert er die Perioden des Ursprungs und Wachstums (»Foundations«, 1851), der vollen Blüte in den byzantinischen und gotischen Bauwerken (»The Sea Stories«, 1853) und des politischen, moralischen und künstlerischen Niedergangs (»The Fall«, 1853). Dabei legt er, in Konsequenz seines bisherigen Denkens, dar, daß die gotische Architektur Venedigs aus einem Zustand reinen nationalen Glaubens und häuslicher Tugend entstanden sei, während die Renaissancearchitektur einem Zustand verdeckten nationalen Unglaubens und häuslischen Lasters entsprungen sei und diesen aufzeige. Dennoch fällt es ihm schwer, seine Theorie mit der Geschichte in Einklang zu bringen, denn die venezianische Kunst erreichte ihren Zenith gerade in der geschmähten Renaissance. (Vgl. den Widerspruch von John A. Symonds [1840-93] gegen R. in seiner »Hist. of the Renaissance in Italy«, 1875-86). Besondere Bedeutung hat bis heute der zweite, der Gotik gewidmete Band - sowohl wegen des berühmten 6. Kapitels »Über das Wesen der Gotik« (»On the Nature of Gothic: and herein the True Function of the Workman in Art«), worin sich der Kunst- zum Gesellschaftskritiker steigerte (es wurde 1854 anläßlich der Gründung des Working Men's College (s.u.) separat veröffentlicht und wirkte z.B. auf William Morris (1834-96) »mit der Gewalt einer Offenbarung«), als auch wegen seiner literarischen Qualitäten. Seine flammende romantische Prosa schwingt sich in der Beschreibung des Markusdomes (»St. Mark's«) mit ihren Blankversen zu solcher Höhe auf, daß R. damit einen festen Platz in der Geschichte der Kunstform »rhythmische Prosa« gewann. Seine schmuckvolle, wohltönende Sprache insgesamt, durch eine präzise Beobachtungsgabe ausgezeichnet (z.B. Beschreibung der Alpen oder der unscheinbarsten Blumen und Moose), stellt den Höhe-, aber auch den Wendepunkt eines Stils dar, der sich später wie ein majestätisches Relikt einer verflossenen Ära las. »The Nature of Gothic«, das zur Bibel der neuen ästhetischen Schule wurde, stellt die Quintessenz seiner Lehre dar. Und weil alle Kunst die Verherrlichung Gottes zum Ziel hat, zählt die im Entwurf zum Ausdruck kommende Absicht mehr als die Ausführung; und da der Mensch kein bloßes Werkzeug und wahre Handwerksarbeit schöpferisches Tun ist, muß jeder Handwerker seine eigenen Pläne und Muster entwerfen und darf kein bloßer Kopist sein. Mit »Modern Painters«, »Seven Lamps« und »Stones« nimmt R. aber auch unter den Geschichtsschreibern des Früh- und Hochviktorianismus einen hervorragenden Platz ein, erfüllt er doch von der Kunstgeschichte her die gleiche Mission wie Carlyle von der politischen Geschichtsschreibung aus. - R.s überschäumende Energie in den 1850er Jahren - sicherlich mitbedingt durch die aus seiner Sicht glückliche Ehe - und die daraus resultierende Komplexität seiner Aktivitäten machen es schwer, sie auf knappem Raum adäquat darzustellen. Im Mai 1851 trat er auf Bitten Patmores in 2 Briefen an die »Times« erstmals für die dort stark angegriffenen Präraffaeliten - hier William Holman Hunt (1827-1910; s. BBKL II) und John Everett Millais (1829-1896) - ein; 1854 folgten 2 weitere Briefe an die »Times«. An der Begründung der Bewegung hatte er entgegen einer weitverbreiteten Auffassung keinen Anteil. Mit ihren Hauptvertretern George Frederick Watts (1817-1904), Hunt und Millais schloß er bald Freundschaft, später auch mit Dante Gabriel Rossetti (1828-82), dem Bruder Christinas (s. BBKL VIII). Als namhafter Aquarellmaler war er der einzige, der die Überlegenheit von Rossettis Aquarellen über dessen andere Werke erkannte. Eine beträchtliche Zeit lang unterstützte er ihn dadurch, daß er jedes seiner Werke kaufte, das ihm gefiel, und zwar zu dem Preis, den Rossetti von jedem anderen Kunden verlangt hätte. Daß das Arrangement schließlich endete, lag daran, daß R. Kritik üben mußte, was Rossetti als Arroganz übelnahm. Davor zeigte sich R. nochmals sehr großzügig, indem er die Veröffentlichung von Rossettis Übersetzungen der »Early Italian Poets« (1861) finanzierte. - Der Tod Turners 1851 verwickelte R. in die lange, mühsame Katalogisierung der dem Land vermachten Gemälde und Zeichnungen des Meisters. Als T.s Testament von entfernten Verwandten gerichtlich angefochten wurde, verzichtete R. auf die Testamentsvollstreckung, arbeitete aber weiterhin am Nachlaß und veröffentlichte verschiedene Beiträge zur Sammlung (Works, 13). - 1851 setzte sich R. auch für die (Wieder-)Vereinigung der protestantischen Christen ein (»Notes on the Construction of Sheepfolds«), was zu einer Korrespondenz mit dem Theologen F. D. Maurice (1805-72; s. BBKL V) führte. R. lehnte dessen theologische Ansichten (u.a. Leugnung der Ewigkeit der Hölle) zwar ab, war mit seinen sozialen Anstrengungen aber voll einverstanden. - Relativ spät, 1853, hielt R. seinen ersten öffentl. Vortrag, dem 49 andere (die Vorlesungen in Oxford nicht mitgezählt) in allen Teilen des Landes folgen sollten und bei denen seine Tendenz zur Dogmatisierung immer stärker wurde. - Von Carlyle angeregt, war er 1854 neben Maurice einer der Gründer des Working Men's College (Arbeiterhochschule) in London, wo er Zeichenunterricht erteilte und Vorlesungen hielt (bis Mai 1858 regelmäßig, danach gelegentlich). Für seine Schüler - u.a. der Graveur George Allen, später R.s Verleger - schrieb er 2 sehr populäre Lehrbücher: »The Elements of Drawing« (Zeichnen), 1857, und »The Elements of Perspective« (Perspektive), 1859. (Sein Mitdozent Fr. Harrison schrieb 1902 eine R.-Biographie: s.u.). - Die mutige Ansprache, die er 1857 in Manchester über »The Political Economy of Art« hielt, behandelte das Verhältnis zw. Arbeitgebern und Arbeitern sowie zw. Regierung und Industrie und stellte die Brücke dar zw. R.s früherer und späterer Karriere. - Den später in den Adelsstand erhobenen Millais hatte R. am 2.7. 