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Verlag Traugott Bautz
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RUSSELL, Bertrand (Arthur William), 3rd Earl R., einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts, Mathematiker, Philosoph, Pädagoge, Literaturnobelpreisträger, Pazifist. * 18. Mai 1872 in Trelleck (Wales) als Enkel des Premierministers (1846-52 und 1865-66) Lord John R., † 2. Februar 1970 in Penrhyndendraeth (Wales). - Nach dem frühen Tod seiner progressiv-liberal gesinnten Eltern kommt B.R. im Alter von 3 Jahren zu den Eltern seines Vaters, die sich hinfort um seine Erziehung kümmern. Seine Großmutter, eine politisch und religiös liberale, aber in moralischen Belangen äußerst strenge Frau, wird die für ihn bedeutungsvollste Person seiner Kindheit. 1890-94 besucht B.R. das Trinity College in Cambridge, wo er später auch als Fellow (1895-1901) und Lecturer (1910-16) tätig ist. B.R. beschäftigt sich zunächst hauptsächlich mit logisch-mathematischen Arbeiten und veröffentlicht schließlich zusammen mit A. N. Whitehead die »Principia mathematica«, eines der wichtigsten Werke der modernen Logik. Sind es in der mathematischen Logik der Aufweis von Antinomien in der Mengenlehre G. Freges (welche durch Selbstanwendungen entstehen) und ihre Vermeidung durch einen »typentheoretischen« Aufbau (durch welchen Selbstanwendungen ausgeschaltet werden), so ist es in der Theorie der Erkenntnis die »Philosophie des logischen Atomismus« (der Versuch, komplexe »molekulare« Aussagen auf einfache »atomare« zurückzuführen und nur für die letzteren Tatsachen zugrundezulegen), die die philosophische Diskussion nachhaltig bestimmen. Sein enormes Arbeitspensum verhindert indessen keineswegs sein politisches Engagement: er hat Kontakt zu führenden Sozialisten (wie etwa S. Webb und B. Shaw), setzt sich für das Frauenstimmrecht ein und ist ein vehementer Gegner des 1. Weltkrieges. Sein unbeugsames Eintreten für seine Überzeugungen führt zu seiner Entlassung und 1918 sogar zu einer Gefängnisstrafe. B.R.s Grundhaltung ist pazifistisch, gleichwohl lehnt er den Krieg gegen die Nazis als letztes verbleibendes Mittel nicht ab. Zwischen den Weltkriegen unternimmt B.R. zahlreiche Studien- und Vortragsreisen, so in die Sowjetunion und nach China. Neben den daraus resultierenden gesellschaftlich-politischen Arbeiten verfaßt B.R. auch Schriften, in denen er seine Auffassungen zur Religion (z.B. in »Warum ich kein Christ bin«, 1927) und zur Pädagogik (z.B. »On Education«, 1926) zum Ausdruck bringt - um die letzteren in die Praxis umzusetzen, gründet er 1931 die Beacon Hill School, - ein Schulversuch, der trotz seines Scheiterns einen großem Einfluß hatte. 1944 wird er erneut Fellow am Trinity College. 1950 erhält er den Nobelpreis für Literatur und heiratet 1952 - achzigjährig - zum vierten Mal. Er setzt sich für ein Atomwaffenverbot und den Frieden ein, er ist (Mit-)Begründer der »Campaign for Nuclear Disarmament« (1958), des »Committee of 100« (1960), der »B.R. Peace Foundation« und »Atlantic Peace Foundation« (1963). Zusammen mit J. P. Sartre veranstaltet er 1967 in Stockholm ein »Vietnam-Tribunal«, das - auf der gleichen rechtlichen Grundlage wie die Nürnberger Prozesse - über die den Amerikanern zur Last gelegten Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg entscheiden soll. Bis zuletzt ist B.R. in theoretischer und politisch-praktischer Hinsicht aktiv. Er stirbt im Alter von 97 Jahren am 2. Februar 1970 in Penrhyndendraeth (Wales). - »Drei einfache, doch übermächtige Leidenschaften haben mein Leben bestimmt« schreibt R. in seiner Autobiographie, deren drei Bände auch wichtige Aufschlüsse über berühmte Zeitgenossen geben, »das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und ein unerträgliches Mitgefühl für die Leiden der Menschheit.« In seinen zwischenmenschlichen Beziehungen von vielen Enttäuschungen getroffen, war (und ist) B.R. ein vielgelesener und hochgeachteter Autor; die meisten seiner Werke, die ein großes Interessenspektrum (von der Mathematik und Logik, über Philosophie, Religion, Pädagogik, Politik, bis hin zu einigen belletristischen Arbeiten) abdecken, liegen in deutscher, französischer und spanischer Übersetzung vor. Seinen großen Erfolg als Autor verdankt B.R. nicht zuletzt seiner Sprache, die auch da einfach bleibt, wo der Gegenstand der Abhandlung äußerst kompliziert ist. Neben seinem Kollegen G. E. Moore und seinem Schüler L. Wittgenstein hat B.R. die angelsächsische Philosophie in eine »analytische« Richtung gelenkt und nachhaltig beeinflußt. Als politische Verantwortung tragender Bürger war B.R. sein Leben lang ein für viele unbequemer, aber nichtsdestoweniger vorbildhafter Zeitgenosse.
