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Band VIII (1994)Spalten 1403-1408 Autor: Daniel Heinz

SATTLER, Michael, süddtsch. Täuferführer, Pazifist und Märtyrer; geistiger Urheber bzw. Verfasser (?) des Schleitheimer Täuferbekenntnisses von 1527; * zwischen 1490 u. 1500 in Staufen (Breisgau), † 20./21.5. 1527 bei Rottenburg/Neckar. - Gesicherte biographische Angaben über S. sind spärlich. Er war Benediktinernmönch im Kloster St. Peter im Schwarzwald und scheint dort sogar als Prior tätig gewesen zu sein. Der Zeitpunkt seines Eintritts in das Kloster bleibt unbestimmt; ebenso unklar bleiben der Zeitpunkt und die genauen Gründe für den Austritt aus dem Benediktinerorden. S. scheint mit den biblischen Grundsprachen vertraut gewesen zu sein, verfügte also bis zu einem gewissen Grad über eine humanistische Bildung, von der wir aber wiederum nicht wissen, wo er sie erworben hat. Möglicherweise erhielt er im Kloster eine fundierte theologische Ausbildung. In den Matrikeln der nahegelegenen Freiburger Universität ist sein Name nicht zu finden. Es ist auch denkbar, daß S. im Kloster bereits mit reformatorischem Gedankengut in Berührung gekommen war, jedenfalls widmete er sich dort der Lektüre der paulinischen Schriften. Seine Kritik am Klosterleben richtete sich in erster Linie gegen das unsittliche und korrupte Gebaren der Mönche. - Nach Verlassen des Klosters verheiratete er sich mit einer Begine. Im Nov. 1525 hielt sich S. zusammen mit Konrad Grebel, Felix Mantz und Jörg Blaurock in Zürich auf, wo zu diesem Zeitpunkt die dritte Disputation zwischen Zwingli und den Täuferführern stattfand. Grebel, Mantz und Blaurock wurden daraufhin zu unbefristeter Gefängnishaft verurteilt, während S. gegen Schwur der Urfehde die Stadt verlassen mußte. Wann er sich der Täuferbewegung endgültig anschloß, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Nach K. Deppermann und H. Fast ist es jedoch wahrscheinlich, daß sich S. bereits im Sommer 1525, jedenfalls noch vor seiner Ausweisung im Nov. 1525 aus Zürich taufen ließ. - Im Sommer 1526 missionierte S. in der Nähe von Bülach, nördlich von Zürich und tauchte gegen Jahresende in Straßburg auf, wo er trotz offenkundiger Meinungsunterschiede freundschaftlichen Umgang mit den Reformatoren Capito und Bucer pflegte und höchstwahrscheinlich auch mit Hans Denck zusammentraf, der neben S. und B. Hubmaier zu den einflußreichsten Gestalten des süddtsch. Täufertums zählte. Der strenge Biblizismus S.s, der charakteristisch war für das Zürcher Täufertum, dürfte beim undogmatisch-spiritualistisch eingestellten Denck auf Ablehnung gestoßen sein. Die kompromißlose Haltung der Täufer gegenüber Obrigkeit und Wehrdienst führte schließlich zu ihrer Ausweisung aus Straßburg. S., der Straßburg freiwillig verlassen hatte, wirkte anschließend in Lahr (Baden), wo er mit dem Ortspfarrer J. Ottelinus in Streit geriet. - Im Febr. 1527 trafen sich S. und seine Gesinnungsgenossen in Schleitheim bei Schaffhausen, um - nachdem die Bauernunruhen endgültig gescheitert waren - über den weiteren Kurs der Täuferbewegung zu beraten. Als Vorsitzender dieser ersten Täufersynode versuchte der Pazifist S. - ähnlich wie Dirk Philips und Menno Simons in Holland und Norddeutschland - die Täuferbewegung auf dem Weg der »Absonderung« neu zu konsolidieren. Im Gegensatz zu einer sozialpolitischen Umwandlung der Gesellschaft und in Ablehnung jeglicher Vormundschaft durch den Staat sollte die wahre Kirche eine Gemeinschaft der Heiligen darstellen. Der revolutionäre Kurs bedeutete für S. einen Verrat an den ursprünglichen Idealen des Täufertums; ebenso verwarf er die spiritualistische Richtung, die schwärmerisch zwischen dem »inneren« und »äußeren« Wort unterschied. Stattdessen entwarfen S. und seine Mitbrüder eine Glaubensregel, die »Brüderliche Vereynigung (= Vereinbarung) etzlicher Kinder Gottes/siben Artickel betreffend«, die als Gemeinde - und Lebensordnung für die »Schweizer Brüder« und für die Mehrzahl der Täufer im süddtsch. Raum verpflichtend wurde. Die Schleitheimer Artikel stellen somit die älteste Bekenntnisschrift des Täufertums dar, ja sie können als Gründungsurkunde des protestantischen Freikirchentums schlechthin gesehen werden. Anstelle der protestantischen Grundlehren, in denen sich die Täufer mit den Reformatoren mehr oder weniger einig sahen, erwähnen die Arikel lediglich jene strittigen Lehrpunkte, in denen Reformation und Täufertum voneinander abweichen: Kirche und Obrigkeit. Hervorgehoben werden Gewaltlosigkeit und konfessionelle Toleranz, wodurch die Täufer zu den Wegbereitern der staatlichen Glaubens- und Gewissensfreiheit und des Pazifismus in Europa wurden. - Von Schleitheim scheint S. auf Einladung W. Reublins direkt nach Württemberg gereist zu sein, wo er in Horb am Neckar auf dem Boden des habsburgischen Vorderösterreich die dort ansässige Täufergemeinde betreuen sollte. Doch S. wurde bald nach Ankunft in Horb von den österr. Behörden verhaftet und zusammen mit seiner Frau Margaretha in den Turm des nahegelegenen Binsdorf gesperrt. Der Prozeß begann am 17. Mai 1527 und endete nach zwei Tagen mit S.s Todesurteil, das wegen der ungewöhnlich grausamen Vollstreckung großes Aufsehen erregte. Auf dem Rottenburger Marktplatz wurde ihm ein Stück der Zunge herausgerissen. Anschließend wurde er auf einen Karren geschmiedet und sein Körper in Abständen von glühenden Zangen zerrissen. Am Richtplatz außerhalb der Stadt wurde er an einer Leiter gebunden »wie ein Ketzer zu Pulver verbrannt.« S. ertrug bis zuletzt standhaft die Todesqualen und legte noch für seine Peiniger Fürbitte ein. Als er verbrannt wurde, hob er, wie vereinbart, zwei Finger seiner Hand zum Zeichen des Abschieds und seiner unverbrüchlichen Treue zu Gott. Seine ebenso standhafte Frau wurde im Neckar ertränkt. - S. gehört zu den prägendsten Gestalten des frühen Täufertums. Sein Glaubensmut als Märtyrer macht ihn zu einem der leuchtendsten Zeugen in der Christusnachfolge. Als geistiger Vater bzw. Verfasser (?) der Schleitheimer Artikel verlieh er der zwischen Revolution und Resignation schwankenden Bewegung eine neue ekklesiologische Grundlage. Taufe, Bann, Eidesverweigerung, Gewaltlosigkeit und apokalyptische Naherwartung wurden zum Zeichen der Absonderung von der Welt und Ausdruck einer wahren brüderlichen Gemeinschaft vor Gott. Gemeinde und Welt lassen sich nach S.s Theologie nicht miteinander vereinbaren. Doch stößt gerade die von S. so radikal geforderte Isolierung der Gemeinde von der bestehenden Gesellschaft auf Kritik, die bis hin zum Vorwurf des Legalismus reicht, wenngleich damit der große Schritt zur Freikirche getan wurde.