1851 persönlich kennengelernt, spontan Freundschaft mit ihm geschlossen und ihn samt Bruder in die Sommerferien nach Schottland mitgenommen. Während R. dort eine Vorlesungsreihe über Architektur und Malerei (»Lectures on Architecture and Painting«) verfaßte, malte Millais viel, u.a. R.s Porträt (s.u.) und eine Reihe von Skizzen Effies, die ihm auch sonst viel Gesellschaft leistete. Die im November 1853 in Edinburgh gehaltenen »Lectures« erschienen 1854 im Druck, zu dem Millais das Frontispiz gezeichnet und in dem R. ihn und die anderen Präraffaeliten hoch gelobt hatte. Kurz danach reichte Effie die Scheidungsklage ein, der R. nicht widersprach. Ihre Ehe wurde [wegen Nichtvollzugs] annulliert, und am 3.7. 1855 wurden Millais und Effie Gray getraut (lt. einer Qu. hatte Millais Effie 1855 entführt). Dieses Ereignis hat R. nicht merklich aus der Bahn geworfen, vielmehr setzte er seine Aktivitäten unvermindert fort. 1856 war er wieder in der Schweiz (Chamonix und Freiburg), 1858 in der Schweiz und in Italien (u.a. in Turin, wo er sich mit Veronese (s. BBKL XII) beschäftigte), 1860 in Chamonix. - Seine bedeutendste Leistung in diesem Jahrzehnt ist die Weiterführung und Vollendung von »Modern Painters«. 1855 verfaßte er den 3. Bd., der im Jan. 1856 mit dem Untertitel »Of Many Things« erschien. Er beginnt mit einem Essay über den »Grand Style« und den Idealismus (zus. mit dem Kapitel über die »Pathetic Fallacy« (s.u.) die bekanntesten Teile des Bandes). Dann wird die Entwicklung der Landschaftsmalerei von der griechischen Klassik bis zur Moderne beschrieben (einheitlichster und charakteristischster Teil des Buches). Den Schluß bildet - völlig überraschend - ein bewegender Beitrag über den Krimkrieg (1854-56). In dem schon im April 1856 erschienenen 4. Bd., als Analyse der Schönheit der Berge, Bäume und Wolken geplant, gewann bald R.s Liebe zu den Alpen die Oberhand. Zwar werden auch Farbe, Licht (»illumination«) und natürliche Formen (Wolken, Wasser, Pflanzen) behandelt, und auch die bekannte Passage über den Kirchturm von Calais findet sich hier, doch ist der Band im wesentlichen eine »Hymne an die Berge«. Der am klarsten gegliederte der 5 Bde. behandelt in den ersten 7 Kapiteln Turners Technik in der Bergmalerei; die nächsten vier, mit geballter Einbildungskraft und einer Menge wissenschaftlicher Details verfaßt, analysieren das Gesteinsmaterial und beschreiben seine geologische Entstehung; Kapitel 14-18 sind äußerst technische Erörterungen der resultierenden Formen; in den Kapitel 19-20 (»The Mountain Gloom« und »The Mountain Glory«) wird untersucht, welchen Einfluß die Bergwelt auf die menschliche Rasse ausgeübt hat. Die glänzende Rhetorik R.s kann jedoch nicht die starrsinnige Mißachtung der Tatsachen verdecken. So behauptet er unter Außerachtlassung der großen niederländischen Maler, daß die Quellen der Kunst in den Bergen lägen, und zieht zum Beweis den Mangel an großen Dichtern in Antwerpen und Amsterdam heran, ohne sich bewußt zu machen, daß auch die Schweiz keine besitzt. Der Band endet mit der großartigen Schilderung dreier herausragender Bergszenen der Hl. Schrift: dem Tod Aarons, dem Tod Moses' und der Verklärung Christi. Der 5. und letzte Band (Juni 1860), zum Teil unzusammenhängend, setzt die Diskussion über die Landschaftsmalerei und ihre 4 Stile (heroischer, klassischer, pastoraler und kontemplativer) fort. Besonders bemerkenswert sind die ausgefeilten gegensätzlichen Auffassungen verschiedener Künstler vom Tod. Dieser Überblick leitet über zu dem berühmten Kapitel »Two Boyhoods«, worin er das Heranwachsen Giorgiones (1477-1510) in dem idealisierten Venedig mit dem Turners im modernen London kontrastiert (mit einer Klage über Turners Tod). (T.s ungeheuerer Ruf in der 2. Hälfte des 19. Jh.s gründet großenteils auf R.s Einsatz für ihn). Schon in diesem Werk verkündet R. das fortan seine Kunstbetrachtung bestimmende Ev., daß jede große Kunst Offenbarung (im Gegensatz zu bloßer Nachahmung) und derjenige der beste Maler sei, der zugleich die meisten und die höchsten Ideen (in den Kategorien Macht, Nachfolge [imitation], Wahrheit, Schönheit und Relation) zum Ausdruck bringe. Dabei prägte er u.a. den Begriff »Pathetic Fallacy« (pathet. Täuschung/Irrtum) für die Vermenschlichung der Natur in der Dichtung, deren zu häufige Anwendung den weniger großen Dichter verrate. Ebenfalls grundlegend für sein späteres Schaffen war die in »Modern Painters« dargelegte Überzeugung, daß eine geistige Gesundung nur durch das rechte Verhältnis des menschlichen Herzens zur elementaren Natur erfolgen könne, wie es Turner - von den Zeitgenossen unverstanden - in der Malerei versucht habe. Die Übereinstimmung mit der Natur ist letzten Endes auch das Thema von »Seven Lamps« und »Stones of Venice«: Die schönen, aufwärtsstrebenden gotischen Bauten sind das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit von Künstlern und Handwerkern, die von derselben großen Idee und demselben Lebensgefühl beseelt waren, während die Renaissance eine künstliche Wiederbelebung erstarrter Formen in einer Zeit mit neben- und gegeneinander stehenden sozialen Klassen sei. Wahre Kunst entstehe nur aus einheitlichem Wollen; sie sterbe, wenn sie sich vom natürlichen Leben trenne, das aber nur in einer einheitlichen Nation gewährleistet sei. So sah R. wie Carlyle im MA das Vorbild für das richtige, nach allen Seiten durch Gemeinschaftsarbeit fruchtbare Leben, pfropfte ihm aber in Unkenntnis oder unter Nichtbeachtung des mittelalterlichen Universalismus den Nationalstaatsgedanken des 19. Jh.s auf. - Die Wirkung von »Modern Painters«, bes. der letzteren Bde., war gewaltig. Die Schriftstellerin Charlotte Brontë (1816-55) fühlte durch die Lektüre ihre Augen geöffnet; ihre Kollegin George Eliot (1819-80) verehrte R. als »einen der großen Lehrer des Zeitalters«, der mit der Inspiration eines at. Propheten lehre; Tennyson zählte ihn neben Francis Bacon (s. BBKL I) und John Milton (s. BBKL V) zu den 6 Autoren, welche die imposanteste englische Prosa geschrieben haben; auch Matthew Arnold (1822-88; s. BBKL XIV) erkannte dies an, kritisierte aber, daß R. versuche, die Prosa mehr leisten zu lassen, als sie kann, d.h. sie zur Dichtkunst zu machen. Sein Oxforder College erkannte seine Leistungen an, indem es ihm 1858 die Auszeichnung »Ehrenstudent« verlieh. Die Erstausgaben der Bde. 3-5 haben den zusätzlichen Wert, daß sie ausgezeichnete Taff. enthalten, die von den besten Stechern der Zeit und meist nach Originalzeichnungen R.s gearbeitet sind. In diesen und anderen Architekturzeichnungen hat R. Unvergleichliches geleistet; von seinen Landschaften sind einige Turner ebenbürtig. - Am Ende dieses Jahrzehnts steht das erste ausschließlich der Sozialökonomie gewidmete Werk R.s, das er später als das wahrste, richtigste und dienlichste all seiner Bücher bezeichnete. Von seiner durch Kunstgesch. und -kritik gewonnenen Basis aus stellte R. nun auch Forderungen an die Gesellschaft und den Staat, was nicht nur seinem Vater mißfiel. 1860 in Fortsetzungen in »The Cornhill Magazine« begonnen, wurde die für länger geplante Serie über politische Ökonomie wegen der feindseligen Rezensionen und dem Rückgang der Abonnenten von den Verlegern sowie dem Schriftleiter W. M. Thackeray (1811-63) zu einem abrupten Ende gebracht. Nur Carlyle pries R., alle anderen betrachteten ihn als unpraktischen Visionär. Denn in den vier, 1862 unter dem Titel »Unto This Last« zusammengefaßten Aufsätzen zu einer neuen Wirtschaftsethik forderte er im Interesse der Entwicklung zu einer wahren Gemeinschaft z.B. eine staatliche Betreuung der Schulen und eine Fürsorge für Arbeitslose und Alte. Nur solcher Reichtum sei sittlich zu verantworten, der aus echter Gemeinschaft, nicht aber aus dem Egoismus Einzelner entstünde. (Damit wandte er sich gegen die vordringende Laissez-faire-Theorie). Auch behandelte er die Möglichkeit, Löhne durch Gesetz festzulegen und dadurch eine regelmäßige Beschäftigung zu erreichen. Seine Beobachtungen über Streiks und die Rolle des Volkswirtschaftlers sind auch nach mehr als 100 Jahre noch anwendbar. Lange Zeit lächerlich gemacht oder ignoriert, gewann »Unto This Last« Schritt für Schritt an Einfluß auf die Arbeiterbewegung des späten 19. Jh.s, und viele der von R. propagierten Reformen sind Wirklichkeit geworden. - Die Jahre 1861-63 verliefen unglücklich. R.s religiöse Überzeugungen (protestantische Rechtgläubigkeit) kamen ins Wanken, was ihn seiner Mutter entfremdete, und seine ökonomischen Ansichten mißfielen dem Vater. Den größeren Teil von 1861 und 1862 verbrachte er mit G. Allen in Savoyen (meist in Mornex) sowie in Oberitalien, wo er die Notwendigkeit landwirtschaftlicher Reformen erkannte und propagierte (Verhinderung von Überschwemmungen, Förderung der Bewässerung). Seine von Juni 1862 bis April 1863 in »Fraser's Magazine« auf Einladung des Hrsg.s Froude (s.o.) veröffentlichen 6 »Essays on Political Economy« erlitten dasselbe Schicksal wie »Unto This Last«. Als gegen die Zeit gerichtete Auffassungen erregten sie nicht ganz zu unrecht den Unwillen vieler bürgerlicher Leser, denn R. schoß mit seinem Sarkasmus oft weit über das Ziel hinaus, war unsauber in seinen Definitionen oder über die Position des Gegners unzureichend informiert (wie b. John Stuart Mill); der Verleger Longman wurde besorgt und wies Froude an, nichts weiteres von R. zu publizieren. In diesen, erst 1872 unter dem Titel »Munera Pulveris« (»Geschenke des Staubes«) in Buchform veröffentlichten Aufsätzen über die Elemente der politischen Ökonomie beginnt R. mit der Definition von Begriffen, der wichtigste von ihnen »Reichtum«. Er sucht dessen wahre Natur als die lebensspendende Macht der Dinge zu definieren, nicht bloß als etwas, das Wechsel- und Marktkurse regiert. - In Leserbriefen der Jahre 1862-63, die er in »Time and Tide« sammelte (1867), verteidigte R. seine ökonomischen Auffassungen und feilte sie aus. Dabei erhob er keinen Anspruch auf Originalität, denn er war nur einer derjenigen, die in der Nachfolge von Robert Owen (1771-1858) und Carlyle gegen die klassische Schule der merkantilen Ökonomie revoltierten, welche den ökonomischen Menschen ohne Berücksichtigung der sozialen und moralischen Komponente postulierte. Ohne das Recht auf Eigenentwicklung zu bestreiten, drang er auf Regulierung und Begrenzung der Wettbewerbsfreiheit durch den Staat. Die selbstlose Behandlung der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber propagierte er als den besten Weg zum Gewinn. Die Vehemenz der Proteste gegen diese, in ihrer Milde heute altmodisch wirkenden Ansichten ist ein Gradmesser der Stärke des Individualismus, der sozialen Verantwortungslosigkeit und des Glaubens an den uneingeschränkten Wettbewerb in der Mitte des 19. [wie zu Ende des 20.] Jh.s. »Time and Tide« enthält Anregungen zu einem idealen Gemeinwohl, die in die Programme von William Morris und der späteren Sozialisten (vgl. u. Attlee) eingingen, aber auch utopische Züge tragen. Dabei war R. die Staatsform ohne Bedeutung; wichtig war allein die Effizienz des Staates bei der Beförderung der sozialen Wohlfahrt: er regelt die Eheschließung und führt die Schulpflicht ein; die Arbeit wird der Neigung und dem Talent der Arbeiter angepaßt; das in der Ungerechtigkeit wurzelnde »Gesetz« von Angebot und Nachfrage stellt R. in Zweifel; der Lohn wird nicht mehr vom Stellenangebot, sondern von der Qualität der Arbeit abhängen; der Arbeitstag wird 8 Stunden dauern; niedrige Arbeiten werden einer Sklavenkaste auferlegt, die man eventuell aus den kriminellen Elementen bildet; das Wahlrecht bemißt sich nach der Intelligenz. Erstaunlich ist b. einem Kaufmannssohn die Überzeugung, daß jeglicher Zins Wucher ist. Von allg. Interesse sind sein brennender Sinn für soziales Unrecht und sein militantes soziales Gewissen. - In anderen Aufsätzen bemühte sich R., Arbeitsfreude durch Beachtung des ästhetischen Moments zu wecken, und regte dadurch zum Kunsthandwerk sowie zur Gartenstadt- und Landschulheim-Bewegung