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Band IX (1995)Spalten 620-623 Autor: Christof Dahm

SCHÖNBORN, Damian Hugo Philipp Reichsfreiherr (seit 1701 Reichsgraf) von, Kardinal, Fürstbischof von Speyer und Konstanz, * 19.9. 1676 in Mainz, † 19.8. 1743 in Bruchsal. - S. wurde in eine einflußreiche Familie hineingeboren. Sein Vater Melchior Friedrich v. S. (1644-1717), ein Bruder des Mainzer Kurfürsterzbischofs Lothar Franz v. S. (s.d.) sowie Neffe des Mainzer Kurfürsterzbischofs Johann Philipp v. S. (s.d.), war kaiserlicher Geheimer Rat, kurmainzischer Staatsminister und Oberhofmarschall. Seine Mutter Maria Sophia (1652-1726) war die Tochter des kurmainzischen Staatsministers Johann Christian von Boineburg. Als dritter Sohn unter 18 Kindern, von denen 14 das Erwachsenenalter erreichten, genoß Damian Hugo eine strenge, tief religiöse Erziehung in Mainz und auf den väterlichen Gütern im mainfränkischen Raum. Im Gegensatz zu seinen beiden älteren Brüdern Johann Philipp Franz (s.d.) und Friedrich Karl (s.d.) sollte er zunächst jedoch nicht die geistliche Laufbahn einschlagen. Nach Studien in Würzburg, Mainz, Rom (1693-1695 Alumne am Collegium Germanicum), Leiden und Löwen führte er 1698/99 vorübergehend eine Kompanie im Heer Kaiser Leopolds I. 1699 trat er in den Deutschen Orden ein, in dessen Diensten er in den folgenden Jahren zahlreiche Ämter bekleidete, die ihm Gelegenheit gaben, sowohl im diplomatischen Dienst als auch in der Landesverwaltung Erfahrungen zu sammeln. So wurde ihm 1703 das Komturat über die Ballei Hessen anvertraut, 1706 wirkte er als Gesandter am Wiener Hof. Zwei Jahre später ernannte ihn Kaiser Joseph I. zum Vertreter des Reiches im niedersächsischen Kreis, wo er sich vorwiegend mit den Problemen des konfessionellen Zusammenlebens auseinanderzusetzen hatte. Diplomatische Missionen führten ihn u.a. an die Höfe von Hannover und Berlin. Auf Präsentation des polnischen Königs August II. des Starken berief Papst Clemens XI. S., der zwar die Ordensgelübde abgelegt, aber noch keine geistlichen Weihen empfangen hatte, am 30.1. 1713 in das Kardinalskollegium (Titelkirche S. Nicola in carcere). Trotz seiner Teilnahme an zwei Konklaven blieb S. an der Kurie ohne Einfluß. Einen entscheidenden Einschnitt in seinem Leben bildete dagegen die auf Drängen des Mainzer Erzbischofs Lothar Franz v. S. erfolgte Wahl zum Koadjutor des Speyerer Bischofs Heinrich Hartard von Rollingen am 21.7. 1716. Nachdem S. am 30.11. 1719 von der Diözese Speyer Besitz ergriffen hatte, ließ er sich am 15.8. 1720 zum Priester und am 24.2. 1721 zum Bischof weihen. Seine mehr als zwanzigjährige Regierungszeit fiel in eine weitgehend friedliche Epoche, in der sich das Fürstbistum Speyer allmählich von den Verwüstungen des Pfälzischen und des Spanischen Erbfolgekrieges erholte. S. nutzte seine Erfahrungen aus der Tätigkeit für den Deutschen Orden zur Straffung der Verwaltung sowie zum Auf- und Ausbau von Handel und Verkehr. Allerdings blieben seine Bemühungen, das Hochstift Speyer merkantilistisch umzustrukturieren, vielfach in den Anfängen stecken oder scheiterten am Widerstand lokaler Institutionen. So endete beispielsweise der Streit S.s mit dem Rat der Stadt Speyer um den Wiederaufbau der dortigen bischöflichen Pfalz damit, daß der Fürstbischof 1722 seine Residenz nach Bruchsal verlegte. Er begann dort mit der Errichtung einer Schloßanlage, an der u.a. Balthasar Neumann (s.d.) mitwirkte. Darüber hinaus war sogar eine Ersatzkathedrale konzipiert. Die dadurch bedingte Vernachlässigung des teilzerstörten Speyerer Doms führte zu einem langjährigen Konflikt zwischen Bischof und Domkapitel, der trotz des Eingreifens der Kurie und des Kaiserhofs kaum überwunden werden konnte. Eine auf Dauer positive Wirkung ging von S.s Maßnahmen zur Hebung der Volksbildung (z.B. 1722 Einführung der allgemeinen Schulpflicht vom sechsten bis zwölften Lebensjahr) und zur Förderung des geistlichen Nachwuchses (1724 Einrichtung eines Priesterseminars in Bruchsal) aus. Überhaupt bemühte sich der Fürstbischof, der seit 1725 der Konzilskongregation angehörte, darum, in seinem Sprengel die Katholische Reform im Geiste des Konzils von Trient voranzutreiben. Im Interesse der ehrgeizigen Familienpolitik bemühte sich S. 1722 um die Koadjutorie in der Diözese Konstanz, wo er am 18.5. 1722 zum Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge gewählt und am 15.3. 1723 von Papst Innozenz XIII. bestätigt wurde. Das Amt des Ordinarius konnte er allerdings erst nach dem Tod von Bischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg am 12.7. 1740 übernehmen. In den ihm noch verbleibenden Lebensjahren übte er keinen größeren Einfluß auf die Geschicke des Bistums Konstanz mehr aus. Schon lange an den Folgen einer Malariaerkrankung laborierend, die er sich in seiner römischen Studienzeit zugezogen hatte, starb S. am 19.8. 1743 in Bruchsal. - S. verkörperte den Typus des persönlich frommen, um das Wohl seiner Untertanen besorgten geistlichen Landesfürsten, der zugleich als Mäzen der Schönen Künste hervortrat. In seine Zeit, die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, fällt der Höhepunkt des Einflusses der Schönborn auf die Germania Sacra.