Werke: Die Geschichts-Bücher d. Wiedertäufer in Österr.-Ungarn v. 1526-1787, hrsg. v. J. Beck, Wien 1883; R. Wolkan, Geschichtsbuch d. Hutterischen Brüder, Wien 1923; Quellen zur Gesch. d. Wiedertäufer: Herzogtum Württemberg, hrsg. v. G. Bossert, Leipzig 1930; Quellen zur Gesch. d. Wiedertäufer: Glaubenszeugnisse oberdeutscher Taufgesinnter, Bd. 1, hrsg. v. L. Müller, Leipzig 1938; A. J. F. Zieglschmid (Hrsg.), Die älteste Chronik d. Hutterischen Brüder, Philadelphia 1943; Spiritual and Anabapt. Writers, hrsg. v. G. H. Williams u. A. M. Mergal, Philadelphia 1957; Quellen zur Gesch. d. Täufer: Elsaß, 1. Teil, hrsg. v. M. Krebs u. H. G. Rott, Gütersloh 1959; Flugschriften aus den ersten Jahren d. Reform., Bd. 2, hrsg. v. O. Clemen u. W. Köhler, Nieuwkoop 1967; Quellen zur Gesch. d. Täufer i. d. Schweiz: Ostschweiz, Bd. 2, hrsg. v. H. Fast, Zürich 1973; The Legacy of M. S., hrsg. v. J. H. Yoder, Scottdale, Pa. 1973.

