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Band IX (1995)Spalten 280-282 Autor: Bernd Kettern

SCHLICK, Moritz, * 14.4. 1882 in Berlin, † 22.6. 1936 in Wien, Philosoph. - Sch. gilt als der Begründer einer der bedeutendsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, des logischen Empirismus, wie ihn der sog. »Wiener Kreis« vertrat. Zunächst studierte Sch. Physik und promovierte 1904 unter der Betreuung von Max Planck über ein Problem der Lichtreflexion. Es schloß sich von 1911-1921 eine Lehrtätigkeit in Rostock, von 1921-1922 in Kiel als Professor für Naturphilosophie und Ethik an. Ab 1922 übernahm Sch. in der Nachfolge Ernst Machs und Ludwig Boltzmanns den Wiener Lehrstuhl für Philosophie der induktiven Wissenschaften. Die ausgedehnte Publikationsliste weist Abhandlungen zur Ethik, Ästhetik, Logik, zur Grundlagenproblematik der Mathematik und der Naturwissenschaft auf. Im Anschluß an diese Forschungen und insbesondere an die von Albert Einstein formulierte Relativitätstheorie führten ihn die Beschäftigung mit Poincaré und Helmholtz zu einer grundsätzlichen Kritik der Philosophie Kants. Dieser hatte die Sätze der Mathematik und die Grundsätze der Newtonschen Physik als synthetische Sätze a priori bestimmt. Der logische Empirist Sch. verneint dies: Ist ein Satz von der Erfahrung unabhängig, also a priori, ist sein Charakter stets analytisch, weil ohne einen erkenntniserweiternden Wirklichkeitsgehalt. Mathematisch-logische Sätze sind analytisch, synthetisch sind lediglich Sätze der Naturwissenschaften, allerdings stets a posteriori, weil durch Erfahrung jederzeit widerlegbar. - Dieses Programm entfaltete Sch. in seinem Hauptwerk »Allgemeine Erkenntnislehre« (1918). Erkenntnis resultiert aus dem Alltagserkennen und dem Prozeß der empirischen Wissenschaften. Radikal wird jede Form von Metaphysik verworfen. Gegenstände sind exakt in Beziehung zu anderen Gegenständen zu setzen und begrifflich zu bestimmen. Erkenntnisurteile beziehen sich auf die Zuordnung dieser Beziehungen zur erkenntnisunabhängigen Wirklichkeit. Räumliche wie zeitliche Bezugsschemata entscheiden über den Wirklichkeitscharakter von Gegenständen. Entschieden richtete sich Sch. gegen Husserls Wesensschau, die lediglich auf der phänomenologischen Verwechselung von Erkenntnis und Erlebnis beruhe. In den Diskussionen des »Wiener Kreises« spiegelte sich die Ablehnung der Metaphysik wider. Nur empirische Sätze sowie Aussagen der Logik und Mathematik seien sinnvoll. Die Philosophie beschränkt sich auf die Überprüfung solcher Sätze im Sinne der Sprachkritik (Einfluß Wittgensteins). In den »Fragen der Ethik« (1930) verwirft Sch. die Vorstellung, es gebe absolute ethische Werte. Statt den von der Gesellschaft formulierten Normen nachzustreben, müsse der Mensch seiner eigenen Zielsetzung, wie sie seinen »natürlichen Neigungen« entspringe, folgen. Wiederholt begegnet bei Sch.s ethischen Überlegungen der Begriff »Glück«. Der Mensch strebe nach der Verwirklichung seines Glücks. Die empirische Psychologie könne dazu beitragen, diese Zusammenhänge zu erforschen. - Die Ermordung Sch.s durch einen geistesgestörten Studenten beendete die Treffen des Wiener Kreises.

Werke: Raum und Zeit in der gegenwärtigen Physik. Zur Einführung in die allgemeine Relativitätstheorie, Berlin 1917; Allgemeine Erkenntnislehre, Berlin 1918 (21925; Neuausgabe Frankfurt a.M. 1979); Fragen der Ethik, Wien 1930 (Neuausgabe Frankfurt a.M. 1984).

Lit.: N. Gonçalues Gomes, Zur Erkenntnistheorie und Ethik von M. Schlick. Eine historisch-philosophische Untersuchung ihrer Entwicklung, Diss. Wien 1978; - Hubert Schleichert (Hrsg.), Logischer Empirismus - Der Wiener Kreis, München 1975; - M. Cambula, Il significato della conoscènza. Saggio sulla `Allgemeine Erkenntnistheorie' di M. Schlick, Rom 1980; - Brian McGuinness (Hrsg.), Zurück zu Schlick. Eine Neubewertung von Werk und Wirkung, Wien 1985; - Frank Hofmann-Grüneberg, Radikal-empiristische Wahrheitstheorie. Eine Studie über Otto Neurath, den Wiener Kreis und das Wahrheitsproblem, Wien 1988; - Martine Nida-Rümelin, Allgemeine Erkenntnistheorie, in: Lexikon der philosophischen Werke, hrsg. von Franco Vulpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988, 12 f.; - Julian Nida-Rümelin, Fragen der Ethik, in: ebd., 289 f.; - Julian Nida-Rümelin, Raum und Zeit in der gegenwärtigen Physik, in: ebd., 611 f.; - Paul Kruntorad (Hrsg.), Jour fixe der Vernunft. Der Wiener Kreis und die Folgen, Wien 1991.

Bernd Kettern

Werkeergänzung:

2006

Gesammelte Aufsätze. 1926-1936. [Nachdr. d. Ausg. Wien, 1938]. Saarbrücken 2006; Grundzüge d. Naturphilosophie. [Nachdr.]. Saarbrücken 2006;

2007

Gesamtausgabe. Wien [u.a.] 2007ff. [Elektron. Ressource]; The problems of philosophy in their interconnection. Winter semester lectures, 1933-34. Ed. by Henk L. Mulder. Transl. by Peter Heath. [Nachdr. d. Ausg.] Dordrecht 1987. Dordrecht 2007.

Wiss. Reihe:

2008

Schlickiana / Moritz-Schlick-Forschungsstelle der Universität Rostock. Berlin 1.2008ff.

Literaturergänzung:

2008

Steffen Kluck, Gestaltpsychologie u. Wiener Kreis. Freiburg/Br. 2008; - Carsten Seck, Theorien u. Tatsachen. Eine Unters. zur wissenschaftstheoriegeschichtl. Charakteristik d. theoret. Philos. d. frühen M.S. Paderborn 2008; - Mathias Iven, M.S. Die frühen Jahre (1882-1907). Berlin 2008; - M.S. - Leben, Werk und Wirkung. Hrsg. von Fynn Ole Engler und Mathias Iven. Berlin 2008; - Piet Naudé, On E.S. (1903-1984), in: Scriptura 2008, 1 (97), S. 122-136; -

2009

Stationen. Dem Philosophen u. Physiker M.S. zum 125. Geb. Hrsg. von Friedrich Stadler. Wien 2009. [Elektron. Ressource].

Letzte Änderung: 23.11.2009