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Band VIII (1994)Spalten 1419-1422 Autor: Karl Hausberger

SAUER, Joseph, bedeutender Archäologe und Kunsthistoriker, * 7.6. 1872 in Unzhurst (Baden), † 13.4. 1949 in Freiburg im Breisgau. - Seine humanistische Ausbildung erhielt S. nach vorbereitendem Unterricht durch den Heimatpfarrer an der Lenderschen Lehranstalt in Sasbach und am Gymnasium zu Rastatt, das er im Sommer 1891 mit glänzendem Reifezeugnis verließ. Anschließend studierte er Philosophie und Theologie an der Universität Freiburg im Breisgau und beschäftigte sich nebenher nicht nur mit klassischer Philologie, historischen Hilfswissenschaften und neuerer Geschichte, sondern auch mit Sanskrit und Keilschrift. Einen ihn aufs nachhaltigste prägenden Lehrer und väterlichen Freund fand er in diesen Jahren im Kirchenhistoriker und Archäologen Franz Xaver Kraus, an dessen universalem Wissen, kritischem Scharfblick und weltoffener, von unbedingter Liebe zur Wahrhaftigkeit durchtränkter Katholizität er seine Begabung schulte und Leitlinien für die eigene wissenschaftliche Richtung und Geisteshaltung fand. Nach der Priesterweihe am 5.6. 1898 und kurzer pastoraler Tätigkeit als Vikar in Sasbach wurde S. zum Studium der Archäologie in Rom beurlaubt und promovierte am 10.11. 1900 in Freiburg mit einer von Kraus angeregten Studie über die Symbolik der mittelalterlichen Kirchenbaukunst zum Dr. theol. Dank eines gleichfalls von Kraus vermittelten Stipendiums der Kaiserlichen Kommission für Archäologie in Berlin konnte er noch im selben Jahr eine ausgedehnte Forschungsreise durch Frankreich und Italien antreten, der sich ab Herbst 1901 ein zweiter Studienurlaub in Rom anschloß. S.s akademische Laufbahn im Staatsdienst, beginnend mit der Habilitation für Kirchengeschichte in Freiburg am 11.11. 1902 und der Ernennung zum Privatdozenten, ist rasch skizziert: Am 16.6. 1905 erhielt er den Titel eines außerordentlichen Professors für Kirchengeschichte, 1911 erfuhr sein Lehrauftrag eine Umwandlung in den für christliche Archäologie und Kunstgeschichte, auf dessen Basis er am 1.10. 1912 als etatmäßiger außerordentlicher Professor Inhaber des von Kraus gestifteten Lehrstuhls wurde, und am 14.11. 1916 übertrug man ihm das Ordinariat für Patrologie, christliche Archäologie und Kunstgeschichte, das er bis zu seiner Emeritierung (1940) innehatte und dann bis zu seinem Tod als Emeritus vertrat. Wiederholt bekleidete S. das Amt des Dekans der Theologischen Fakultät (1921/22, 1931/32) und des Rektors der Freiburger Universität (1926/27, 1932/33), welch letztere ihm 1947 zum 70. Geburtstag den Dr. phil. h. c. verlieh. Kirchlicherseits würdigte man seine vielfältigen Verdienste, vor allem im Rahmen der 1909 übernommenen Funktion eines Konservators der kirchlichen Kunstdenkmäler Badens, mit der Ernennung zum Päpstlichen Hausprälaten (1933). - Alle Forschungsarbeiten S.s verraten profunde, das gesamte Gebiet der christlichen Kunst umfassende Kenntnisse, so bereits sein bis heute gültiges Erstlingswerk über die Symbolik des mittelalterlichen Kirchenbaus und die sich daran anschließende Darstellung der italienischen Renaissance, mit der er die »Geschichte der christlichen Kunst« aus der Feder seines Lehrers Kraus in kongenialer Weise vollendet hat. Zu diesen großangelegten Untersuchungen gesellten sich nachmals zahlreiche ikonographische Arbeiten zur altchristlichen Kunst und eine schier unüberschaubare Fülle von Beiträgen zur Kunstgeschichte des Oberrheins, welch letztere hauptsächlich seiner langjährigen Tätigkeit als Konservator sowie als Vorsitzender verschiedener heimatgeschichtlicher und volkskundlicher Vereine ihre Entstehung verdankten. Seit den späten zwanziger Jahren, nach wiederholten Reisen in den Vorderen Orient, wuchs S. weit über die Probleme der heimatlichen Kirchen- und Kunstgeschichte hinaus und bezog nun verstärkt den christlichen Osten in seine Forschung ein. Erst in jüngster Zeit, namentlich durch die Studien von Thomas Michael Loome (siehe Lit.), ist S.s Rolle als Kolporteur »reformkatholischer« und »modernistischer« Ideen deutlicher ans Licht getreten. Er hat nicht nur seinen Lehrer Kraus mit Wort und Schrift gegen die Anwürfe integralistischer Kreise verteidigt, sondern unterhielt in den Jahren der sogenannten Modernismuskrise auch eine überaus rege Korrespondenz mit Henry Bremond, Albert Ehrhard, Friedrich von Hügel, Alfred Loisy, George Tyrrell und anderen, war ganz offensichtlich auch ein von diesen sehr geschätzter Gesprächspartner und machte es sich zur Aufgabe, für den »modernistischen« Standpunkt in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften anonym zu werben und ihn zu verteidigen. Daß er als nachgewiesenermaßen bedeutendes Verbindungsglied zwischen »Reformkatholizismus« und »Modernismus« trotzdem vor kirchlichen Beanstandungen bewahrt blieb, verdankte er offenbar zu einem Gutteil seiner auf Vorsicht bedachten Klugheit, aber wohl auch einer geistigen Überlegenheit, die keine Ansatzpunkte für kleinliche Kritik bot.