an. - Alarmierender als die Wirtschaftsutopien erscheint vielen Biographen in jenen Jahren das Wachstum einer als morbid erachteten tiefen Zuneigung zu dem irischen Mädchen Miss Rose (Rosie) La Touche, das er 1858 kennengelernt, dem er Zeichenunterricht erteilt und von dem er gehofft hatte, es eines Tages zu seiner Frau machen zu können. Die 17jährige, nach damaligen Verhältnissen also durchaus Heiratsfähige, entschied sich 1872 jedoch dagegen, hauptsächlich aus religiösen Gründen, denn sie war streng evangelisch, R. aber kein bekennender Christ mehr. Ihr Tod 1875 war der größte Schmerz seines Lebens; er suchte ihren Geist in spiritistischen Sitzungen und identifizierte sie in seiner Erinnerung mit Carpaccios hl. Ursula (um 1495), deren Gegenwart er lebhaft empfand. Die Geschichte dieser fixen Idee, wie die seiner überemotionalen Freundschaft mit anderen Mädchen zarten Alters oder die zwanghafte [?] Beschäftigung mit Rosen, ist für viele Autoren eine Ankündigung seines späteren mentalen Zusammenbruchs. - Auf seiner Italienreise von 1862 wurde R. von dem Spät-Präraffaeliten Edward Burne-Jones (1833-98) und dessen Frau begleitet. Der Tod seines Vaters am 3.3. 1864 brachte evtl. eine unterbewußte Erleichterung; jedenfalls begann eine neue Periode intensiver, ja ruheloser Aktivität in diesem Jahr. Zunächst jedoch wich er nicht von der Seite seiner Mutter. Sein Dogmatismus und seine Reizbarkeit nahmen in jenen Jahren zu und entluden sich in häufigen Vorträgen, wobei seine Zuhörerschaft von Internatsschülerinnen bis zum Königlichen Institut der Britischen Architekten reichte. Dabei konnte es vorkommen, daß er bei dem Thema »Kristallographie« über die Architektur der Zisterzienser sprach. Aber für R. war Kunst = Leben und der Kunst-Unterricht daher Unterweisung in allem. Seine Ausführungen stützte er nicht durch lange Beweisführung; sein Ziel war, zu beeindrucken und aufzurütteln. Sein exzentrischer Mitteilungsdrang wird etwa in »The Cestus of Aglaia« offenbar, einer Reihe von Abhandlungen über die Gesetze der Kunst (1865-66). In das Jahr 1865 fällt auch R.s mit Abstand populärstes Buch (wiederum eine Vortragssammlung) mit dem symbolischen Titel »Sesame and Lilies«: das Sesam-öffne-dich des richtigen Lesens, das die Schatzkammern des Geistes öffnet, und die Lilien der Reinheit als das Zepter, mit dem das Weib regiert. (Das lange Vorwort behandelt die Alpen). Heute erscheint das Buch vielen als abgedroschen viktorianisch, aber damals wies es in eine Zukunft, in der Mädchen eine den Knaben gleichwertige Erziehung haben und in der es freie öffentlichen Bibliotheken und bessere sanitäre Verhältnisse geben würde. Der Band enthält seit seiner 3. Ausgabe 1871 auch den schönen, schwermütigen Vortrag »The Mystery of Life and Its Arts«, den R. später wegen seiner sich darin offenbarenden religiösen Unrast zeitweilig unterdrückte. Der laut Sir Leslie Stephen (1832-1904) vollkommenste Essay R.s bildet die geistige Brücke zu den eloquenten Diskursen über die Pflicht, und den Lohn, der Arbeit in »The Crown of Wild Olive«, 1866, die R.s engste Annäherung an den Agnostizismus der Zeit darstellen. - 1866, 1868 und 1869 bereiste R. mit verschiedenen Freunden wieder den Kontinent. - Hatte er schon zu Lebzeiten des Vaters als dessen Almosenier wirken dürfen und zahlreiche Künstler unterstützt, so verstärkte er diese Tätigkeit, als er durch dessen Tod ein Vermögen von 157.000 £ und einen beträchtlichen Haus- und Grundbesitz geerbt hatte. Während er die Immobilien im wesentlichen 1885 seinen nächsten Verwandten Joanna Ruskin Agnew und ihrem Ehemann Arthur Severn vermachte, »verschwendete« er das Geld an hunderte von Bedürftigen, ließ vielversprechende Künstler ausbilden und gründete halböffentliche Unternehmen wie den »Muster-Teeladen« oder die Straßenreinigungskolonnen für Arbeitslose; Oxford und Cambridge erhielten wertvolle Turner-Sammlungen, das Natural History Museum eine Reihe von Mineralien, darunter den Colenso-Diamanten und den Edwardes-Rubin. Während der letzten Jahre seines Lebens lebte er nur noch, da alles andere aufgebraucht war, vom Ertrag seiner Publikationen, der sich auf durchschnittlich 4.000 £ pro Jahr belief. - R.s Aktivitätsdrang und seine Unfähigkeit, sich auf eine Beschäftigung zu konzentrieren, verursachten eine erstaunliche Vielseitigkeit: Vorlesungen über griechische Mythologie, 1869 veröffentlicht als »The Queen of the Air« (i.e. Athena); Beratungen mit der Sozialreformerin Miss Octavia Hill (1838-1912) über Wohnungsplanungen für Arme (sie hatte R. schon 1853 kennengelernt, und 1864 errichtete sie mit Geld, das R. ihr geborgt hatte, ihr erstes Wohnungsprojekt im Londoner Stadtteil St. Marylebone); Reisen in die Schweiz und nach Italien; Beschäftigung mit Botanik und Geologie usw. 1867 verlieh ihm die Universität Cambridge die jur. Ehrendoktorwürde (LL.D.), verbunden mit einem Lehrauftrag; bei der Verleihung sprach er über »Das Verhältnis der nationalen Ethik zur nationalen Kunst«. 1869 wurde er auf die von F. Slade gestiftete erste Professur für Schöne Künste in Oxford berufen, die er 1870 antrat. Hier widmete er sich seinen neuen Pflichten mit fieberhaftem Enthusiasmus und arbeitete sich fast zu Tode: 1870-77 hielt er 11 Vorlesungsreihen, die er in 6 Bänden publizierte (mehrere mit speziell dafür geschaffenen Illustrationen). In ihnen revidierte er im Lichte reiferer Kenntnis das ganze Korpus seiner Lehre über die Kunst. In Kunstreiseführern über Venedig, Florenz und Amiens gab er seine Kenntnisse weiter. So erschien z.B. 1879 eine 2bd. »Traveller's Ed.