Lit.: K. v. Graveneck, Ayn newes wunderbarlichs geschicht von M. S. zu Rottenburg am Necker, sampt andern 9. manner, seiner lere und glaubens halben verbrannt, unnd 10. weybern ertrenckt, o. O., 1527; - G. Bossert, Das Blutgericht in Rottenburg/Neckar, in: Christl. Welt 5, 1891, 501-506; 525-29; - R. Wolkan, Die Lieder d. Wiedertäufer, Berlin 1903; - F. Spitta, M. S. als Dichter, in: ZKG 35, 1914, 393-402; - F. Blanke, Beobachtungen z. ältesten Täuferbekenntnis, in: ARG 37, 1940, 242-249; - W. Pletscher, Wo entstand das Bekenntnis v. 1527? in: Menn. Geschichtsblätter 5, 1940; - R. Friedmann, The Schleitheim Conf. and other Doctr. Writings of the Swiss Brethr. in a hitherto unknown Edition, in: Mennonite Quarterly Review l6, 1942, 82-89; - J. C. Wenger, The Schleitheim Conf. of Faith, in: Mennonite Quarterly Review 19, 1945, 243-253; - B. Jenny, Das Schleitheimer Täuferbekenntnis 1527, Thayngen 1951; - Dies., Das Schleitheimer Täuferbekenntnis, 1527, in: Schaffhauser Beitr. zur Vaterl. Gesch. 28, 1951, 5-81 ; - G. Bossert, M. S.s Trial and Martyrdom, in: Mennonite Quarterly Review 25, 1951, 201-218; - W. Wiswedel, Bilder u. Führergest. aus d. Täufertum, Bd. 3, Kassel 1952, 9-23; - R. Friedmann, The Oldest Church Discipline of the Anabapt., in: Mennonite Quarterly Review 29, 1955, 162-166; - H. Quiring, Das Schleitheimer Täuferbekenntnis von 1527, in: Menn. Geschichtsblätter 15, 1957, 34-40; - M. Augsburger, M. S., d. 1527. Theologian of the Swiss Brethren Movement (Diss. Union Theol. Sem. Richmond), 1964; - H. Stricker, M. S. als Verfasser d. Schleitheimer Art., in: Menn. Geschichtsblätter 21, 1964, 15-18; - H. W. Meihuizen, Who were the False Brethren mentioned in the Schleitheim Art.? in: Mennonite Quarterly Review 41, 1967, 200-222; - J. H. Yoder, Der Kristallisationspunkt d. Täufertums, in: Menn. Geschichtsblätter 29, 1972, 35-47; - K. Deppermann, Die Straßburger Reformatoren u. die Krise d. oberdtsch. Täufert. im Jahre 1527, in: Menn. Geschichtsblätter 30, 1973, 24-41; - H. W. Meihuizen, J. A. Oosterbaan u. H. B. Kossen, Broederlijke Vereniging, Amsterdam 1974; - J. Séguy, S. et Loyola: Ou deux Formes de Radicalisme Rel. au XVle Siècle, in: The Origins and Characteristics of Anabapt., hrsg. v. M. Lienhard, Den Haag 1977; - R. Stauffer, Zwingli et Calvin: Critiques de la Conf. de Schleitheim, in: The Origins and Characteristics of Anabapt., hrsg. v. M. Lienhard, Den Haag 1977; - C. A. Snyder, The Life of M. S. Reconsidered, in: Mennonite Quarterly Review 53, 1978, 328-332; - M. Haas, M. S.: Auf dem Weg in die täuf. Absonderung, in: Radik. Reformatoren, hrsg. v. H.-J. Goertz, München 1978, 115-124; - L. Harder, Zwingli's React. to the Schleitheim Conf. of Faith of the Anabapt., in: Sixteenth Century Journ. 11, 1980, 51-66; - C. A. Snyder, Rottenburg Revisited: New Evidence concern. the Trial of M. S., in: Menonnite Quarterly Review 54, 1980, 208-229; - Ders., Rev. and the Swiss Brethren: The Case of M. S., in: Church Hist. 50, 1981, 276-287; - Ders., The Life and Thought of M. S., Scottdale, Pa.-Kitchener, Ont. 1984; - Ders., The Schleitheim Art. in Light of the Rev. of the Common Man: Continuation or Departure? in: Sixteenth Century Journ. 16, 1985, 419-430; - J. W. Miller, Schleitheim Pacifism and Modernity, in: Conrad Grebel Review 3, 1985, 155-163; - H. Fast, M. S.s Baptism, in: Mennonite Quarterly Review 60, 1986, 364-373; - D. D. Martin, Monks, Mendicants and Anabapt.: M. S. and the Benedictines Reconsidered, in: Mennonite Quarterly Review 60, 1986, 139-164; - K. Deppermann, M. S., in: Menn. Geschichtsblätter 47/48, 1990/91, 8-23; - Ders., Prot. Profile v. Luther bis Francke, Göttingen 1992; - G. H. Williams, The Radical Reform., Kirksville, Miss. 19923; - H.-J. Goertz, Rel. Bewegungen in d. Frühen Neuzeit, München 1993; - RE XVII3 (G. Bossert), 492-494; - MennLex IV (G. Bossert jun./G. Hein), 29-38; - MennEnc IV, 427-434; V (1990), 794-795, 797-798; - RGG V3, 1375.

Daniel Heinz

Literaturergänzung:

Das Schleitheimer Bekenntnis 1527. Einl., Faksimile, Übers. u. Komm. Hrsg. von Urs B. Leu u. Christian Scheidegger. Zug 2004.

Letzte Änderung: 08.12.2005