SCHMEDDING, Johann Heinrich, preußischer Beamter für Kirchenangelegenheiten und religiöser Dichter, * 2.7. 1774 in Münster/Westfalen, + 18.4. 1846 in Berlin. - Aus einer katholischen münsterländischen Familie stammend, war S. die geistliche Laufbahn vorgezeichnet. Demgemäß begann er nach dem Besuch des Gymnasiums in Münster das Theologiestudium, wechselte aber später zur Juristischen Fakultät über und schloß seine Studien mit der Promotion zum Doktor iuris utriusque an der Universität Göttingen ab. Aufgrund seiner theologisch-juristischen Vorbildung erhielt er am 8.12. 1796 eine Anstellung als Advokat im Fürstbistum Münster. Gleichzeitig übernahm er Lehrveranstaltungen an der Universität Münster als Dozent, seit 1800 als ordentlicher Professor für Kanonisches Recht. Als das geistliche Territorium 1802/03 säkularisiert wurde und an Preußen fiel, empfahl sich der junge Kirchenjurist den protestantischen Beamten Stein und Vincke als Experte für alle die katholische Kirche betreffenden Fragen. Unter Beibehaltung seiner Professur wurde er zum Rat an der Kriegs- und Domänenkammer Münster ernannt. Auch während der französischen Besatzungszeit (1807/08) wirkte S. in der öffentlichen Verwaltung mit, bevor er 1809 als vortragender Rat und Staatsrat in die Sektion für Kultus des preußischen Innenministeriums nach Berlin berufen wurde. Dort sowie in dem 1817 errichteten Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten oblag ihm die Ausübung des landesherrlichen Kirchenregiments über die katholische Kirche. U.a. ernannte Minister Altenstein (s.d.) den inzwischen zum Oberregierungsrat aufgestiegenen S. im Auftrag König Friedrich Wilhelms III. am 30.8. 1821 zum Zivilkommissar für die Ausführung der päpstlichen Zirkumskriptionsbulle »De salute animarum« vom 16.7. 1821. In dieser Funktion hatte S. maßgeblichen Anteil an der Reorganisation der katholischen Kirche in Preußen nach dem Wiener Kongreß. Sein Versuch, zwischen den Interessen von Staat und Kirche zu vermitteln, gelang ihm insoweit, als er sowohl die Wertschätzung seiner Vorgesetzten als auch das Vertrauen des päpstlichen Exekutors der erwähnten Bulle, des ermländischen Fürstbischofs Joseph von Hohenzollern (s.d.), besaß. Mit letzterem stand er sogar in freundschaftlichem Briefwechsel. Einige Historiker unterstellen S., daß er seinen Einfluß im preußischen Kultusministerium überschätzte. Andererseits tragen zahlreiche Entscheidungen des Ministers Altenstein bzw. königliche Kabinettsordres die Handschrift S.s. Persönlich vertrat er einen vorsichtigen Reformkatholizismus im Rahmen eines gemäßigten Episkopalismus, d.h. unter Beachtung der staatlichen Kirchenhoheit. Auch stand er dem Münsteraner Kreis um die Fürstin Amalie von Gallitzin (s.d.) nahe. Neben seiner Tätigkeit in der Kultusverwaltung hielt S. von 1811 bis 1820 kirchenrechtliche Vorlesungen an der neu gegründeten Berliner Universität und war seit 1812 Mitglied in der Prüfungskommission für Beamte des höheren Dienstes. In seiner Freizeit verfaßte er Gedichte, Kirchenlieder und Übersetzungen vorwiegend geistlicher Texte. 1845 erhielt er in Münster die Ehrenpromotion zum Doktor der Philosophie. Bei seinem Tod am 18.4. 1846 stand S. noch in königlich-preußischen Diensten als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat und Rat Erster Klasse. - Als Katholik, Theologe und Jurist machte sich S. der preußischen Verwaltung unentbehrlich und konnte dadurch zugleich in der schwierigen Übergangsphase zwischen Französischer Revolution und Restauration zum Wohl der katholischen Kirche wirken. Eine bedeutende Rolle kam ihm bei der Reorganisation der katholischen Kirche Preußens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu.
