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Band IX (1995)Spalten 147-148 Autor: Albrecht Grözinger

SCHEMPP, Paul, württembergischer Theologe. * 4.1. 1900 in Stuttgart, † 4.6. 1959 in Bonn. - Sch. wuchs in einer durch den württembergischen Pietismus geprägten Handwerkerfamilie auf. Nach dem Theologiestudium in Tübingen, Marburg und Göttingen und einer Vikarszeit in mehreren Gemeinden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wurde er Repetent am Tübinger Stift. Danach trat er seine erste selbständige Pfarrstelle in Waiblingen an. Im Jahre 1934 übernahm er die Pfarrstelle in Iptingen. Nach langen, heftigen und teils in unversöhnlicher und verletzender Sprache ausgetragenen Auseinandersetzungen mit der Württembergischen Kirchenleitung um den theologisch gebotenen Weg der Kirche im Kirchenkampf mit dem nationalsozialistischen Staat wurde Sch. im Jahre 1939 von seinem Pfarramt zwangsweise enthoben. Nach Einsprüchen und Protest seitens der Bekennenden Kirche sowie Vermittlungsversuchen sowohl seitens der Württembergischen Kirchenleitung wie seitens Sch.s legte er im Jahre 1943 von sich aus sein Pfarramt nieder. Nach dem Krieg war Sch. als Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde in Stuttgart und als Religionslehrer tätig. Im Jahre 1958 erhielt er einen Ruf an die Universität Bonn als Professor für praktische und systematische Theologie, wo er jedoch bereits nach einer kurzen universitären Lehrtätigkeit verstarb. - Sch. gehörte zu den Gründern und herausragenden Persönlichkeiten der sog. Württembergischen Sozietät, die in der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistisch orientierten 'Deutschen Christen' eine sowohl theologisch wie kirchenpolitisch kompromißlose Linie verfolgte. Sch. versuchte mit der ihm eigenen gedanklichen Radikalität lutherische Theologie und die Impulse, die von der sogenannten Dialektischen Theologie und insbesonders von der Theologie Karl Barths ausgingen, miteinander zu verbinden. Dabei wird gerade auch in seinen systematisch-theologischen Überlegungen immer sein praktisches Interesse deutlich. Eine kritische reformatorische Theologie war für Sch. der unersetzliche Begleiter kirchlicher Praxis. Dieser Gedanke war auch der Glutkern seiner lebenslangen, zum teil heftigen und in der Selbststilisierung dann wohl auch überzogenen Auseinandersetzung mit der Württembergischen Kirchenleitung. Gleichwohl gingen von Sch. bleibende Impulse aus, die die theologisch-kirchliche Landschaft des Protestantismus in Württemberg bis auf den heutigen Tag prägen.

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Werke: Theologie der Geschichte (1927); Randglossen zum Barthianismus (1928); Luthers Stellung zur Heiligen Schrift (1929); Sünde und Heiligung (1932); Die Geschichte und Predigt vom Sündenfall (1946); Der Volkserzieher (1947); Das Evangelium als politische Weisheit (1948); Der Einzelne und die Gemeinschaft in Christus (1950); Gesetz und Evangelium (1952); Das Gesetz der Freiheit (1956); Theologie und Poesie (1956); Die Profanität des Kultus (1958); Gottes Wort zur Trauung, Traupredigten (1938; 19512); Gottes Wort am Sarge, 25 Grabreden (1951); Gesammelte Aufsätze, hrsg. v. Ernst Bizer (1960); Theologische Entwürfe, hrsg. v. Richard Widmann (1973); Sch.-Bibliogr. in Gesammelte Aufsätze (1960), 304-305.

Lit.: Ernst Bizer, Ein Kampf um die Kirche. Der 'Fall Sch.' nach den Akten erzählt, 1965; - R. Fischer, Zum 'Fall Sch.', BWKG 66/67, 1966/67, 320; - Martin Widmann, Zum Gedenken an P. Sch., EvTh 42, 1982, 366-381; - P. Sch.: Der Weg der Kirche, Dokumentation über einen unerledigten Streit, hrsg. v. Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste u.a., 1985; - Siegfried Hermle, Die Kirche am Scheidewege. Eine Ausarbeitung P. Sch.s aus dem Jahre 1934, EvTh 51, 1991, 183-196.

Albrecht Grözinger

Textanmerkungen:

Schempp war ein Freund des Berliner Neutestamentlers Ernst Fuchs. Seinen Sammelband "Zur Frage nach dem historischen Jesus" widmete Fuchs "Paul Schempp zum Gedächtnis".
Die am 9. April 1946 von der Kirchlich – theologischen Sozietät in Württemberg verabschiedete Erklärung zum Neuaufbau der Kirche war maßgeblich von Paul Schempp formuliert worden. Das ihr vorangestellte Bekenntnis zur Schuld an den Juden ist in seiner Ausführlichkeit und prägnanten Benennung des Versagens und der Verbrechen einmalig und geht allen kirchlichen Stellungnahmen zum Verhältnis von Christen und Juden seit 1945 aufs Überzeugendste voran. Paul Schempp und seine Ehefrau Erika waren im Krieg auch an der württembergischen Pfarrhauskette zur Rettung jüdischer Menschen beteiligt und haben untergetauchte Juden beherbergt.
Die Erklärung ist abgedruckt in: Rolf Rendtorff/ Hermann Henrix (Hg.): Die Kirchen und das Judentum (1988), S 530 – 535 und in: Eberhard, Röhm / Jörg Thierfelder: Juden – Christen – Deutsche. Band 4: 1941-1945, Teil 2, Stuttgart 2007, S. 673 – 678 [dort auch weitere Informationen zu Paul Schempp und der württembergischen Pfarrhauskette]

Werkeergänzung:

Der Anruf Gottes. Eine Erklärung der ersten Bitte des Vaterunsers, München 1949; Erhebet eure Häupter. Rundfunkreden aus den Jahren 1946-1950. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Ernst Bizer, Bad Cannstatt o.J.

Literaturergänzung:

1959

Zum Gedächtnis an D. Paul Schempp. Ordentlicher Professor für praktische und systematische Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm Universität Bonn, Bad Cannstatt 1959 (Schriftenreihe der Kirchlich-Theologischen Sozietät in Württemberg, Heft 11); -

1989

Paul-Gerhard Scharpf: Paul Schempp. Rebell für Gottes Wort, Tübingen, 1989; -

1998

Sören Widmann: Paul Schempp (1900 – 1959), in: Rainer Lächele/Jörg Thierfelder (Hg.): Wir konnten uns nicht entziehen. 30 Porträts zu Kirche und Nationalsozialismus in Württemberg, Stuttgart 1998, S. 29 - 34; -

2000

Matthias Morgenstern (Hrsg.): Paul Schempp. Iptinger Jahre (1933-1943). Briefe und Predigten. Protokolle und Polemiken, Tübingen 2000.

Letzte Änderung: 09.04.2011