SCHLICHTHORST, Johann David, Mitbegründer der Norddeutschen Missionsgesellschaft und früher Erweckungsprediger seiner Heimat, * 17.3. 1800 in Bremen, + 29.3. 1843 in Padingbüttel/Land Wursten (heute Landkreis Cuxhaven). - Aus bedeutender Theologenfamilie der Herzogtümer Bremen und Verden, Urenkel des Stader Generalsuperintendent Johann Hinrich Pratje (1710-1791; ADB 26, 510-512), wuchs J. D. S. ab 1805 als Sohn des Pastors Hermann S. (1766-1820; ADB 31, 488) und dessen Ehefrau Ursula Margaretha geb. Wiebel aus Hamburg in Visselhövede auf. Er besuchte ab 1813 das Athenaeum in Stade und freundete sich mit dem Selsinger Pastorensohn Justus Alexander Saxer (1801-1875) an, mit dem er - nach dem SS 1819 in Jena - in Göttingen Theologie studierte. Nach dem Examen am 3.1. 1822 wurde er wie sein Vater (1789-1796) Lehrer an seiner einstigen Schule, wo auch Saxer unterrichtete. 1827 kam J. D. S. in das kleine, weitverstreute Marschenkirchspiel Padingbüttel zwischen Bremerhaven und Cuxhaven, während sein Freund als Subkonrektor in Stade blieb und 1828 mit Konrektor Georg Wilhelm Friedrich Sattler (1794-1866) durch Ludwig Otto Ehlers (1805-1877), Predigtamtskandidat in Sittensen, bekehrt wurde. Als Saxer 1829 die zweite Pfarrstelle in Dorum erhielt, wollte er auch seinen Nachbarn J. D. S. für den neuen Glauben gewinnen; doch dieser brach den Kontakt ab. Um sich Klarheit zu verschaffen, studierte er intensiv die Bibel. Im Sommer 1830 gestand er auf einer Predigerkonferenz in Stade dem Freund in plattdeutschem Gespräch seine innere Wandlung. 1831/32 gründeten J. D. S. und Saxer mit dem reformierten Pastor Ludwig Müller (1800-1864) in Lehe einen Missionsverein, der sich der gleichzeitig in Stade durch Sattler entstandenen Bibel- und Missionsgesellschaft anschloß. - Auf Anraten eines anderen Schulfreundes, der ihn »auf dem ihm gefährlich scheinenden Wege zu einem ernsten Christenthum« sah (Brief vom 7.3.1836), befaßte sich J. D. S. »nahe ein Jahr« (1833) mit der neueren Philosophie von Kant, Fichte und Hegel. In dieser Zeit schrieb er philosophische Abhandlungen, von denen der Tecklenburger Erweckungsprediger August Siemsen (1797-1839), Leeden, im Herbst 1834 zwei Schriften gegen Hegel mitnahm, und rezensierte ein rationalistisches Schweizer Andachtsbuch, Aarau 18227 (Vf. Heinrich Zschokke, 1771-1848). Durch den Hamburger Pastor Johann John (1797-1865; ADB 14, 489 ff.), dem J. D. S. sein erstes Buch widmete, fand er endgültig zum lebendigen Glauben an Christus. Er hielt Vorlesungen an seine Gemeinde über beide Petrusbriefe und bildete mit benachbarten Predigern und Kandidaten einen Verein zur wöchentlichen Bibellektüre (Der Kirchenfreund 1836, 126). Hieraus erwuchs eine Erweckung im Land Wursten. 1836 wurde auf Stader Initiative in Hamburg die Norddeutsche Missionsgesellschaft gegründet, woran sich Louis Harms (1808-1865) als Vertreter des Lauenburger Vereins beteiligte. 1839 präsidierte J. D. S. der vierten Generalversammlung in Stade, die mit einer Abendmahlskonkordie zwischen Lutheranern und Reformierten schloß; auch daran wirkte L. Harms mit. Als eine freie Zusammenkunft von erweckten Pastoren in Bremervörde (Herbst 1839) durch ein Ministerial-Rescript für immer untersagt wurde, kritisierte J. D. S. das unentschiedene Sendschreiben des neuen Generalsuperintendent Friedrich Köster (1791-1878), vorher Professor in Kiel (ADB 16, 755 f.). Nachdem die Denkschrift des Padingbüttler Pastors im Bremer Kirchenboten der Zensur zum Opfer gefallen war, wandte er sich an den Berliner Prof. Ernst-Wilhelm Hengstenberg (1802-1869), der den Text umgehend in der EKZ drucken ließ. Der Verfassername wurde mit »S.« abgekürzt; derselbe Buchstabe findet sich unter zwei Beiträgen im ersten Jg. des Bremer Kirchen-Boten, die darum auch von J.D.S. stammen und die frühesten Zeugnisse seiner Bekehrung sein dürften. - Er gehörte zu den Initiatoren einer frühen Erweckung, die sich der Äußeren Mission zuwandte; in der Norddeutschen Missionsgesellschaft ergab sich eine Zusammenarbeit mit L. Harms, damals noch Hauslehrer. Der versierte Theologe rückte dadurch wieder ins Blickfeld, daß er 1982 als Vf. des ersten Grundsatzartikels (EKZ 1829, Nr. 79) in Frage kam, der die Wiedereinführung des Sassischen in der Kirche forderte. Auf jeden Fall stammte dieser aufrüttelnde Beitrag aus einer Geisteshaltung und Umgebung, die J. D. S. vor seiner Bekehrung kennzeichnete. Damit wäre auch erklärt, daß dieses Programm, womit sich Claus Harms (1778-1855) in seiner Pastoraltheologie I (1830, 51 f.) und III (1834, 29-33) auseinandersetzte, nicht ausgeführt wurde. Erst durch die Mecklenburger Friedrich Köhn (1863-1938), Pastor in Garwitz bei Klinken, und Gottfried Holtz (1899-1989), Prof. in Rostock, gelangte der revolutionäre Aufsatz nach dem Ersten und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zur Wirkung.