Werke: The Logic of Geometry, in: Mind, V, 1896, 1-23; German Social Democracy, 1896; An Essay on the Foundations of Geometry, 1897; A Critical Exposition of the Philosophy of Leibniz, 1900 (19372); On the Notion of Order, in: Mind, X, 1901, 30-51; The Principles of Mathematics, 1903(19648); The Free Man's Worship, in: The Independent Review, I, 1903, 415-424; Meinong's Theory of Complexes and Assumptions, in: Mind, XIII, 1904, 204-219, 336-354, 509-524; On Denoting, in: Mind, XIV, 1905, 479-493; The Nature of Truth, in: Mind, XV, 1906, 528-533; Mathematical Logic as Based on the Theory of Type, in: American Journal of Mathematics, 30, 1908, 113-121; Philosophical Essays, 1910 (1966); (zus. mit A.N. Whitehead), Principia mathematica, 3 Bde., 1910-1915 (m. neuer Einl. 1925/272); Problems of Philosophy, 1912 (19662); Knowledge by Aquaintance and Knowledge by Description in: Proceedings Aristotelian Society, XI, 1910/11, 108-128; The Philosophy of Bergson, 1914; Our Knowledge of the External World, 1914; War, the Offspring of Fear, 1915; Justice in War-Time, 1916; Principles of Social Reconstruction, 1916 (19202); Political Ideals, 1917 (19633); Roads to Freedom, 1918; Philosophy of Logical Atomism, in: Monist, 28, 1918, 495-527; Mysticism and Logic and Other Essays, 1918; Introduction to Mathematical Philosophy, 1919; The Practice and Theory of Bolshevism, 1920 (19492); The Meaning of Meaning, in: Mind, XXIX, 1920, 398-404; The Analysis of Mind, 1921; The Problem of China, 1922; Free Thought and Official Propaganda, 1922; (m. Dora Russell), The Prospects of Industrial Civilization, 1923; The ABC of Atoms, 1923; Logical Atomism, in: Contemporary Brit. Philos., I, 1924, 356-383; How to be Free and Happy, 1924; Icarus or the Future of Science, 1924; The ABC of Relativity, 1925; What I Believe, 1925; On Education, 1926; Selected Papers of B.R., 1927; An Outline of Philosophy, 1927; The Analysis of Matter, 1927 (19653); Why I am not a Christian, 1927; Sceptical Essays, 1928; Marriage and Morals, 1929; The Conquest of Happiness, 1930; Has Religion Made Useful Contributions to Civilization?, 1930; The Scientific Outlook, 1931; Education and the Social Order, 1932; Freedom and Organisation 1814-1914, 1934; In Praise of Idleness and Other Essays, 1935; Religion and Science, 1935; Which Way to Peace?, 1936; Determinism and Physics, 1936; (m. Patricia Russell), The Amberley Papers, 1937; Power: A New Social Analysis, 1938; An Inquiry into Meaning and Truth, 1940; My Mental Development, in: Schilpp, Paul Arthur, ed., The Philosophy of B.R., 1944 (19714); A History of Western Philosophy, 1945; Human Knowledge: Its Scope and Limits, 1948; Authority and the Individual, 1949; Unpopular Essays, 1950; The Impact of Science on Society, 1951; New Hopes for a Changing World, 1951; The Wit and Wisdom of B.R., (ed. L. Denonn), 1952; The Good Citizen's Alphabet, 1953; Satan in the Suburbs, 1953; Nightmares of Eminent