« von »Stones of Venice«, die aus ausgewählten, mit neuem Inhalt versehenen Kapiteln des Hauptwerks bestand und bis 1909 acht Auflagen erlebte. Mehrere Reisen auf den Kontinent und Spezialstudien zu Botticelli (s. BBKL I) und Carpaccio (um 1455-1526) dienten der Vorbereitung der Führer wie der Bereitstellung neuer Illustrationen für seine Vorlesungen, die stets gut besucht waren. Insbesondere gründete er in Oxford sein Museum, die R. Art Coll. (s.u. Works, 21), mit der seit 1872 die von ihm gestiftete Zeichenschule (R. Drawing School) verbunden war, an der er 13 Jahre wirkte; weitere Lehrkräfte waren u.a. George Allen und der Zeichner/Holzschnitzer Arthur Burgess, die R.s Schüler am Working Men's College gewesen waren. (Das R. Museum befindet sich im Taylorian Building). Eines der Hauptanliegen R.s war dabei, der sich in diesen Jahren etablierenden Trennung der Ausbildung in den Schönen Künsten und für Angewandte Kunst entgegenzuwirken (was auch W. Morris vertrat). Die auch als R. School (of Art) bekannte Institution leitete später in seinem Geist Albert Rutherson. Viel Zeit verwandte R. darauf, mit einzelnen Mitgliedern der Universität Freundschaft zu schließen. Im April 1871 ernannte ihn das Corpus Christi College zum Honorary Fellow. Ein ständiger Hörer war Prinz Leopold (1853-84), der jüngere Sohn Königin Viktorias, mit dem R. 1878 auf Schloß Windsor weilte. Viel belacht wurde das Straßenbauexperiment in Hinksey bei Oxford, zu dem R. einen Kreis begeisterter junger Männer um sich scharte, darunter der Sozialreformer Arnold Toynbee (1852-83), dessen Arbeit im Londoner East End stark von R. inspiriert war. - In verschiedenen Teilen des Landes bildeten sich R.-Gesellschaften und -Gilden, die in seinem Sinne arbeiteten. - Im letzten Jahrzehnt seines aktiven Lebens (1871-80) betätigte sich R. besonders als praktischer Reformer. Nach dem Tod seiner Mutter (1871) hatte er das Haus in London aufgegeben und war in das 1871 gekaufte Landhaus »Brantwood« am Conistonsee im Lake District gezogen, fuhr aber häufig nach London. Ein Sprachrohr für seine Reformpläne schuf er sich in den 1871-78 monatlich (87 Nrn.), 1880-84 unregelmäßig erscheinenden (Nr. 88-96) Briefen an die »Workmen of England«, die als Sammlung, in Anlehnung an Horaz' 1. Ode, den kryptischen Titel »Fors Clavigera« erhielten (von R. erl. als Fortuna, welche die Keule des Herkules, den Schlüssel des Odysseus und den Nagel Lykurgs trägt). In ihnen brachte er die vielfältigsten Ideen in einem für ihn relativ einfachen Stil zum Ausdruck, der weit von den prachtvollen Formulierungen von »Mod. Painters« entfernt, aber so flexibel war, daß er ihn jedem Zweck anpassen konnte. Inkonsequent und kämpferisch, manchmal unerträglich prahlerisch, oft bitter satirisch und immer von starkem Mitteilungsdrang, behandeln die Briefe zahllose Themen. Oft kann man der Richtung der Gedanken nur schwer folgen. Die klarsten Teile sind die über Geschichte, Mythologie und Literatur; andere Briefe behandeln Sozialökonomie, Erziehung und Glauben. Durch die ganze Serie läuft eine Art Tagebuch, und in den gelegentlichen Erinnerung an seine frühen Jahre liegen die Keime seiner Autobiographie. Das wichtigste Einzelphänomen zw. 1871 und 1878 war die St. George Guild, die er als kooperative Landwirtschafts- und Manufakturorganisation konzipiert hatte und deren Ziel es war, die Gesellschaft auf agrarischer Grundlage neu aufzubauen. Seinem Spendenaufruf im 8. Brief der »Fors« ging er mit bestem Beispiel voran, indem er die Gilde mit dem Zehnt seines noch verbliebenen Vermögens, d.h. mit 7.000 £ ausstattete. Im wesentlichen war sie der Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und eine Art Neofeudalismus in der Industriegesellschaft zu errichten (vgl., eine Generation später, G. K. Chesterton). Der Plan war in manchen Punkten praktikabel, in anderen völlig utopisch. Der Gewinn sollte auf alle Mitglieder verteilt werden, aber es gab keinen - um so weniger, als R.s Gleichsetzung von Zins und Wucher das Gildevermögen gefährdete. Mehr Erfolg als in England, wo nach 12 Jahren nur 41 Personen dem Aufruf gefolgt waren, hatte die Gilde in den U.S.A., wo der von »Fors« beträchtlich beeinflußte Julius Augustus Wayland nach einjähriger Vorbereitung im Juli 1894 mit 26 Genossen in Tennessee eine soziale Modellkolonie gründete, die er »R. Co-operation Association« nannte und die bis 1899 existierte. - Der 57. Brief der »Fors« [Sep. 1875] enthielt im 1.-2. Tsd. einen heftigen Angriff auf William Gladstone (1809-98), der bis 1874 Premierminister gewesen war; als R. erkannte, daß er dessen Charakter völlig verkannt hatte, ersetzte er den Brief in der Folge durch ein leeres Blatt als »Gedächtnis an voreiliges Urteil«. - In den letzten 3 Jahrzehnten seines Lebens trug R. viel zum Wiederaufleben der häuslichen Textilindustrie bei, namentlich im Lake District und auf der Insel Man. - Seit 1875, dem Jahr von Roses Tod, vertrat R. wieder entschiedener den christlichen Standpunkt. 1879 schrieb er »Briefe an den Klerus über das Gebet des Herrn und die Kirche«. Die 1880ff. erscheinenden Teile der »Bible of Amiens« waren als Geschichte des Christentums für Kinder gedacht, die an den Quellen des Glaubens aufgezogen worden waren. Es ging sogar das Gerücht, R. neige zur Römischen Kirche. Aber obwohl er mit Kardinal (1875) Manning (1808-92) speiste, erachtete er die päpstlichen Ansprüche für Schall und Rauch. - 1876-1877 war R. in Venedig, wo er sich mit »St. Mark's Rest«, einer Geschichte der Stadt, beschäftigte. Nach seiner Rückkehr verursachte er einen riesigen Eklat, als er zur Eröffnung der Grosvenor Galerie 1877 (1878?) in »Fors« nicht nur eine Lobrede auf den dort vertretenen Burne-Jones hielt (R. hatte als einer der ersten dessen Talent erkannt), sondern das dort ebenfalls ausgestellte Gemälde Whistlers »Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket« (Feuerwerk in Cremorne Gardens/Chelsea) von 1874 mit heftiger Kritik überzog. Er empfand die unstrukturierte Ausführung als schlampig und als Affront gegen akzeptierte Kunststandards und bezeichnete den Maler als »Geck«, der 200 Guineen dafür verlange, daß er »der Öffentlichkeit einen Farbtopf ins Gesicht geworfen« habe. Diesen Vorwurf aus dem Munde des angesehen Slade-Professors konnte Whistler, der zudem selbst