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Band IX (1995)Spalten 514-517 Autor: Barbara Wolf-Dahm

SCHMÜLLING, Johann Heinrich, Theologe und Pädagoge, * 23.11. 1774 in Warendorf, + 17.1. 1851 in Münster/Westfalen. - Der Sohn des wohlhabenden Bildhauers Theodor Heinrich Schmülling und seiner Ehefrau Anna Katharina, geb. Francke, erhielt eine gründliche Ausbildung. Von 1786 bis 1794 besuchte er das von Franziskanern geleitete Laurentianische Gymnasium seiner Heimatstadt. Im Wintersemester 1794/95 nahm er das Philosophie- und Theologiestudium an der Universität Münster auf und trat 1798 in das dortige Priesterseminar ein. Gefördert von seinem Lehrer Johann Heinrich Schmedding (s.d.) sowie dem Münsteraner Generalvikar Franz von Fürstenberg (s.d.), orientierte sich S. zur Pädagogik hin. Am 1.10. 1800 übernahm er eine Stelle als Lehrer am Gymnasium Paulinum in Münster, wo er seine erzieherischen Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte. Auch Friedrich Leopold Graf von Stolberg schickte seine Söhne in S.s Klasse. Durch ihn kam S. in Kontakt zu dem Münsteraner Kreis von katholischen Reformern um die Fürstin Amalie von Gallitzin (s.d.). Nach dem Empfang der Priesterweihe am 4.4. 1801 bestellte Graf Stolberg S. zu seinem Hausgeistlichen. Bald war der fähige Priester und Pädagoge so bekannt, daß ihn der Münsteraner Theologe Johann Hyazinth Kistemaker (s.d.) mit der Herausgabe der von ihm verfaßten Schulbücher für die deutsche und lateinische Sprachlehre betraute. Sein Landsmann Schmedding, inzwischen Regierungsrat im preußischen Innenministerium, veranlaßte S. zum beruflichen Wechsel nach Ostpreußen, indem er ihn dem Fürstbischof von Ermland empfahl und seine Ernennung zum Direktor des Gymnasiums von Braunsberg (29.6. 1811) erwirkte. Zur gleichen Zeit verlieh ihm die Universität Breslau die Ehrendoktorwürde in Philosophie. Obwohl S. seine westfälische Heimat nicht gern verließ, setzte er sich in seinem neuen Wirkungskreis sogleich tatkräftig für die Verbesserung des Schulwesens ein. Vorrangig kümmerte er sich um die Reorganisation des Braunsberger Gymnasiums, wobei die Vorschläge zur Besetzung des Lehrkörpers meist von ihm ausgingen und es ihm gelang, noch weitere Kollegen und Freunde aus Westfalen für die Mitarbeit im Ermland zu gewinnen. Auch um das Volksschulwesen machte sich S. verdient, indem er einen Lehrplan erarbeitete und mehrere über die Grenzen Ostpreußens hinaus bekannt gewordene Lehrbücher verfaßte. Bereits 1811 setzte er sich in einer Denkschrift an die preußischen Behörden für die Erhaltung einer höheren theologischen Lehranstalt in Braunsberg ein und plädierte gegen deren geplante Verlegung an die Universität Königsberg. 1821 übernahm er zusätzlich zur Leitung des Gymnasiums noch eine Professur für Philosophie sowie das Rektorat an der wieder errichteten theologischen Hochschule Lyzeum Hosianum in Braunsberg, deren Statuten er mit entworfen hatte. Sowohl bei seinen Schülern als auch bei seinen Vorgesetzten hinterließ S. einen tiefen Eindruck. Als er 1827 zum Nachfolger Bernhard Overbergs (s.d.) als Regens an das Priesterseminar in Münster und zugleich zum Ehrendomherrn berufen wurde, bedauerten die Ermländer, vor allem Fürstbischof Joseph von Hohenzollern (s.d.), seinen Weggang außerordentlich. Noch lange erinnerte man sich seiner im Ermland. So stand er 1837 als zweiter Kandidat hinter Weihbischof von Hatten auf der Bischofswahlliste, lehnte eine Kandidatur aber schon im Vorfeld ab. Auch nach S.s Rückkehr in die Heimat setzten seine ermländischen Schüler die Tradition fort, ihm alljährlich zum Geburtstag ein Gedicht zu widmen; 1845 stifteten sie in seinem Geiste ein »Stipendium Schmüllingianum«. Auch in seiner Heimat erfuhr S. weitere Förderung. Seit 1833 wirklicher Domherr, erhielt er 1835 die Ehrenpromotion an der Theologischen Fakultät der Universität Münster, wo er von 1837 bis 1849 Neutestamentliche Exegese lehrte. Daneben arbeitete er von 1828 bis 1841 als Schulrat bei der preußischen Regierung in Münster mit. Am 17.1. 1851 beendete der Tod sein segensreiches Wirken. - S. ist dem Kreis der katholischen Reformtheologen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuzurechnen, der durch Namen wie Bernhard Overberg und Johann Michael Sailer (s.d.) repräsentiert wird. Als Theologe und Pädagoge machte sich S. um die Reform des katholischen Volksschulwesens und der Gymnasien ebenso verdient wie um die Heranbildung des geistlichen Nachwuchses. Seine sechzehnjährige Tätigkeit in Ostpreußen bereicherte vor allem das Gymnasium in Braunsberg und die ermländischen Volksschulen.

