SCHALOM BEN-CHORIN (Fritz Rosenthal), Religionsphilosoph, Schriftsteller * 20. Juli 1913 München, † 7. Mai 1999 Jerusalem. - S. kam als Fritz Rosenthal in München zur Welt und wuchs in einer gebildeten jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Mit 15 Jahren verließ er das säkular geprägte Familienhaus, lebte eine Zeit lang in einer streng jüdisch-orthodoxen Familie eines Kantors in Ungarn und schloß sich dann der zionistischen Jugendbewegung "Kadima" an. In München studierte Fritz Rosenthal Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und vergleichende Religionswissenschaften und veröffentlichte Lyrik und Essays unter dem Pseudonym Schalom Ben-Chorin (Friede Sohn der Freiheit). Nach wiederholten Verhaftungen und Misshandlungen durch die Gestapo floh er 1935 nach Palästina und ließ sich in Jerusalem nieder, wo er sein seit 1931 publizistisch verwendetes Pseudonym als bürgerlichen Namen annahm. Hier wurde ihm 1936 von seiner ersten Ehefrau Gabriella Rosenthal († 1975) ein Sohn, Tovia, geboren. In Jerusalem arbeitete S. zunächst als Schriftsteller und Journalist und war in den Jahren 1936-1941 Mitherausgeber von deutschsprachigen Anthologien jüdischer Dichter in Palästina. Während einer Vorlesung seines Lehrers und Mentors, des Religionsphilosophen Martin Buber, an der Hebräischen Universität lernte S. seine spätere zweite Ehefrau Avital, geb. Fackenheim, kennen, die ihm 1958 eine Tochter, Ariela, gebar. 1956 besuchte S. zum ersten Mal seit seiner Emigration auf Einladung der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde wieder seine alte Heimat. 1958 gründete er in Jerusalem die erste reformierte Gemeinde und Synagoge (Har El) und damit die israelische Reformbewegung. Seit den späten 50er Jahren kam S. regelmäßig zu Vorträgen und Gastvorlesungen nach Deutschland. Er wurde Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft "Juden und Christen" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (1961) und förderte den jüdisch-christlichen Dialog, u.a. auch durch die Organisation von Jugendaustauschen zwischen Deutschland und Israel. 1975 lehrte S. als Gastprofessor an der Universität Tübingen, 1980 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und später an der theologischen Hochschule der Dormition Abbey in Jerusalem. - Das schriftstellerische Werk von S. umfaßt Lyrik, Essays und Prosa. Lag sein literarischer Schwerpunkt anfangs noch in der Fiktion, wendete sich S. seit den 40er Jahren vermehrt der theoretischen Behandlung theologischer Fragen im Judentum und Christentum zu. Eines seiner großen Anliegen war, das Judentum als Wurzel des Christentums und die sich daraus ergebenden Gemeinsamkeiten und Trennlinien beider Religionen sichtbar zu machen; ein weiteres, Jesus in seiner Übereinstimmung wie in seinem Protest gegenüber der jüdischen Umwelt als Juden darzustellen. Zu den bekanntesten seiner über fünfzig Bücher gehört die Trilogie "Die Heimkehr: Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht", die in zahlreiche Sprachen übersetzt größte Verbreitung fand und S. Popularität in Deutschland begründete. - Für sein Wirken als Schriftsteller und theologischer Denker wurden S. zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen verliehen, u.a. der Leo-Baeck-Preis (1959), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1969), die Buber-Rosenzweig-Medaille (1982), das Große Bundesverdienstkreuz (1983), der Bayerische Verdienstorden (1986) und das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern (1993). 1986 wurde ihm vom Land Baden-Württemberg der Professorentitel verliehen und 1988 von der Universität München die Ehrendoktorwürde.