aggressiv war, nicht auf sich sitzen lassen, und er strengte 1878 eine Beleidigungsklage an. R. mußte die symbolische Strafe von 1 Farthing zahlen, aber Wh.s Finanzen waren für 1 Jahr ruiniert. Die Angelegenheit ist nur für den amüsant, dem R.s Krankheit nicht bewußt ist; denn kurz darauf folgte sein 1. völliger Zusammenbruch, und er mußte 1879 seine Professur in Oxford resignieren. Damit kam auch die 1879 geplante Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford in Zivilrecht (D.C.L.) nicht zustande, die dann erst 1893 in R.s Abwesenheit erfolgte. Zunächst konnte er noch gelegentlich an seinen vielen unvollendeten Büchern arbeiten, und 1880 hatte er sich so weit erholt, daß er den brillanten, wenngleich völlig unsystematischen Essay »Fiction, Fair and Foul« schreiben konnte. Doch die Krankheit kehrte 1880 und 1881 zurück. Erst 1883 fühlte er sich so weit wiederhergestellt, daß er einem 2. Ruf nach Oxford folgen konnte. Seine 1. Vorlesungsreihe über die zeitgenössische englische Kunst (»The Art of England«), 1883-84, zeigte kein Nachlassen seiner Kraft und schien mit ihrer wohlwollenderen Kritik und ihrer hoffnungsvolleren Haltung ein gutes Omen zu sein. Doch die Aufregungen, welche die Vorlesungen mit ihrer stets wachsenden, enthusiastischen Zuhörerschaft mit sich brachten, waren zu viel für ihn, und er brach die 2. Reihe (»The Pleasures of England«), 1884, die ziemlich unzusammenhängend war, auf den Rat Aclands und anderer Freunde hin ab. Noch deutlicher wird die mentale Abweichung in »The Storm-Cloud of the Nineteenth Century«, 1884. Im Dez. 1884 resignierte dann R., auch wegen eines Zerwürfnisses mit der Universität, die Professur endgültig; zuvor hatte er das Vermächtnis seiner restlichen Turner-Gemälde an die Universität widerrufen, die ihm die Mittel zur Erweiterung der Zeichenschule aus Geldmangel verweigert, aber der Errichtung eines neuen Laboratoriums mit Vivisektion zugestimmt hatte. - In der Abgeschiedenheit von Brantwood, wohin ihm die o.g. Kusine Mrs. Severn mit Mann und Familie folgte, verfaßte R. auf Anregung seines Freundes Prof. C. E. Norton zw. 1885 und 1889 in Perioden der Rekonvaleszenz die entzückende, allerdings nur bis 1860 reichende Autobiographie »Praeterita: Outlines of Scenes and Thoughts... in My Past Life«. Sie ist die Hauptquelle für seine Jugend; für seine mittleren Jahre ist sie weniger vollständig. Daneben betätigte er sich in den gesunden Intervallen seiner manisch-depressiven Psychose (die von mir eingesehenen Arbeiten geben der Krankheit keinen medizinischen Namen) erstaunlich intensiv: er gab die toskanischen Zeichnungen seiner amerikanischen Freundin Esther Frances (»Francesca«) Alexander (»Roadside Songs of Tuscany«), die er gekauft hatte, heraus; stellte die Biographie von Sir Herbert Edwardes (Administrator in Indien; s.o. E.-Rubin) zusammen; schrieb Vorworte zu Büchern von Freunden; kommentierte das Tagesgeschehen in Leserbriefen an verschiedene Zeitungen; u.a.m. Nach einem erneuten Anfall im Frühjahr 1887 ging er im Herbst an die Kanalküste nach Sandgate, wo er bis Sommer 1888 blieb, mit gelegentlichen Abstechern nach London. Anschließend unternahm er seine letzte Auslandsreise nach Frankreich, die Schweiz (Chamonix) und Italien, die ihm aber nicht die erhoffte Kräftigung brachte. Im Frühsommer 1889 hielt er sich einige Zeit an der Südwestküste von Lancashire in Seascale auf, wo er ein Kapitel von »Praeterita« schrieb. Es ist am 19.6. datiert und stellt das Ende seiner literarischen Laufbahn dar. Von nun an ging es geistig stetig mit ihm bergab, und die letzten 10 Jahre seines Lebens, in denen sein Prestige und Einfluß auf dem Höhepunkt waren, waren für ihn persönlich - von seltenen klaren Intervallen abgesehen - ein lebender Tod, wobei sich Zeiten heftiger Erregung mit solchen völliger Teilnahmslosigkeit abwechselten. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt er Glückwunschadressen der Universität Oxford und zahlreicher Anhänger und Bewunderer, darunter die meisten führenden Männer in Kunst und Literatur. Als er am frühen Nachmittag des 20.1. 1900 nach einer 3tägigen Grippe starb, neigte sich auch das Jh. zu Ende, gegen dessen grausamen Individualismus und soziale Apathie er so heftig gekämpft hatte, und ein neues stand bereit, das er zum Licht zu führen sich bemüht hatte. Bei seiner Beerdigung in Coniston am 25.1. trug ein Kranz eines seiner Schüler den Text aus dem Prolog des Joh.-Ev.s: »There Was a Man Sent From God Whose Name Was John« (Es ward ein Mann von Gott gesandt, sein Name war Johannes). Die vom Kapitel der Westminster-Abtei angebotene Bestattung ebd. lehnte die Familie ab, da R. dort beerdigt sein wollte, wo er gestorben war. So wurde lediglich ein Medaillon im Poets' Corner der Abteikirche (über der Büste von Sir Walter Scott) angebracht. - R. war eine anziehende Erscheinung: zwar nicht bes. groß (etwa 1,78 m) und im Alter gebeugt, gab ihm sein Vollbart (seit 1879) ein sehr ehrwürdiges Aussehen; der durchdringende Blick seiner blauen Augen wurde durch das stets strahlende Lächeln gemildert; die delikaten Hände offenbarten seine künstlerische Begabung; die Stimme, obwohl nicht machtvoll, hatte ein eigenartiges Timbre, das durchdringend und anziehend zugleich war und die Menge an seinen Lippen hängen ließ. Seine persönliche Liebenswürdigkeit stand in krassem Gegensatz zu seinen erbitterten schriftlichen Äußerungen, und niemand war höflicher zu Radikalen, Juristen, Volkswirt- oder Naturwissenschaftlern als er. In der allg. Unterhaltung tendierte er zwar zum Monolog, aber manche dieser Monologe waren von einer Qualität, die all seine geschriebenen Worte in den Schatten stellten (so D. G. Rossetti). Die stets begleitende leichte Ironie verwirrte, neckte oder erfreute seine Zuhörer je nach Temperament. Sein Charme war unwiderstehlich; keiner konnte mit Carlyle so gut umgehen wie er; jungen Mädchen gegenüber war er ein nachsichtiger und ergebener