SCHLITPACHER (von Weilheim), Johann, OSB (seit 1435), * 4.7. 1403 Schongau am Lech, + 24.10. 1482 Melk (an der Pest). - Aufgewachsen in Weilheim, studiert Sch. von 1421-22 an der Humanistenschule Ulm und erlangte den Magister artium an der Universität Wien. 1434 wurde er Magister der Scholaren im Benediktinerstift Melk, wo er 1436 Profeß ablegte. In Melk, dem Zentrum der damaligen benediktinischen Reformbewegung in Österreich und Süddeutschland, war er dreimal Prior, zweimal Subprior sowie zweimal Vikar. - Als entschiedener Anhänger des Reformgedankens hielt sich Sch. zur Durchführung der Basler Reformen u.a. in den Klöstern St. Ulrich u. Afra in Augsburg (1441-42), Ettal (1442) und KleinMariazell (1446) auf. Vom 3.2. 1451-19.11. 1452 war er als Visitator von 52 OSB-Klöstern und als Jubiläumsablaßprediger unter Kardinallegat Nikolaus von Kues in der Salzburger Kirchenprovinz an der großen Reform beteiligt. Im Zeitraum von 1465 und 1472 unterstützte er vergeblich Pläne zur Vereinheitlichung der Melker, Kastler und Bursfelder Observanz und vertrat die österreichischen Klöster auf den Ordenskapiteln und Konferenzen in Salzburg, Freising, Passau und Lambach. Bis 1475 bekleidete er mehrfach das Amt des Priors in Mariazell, Formbach, Göttweig, Ebersberg und Ettal. - Sch. hinterließ ein umfangreiches Oeuvre, das neben Kommentaren zur Benediktsregel und Bibelkommentaren zahlreiche theologische Werke sowie geistliche Dichtungen umfaßt, die größtenteils nicht ediert sind (Überblick über die Handschriften und Editionen in 2VL). Von großer Bedeutung für die Geistesgeschichte des 15. Jahrhunderts ist daneben die mehr als 100 Briefe namhafter Absender aus den Jahren 1441-46 umfassende Melker Sammlung Sch.s, die v.a. Anliegen des Klosterlebens und der Reform, aber auch die Verteidigung des Konziliarismus zum Gegenstand haben. Durch seine reformerische und literarische Tätigkeit verschaffte er dem durch Petrus v. Rosenheim vermittelten italienischen Humanismus und dem Wiener Gelehrtentum vollends Eingang in die Klöster des Melker Reformkreises. - Als Reformer, Schriftsteller und Humanist steht er zwischen Petrus von Rosenheim und Bernhard v. Waging und war mit diesen im 15. Jh. Hauptvertreter der Melker Reformbewegung und des süddeutschen Klosterhumanismus. Sch. stand in engem Kontakt zu Kloster Tegernsee und beteiligte sich an mehreren theologischen Kontroversen. - Sein Grab in der Stiftsgruft zu Melk ist heute nicht mehr auffindbar.
Lit.: Anselm Schramb: Chronicon mellicense seu Annales Monasterii Mellicensis, 1702, 428-432, 482-513; - Martin Kropff: Bibliotheca mellicensis, 1747, 369-441; - Ignaz F. Keiblinger: Geschichte des Benediktinerstiftes Melk in Niederösterreich, seiner Besitzungen und Umgebungen, Bd. 1, 1851, 529-532, 543-549; - Ursmer Berlière: La réforme de Melk au XVe siècle, in: Rev. Bén. 12 (1895) 204-213 und 289-309; - Ders., Mélanges d'histoire Bénédictine I, 1897, 27-56; - Adolph Franz: Die Messe im deutschen Mittelalter, 1902, 578-580, 710; - Paul Perdrizet: Étude sur le Speculum humanae salvationis, 1908, 3 f., 128; - Ignaz Zibermayer: Johann Schlitpachers Aufzeichnungen als Visitator der Benediktiner-Klöster in der Salzburger Kirchenprovinz. Ein Beitrag zur Geschichte der Cusanischen Klosterreformen (1451-1452), in: MIÖG 30 (1909) 258-279; - Ders.: Die Legation des Kardinals Nikolaus Cusanus und die Ordensreform in der Kirchenprovinz Salzburg (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, Heft 29) 1914, 49-57; - Richard Mitlöhner: Johannes Schlitpacher de Weilheim, Prior von Melk 1403-1482, Diss. Wien 1915; - Edmond Vansteenberghe: Autour de la Docte ignorance. Une controverse sur la théologie mystique au XVe siècle (Beitr. zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters 14, 2-4) 1915; - Richard Newald: Beiträge zur Geschichte des Humanismus in Ober-Österreich, in: Jahrbuch des oberösterreichischen Musealvereins 81 (1926) (= Beiträge zur Landeskunde von Österreich ob der Enns) 153-223; - Franz-Xaver Thoma: Petrus v. Rosenheim O.S.B. Ein Beitrag zur Melker Reformbewegung, StMBO 45 (1927) 94-222; - Ders.: Petrus von Rosenheim und die Melker Benediktiner-Reformbewegung, Diss. München 1929; - Ders.: Petrus von Rosenheim OSB, 1962; - Albert Auer: Johannes v. Dambach und die Trostbücher vom 11. bis zum 16. Jahrhundet (Beitr. zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters 27,1-2) 1928; - Ludwig Glückert: Hieronymus von Mondsee (Magister Johannes de Werdea). Ein Beitrag zur Geschichte des Einflusses der Wiener Universität im 15. Jahrhundert, in: StMBO 48 (1930) 98-201; - Virgil Redlich: Tegernsee und die deutsche Geistesgeschichte im 15. Jahrhundert (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 9) 1931; - Franz Sigloch: Johannes Schlitpacher von Weilheim, der bedeutendste Vertreter der Melker Reforbewegung, Diss. Wien 1930; - Josef Wodka: Zur Geschichte der nationalen Protektorate der Kardinäle an der römischen Kurie (Publikationen des ehemaligen Österreichischen Historischen Instituts in Rom IV,1) 1938; - Wilhelm Fink: Wann sind die Verse des Benediktuslebens `Bis bini ...' entstanden?, in: StMBO 61 (1947/48) 126-141; - Paul Lehmann: Literaturgeschichte im Mittelalter, in: Ders.: Erforschung des Mittelalters. Ausgewählte Abhandlungen und Aufsätze, Bd. 1, 1941, 103 f.; - Peter Mennicken: Nikolaus v. Cues, 1950; - Romuald Bauerreiß: Kirchengeschichte Bayerns V, 1955; - F. Hubalek: Aus dem Schriftwechsel des Johann Schlitpacher von Weilheim, Diss. Wien 1963; - Philibert Schmitz: Geschichte des Benediktinerordens, Bd. 1, 1947; Bd. 3, 1955; - Alphons Lhotsky: Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte: MIÖG ErgBd. 19 (1963) 342, 371 ff.; - Hermann Glaser. Wissenschaft und Bildung im Spätmittelalter, in: Handbuch der bayerischen Geschichte, hrsg. von Max Spindler, Bd. 2, 1988; - Joachim Angerer: Die liturgisch-musikalische Erneuerung der Melker Reform. Studien zur Erforschung der Musikpraxis in den Benediktinerklöstern des 15. Jahrhunderts, in: Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse, 287/5, 1974, 72-75; - Heribert Roßmann: Der Magister Marquard Sprenger in München und seine Kontroversschriften zum Konzil von Basel und zur mystischen Theologie, in: Mysterium der Gnade, FS J. Auer, 1975, 350-411; - Ders.: Der Tegernseer Benediktiner Johannes Keck über die mystische Theologie, in: Das Menschenbild des Nikolaus von Kues und der christliche Humanismus, FS R. Haubst (Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft 13) 1978, 330-352; - Nikolaus Henkel: Studien zum Physiologus im Mittelalter (Hermaea NF 38) 1976; - Burkhard Ellegast: Die Anfänge einer Textkritik zur Regel des hl. Benedikt in den Kreisen der Melker Reform (15. Jh.), in: Stift Melk, Geschichte und Gegenwart 3, 1983, 8-91; - Bernhard Schnell: Thomas Peutner, `Büchlein von der Liebhabung Gottes' (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 81) 1984, bes. 196-200 und 265 ff.; - Meta Bruck: Profeßbuch des Klosters Melk (1. Teil 1418-1452), in: Stift Melk, Geschichte und Gegenwart 5, 1985, 79-202 hier 161-177; - Dies.: Die Melker Reform im Spiegel der Quellen, Diss. (masch.) Wien 1985; - Dies. [unter dem Namen Niederkorn-Bruck]: Ein Briefbuch als Quelle für die Geschichte der ersten Melker Reform, in: MIÖG 100 (1992) 268-282; - VL 4, 1953, 79 f.; - LThK 9, 1964, 419 f.; - Dict. Spir. 8, 1974, 723 f.; - 2VL 8, 1993, 727-748.