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Band IX (1995)Spalten 191-194 Autor: Michael Fuchs

SCHICKELE, René, * 4.8. 1883 in Oberehnheim (Elsaß) als Sohn eines Weingutbesitzers und Polizeibeamten deutscher Abstammung und einer französischen Mutter; + 31.1. 1940 in Vence/Südfrankreich, elsässischer Schriftsteller. - S. besuchte zunächst das humanistische Gymnasium in Zabern, um später als Internatsschüler auf das bischöfliche Gymnasium in Straßburg überzuwechseln. Von 1901 bis 1904 folgte ein naturwissenschaftliches Studium in Straßburg, München, Paris und Berlin. Bereits 1902 hatte S. an der als Organ der mit Otto Flake und Ernst Stadler gebildeten `Aktionsgemeinschaft für progressive Dichtung im Elsaß' herausgegebenen Zeitschrift »Der Stürmer« gearbeitet. Als diese nach der neunten Ausgabe ihr Erscheinen einstellen mußte, übernahm er 1904 die Redaktion der Zeitschrift »Das neue Magazin für Literatur«. Seit 1909 war S. in Paris als Korrespondent des Journals »Nord und Süd« sowie der »Straßburger Neuen Zeitung« tätig. Von 1913 an arbeitete er für Franz Bleis Zeitschrift »Die Weißen Blätter«, für die er von 1915-19 die Herausgeberschaft übernahm. In ihr publizierten nicht nur so bekannte expressionistische Autoren wie Johannes R. Becher, Gottfried Benn, Kasimir Edschmid, Albert Ehrenstein und Iwan Goll, sondern auch eine Vielzahl pazifistisch gesinnter Intellektueller. Die antimilitaristische Haltung der »Weißen Blätter« löste nach Kriegsausbruch zunehmend Kritik und politischen Druck seitens der Deutschen Reichsregierung aus, woraufhin die Redaktion 1916 in die Schweiz verlegt wurde. Nach Kriegsende reiste S. im November 1918 für kurze Zeit nach Berlin und erlebte dort die Revolution. Enttäuscht von deren Verlauf kehrte er in die Schweiz zurück, war aber bereits 1919 aus finanziellen Gründen zum Umzug nach Badenweiler gezwungen. 1932 emigrierte S. erneut wegen der sich abzeichnenden Diktatur in Deutschland, diesmal nach Sanary-sur-Mer an der Cote d'Azur. Seit 1938 lebte er bis zu seinem Tod in Vence/Südfrankreich, wo er Anschluß an einen Kreis gleichgesinnter emigrierter Autoren fand. - S.s Werk ist durch eine Vielzahl literarischer Strömungen geprägt. Die frühen Gedichtbände »Sommernächte« (1902) und »Pan - Sonnenopfer der Jugend« (1902) enthalten Natur- und Stimmungslyrik im Geist des Jugendstils und des Symbolismus. Das Pathos dieser Bände findet seinen Höhepunkt in »Mon Repos« (1905), einer Sammlung der lyrischen Passagen des unvollendet gebliebenen Epos »Sascha - Epos einer Jugend«. Zwischen 1907 und 1909 entstand S. erster Roman »Der Fremde«, die in neuromantischer Manier erzählte Entwicklungsgeschichte eines jungen Elsässers. Seit 1908 begann S. sich vom Jugendstil zu distanzieren. Sein 1910 erschienener Lyrikband »Weiß und Rot« ist von frühexpressionistischen Ansätzen und einer politisch-revolutionären Haltung geprägt. In den folgenden Jahren trat die literarische Produktion S.s immer mehr zugunsten seines politischen Engagements zurück. Zunächst auf seiten der elsässischen Liberal-Demokratischen Partei, dann durch die Arbeit für »Die Weißen Blätter« setzte er sich für die deutsch-französische Annäherung und die Entschärfung des Nationalitätenkonflikts ein. Seine Ablehnung des Krieges findet in der 1914 in nur acht Tagen niedergeschriebenen Komödie »Hans im Schnakenloch«, einer aberwitzigen Parodie auf den Krieg, ihren künstlerischen Ausdruck. Zuvor hatte er in dem Roman »Benkal, der Frauentröster« (1914) vorausschauend die Katastrophe des Krieges dargestellt. Eingebettet in die Geschichte Benkals, der sich vom großsprecherischen Nichtsnutz zum Künstler entwickelt, wird das Schicksal des Volks der Mittelländer vom glücklosen Krieg gegen die Nachbarstaaten bis zur Befreiung durch eine Revolution gegen die kriegerische Adelsschicht erzählt. Die während dieser Zeit verfaßten Gedichtbände »Die Leibwache« (1914) und »Mein Herz, mein Land« (1915) stellen den Abschluß des lyrischen Werks S.s dar, der sich zunehmend Dramatik und Prosa zuwendet. Es entsteht eine Reihe expressionistischer Erzählungen, darunter »Meine Freundin Lo« (1911, erw. 1931), »Das Glück« (1914), »Trimpopp und Manasse« (1914) und die von einer Reise nach Indien inspirierte Novelle »Aissé« (1915). S.s Hauptwerk »Das Erbe am Rhein« erschien in den Jahren 1925-31. Die aus den Bänden »Maria Capponi« (1925, zunächst unter dem Titel »Ein Erbe am Rhein« erschienen), »Blick auf die Vogesen« (1927) und »Der Wolf in der Hürde« (1931) bestehende Romantrilogie thematisiert am Beispiel des elsässischen Adelsgeschlechts von Breuschheim den deutsch-französischen Gegensatz. In der Antinomie der verfeindeten Brüder Claus und Ernst von Breuschheim wird der Gegensatz einer pazifistischen, zwischen den Staaten vermittelnden und einer unnachgiebig nationalistischen Haltung dargestellt. Mit dem Werk trat S. für seine Idee der Überwindung des Revanchismus und der Verständigung der europäischen Völker ein. Dabei wird in der Gestalt Claus von Breuschheims die Fähigkeit des Elsässers zum Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich herausgestellt. In seinem letzten abgeschlossenen Roman »Die Flaschenpost« (1937), einer grotesken Geschichte zweier Außenseiter und Emigranten, geht S. der Frage nach der Einsamkeit des Menschen und der Flucht vor dieser nach. - Obwohl S. heute noch als bedeutendster elsässischer Schriftsteller gilt, ist seine Rezeption in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgegangen. Die Gründe hierfür liegen in der stilistischen wie inhaltlichen Uneinheitlichkeit seines Werkes, das S.s Selbstverständnis als deutsch-französischer Grenzgänger, der die Eigenarten der Dichtung beider Nationen in sich aufnimmt, widerspiegelt. Darüber hinaus bereicherte S. trotz eines sehr individuellen Stils die Literatur nicht mit neuen Motiven und Ausdrucksformen. Seine literarischen Experimente beschränken sich auf den Versuch, die Errungenschaften deutscher und französischer Dichtung zu vereinen und so der Rolle des Mittlers zwischen beiden Völkern gerecht zu werden.