Diener; allen seinen Freunden - ob jung oder alt, Knabe oder Mädchen, niedriger oder vornehmer Herkunft - zeigte er denselben zärtlichen Charme. - Die Zeichnungen und Aquarelle, die R. nach den strengen Regeln der »Society of Water-Colours« über 50 Jahre hinweg anfertigte, nehmen in der Entwicklung der englischen Aquarellmalerei einen hohen Rang ein. Als Architekturzeichnungen, die mit höchster Formenstrenge den ganzen Stimmungsgehalt einzufangen suchen, stehen die Aufnahmen von Bauteilen aus Venedig, Florenz, Pisa und Lucca, aus Beauvais, Abbeville, Amiens und dem Loiretal in vorderster Reihe. Die »Seven Lamps« sind von ihm ebenso illustriert (für die 1. Aufl. hat er auch die Platten selbst gestochen) wie die »Stones of Venice«. Die 15 schönsten Aufnahmen sind in einem Foliowerk als »Examples of the Architecture of Venice« veröffentlicht. Die Illustrationen zu »Modern Painters« stehen noch am meisten unter dem Eindruck Turners und der Alten Meister und machen vor allem im Aufbau der landschaftlichen Gesamtkomposition, im reichen Spiel der Wolken, in der Beobachtung des Himmels und der Atmosphäre einen außerordentlichen Eindruck. Mit bescheideneren Mitteln wird hier die Größe der künstlerischen Vision Turners erreicht und in der Vergeistigung übertroffen. Wie Goethe sucht R. aus dem Studium von Geologie und Mineralogie sich das Bild der Landschaft organisch aufzubauen. Neben den Aufnahmen künstlerischer Einzelformen stehen mit naturwissenschaftlicher Treue gefertigte Wiedergaben von Kristallen, Blumen und Tieren. 1855 verfaßte er für die Arundel Soc. die mit Holzschnitten versehene 2bd. Abh. »Giotto and His Works in Padua«. Das R. Museum in Oxford birgt 170 Aquarelle und Zeichnungen R.s neben einer Fülle von Gemälden, die von Tintoretto bis Burne-Jones reichen, darunter zahlreiche von Turner. In allen spielt die Landschaft die Hauptrolle, die laut R. größer und an Ausdrucksmöglichkeiten reicher ist als die figürliche Kunst. Wenn er diese auch, wie seine Kopien nach Carpaccio beweisen, in hohem Maße beherrscht, so verschmäht er auf seinen Landschaften doch die Staffage und läßt die Natur für sich sprechen. Ein zweites R. Museum ist das südlich von Sheffield in Meersbrook Hall angesiedelte, das 1875 in Verbindung mit der St.-Georgs-Gilde errichtet wurde und neben Originalen R.s mit Kunstschätzen aller Art, italienischen und englischen Gemälden, Zeichnungen, Mss., Kupferstichen, aber auch mit Mineralien, Abgüssen und Münzen ausgestattet wurde - wiederum eine ganz eigenartige Lehrstätte - verbunden mit einer Bibliothek und einer graphischen Sammlung (1935 geleitet von Prof. John Rothenstein). Die Anstalt sollte eine Abendschule für Handwerker sein und für ihre Bildung das Edelste aus der gewachsenen wie der geformten Welt vereinen. R. ist aber auch untrennbar mit dem Oxforder Univ.-Museum (vollendet 1907) verbunden, für dessen Dekoration er mehrere Entwürfe anfertigte (nur 1 Fenster ausgeführt). Im Landhaus zu Brantwood, das seit 1901 als Erinnerungsstätte (R. Museum) eingerichtet ist, und in der Bembridge School auf der Insel Wight hat I. Howard Whitehouse 2 große Sammlungen von R.s Arbeiten (darin über 1.000 Zeichnungen) geschaffen. 1899 gründeten einige seiner Verehrer R. Hall (ident. mit dem von 2 Amerikanern gegründeten R. College?) in Oxford, in der junge Leute aus dem Volk nach seinen Grundsätzen erzogen werden sollten. - Manches von dem, was R. über Kunst sagte, ist unhaltbar und wurde schon zu seinen Lebzeiten, auch von Freunden, kritisiert. Vieles ist aber auch, wie schon Cook (DNB) erkannte, seiner Liebe zum Paradox und seinen absichtlichen Mystifikationen zu verdanken. So konnte der R. geistesverwandte G. K. Chesterton (vgl. Bd. XIV) im Jahre 1900 feststellen, daß die Hälfte dessen, was R.s Malerfreund Collingwood (s.u. Literatur) als einseitig tadelte, von dem Humoristen(!) R. absichtlich einseitig formuliert worden sei, um so den in seinen Vorurteilen liegenden Humor herauszuarbeiten - nicht durch logische Sophistikation, sondern durch rhetorische Übertreibung (Nonsense). - Der Einfluß R.s reicht bis weit ins 20. Jh. Die Art-Nouveau-Bewegung mit ihren übertriebenen Blumen- und krummlinigen Ornamenten erwuchs aus R.s Nachweis, daß die mittelalterlichen Verzierungen in natürlichen Formen ihren Ursprung haben. Der besonders starke Einfluß auf William Morris (s.o.) zeitigte u.a. das Arts and Crafts Movement (Name 1888 geprägt); Oscar Wilde (1854-1900), der 1874-79 in Oxford studierte, war tief beeindruckt von R.s Lehre von der zentralen Bedeutung der Kunst im Leben; Leo Tolstoi (1828-1910; s. BBKL XII) bezeichnete den Sozialreformer R. als seinen Meister. Marcel Proust (1871-1922) gab, als er 1899 R.s Kunstkritik entdeckte, die Arbeit an seinem 1895 begonnenen autobiographischen Roman »Jean Santeuil« auf und wandte sich der Schönheit der Natur und der gotischen Architektur zu (Reise nach Venedig, Besichtigung der französischen Kirchen); die »Bible of Amiens« und »Sesame and Lilies« übers. er ins Französische, ausgestattet mit Vorworten, die erstmals seine reife Prosa zeigen. Auch andere Dichter wie G. B. Shaw (1856-1950; s. BBKL IX) und Ezra Pound (1885-1972), Architekten wie Frank Lloyd Wright (1867-1959), Politiker wie Mahatma Gandhi (1869-1948) und Clement Attlee (1883-1967) waren von R. beeinflußt.

Porträts: Olgemälde von Millais, 1853-54, in: EBrit. 10, 247 (Detail); Photographie von Lewis Carroll, um 1875, in: Cambridge Guide (s.u.) (Detail); Aquarell von Hubert von Herkomer, 1881, in: Nat. Portrait Gallery, Lo. (Brockhaus-Enzykl.); Bronzemedaillon in der Westminsterabtei; weitere Angaben: DNB 1196. R.s Vater führte ein Wappen, dessen Wappenzier ein Eberkopf ist.

Bibliographien: Thomas J. Wise-James P. Smart, A Complete Bibliogr. of the Writings... of J. R., 19 Tle., 1889-1893; Nachdr., 2 Bde., 1964 (1152 Einträge, davon 114 Bücher); Libr. Ed. (s.u. Gesamtausgg.), Bd. 39, 1912 (vollst. Bibliogr. bis 1910).