Werke: Johann Hyazinth Kistemaker, Deutsche Sprachlehre für die Trivialschulen in Münster, bearb. v. J. H. S., Münster/Westf. 1809, 18208; Ders., Kleine lateinische Sprachlehre zum Schulgebrauche, bearb. v. J. H. S., Münster/Westf. 1811; Programme des Gymnasiums zu Braunsberg, Braunsberg 1811-1824, vgl. auch Hipler, H. S. (s.u.), Anhang, 432-435; Lesebuch für die Schulen des Bisthums Ermland. Mit hoher landesherrlicher und bischöflicher Genehmigung, Danzig 1818; Fibel oder Vorübungen zum Lesen für die Schulen des Bisthums Ermland. Mit hoher landesherrlicher und bischöflicher Genehmigung, Braunsberg, Danzig 1819, mehrere Aufl. bis 1840; Lectionsplan für Elementarschulen, Braunsberg 1819, in: Hipler, H. S. (s.u.), Anhang, 430 f.; Andeutungen zum Gebrauch der Fibel und des Lesebuches für die Schulen des Bisthums Ermland, Danzig 1820; Die erste hl. Communion der Kinder. Nebst Betrachtungen und Gebeten zum Empfange des hl. Sacramentes der Buße für die Neu-Communicanten der Diöcese Ermland, Braunsberg 1821, 18855; Prooemia der Lycealindices (Lectionskataloge des Lyzeum Hosianum) von Braunsberg, Braunsberg 1822-1825, in: Hipler, H. S. (s.u.), Anhang, 437-442; Sermo synodalis die 13. Oct. 1829 in ecclesia cathedrali Monasteriensi habitus, Münster/Westf. 1829; Sermo synodalis die 11. Oct. 1831 et 15. Oct. 1833 habitus, Münster/Westf. 1834; Briefe, teilweise abgedruckt in: Hipler, H. S. (s.u.).

Lit.: August Schmidt/Bernhard Friedrich Voigt (Hrsg.), Neuer Nekrolog der Deutschen, 1851; - Josef Braun, Geschichte des königlichen Gymnasiums zu Braunsberg während seines dreihundertjährigen Bestehens, 1865, 67-69, 102, 121; - Ernst Raßmann, Nachrichten von dem Leben und den Schriften Münsterländischer Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts, 1866, 300, NF 1881, 192; - Joseph Bender (Hrsg.), Geschichte der philosophischen und theologischen Studien im Ermland. Festschr. des Königlichen Lyceum Hosianum zu Braunsberg zu seiner fünfzigjährigen Jubelfeier sowie zur Erinnerung an das dreihundertjährige Bestehen der Hosianischen Anstalten überhaupt, 1868, 134-136; - Franz Hipler, Literaturgeschichte des Bisthums Ermland, 1873; - Ders. (Hrsg.), Monumenta literaria Warmiensia. Briefe, Tagebücher und Regesten des Fürstbischofs Joseph von Hohenzollern (1776-1836), 1883; - Ders., H. S. und die Reform des ermländischen Schulwesens am Eingange des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 8, 1886, 217-451, auch als Sonderdr. u. d. T. J. H. S., der Nachfolger Overbergs, 1886; - Philipp Funk, Beiträge zur Biographie Josephs von Hohenzollern-Hechingen Fürstbischofs von Ermland (1808-1836), 1927, 28-31, 37; - Adolf Poschmann, H. S. im Ermland, in: Heimatbuch des Kreises Lippstadt 3, 1952, 85-89; - Ders., H. S. zum Gedenken. Ein Münsteraner als Gymnasialdirektor und Professor in Braunsberg, in: Unsere Ermländische Heimat 1, 1955, Nr. 1; - Hans Preuschoff, Ein westfälischer Schulmann wirkte im deutschen Osten. J. H. S. zum Gedenken, in: Westfälischer Heimatkalender 13, 1959, 134-139; - Friedrich Raßmann, Münsterländisches Schriftsteller-Lexicon; - Georg Christoph Hamberger/Johann Georg Meusel, Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller; - ADB XXXII, 64 f.; - Altpreußische Biographie II, 623 f.

Barbara Wolf-Dahm

Letzte Änderung: 12.03.1999