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Band XX (2002)Spalten 1280-1284 Manfred Knedlik

SCHMELTZL, Wolfgang, kath. Schuldramatiker, Musiker, Chronist, Pfarrer, * um 1500/05 Kemnath (Oberpfalz), † 1564 St. Lorenzen am Steinfeld (Niederösterreich). - Im Oktober 1523 Immatrikulation an der Universität Wien, wo er vermutlich den Magistergrad erwarb. Nach seiner Rückkehr in die Oberpfalz nahm er um 1535 eine Tätigkeit an der Benediktinerabtei Kastl an und wirkte 1536 als Kantor in Weiden (später vielleicht auch in Amberg). 1538, als die Oberpfalz protestantisch wurde, ging er nach Wien, wo er spätestens seit 1540 Schulmeister am Schottenstift und Sänger an der Salvator-Kapelle des Rathauses war. An der Klosterschule trat Sch. als dramatischer Dichter hervor; überliefert sind sieben deutsche Spiele aus seiner Feder (aufgeführt und gedruckt zwischen 1540 und 1551). Um 1551/52 schied er aus den Diensten der Schottenmönche aus, um sich fortan seelsorgerlichen Aufgaben zu widmen. Seit 1554 als Pfarrer von St. Lorenzen bezeugt, nahm er 1556 am Feldzug Erzherzog Ferdinands gegen die Türken teil, den er in der epischen Dichtung "Der Christlich und Gewaltig Zug in das Hungerland" schildert. Danach kehrte er nach St. Lorenzen zurück, wo er weiterhin publizistisch tätig blieb; seit 1560 war er zugleich Vicedechant und Inhaber des Dreifaltigkeits-Benefiziums zu Neunkirchen. - Regen Anteil nahm Sch. an den konfessionellen Auseinandersetzungen der Epoche, wobei er sich nicht nur in seinem "Pasquillus Germanico-latinus" (1557), sondern auch in seinen biblischen Spielen als entschiedener Verteidiger des katholischen Glaubens erwies. Von der Bühne herab wurde das Publikum mit nachahmenswerten Modellen christlicher Lebensführung konfrontiert. Freilich zielten die Schuldramen nicht allein auf moralisch-sittliche Belehrung, vielmehr entfaltete sich in ihnen zugleich ein gegenreformatorisches Programm. Die "Comedia des verlornen Sohns" wurde so zu einem Plädoyer für die katholische Rechtfertigungslehre, stand doch, in deutlicher Abkehr von Luthers Grundsatz der 'sola gratia', die Aufforderung zu Umkehr, Reue und Buße im Mittelpunkt. In der "Comoedia der Hochzeit Cana Galilee" erfuhr die lutherische Ehelehre, die sich gegen das Keuschheitsgebot der alten Kirche richtete, subtile Kritik. Zwar brachte das Spiel - wie auch protestantische Schuldramen - zur Darstellung, daß der Ehe als einem von Gott gestifteten Stand ein besonderer Rang zukam, doch verschob Sch. den Akzent auf den sakramentalen Charakter des Ehestandes; zudem betonte er, daß die Ehelosigkeit kein Übel sei, sondern in gleicher Weise gottgefälliges Verhalten. Auch zu aktuellen politischen Fragen und Ereignissen bezog er meinungsbildend Stellung. So kritisierte er in dem "Exempel des künigs Samuelis und Saulis", in Anspielung auf den böhmischen Aufstand gegen Ferdinand I. im Jahre 1547, das Aufbegehren von Untertanen gegen einen Fürsten von Gottes Gnaden als Angriff auf die göttliche Weltordnung. - Musikhistorische Bedeutung erlangte das Liederbuch "Guter, seltzamer und kunstreicher teutscher Gesang", das eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte des Quodlibets ist. Offensichtlich verfolgte Sch. mit seiner Sammlung auch moralisch-pädagogische Absichten, indem er Mißbräuche anprangerte und zu Umkehr und Buße aufrief. Die allgemeine Krisensituation der Zeit, die in der Bedrohung durch die Türken sinnbildhaften Ausdruck fand, bildete auch den Erfahrungshorizont, vor dem der "Lobspruch der Hochlöblichen ... Stat Wienn" entstand. Sch. entwarf hier nicht nur ein farbiges, kulturgeschichtlich bedeutsames Bild der Residenzstadt, sondern er trat zugleich für eine Reichsidee ein, die durch den Kaiser und die Papstkirche repräsentiert wurde. - Die Schuldramen, die Liedersammlung und die Stadtbeschreibung zeichnen sich so gleichermaßen als "pro-habsburgische, pro-katholische Dichtung in deutscher Sprache" (Dietl) aus.