Werke: (Pseud.: Kataphusin), Introduction to the Poetry of Architecture; or, the Architecture of the Nations of Europe Considered in Its Association with Natural Scenery and National Character, in: The Architectural Magazine, hrsg. v. John C. Loudon, 1837-1838; 1. Separatdruck 1893 (ill.); Modern Painters: Their Superiority in the Art of Landscape Painting to All the Ancient Masters, Proved by Examples of the True, the Beautiful, and the Intellectual From the Works of Modern Artists, Especially from Those of J. M. W. Turner, Esq., R. A., By a Graduate of Oxford. (Autorschaft erst 1849 zugegeben), 5 Bde. (III-V ill.), 1843 (I), 1846 (II), 1856 (III-IV), 1860 (V); Autograph Ed., 5 Bde., 1873; neu bearb. Aufl. v. II, 1883; Complete Ed., neu bearb., mit Epilog, 6 Bde. (VI: Index), 1888; 1897 od. 1898 (Pocket R.); 1903-04 (Library Ed., 3-5); ed. by L. Cust (Everyman's Library), 1907; dt.: Moderne Malerei, 5 Bde., 1902-06; The Seven Lamps of Architecture, 1849, ill.; 2. Aufl. 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Ed. by J(ohn) L(ewis) Bradley, 1955; dt. (dass.?): Effie u. J. R., Briefe aus Venedig. Hrsg. v. W. Kemp. (Korrespondenzen, 9), 1995; Giotto and His Works in Padua, 1854; kleineres Format, mit Photographien der Fresken, 1900; Lectures on Architecture and Painting, 1853, ill.; 1891; The Pre-Raphaelite Artists, 1854; 1904 (Libr. Ed., 12); Notes on Some of the Principal Pictures Exhibited in the Rooms of the Royal Academy..., 6 Hh., London 1855 (I), 1856 (II), 1857 (III), 1858 (IV), 1859 (V), 1875 (VI), (u.a. Millais); The Harbours of Engl., 1856, ill. (Taff. nach Turner); 1894; Notes on the Turner Gallery at Marlborough House, 1856; Catalogue of Sketches and Drawings by Joseph Mallord William Turner Exhibited at Marlborough House, London 1857 (1858?); Cat. of the Turner Sketches in the Nat. Gallery, Tl. 1 (mehr nicht erschienen), 1857; The Political Economy of Art, 1857; erw. 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Letters to the Workmen and Labourers of Great Britain, 8 Bde., 1871-74; neue Aufl., 4 Bde., 1896; Aratra Pentelici: Six Lectures on the Elements of Sculpture. Preface by C. E. Norton, ill., 1872 (Works, 3); die 7. Vorlesung dieses Kurses, »On Michael Angelo and Tintoret«, erschien separat (3 Aufll.) u. erst 1890 zus. mit den anderen als »...Seven Lectures...«; The Eagle's Nest: Ten Lectures on the Relation of Natural Science to Art, 1872 (Works, 4); 1887; Love's Meinie: Lectures on Greek and Engl. Birds, 1873-81, unvoll.; Bd. 1, 1881; 1897; Ariadne Florentina: Six Lectures On Wood and Metal Engraving, 7 Tll., 1873-76, ill.; 1876 (Works, 7); 1890; Val d'Arno: Ten Lectures On the Tuscan Art directly antecedent to the Florentine Year of Victories (Kunst d. 13. Jh.s in Pisa u. Florenz), ill., 1874 (Works, 8); 1890; Frondes Agrestes. Readings in »Modern Painters«, 1875; Mornings in Florence, 6 Tll., 1875-77; 1889; Proserpina: Studies of Wayside Flowers while the Air was yet Pure among the Alps and in the Scotland and Engl. which my Father Knew, 10 Tll., 1875-86, ill.; Tll. 1-6 in: Works 1, 1879; Deucalion: Coll. Studies of the Lapse of Waves and Life of Stones, 8 Tll., 1875-83, ill.; Tll. 1-6 in: Works, 1, 1879;Letter to Young Girls, erw. Nachdr. aus »Fors«, 1876; Bibliotheca Pastorum, hrsg. v. R.: Bd. 1. The »Economist« of Xenophon, mit Essay R.s, 1876; Bd. 2: Rock Honeycomb: Broken Pieces of Sir Philip Sidney's Psalter Laid up in Store for Engl. Homes, mit Vorwort u. Komm. R.s, 1877; Bd. 3 (nicht erschienen); Bd. 4: A Knight's Faith: Passages in the Life of Sir Herbert Edwardes, zus.gestellt v. R., 1885; Guide to the Principal Pictures at the Academy of Fine Arts, Venice, 2 Tll., 1877; rev. u. korr. in 1 Bd., 1891; St. Mark's Rest: The Hist. of Venice, Written for the Help of the Few Travellers Who still Care for Her Monuments, 6 Tll., 1877-84; 1884; The Laws of Fésole: A Familiar Treatise on the Elementary Principles and Practice of Drawing and Painting, 4 Tll., 1877-78 (ill.); in Works, 1, 1879; Notes by Mr. R. on Samuel Prout and William Hunt, ill. by a Loan Coll. of Drawings Exhibited at the Fine Art Society's Galleries, 1879-80; Letters to the Clergy on the Lord's Prayer and the Church, 1879; Arrows of the Chace, 2 Bdd., 1880 (Smlg. v. Briefen, meist Leserbriefen, 1840-80, u.a. die 4 Briefe an die »Times« zugunsten der Präraffaeliten); Our Fathers Have Told Us: Sketches of the Hist. of Christendom for Boys and Girls who have been held at its Fonts. 1. Tl.: The Bible of Amiens, 5 Tll., 1880-85, ill.; in 1 Bd., 1884(!); Separatdruck des 4. Kapitels als »Traveller's Ed.« (Führer durch die Kathedrale v. A.), 1881; Cat. of the Drawings and Sketches of Turner, at Present Exhibited in the Nat. Gallery, 1881; 1899 ill.; The Art of England. Lectures given in Oxford by J. R....during his second tenure of the Slade professorship, Orpington (Kent) 1883-84 (6 Vorlesungen, Appendix u. Index); 1908 (Libr. Ed., 33); The Pleasures of England: Lectures given in Oxford, 4 Tll., 1884; The Art and Pleasures of Engl.: The Oxford Lectures 1883 and 1884. (Pocket R.), 1884; The Storm-Cloud of the Nineteenth Century: Two Lectures delivered in the London Institution, 1884; On the Old Road. A Coll. of Miscellaneous Articles and Essays on Art and Lit., etc. (verf. 1834-85), 3 Bde. (Pocket R.), 1885; Libr. Ed., 34 mit Untertitel: A Coll. of Miscell. Essays and Articles 1871-1888, 1908; Praeterita. Outlines of Scenes and Thoughts perhaps worthy of Memory in my Past Life. 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Hugo Altmann

Literaturergänzung:

1986

Hilary Fraser, Beauty and belief. Aesthetics and religion in Victorian literature. Cambridge 1986, S. 107-182.

Letzte Änderung: 17.01.2009