Persons, 1954; Human Society in Ethics and Politics, 1954; Logic and Knowledge, (ed. R. C. Marsh), 1956 (19684); Portraits from Memory, 1956; Understanding History, 1957; Vital Letters of R., Krushchev, Dulles, 1958; B.R.'s Best, ed. R. Wegner, 1958; Common Sense and Nuclear Warfare, 1959; My Philosophical Development, 1959 (19693); Wisdom of the West, ed. P. Foulkes, 1959; B.R. Speaks His Mind, 1960; Fact and Fiction, 1961; Has Man a Future?, 1961; The Basic Writings of B.R., ed. R. Egner / L. Denonn, 1961; Unarmed Victory, 1963; On the Philosophy of Science, ed. C. Fritz, 1965; War Crimes in Vietnam, 1967; The Art of Philosophizing, 1968; Autobiography, 3 Bde., 1967-69; Dear B.R., ed. B. Feinberg / R. Kasrils, 1969; The Collected Stories of B.R., ed. B. Feinberg, 1972; Atheism, Collected Essays, 1943-1949, (The Atheist Viewpoint Series), 1972; Essays in Analysis by B.R., ed. D. Lackey, 1973; The collected papers of B.R., Bd.1, Cambridge Essays, 1888-1899, 1983; The collected papers of B.R., Bd.12, Contemplation & Action, 1985; - Grundlagen für eine soziale Umgestaltung, 1921; Wege zur Freiheit, 1922 (19732); Einführung in die mathematische Philosophie, 1923 (1975); ABC der Atome, 1925; China und das Problem des fernen Ostens, 1925; Probleme der Philosophie, 1926 (198411); Unser Wissen von der Außenwelt, 1926; Die Analyse des Geistes, 1927; Das ABC der Relativitätstheorie, 1928 (19892); Ewige Ziele der Erziehung, 1928; Philosophie der Materie, 1929; Ehe und Moral, 1930 (1984); Mensch und Welt, 1930; Wissen und Wahn, 1930; Einführung in die mathematische Logik, 1932; Warum ich kein Christ bin, 1932 (1974); Macht. Eine sozialhistorische Studie, 1947 (1973); Freiheit und Organisation 1814-1914, 1948; Philosophie des Abendlandes, 1950 (19885); Unpopuläre Betrachtungen, 1951 (19733); Das menschliche Wissen, 1952; Mystik und Logik. Philosophische Essays, 1952; Neue Hoffnung für unsere Welt. Wege in eine bessere Zukunft, 1952; Satan in den Vorstädten, 1953 (Tb. 1983); Dennoch siegt die Vernunft. Der Mensch im Kampf um sein Glück, 1956; Lob des Müßiggangs, 1957 (1989); Vernunft und Atomkrieg, 1959; Die wissenschaftliche Gesellschaft, 1962; Hat der Mensch noch eine Zukunft?, 1963; Autobiographie, 1967-72 (Bd. 1 zunächst u. d. T. »Mein Leben«); Denker des Abendlandes, 1970 (19752); Philosophische und politische Aufsätze, hrsg. U. Steinvorth, 1971; Philosophie, Die Entwicklung meines Denkens, hrsg. E. Bubser, 1973; Erziehung ohne Dogma, 1974; B.R. sagt seine Meinung, 1976; Eroberung des Glücks, 1977; Die Philosophie des Logischen Atomismus, Aufsätze zur Logik und Erkenntnistheorie 1908-1918, hrsg. J. Sinnreich, 1979; (zus. mit A. N. Whitehead), Principia Mathematica, 1984; Sieg ohne Waffen, 1986; Die Praxis und Theorie des Bolschewismus, 1987; Politische Ideale, 1989; W. Martini, B.R., A Bibliography of His Writings 1895-1976, 1981; W. Totok, Handbuch der Geschichte der Philosophie, Bd. 6, 430-450.