Schriften: Comoedia Judith, Wien 1542; Aussendung der Zwelff poten, Wien 1542; Comoedia der Hochzeit Cana Galilee, Wien 1543; Ein ... Comedi von dem plintgeboren Sonn, Wien 1543; Guter seltzamer und kunstreicher teutscher Gesang, Nürnberg 1544 (ND Graz 1990, hrsg. von Rudolf Flotzinger); Ein schöne tröstliche Hystoria von dem Jüngling David vnnd dem mutwilligen Goliath, Wien 1545; Comedia des verlornen Sons, Wien 1545 (ND Halle 1955, hrsg. von Alice Rössler); Ein Lobspruch der ... Stat Wienn, Wien 1547 (Faks.-Ausg. Wien 1960), 1548 (Faks.-Ausg. Wien 1849, hrsg. von Matthäus Kuppitsch; ND Wien 1892, bearb. von August Silberstein; ND Wien 1913, hrsg. von Heinrich Diezel); (Hrsg.) Johannes Prasinus, Philaemus Tragaedia, Wien 1548; Dasz alle hohe gewaltige Monarchien von Gott eingesetzt vnd geordent, durch das exempel des künigs Samuelis vnd Saulis, Wien 1551 (ND Wien 1883, hrsg. von Franz Spengler, u.d.T. Samuel und Saul); Der Christlich und Gewaltig Zug in das Hungerland, Wien 1556 (im Anhang: Ain new Lied, gemacht zu Ehren dem ... Fürsten ... Ferdinand, 1556); Pasquillus Germanico-latinus non minus falsus quam ridiculus in novi Evangelii propugnatores iniquissimos, 1557 (auf dem Titelblatt fälschlich 1547), 1558. - Ausgabe: Wolfgang Schmeltzl. Der Wiener Hans Sachs. Eine Auslese seiner Werke mit Anmerkungen versehen und hrsg. von Ella Triebnigg. Wien 1915.

Bibliographie: VD 16 S 3088-3099.

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Zur Gesch. der dt. Lit. im XVI. Jh., Wien 1883; - Theodor Wiedemann, Gesch. der Reformation und Gegenreformation im Lande unter der Enns, Bd. 4, Prag/Leipzig 1884, 340 ff.; - Hugo Holstein, Die Reformation im Spiegelbilde der dramatischen Litteratur des sechzehnten Jh., Halle 1886; - Jakob Zeidler, Die Schauspieltätigkeit der Schüler und Studenten Wiens, Progr. Oberhollabrunn 1888; - Franz Spengler, Der verlorene Sohn im Drama des XVI. Jh., Innsbruck 1888; - John W. Nagl, Jakob Zeidler, Dt.-Österr. Literaturgesch., Bd. 1, Wien 1899, 570 ff.; - Elsa Bienenfeld, Wolffgang Schmeltzl, sein Liederbuch (1544) und das Quodlibet des XVI. Jahrhunderts, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 6 (1903), 80-135; - Albert Hübl, Gesch. des Unterrichts im Stifte Schotten in Wien, Wien 1907, 33-34, 37-38, 215; - Adolf Schweckendiek, Bühnengesch. des verlorenen Sohnes in Deutschland, Leipzig 1930; - Karl Winkler, Literaturgesch. des oberpfälzisch-egerländischen Stammes, Bd. 1, Kallmünz 1940, 132, 156, 254; - Otto Rommel, Wiener Renaissance, Wien 1947, 393-396; - Horst Hartmann, Bürgerliche Tendenzen im dt. Drama des 16. Jhs., Habil.-Schrift Potsdam 1965, 144-145; - Oskar Katann, Lobspruch der Stadt Wien, eine interessante Neuerwerbung der Stadtbibliothek, in: Amtsblatt der Stadt Wien 54 (1949), Nr. 58, 1-2; - Alice Rössler, Die Parabel vom verlornen Sohn des 16. Jahrhunderts als Spiegelbild der rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse jener Zeit, Diss. Jena 1952; - Karl Lechner, Carinthiaca in niederösterreichischen Archiven, in: Carinthia 147 (1957), 314-315; - Heinz Kindermann, Theatergesch. 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Lex.: ADB III, 637; - MGG XI, 1828 f.; - DLL XV, 257-259; - Bosls Bayer. Biographie, 681; - Killy, Lit.-Lex. X, 297 f.; - Kindlers Neues Lit.-Lex. XIV, 990-991; - Kosch, Theater-Lex. III, 2024; - DBE VIII, 696.

Manfred Knedlik

Werkeergänzung:

2009

Gesammelte Schriften, Bd. 1: Das dramatische Werk. Hrsg. von Cora Dietl und Manfred Knedlik, Wien/Münster 2009 (Wiener Neudrucke 23).

Literaturergänzung

2007

Cora Dietl/Manfred Knedlik, Gegenreformation auf der Bühne. Das dramatische Werk Wolfgang Schmeltzls, in: Kemnather Heimatbote 27 (2007), 41-46; -

2008

Manfred Knedlik, Wolfgang Schmeltzl – engagierter Katholik und Literat, in: Kemnath. 1000 Jahre… und mehr. Hrsg. von Michael Neubauer u.a. Pressath 2008, 189-194.

Lexikaergänzung

NDB XXIII, 128.

Letzte Änderung: 10.03.2009