Werke: Sommernächte, 1902; Pan. Sonnenopfer der Jugend, 1902; Mon Repos, 1905; Voltaire und seine Zeit, 1905; Der Ritt ins Leben, 1906; Der Fremde, 1909; Weiß und Rot, 1910; Meine Freundin Lo. Geschichte aus Paris, 1911; Das Glück, 1913; Schreie auf dem Boulevard, 1913; Benkal, der Frauentröster, 1914; Die Leibwache, 1914; Trimpopp und Manasse, 1914; Mein Herz, mein Land, 1915; Aissé, 1916; Der neunte November, 1919; Die Genfer Reise, 1919; Der deutsche Träumer, 1919; Am Glockenturm. Schauspiel in drei Aufzügen, 1920; Die Mädchen. Drei Erzählungen, 1920; Wir wollen nicht sterben!, 1922; Die neuen Kerle. Komödie in drei Aufzügen, 1924; Ein Erbe am Rhein. Roman in zwei Bänden, 1925; Das Erbe am Rhein, 3 Bde.: 1. Maria Capponi, 1926; 2. Blick auf die Vogesen, 1927; 3. Der Wolf in der Hürde, 1931; Soeur Ignace. Ein elsässisches Vergißmeinnicht aus der Kongregation der Niederbronner Schwestern, 1928; Symphonie für Jazz, 1929; Elsässische Fioretti aus den Missionen. Lebensbild elsässischer Missionsschwestern, 1930; Die Grenze, 1932; Himmlische Landschaft, 1933; Die Witwe Bosca, 1933; Liebe und Ärgernis des D.H. Lawrence, 1934; Die Flaschenpost, 1937; Le retour, Souvenirs inédits, 1938 (dt.: Heimkehr, 1939); Grand'maman und Der Preuße. Zwei Romanfragmente, 1978. - Übersetzertätigkeit: G. Flaubert: Madame Bovary, 1907; H. de Balzac: Die Lilie im Tal. Die verlassene Frau, 1910. - Herausgebertätigkeit: Der Stürmer. Halbmonatsschrift für künstlerische Rennaissance im Elsaß, 1. Jg. 1902; Der Merker. Halbmonatsschrift, mit O. Flake; 1. Jg. 1903; Das neue Magazin für Literatur, Kunst und soziales Leben, Jg. 73-74, 1904-05; Die weißen Blätter. Eine Monatsschrift, Jg. 2-7, 1913-20; Europäische Bibliothek, 11 Bde., 1918-19; Menschliche Gedichte im Krieg, 1918; Das Vermächtnis. Deutsche Gedichte von Walther von der Vogelweide bis Nietzsche, 1938; Forum-Bücher, Mit-Hrsg.; 18 Bde., 1939). - Ausgaben: Werke in drei Bänden, hrsg. von H. Kesten, 1959; Romane und Erzählungen, 2 Bde., 1983. - Briefe: Annette Kolb und R. S. - Briefe im Exil 1933-40 (hrsg. von H. Bender, 1987; J. Meyer-Boghardt: »Cher maître« - Die Korrespondenz zwischen R. S. und Romain Rolland (In: LitJB 29/1988).

