Verlag Traugott Bautz |
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SCHESTOW, Leo (eig. Schwarzmann, Leo Isaak), * 31. Januar 1866 in Kiew, † 20. November 1938 Paris, russischer Religionsphilosoph, besonders beeinflußt von Dostojewski und Kierkegaard. - L. S. studierte an der mathematischen und juristischen Fakultät an der Universität Moskau. Von 1895 bis 1898 hielt er sich zu Studienzwecken in Rom und Bern auf. Danach ging er nach Rußland zurück. 1919 wurde er im Rahmen der Machtübernahme durch die Sowjets, wie andere russische Intellektuelle gezwungen zu emigrieren. Er ging nach Genf. 1920 wurde er dann als profunder Kenner der Materie zum Professor am Russischen Institut der Sorbonne in Paris berufen. Hier suchte er besonders in den zwanziger Jahren die denkerische Auseinandersetzung mit M. Buber, E. Husserl und Solowjew. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Abhandlungen zur spekulativen Philosophie, die er bekämpfte. Das entsprach seiner russischen Denktradition. Adogmatisches Denken erscheint als wichtiger Ansatzpunkt aus einem der Mystik verpflichteten Plotinismus heraus (vgl. seinen Aufsatz »Spekulation und Offenbarung«, Paris 1927, s.u.!). Nach L. S. kann man mit Hilfe gerade der Vernunfterkenntnis nicht beim System durch die Vernunft stehen bleiben. Das widerspricht der Persönlichkeit, die Wagnis mit Leidenschaft verbindet. Im Sinne von Hegels Universalismus zu argumentieren, ist für L. S. falsch. Es geht um das Individuelle, das nicht wiederholbar ist. Das führte ihn zum Existenzverständnis des Menschlichen, damit zu Dostojewski und später zu Kierkegaard, denen er programmatische Studien widmete. Damit fand er auch Zugang zu N. Berdjajew (s.u. Lit.!). Existentielles Denken verbindet sich dann mit der Wahrheit der Offenbarung im religiösen Sinne. Daher sind seine beiden letzten Bücher »Athen und Jerusalem. Versuch einer religiösen Philosophie« (nur dtsch. 1938) und »Kierkegaard und die Existenzphilosophie« (dtsch. 1939) wie ein Testament. In seinem Todesjahr setzte er sich nochmals mit der Phänomenologie Husserls auseinander. Seine Wirkung auf die russische Intelligenz - auch in der inneren Emigration (Beispiel Boris Pasternak) - war groß.
Lit.: V. Zenkowsky, Geschichte der russischen Philosophie I-II russ. 1948/50, engl. 1953; - Hinrich Knittermeyer, Die Philosophie der Existenz, 1953, 397, 414 ff.; - Nikolai Berdjajew, Der Grundgedanke der Philosophie Schestows, Spekulation und Offenbarung, 1963, 3-15; - Thomas M. Seebohm, Ratio und Charisma. Ansätze und Ausbildung eines philosophischen und wissenschaftlichen Weltverständnisses im Moskauer Rußland, 1977; - Helmut Dahm, Grundzüge russischen Denkens, 1979; - Wilhelm Goerdt, Russische Philosophie, 1984 (Lit.); - Ernst R. Sandvoss, Geschichte der Philosophie II, dtv wissenschaft 4441, 1989, 531 ff.; - Phil. Lex. (Ziegenfuß) II, 440; - RGG2 V, 153; - RGG3 VI, 1402; - EKL III, 708 ff.
Wolfdietrich von Kloeden
Literaturnachtrag:
1968
James C. S. Wernham, Two Thinkers - an essay in Berdyaev and Shestov, Toronto 1968; -
2005
Olga Tabachnikova, Treatment of aesthetics in L.S.'s search for God, in: Aesthetics as a religious factor in Eastern and Western Christianity. Leuven 2005, S. 179-195; -
2006
Michaela Willeke, Lev Sestov: Unterwegs vom Nichts durch d. Sein zur Fülle. Berlin 2006; - The tragic discourse. S. and Fondane's existential thought. Ramona Fotiade (ed.). Oxford 2006; -
2007
Adam Drozdek, Shestov: faith against reason, in: LTP 63.2007, S. 473-493; -
2010
Michael Finkenthal, Lev Shestov. Existential philosopher or religious thinker? New York 2010.
Letzte Änderung: 09.04.2011