Lit.: Paul A. Schilpp, The Philosophy of B.R., 1946 (rev. ed. 19714); - O. Urmson, Philosophical Analysis: Its Development between the Two World Wars 1956; - Wood, B.R., The Passionate Sceptic, 1957; - Loeser, Kritik des Subjektivismus in den ethischen Anschauungen B.R.s, (Diss. Berlin), 1962; - L. W. Aiken, B.R.'s Philosophy of Morals, 1963; - G. W. Ittel, Lucretius redivivus? Eine Auseinandersetzung mit B.R.s Auffassung über den Ursprung der Religion, in: Zeitschr. für Religion und Zeitgeschichte, 17, 1965, 43-62; - D. F. Pears, B.R. and the British Tradition in Philosophy, 1967; - ders. (Ed.), B.R. (1972); - Ralph Schoenman (Ed.), B.R., Philosopher of the Century, 1967; - E. D. Klemke (Ed.), Essays on B.R., 1970; - John Watling, B.R., 1970; - A. J. Ayer, R., 1972, (Pb 1988); - ders., R. & Moore: The Analytical Heritage, 1971; - Ronald Jager, The Development of B.R.'s Philosophy, 1972; - A. Milet, Science et athéisme chez B.R., in: Foi et le temps, 3, 1973, 510-528; - J. Pitt, R. on Religion, in: Intern. Journ. for Philos. of Rel., 6, 1975, 40-53; - Kate Tait, My Father B.R., 1975; - R. W. Clark, The Life of B.R., 1975, (Pb 1990); - Godfrey H. Hardy, B.R. & Trinity: A College Controversy of the Last War, 1977 (Repr. of 1942); - I. Grattan-Guinness, ed., Dear Russell-Dear Jourdain, 1977; - George W. Roberts (Ed.), B.R. Memorial Volume, 1979; - Richard Mark Sainsbury, R., 1979; - Jo Vellacott, B.R. & the Pacifists in the First World War, 1981; - Barry Feinberg / Ronald Kasrils, B.R.'s America: 1945-1970, 1983; - M. C. Grant, B.R., Dogmatic Atheist, in: Studies in Religion, 12, 1983, 71-83; - Mary L. Jackson, Style & Rhetoric in B.R.'s Work, 1983; - D. D. Bandishte, A Study of the Ethics of B.R., 1984; - L. Nathan Oaklander, Temporal Relations & Temporal Becoming: A Defense of a R.ian Theory of Time, 1984; - Brian Hendley, Dewey Russell Whitehead: Philosophers as Educators, 1985; - C. W. Kilmister, R., 1985; - K. Blackwell, The Spinozistic Ethics of B.R., 1985; - Samuel Meyer, ed., Dewey & R.: An Exchange, 1985; - Paul G. Kuntz, B.R., 1986; - Alan Ryan, B.R.: A Political Life, 1988; - Andrew Brink, B.R.: A Psychobiography of a Moralist, 1989; - C. Wade Savage / C. Anthony Anderson, ed., Rereading R.: Essays on B.R.'s Metaphysics & Epistemology, 1989; - Peter Hylton, R. Idealism and the Emergence of Analytic Philosophy, 1990.
Helmut Linneweber-Lammerskitten
Werkeergänzung:
2005
Eroberung d. Glücks. Aus d. Engl. von Magda Kahn. Frankfurt/M. 2005; Philos. d. Abendlandes. Köln 2007;
2008
Unpopuläre Betrachtungen. Gelesen von Norbert Hülm. Daun 2008. 1 CD;
2009
Formen der Macht. Aus d. Engl. von Stephan Hermlin. Köln 2009.
Literaturergänzung:
2002
Sébastien Gandon, Logique et langage. Études sur le premier Wittgenstein. Paris 2002; - Jean-Claude Dumoncel, La tradition de la mathesis universalis. Platon, Leibniz, Russell. Paris 2002; -
2005
Elena Tatievskaia, D. Begriff d. logischen Form in d. analyt. Philos. R. in Auseinanders. mit Frege, Meinong u. Wittgenstein. Frankfurt a.M. 2005; - On denoting. 1905-2005. Bernard Linsky ; Guido Imaguire (Ed.). München 2005; - Jarmo Pulkkinen, Thought and logic. The debates between German-speaking philosophers and symbolic logicians at the turn of the 20th century. Frankfurt a.M. 2005; -
2006
Esther Ramharter ; Georg Rieckh, Die Principia mathematica auf d. Punkt gebracht. Wien 2006; - Achim von Borries, Rebell wider d. Krieg, B.R. 1914-1918. Nettersheim 2006; -
2007
Gerhard Wilczek, Bedeutende Naturwissenschaftler u. Philosophen unserer Zeit. Umbruch im Denken: Werner Heisenberg, Albert Einstein, B.R. Norderstedt 2007; -
2008
Christopher H. Toner, Catastrophe and eucatastrophe. Russell and Tolkien on the true form of fiction, in: NewBl 89.2008, S. 77-87; - Erik J. Wielenberg, God and the reach of reason. C.S. Lewis, David Hume, and Bertrand Russell. Cambridge 2008; -
2009
Graham Oppy, What the problem with R. isn't, in: NewBl 90.2009, S. 680-686; - Gregory Landini, Wittgenstein's apprenticeship with Russell. Cambridge 2007;- Michael D. Potter, Wittgenstein's notes on logic. Oxford 2009.
Letzte Änderung: 17.01.2010