Werke: Morgenlied, in: Bremer Kirchen-Bote, Bd. 2, 1832, H. 12, 452-454; Aus dem Tagebuch eines Landpredigers, in: ebd., 454-462; Die Stunden der Andacht, in: ebd., Bd. 5, 1834, H. 2, 79-108 (mit Vorwort vom Hrsg. Friedrich Mallet, 77-79); Entwicklung des ersten Briefes Petri in Vorlesungen an die Gemeinde. 1836; Über den Abfall vom Christenthume, von welchem der zweite Brief Petri und der Brief Judae reden, in: Der Kirchenfreund, 1836, Nr. 15, 225-234; Der zweite Brief Petri in Vorlesungen an die Gemeinde, 1837; Litterarische Anzeigen, in: Der Kirchenfreund für das nördliche Deutschland, 1, 1837, Nr. 32, 126 f. u. Nr. 33, 129-132; 2, Nr. 80, 311-314; An B. Jacobi, in: ebd. 1, 1837, Nr. 50, 197 f. (v. Saxer u. Müller mit unterschrieben); Über den geistlichen Zustand der Herzogthümer Bremen und Verden, in: Bremer Kirchenbote, 9, 1840, Nr. 16, 128-132 (Fortsetzung verboten); EKZ 27, 1840, Nr. 56, 441-444; Nr. 57, 449-456; Nr. 59, 463 f.
Lit.: Theodor Hugues: Andeutungen und Wünsche in Beziehung auf die Thätigkeit der Missionsvereine, besonders im Königreich Hannover, in: Der Kirchenfreund, 1836, H. 7, 54-63; - A[lbert] L[ührs]: Literarische Anzeige des 1. Petrusbriefes, in: ebd., H. 10, 272-277; - Ders.: Literarische Anzeige, in: ebd., 1837, Nr. 74, 293; - Justus Alexander Saxer: Über den wiedererwachten Confessions-Streit, 1843; - Ders.: Wiederbelebung des religiösen Geistes im hiesigen Bezirke. Ein Beitrag zur Geschichte der Kirchlichen Chronik des Consistorial-Bezirkes Stade, 1872/73, 1873; - Friedrich Köster: Mein Lebenslauf, in: Stader Archiv, 7, 1880, 169-180; - Johann Christian Mehrtens: Ludwig Harms' Leben und Wirken I, 1902, 149-163; - Georg Haccius: Hannoversche Missionsgeschichte I, 1905, 171-174 u. 294-316; - W[ilhelm] Lueder: Zur religiösen Volkskunde Bremen-Verdens, in: Stader Archiv NF 2, 1912, 79-83; - Werner Jantzen: Die Kirchensprache der Reformation, in: De Kennung 2, 1979, H. 1, 23-26; - Ders.: Die Bremen-Verdensche Familie Schlichthorst, in: ebd. 7, 1984, H. 2, 39-50; - Heinrich Kröger: Ik weet nu, dat ik'n armen Sünder bin, in: Niederdeutsches Heimatblatt, 1982, Nr. 392; - Ders.: Wer forderte 1829 die Wiedereinführung der sassischen Gottesdienstsprache, in: De Kennung 5, 1982, 29-31; - Ders.: Ludwig Harms' plattdeutsche Bibel- und Katechismusauslegung, in: Reinhart Müller (Hrsg.): Aus der Heide in die Welt, 1988, 60-87; - Ders.: »Das Übrige wurde von der Censurbehörde gestrichen.«, in: Niederdeutsches Heimatblatt, 1990, Nr. 483; - Ders.: Ein Brief des Padingbüttler Pastors Schlichthorst vor 150 Jahren, in: De Kennung 13, 1990, H. 1, 33-36; - Ders.: Zur inneren Entwicklung des Padingbüttler Pastors Schlichthorst, 1995. - Lit. zu »Gottes Wort und die kirchliche Sprache«, in: EKZ 5, 1829, Nr. 79, 625-632: Vgl. Friedrich Köhn: Die Kirchensprache Niederdeutschlands, in: Sünndagsklocken. 1922, 3-30; - Gottfried Holtz: Niederdeutsch als Kirchensprache, In: Wiss. Zs. der Uni. Rostock, 4, 1954/55, Gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe, H. 2, 151-162; 2. Aufl. in: Dieter Andresen/Ernst Arfken/Johann D. Bellmann/Heinrich Kröger/Dirk Römmer (Hrsgg.): Festgabe für Gottfried Holtz, 1980, 15-88; - Johann D. Bellmann (Hrsg.): Kanzelsprache und Sprachgemeinde, 1975, 13-20 (Neudruck); - Ders.: Niederdeutsch als Kirchensprache, in: Gerhard Cordes/Dieter Möhn (Hrsgg.) Handbuch zur niederdeutschen Sprach- u. Literaturwissenschaft, 1983, 602-630; - Dieter Andresen: Evangelium in der Volkssprache, in: Quickborn 70, 1980, Nr. 1, 7-35; - Ders.: »Dem armen Volke vorenthalten«, in: Luth. Monatshefte 21, 1982, H. 2, 75-78; - Ders.: Kirche und Niederdeutsch in zwölf Jahrhunderten, in: Jahresgabe der Kl.-Groth-Ges. 29, 1987, 75-109; - Heinrich Kröger: Bi em tohuus, 1984, 40 f.; - Ders.: Plattdüütsch in de Kark in drei Jahrhunderten, I, 1995.