Werke (chronolog.): Die seltsame Gemeinde, Radolfzell a. B. 1931; Das Messiasspiel, München 1933; Die Lieder des ewigen Brunnens. Gedichte, Wien u.a. 1934; Das Mal der Sendung. Gedichte, München 1935; Kritik des Estherbuches, Jerusalem 1938; Jenseits von Orthodoxie und Liberalismus. Versuch über die jüdische Glaubenslage der Gegenwart, Tel Aviv 1939 (Frankfurt 1964, Tübingen 1991); Zur religiösen Lage in Palästina. Ein Beitrag zur religiösen Anthropologie der Gegenwart, Tel Aviv 1940; Jerusalem Black-Out, Jerusalem 1940; Die Christusfrage an den Juden, Jerusalem 1941; Das christliche Verständnis des Alten Testaments und der jüdische Einwand, Jerusalem 1941; Juden, Christen, Judenchristen, Jerusalem 1941; In dieser Zeit. Gedichte, Jerusalem 1942; Comfort ye, comfort ye, my people, Jerusalem 1943; Chamischim Schn'oth Zionuth - Max Bodenheimer, Jerusalem 1946; Nakam - David Fankfurter, Tel Aviv 1948; Die Antwort des Jona. Zum Gestaltwandel Israels. Ein geschichtstheologischer Versuch, Hamburg 1956 (1966, 1985); Juden und Christen, Berlin 1960; Im christlich-jüdischen Gespräch, Berlin 1962; Überwindung des christlichen Antisemitismus, Rothenburg o. d. T. 1962; Der unbekannte Gott, Berlin 1963; Das Judentum im Ringen der Gegenwart, Hamburg 1965; Zwiesprache mit Martin Buber. Ein Erinnerungsbuch, München 1966 (Gerlingen 1975, 1980, München 2002); Aus Tiefen rufe ich. Biblische Gedichte, Hamburg 1966; Wünschet Jerusalem Frieden. Evangelische Zeitstimmen, Hamburg 1967; Bruder Jesus. Ein Nazarener in jüdischer Sicht, München 1967 (1971, 1987, 1997, 2002); Jüdische Existenz heute, 3 Essays zum jüdisch-christlichen Dialog, Trier 1967; Das brüderliche Gespräch. Ein Beitrag zum Gespräch zwischen Juden und Christen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Trier 1967(1975, 1979); (Koautor) Jesus in Jerusalem, Wuppertal 1969; Jesus im Judentum, Wuppertal 1970; Wachsame Brüderlichkeit, Trier 1970; Das Judentum der Gegenwart, Meitingen 1970; Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht, München 1970 (1986); Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht, München 1971 (1987); Der dreidimensionale Mensch. Der Mensch in Bibel und Moderne, Trier 1971; Hear, o Israel. A Mystic Novel on Yitzhak Luria, the Lion of Safed, Jerusalem 1972; Judentum und Christentum im technologischen Zeitalter, Freising 1972 (1979); Ich lebe in Jerusalem. Ein Bekenntnis zu Geschichte und Gegenwart, München 1972 (Gerlingen 1988, München 1988, 1998, 2002); Jugend an der Isar, München 1974 (Gerlingen 1980, München 1988, 1993, Gütersloh 2001); Jüdischer Glaube. Strukturen einer Theologie des Judentums anhand des Maimonidischen Credo. Tübinger Vorlesungen, Tübingen 1975 (1979, 2001); Dialogische Theologie. Schnittpunkte des christlich-jüdischen Gesprächs, Trier 1975; (Koautor) Auf dem Weg nach Jerusalem, Stuttgart 1977; Das weiße Licht. Erzählungen, Hamburg 1979; Die Tafeln des Bundes. Das Zehnwort vom Sinai, Tübingen 1979; Betendes Judentum. Die Liturgie der Synagoge, Tübingen 1980; Germania Hebraica. Beiträge zum Verhältnis von Deutschen und Juden, Gerlingen 1982; Theologia Judaica I. Gesammelte Aufsätze, Tübingen 1982; Vom Kirchvater Abraham und anderen Ungereimtheiten. Randerlebnisse im christlich-jüdischen Dialog, Wuppertal 1983; Jüdische Ethik anhand der Patristischen Perikopen. Jerusalemer Vorlesungen, Tübingen 1983; Die Heimkehr: Jesus, Paulus, Maria in jüdischer Sicht, 3 Bde., München 1983; Mein Glaube - mein Schicksal. Jüdische Erfahrungen mitgeteilt im Gespräch mit Karl-Heinz Fleckenstein, Freiburg 1984; Der Engel mit der Fahne. Geschichten aus Israel, Gerlingen 1985 (München 1989); Narrative Theologie des Judentums anhand der Pessach-Haggada. Jerusalemer Vorlesungen, Tübingen 1985; Was ist der Mensch? Anthropologie des Judentums, Tübingen 1986; Als Gott schwieg. Ein jüdisches Credo, Mainz 1986 (1989); Weil wir Brüder sind. Zum christlich-jüdischen Dialog heute, Geringen 1988; Zwischen neuen und verlornen Orten. Beitrag zum Verhältnis von Deutschen und Juden, München 1988; (Koautor) Jüdische Theologie im 20. Jahrhundert, München 1988; Auf der Suche nach einer jüdischen Theologie. Briefwechsel zwischen Schalom Ben-Chorin und Hans-Joachim Schoeps, Frankfurt 1989; Von Antlitz zu Antlitz (Reden), Beiträge zum Gespräch zwischen Judentum und Christentum, Berlin 1989 (Weimar 2000); (Koautor) Wege der Sehnsucht - Jerusalem, München 1990; Begegnungen. Portraits bekannter und verkannter Zeitgenossen, Gerlingen 1991; (Koautor) Erbittet für Jerusalem Frieden, Aachen 1991; (Koautor) Sinai, Verheißung aus der Stille, Wien 1991; Theologia Judaica II. Gesammelte Aufsätze, Tübingen 1992; Ich lege meine Hand auf meinen Mund, Zürich 1992; Die Erwählung Israels. Ein theologisch-politischer Traktat, München 1993; (Koautor) Die Tränen des Hiob, Wien 1994; Abraham, Augsburg 1995; Wegbereiter des christlich-jüdischen Dialogs. Leonhard Ragaz und Schalom Ben-Chorin: Briefwechsel 1938-1945, Darmstadt 1995; (Koautor) Das Hohelied der Liebe. Ein einziger Blick deiner Augen, Wien 1996.