Lit.: Allgemeine Preußische Zeitung Nr. 131, 1846; - August Schmidt/Bernhard Friedrich Voigt (Hrsg.), Neuer Nekrolog der Deutschen, 1846; - Ernst Raßmann, Nachrichten von dem Leben und den Schriften Münsterländischer Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts, 1866, 297, NF 1881, 190; - Joseph Bender (Hrsg.), Geschichte der philosophischen und theologischen Studien im Ermland. Festschr. des Königlichen Lyceum Hosianum zu Braunsberg zu seiner fünfzigjährigen Jubelfeier sowie zur Erinnerung an das dreihundertjährige Bestehen der Hosianischen Anstalten überhaupt, 1868, 129-132; - Anton Eichhorn, Die Ausführung der Bulle »De salute animarum« in den einzelnen Diöcesen des Preußischen Staates durch den Fürstbischof von Ermland, Prinz Joseph von Hohenzollern, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 5, 1870, 1-130; - Otto Mejer, Zur Geschichte der römisch-deutschen Frage, Bd. 2/2, 1873, bes. 42-46; - Franz Hipler (Hrsg.), Monumenta literaria Warmiensia. Briefe, Tagebücher und Regesten des Fürstbischofs Joseph von Hohenzollern (1776-1836), 1883; - Ders., Heinrich Schmülling und die Reform des ermländischen Schulwesens am Eingange des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 8, 1886, 217-451, bes. 219 f.; - Franz Heinrich Reusch (Hrsg.), Briefe an Bunsen von römischen Cardinälen und Prälaten, deutschen Bischöfen und anderen Katholiken aus den Jahren 1818 bis 1837, 1897, XXX-XXXV; - Heinrich Brück, Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland im neunzehnten Jahrhundert, Bd. 1, 19022, 474-477, 482 f.; Bd. 2, 1903, 40; - Reinhard Lüdicke, Die preußischen Kultusminister und ihre Beamten im ersten Jahrhundert des Ministeriums 1817-1917, 1918; - Ernst Müsebeck, Das preußische Kultusministerium vor hundert Jahren, 1918; - Josef Grisar, Die preußische Konvention mit dem Heiligen Stuhle vom Jahre 1821. Zum hundertjährigen Jubiläum der Bulle De salute animarum, in: StZ 101, 1921, 353-366; - Herward Bork, Zur Geschichte des Nationalitätenproblems in Preußen. Die Kirchenpolitik Theodors von Schön in Ost- und Westpreußen 1815 bis 1843, 1933, 17-93; - Bernhard Maria Rosenberg, Links des Rheines - Rechts der Weichsel. Beiträge zur Geschichte der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem linksrheinischen Raum und dem Gebiet des einstigen Deutschordensstaates Preußen in der Zeit vom beginnenden 13. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 30, 1960, 144-199, bes. 175; - Rudolf Lill, Die Anfänge der katholischen Bewegung in Deutschland und der Schweiz, in: HdKG, Bd. 6/1, 1971, Sonderausg. 1985, 259-271, bes. 263 f.; - Ernst Rudolf Huber/Wolfgang Huber (Hrsg.), Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Dokumente zur Geschichte des deutschen Staatskirchenrechts, Bd. 1, 1973, Nr. 90; - Walther Hubatsch (Hrsg.), Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, Reihe A: Preußen, Bd. 12, Tl. A: Preußische Zentralbehörden, bearb. v. Friedrich Wilhelm Wehrstedt, 1978, 114 f., 125 f.; - Friedrich Raßmann, Münsterländisches Schriftsteller-Lexicon; - Joseph Kehrein, Biographischliterarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller II; - ADB XXXI, 631 f.; - Friedrich Wienstein, Lexikon der katholischen deutschen Dichter vom Ausgange des Mittelalters bis zur Gegenwart.