Lit.: Franz Xaver Remling, Geschichte der Bischöfe zu Speyer, 2 Bde., 1852-1854, hier II, 625-665; - Anton Wetterer, Das religiös-aszetische Leben des Kard. D. H. v. S., in: FreibDiözArch 43, 1915, 151-166; - Ludwig Stamer, Kirchengeschichte der Pfalz, Bd. 3/1: Von der Reform zur Aufklärung. Ende der mittelalterlichen Diözesen (1685-1801), 1959, hier 102-115; - Otto Bernhard Roegele, D. H. Kard. Graf S. und das Kapuzinerkloster zu Bruchsal, in: FreibDiözArch 70, 1950, 21-42; - Ders., D. H. v. S. und die Anfänge des Bruchsaler Priesterseminars, in: FreibDiözArch 71, 1951, 5-55; - Ders., Ein Schulreformer des 18. Jhs. Kard. D. H. v. S. und die Reorganisation des Schulwesens im Fürstentum Speyer, in: HJ 74, 1954, 351-362; - Ders., Die drei Berliner Missionen des Grafen D. H. v. S. (1712-13), in: ZGORh 103, 1955, 426-467; - Ders., Das Priesterseminar zu Bruchsal (1724-1804), in: St. German in Stadt und Bistum Speyer, 1957, 110-139; - Hubert Jedin, Die Reichskirche in der Schönbornzeit, in: TThZ 65, 1956, 202-216; - Gertrude Staniszewski, Die Sendung des Grafen D. H. v. S. in den niedersächsischen Kreis (Diss. phil. Wien), 1962; - Heribert Raab, Wiederaufbau und Verfassung der Reichskirche, in: HdKG, Bd. 5, 1970, Sonderausg. 1985, 152-180; - Alfred A. Strnad, Kard. D. H. Reichsgraf v. S. im Lichte neuer Quellen, in: AMrhKG 24, 1972, 107-153; - Alfred Schröcker, Besitz und Politik des Hauses Schönborn vom 14. zum 18. Jh., in: Mitt. des Östr. Staatsarchivs 26, 1973, 212-233; - Ders., Die Schönborn. Eine Fallstudie zum Typus »materiell-konservativ«, in: Bll. für dt. Landesgesch. 111, 1975, 209-231; - Max Braubach, Reich und Territorien nach 1700. Deutsche Kultur zu Beginn des Zeitalters der Aufklärung, in: Gebhardt-Grundmann, Taschenbuchausg., Bd. 10, 19815, 115-121; - Otto Meyer, D. H. v. S., in: Barock in Baden-Württemberg, 1981, 335-342; - Uta Hassler, Die Baupolitik des Kard. D.H. v. S. Landesplanung und profane Baumaßnahmen in den Jahren 1719-1743 (Diss. phil. Karlsruhe), 1982; - Volker Press, Das Hochstift Speyer im Reiche des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit - Portrait eines geistlichen Staates, in: Barock am Oberrhein, hrsg. v. Volker Press, 1985, 251-290; - Hermann Maué / Sonja Brink (Hrsg.), Die Grafen von Schönborn: Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene. Katalog zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg vom 18. Februar bis 23. April 1989, 1989; - Kirchliches Handlexikon II, 1986; - Remigius Ritzler/Pirminius Sefrin, Hierarchia Catholica Medii et Recentioris Aevi [Eubel] V, 29, 170, 362; - NDB III, 500; - LThK IX, 453; - Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1648 bis 1803. Ein biographisches Lexikon, hrsg. v. Erwin Gatz unter Mitwirkung v. Stephan M. Janker, 1990, 430-432.

Christof Dahm

Literaturergänzung:

2002

Stephan, Peter: Im Glanz der Majestät des Reiches. Tiepolo und die Würburger Residenz. Die Reichsidee der Schönborn und die politische Ikonologie des Barock, 2 Bde., Weißenhorn 2002; -

2008

Franck Lefage, Les comtes Schönborn 1642-1756. 2 Tom. Paris 2008; -

2009

Claude Muller, Die Kardinäle D.H.v.S. u. Gaston de Rohan. Die Fürstbischöfe von Speyer u. Straßburg im Konklave 1730, in: AmrhKG 61.2009, S. 183-192.

Letzte Änderung: 19.12.2009