Lit.: J. Appel, Gewissensfragen: Ernst Elitz und Viktor von Oertzen im Gespräch mit Schalom Ben-Chorin, Stuttgart 1989; - H.-D. Baumgarten, Jesus, der Menschensohn in jüdischer Sicht, Oldenburg 1969; - H. M. Bleicher, Der Mann der Friede heißt: Begegnungen, Texte, Bilder für Schalom Ben-Chorin, Gerlingen 1983; - S. Fauer, Schalom Ben-Chorin "Bruder Jesus" und G. Bornkamm "Jesus von Nazareth", Bayreuth 1977; - P. Hertel, Mit dem Gesicht zur Welt: Schalom Ben-Chorin, Würzburg 1996; - W. Homolka, Schalom Ben-Chorin: ein Leben für den Dialog, Gütersloh 1999; - G. Müller, Akh tobh le-Yisrael elohim le-bharei lebhabh: Israel hat dennoch Gott zum Trost, Trier 1978; - C. Rass, das Christusproblem bei Martin Buber und Schalom Ben-Chorin, Berlin 1961; - B. Setzwein, Zwischen Isar und Jordan: wie aus Fritz Rosenthal Schalom Ben-Chorin wurde, München 1998; - T. Vasko, Die dritte Position: der jüdisch-christliche Dialog bei Schalom Ben-Chorin, Helsinki 1985.
Sven Christian Puissant
Literaturergänzung:
Thomas Pröpper, Der Jesus der Philosophen und der Jesus des Glaubens - Ein theologisches Gespräch mit Jaspers, Bloch, Kolakowski, Gardavsky, Machovec, Fromm, Ben-Chorin. Mainz 1976; - Gotthold Müller (Hrsg.), Israel hat dennoch Gott zum Trost - Festschrift für Schalom Ben-Chorin. Trier 1978; - Heinz M. Bleicher (Hrsg.), Der Mann der Friede heißt. Begegnungen, Texte, Bilder für Schalom Ben-Chorin. Gerlingen 1983; - Henrix, Hans H., Brückenbauer und Hausvater, in: Bleicher, H. M. (Hg.), Der Mann der Friede heißt. Begegnungen, Texte, Bilder für Schalom Ben-Chorin, Gerlingen 1983, 51-56; - Timo Vasko, Die dritte Position - Der jüdisch-christliche Dialog bei Schalom Ben-Chorin bis 1945 (Annales Societatis Missiologicae Fennicae 48). Helsinki 1985; - Ferdinand Hahn, Laudatio anläßlich des 75. Geburtstages von Schalom Ben-Chorin, in: Evangelische Theologie 49 (1989) 286-290; - Ferdinand Hahn, Der jüdisch-christliche Dialog geht weiter. Zu den Veröffentlichungen von Schalom Ben-Chorin aus den Jahren 1988-1992, in: Evangelische Theologie 53 (1993) 180-183; - Jürgen Jeziorowski, Des Lebens Blütensieg - Schalom Ben-Chorin wird 80 Jahre alt, in: Lutherische Monatshefte 32 (1993) 21-23; - Petra Steinberger, Israels Luft macht radikal - Zum Tod des jüdischen Religionsphilosophen und liberalen Denkers Schalom Ben-Chorin, in: Süddeutsche Zeitung, 8.5.1999; - Karl E. Grözinger, Jesus, Maria und Paulus zurückgeholt - Zum Tod des Schriftstellers und Religionswissenschaftlers Schalom Ben-Chorin, in: Berliner Zeitung Nr. 106, 8./9.5.1999; - Walter Homolka (Hrsg.), Schalom Ben-Chorin - Ein Leben für den Dialog. Gütersloh 1999; - Verena Lenzen, S. B.-C. (1913-1999): Gespräch von Existenz zu Existenz, in: Religionen unterwegs 12.2006, Nr.2, S. 22-24.