Lit.: G.S. Böhm, Die Bedeutung der Frau in dem erzählerischen Werk R. S.s, 1969; - F. Bentmann, R.S. Leben und Werk in Dokumenten (21976); - C. Fichter, Le terroir, la religion et l'Europe dans l'œuvre »alsacienne« de R. S.: »Das Erbe am Rhein« (In: Saisons d'Alsace, 1985, H. 90, 124-31; - A. Finck, Introduction à l'oeuvre de R. S., 1982; - ders. und M. Staiber, Elsässer, Europäer, Pazifist - Studien zu R. S., 1984; - G. Martens, Vitalismus und Expressionismus, 1977; - R. Matzen, R. S. - Ein Europäer aus dem Elsaß, 1990; - J. Meyer, Vom elsässischen Kunstfrühling zur utopischen Civitas Hominum: Jugendstil und Expressionismus bei R. S. 1900-1920, 1981; - H. Noe, Die literarische Kritik am 1. Weltkrieg in der Zeitschrift »Die Weißen Blätter«: R. S., A. Kolb, M. Brod, A. Latzko, L. Frank, 1986; - G. Renard, L'œuvre de R. S. de 1902 a 1920, 1976; - J.J. Schumacher, Das Romanwerk R. S.s - Thematik und Entwicklung 1907-1937, 1960; - G. Ueberschlag, Poète, paysage et politique dans la trilogie »Das Erbe am Rhein« (In: Revue alsacienne de litterature, 1985, H. 10, 35-42).

Michael Fuchs

Letzte Änderung: 24.02.2003