Werke: Die Symbolik des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Auffassung des Mittelalters, 1902, 19242; Franz Xaver Kraus, Geschichte der christlichen Kunst, Bd. II/2, hrsg. und fortges. v. J. S., 1908; Reformation und Kunst im Bereich des heutigen Baden, in: FreibDiözArch 19, 1919, 323-506; Dantes Bedeutung für die Kunst (= 2. Vereinsschrift der Görresgesellschaft für 1921), 1921; Die altchristliche Elfenbeinplastik (= Bibliothek der Kunstgeschichte 38), 1922; Neues Licht auf dem Gebiet der christlichen Archäologie. Rede in der Freiburger Wissenschaftlichen Gesellschaft, 1925; Wesen und Wollen der christlichen Kunst. Rektoratsrede, 1926; Alt-Freiburg, 1928; Der Nordafrikanische Kirchenbau im Zeitalter Augustins, in: Martin Grabmann / Joseph Mausbach (Hrsg.), Aurelius Augustinus. Festschrift der Görresgesellschaft zum 1500. Jubiläum des Todestages Augustins, 1930, 243-300; Orient und christliche Kunst. Rektoratsrede 1933; Die kirchliche Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Baden, 1933. - Eine bis 1941 reichende und mit Einschluß der Rezensionen an die 240 Titel umfassende Bibliographie bietet Ludwig Mohler, Verzeichnis der Schriften J. S.s, dargeboten von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau zu seinem 70. Geburtstag, 1942.

Lit.: Arthur Allgeier, Prälat J. S., in: FreibDiözArch 69, 1949, 7-14 (mit Abb.); - Ders., J. S., in: ZGORh 97, 1949/50, 656-658; - Otto Biehler, Prälat J. S. in memoriam, in: Baden. Monographie einer Landschaft 1, 1949, 58; - Hermann Ginter, J. S. zum Gedächtnis, in: Das Münster 2, 1949, 427-429; - Ders., J. S., in: Badische Heimat 31, 1951, 62-64 (mit Abb.); - Adolf Rösch, Bemühungen des Konservators Prof. Dr. S. um die Rettung der Kirchenglocken in zwei Weltkriegen, in: FreibDiözArch 69, 1949, 23-36; - Alfons Maria Schneider, J. S., in: HJ 62-69, 1949, 970-983; - Johannes Vincke, J. S., 1872-1949, in: Ders. (Hrsg.), Freiburger Professoren des 19. und 20. Jahrhunderts (= Beiträge zur Freiburger Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 13), 1957, 109-140; - Hubert Schiel, J. S. und Franz Xaver Kraus. Mit Briefen des Theologiestudenten S. an Kraus, in: Kurtrierisches Jahrbuch 6, 1966, 18-36; - Ders., Briefe J. S.s an Franz Xaver Kraus, in: RQ 68, 1973, 147-206; - Ders., Briefe Freiburger Theologen an Franz Xaver Kraus. Ein Beitrag zur Geschichte der Freiburger Theologischen Fakultät, III. Teil, in: FreibDiözArch 101, 1981, 140-230, hier: 204 f.; - Thomas Michael Loome, J. S. - Modernist?, in: RQ 68, 1973, 207-220; - Ders., Liberal Catholicism - Reform Catholicism - Modernism. A contribution to a new orientation in modernist research (= Tübinger Theologische Studien 14), 1979, passim, besonders 109-122, 347 f.; - Norbert Trippen, Theologie und Lehramt im Konflikt. Die kirchlichen Maßnahmen gegen den Modernismus im Jahre 1907 und ihre Auswirkungen in Deutschland, 1977, 117-121, 218; - Manfred Weitlauff, »Modernismus« als Forschungsproblem. Ein Bericht, in: ZKG 93, 1982, 312-344, hier: 332; - Erwin Gatz, Rom als Studienplatz deutscher Kleriker im 19. Jahrhundert, in: RQ 86, 1991, 160-201, hier: 179; - Kosch, KD II 4171 f.; - LThK2 IX 347.

Karl Hausberger

Literaturergänzung

1947

O. Biehler, Prälat Joseph Sauer, in: St. Konradsblatt 27 (1947), Nr. 14, 22.6.1947, 106; -

1999

Claus Arnold, Katholizismus als Kulturmacht. Der Freiburger Theologe Joseph Sauer und des Erbe des Franz Xaver Kraus (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte Reihe B Bd. 86), Paderborn 1999; -

2000

Georg Denzler, Versteckspiel als Beruf. Wie Joseph Sauer seine Kirche mit der Moderne versöhnen wollte. In: FAZ Nr. 120, 24.5.2000, 56.

Bild von Joseph Sauer

Vollständige Bibliographie Sauers

Letzte Änderung: 19.01.2009