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Band IX (1995)Spalten 1026-1030 Autor: Thomas Gandlau

SCHUBERT, Franz Peter, österr. Komponist, * 31.1. 1797 in Lichtental (heute zu Wien) als 12. Kind des Volksschullehrers Franz Theodor S., + 19.11. 1828 in Wien. - Vom 8. Lebensjahr an wurde die hohe musikalische Begabung S.s durch den Vater und den Chorregent der Lichtentaler Pfarrkirche M. Holzer im Singen, Violin-, Klavier- und Orgelspiel gefördert. 1808 als Sängerknabe in die Wiener Hofkapelle und als Gymnasiast in das Stadtkonvikt aufgenommen, erhielt S. Unterricht in Generalbaß und Komposition vom Hoforganisten W. Ruzicka sowie vom Hofkapellmeister A. Salieri. 1810 entstand S.s früheste bekannte Komposition, eine G-Dur-Fantasie für Klavier. Nach seinem Stimmbruch besuchte er 1813-14 ein Lehrerseminar und wurde Schulgehilfe seines Vaters. Die nächsten drei Jahre gab er recht lustlos Elementarunterricht, nebenbei komponierte er Sinfonien, Klavierstücke, Bühnenwerke und vor allem Lieder. Obwohl S. als Sängerknabe im Stadtkonvikt die Sinfonien Haydns, Mozarts und Beethovens kennengelernt hatte und unter diesem Eindruck den Weg zur repräsentativen Instrumentalmusik suchte, wurden die Lieder Mittelpunkt seines musikalischen Schaffens. Zwischen 1815 und 1816 schrieb er über 250 Lieder, die hauptsächlich von deutschsprachiger Lyrik des Jahrhunderts um Goethe inspiriert waren. 1818 machte sich S. mit der finanziellen Hilfe seines Freundes F. v. Schober selbständig und widmete sich von da an als freier Komponist ganz der Musik. Nur im Sommer 1818 und 1824 arbeitete er als Hausmusiklehrer der Familie Esterházy in Zelesz. In Wien erfreuten sich S.s Kompositionen immer größerer Beliebtheit; der Künstler nahm häufig mit gleichgesinnten Freunden an geselligen Zusammenkünften in Privathäusern, wie Lese- und Musikabenden teil, die ab 1821 »Schubertiaden« genannt wurden. Erst 1822 gelang es S. die seinen Liedern eigene Lyrik in größeren Instrumentalwerken zu verwirklichen (h-Moll-Symphonie D 759, 1822). S., der schon in Lichtental sowie als Sängerknabe an der Wiener Hofkapelle mit der Kirchenmusik verbunden war, schrieb 6 Orchestermessen (1814-28), von denen die Messen As-Dur D 678 (1822) und Es-Dur D 950 (1828) durch ihre oratorische Geschlossenheit und große Klangwirkung hervorragen. Neben den Orchestermessen und kleineren Kirchenwerken (u.a. Ps 23 für Frauenchor, Stabat mater, 5 Tantum ergo, 7 Salve regina) fand die Dt. Messe (Text J. Ph. Neumann, 1826) die weitaus größte Verbreitung. Die von J. Haydn und den zeitgenössischen kirchl. Gebrauchswerken beeinflußte Kirchenmusik S.s erlangte durch ihre Gesanglichkeit und reizvolle Harmonik im Kirchenvolk große Beliebtheit. Mit seinen Opern und Singspielen hatte S. dagegen wenig Erfolg. Ab 1825 erlebte er an der Seite J.M. Vogls, des ersten »Schubertsängers«, wie seine Kompositionen in den bürgerlichen Musikkreisen Österreichs Verbreitung fanden. Sein einziger größerer öffentlicher Auftritt mit ausschließlich eigenen Werken am 26.3.1828 im Wiener Musikverein war ein großer künstlerischer und finanzieller Erfolg. Nachdem er seit 1822 an der schleichenden Ausbreitung einer Geschlechtskrankeit litt, starb S. mit 31 Jahren an einer Typhusinfektion. - Sein Geburtshaus ist seit 1912 ein Schubertmuseum. - Durch S. gewann das Klavierlied aufgrund eigenständiger und neuartiger Gestaltung die Bedeutung eines musikalischen Kunstwerks (die Zahl der Lieder wird auf über 600 geschätzt). Dabei strebte er immer eine Einheit zwischen Lyrik und Musik an, die sich in der formalen Gestaltung des Liedes ausdrückte, wie z.B. im strengen Strophenlied und frei durchkomponierten Lied oder in liedhaften Szenen mit deklamatorischem Charakter. Als herausragendes Merkmal seiner Instrumentalkompositionen gilt die vollendete Synthese mit dem Liedprinzip. - Das thematische Kompositionsverzeichnis S.s von O.E. Deutsch zählt 998 Nummern (abgekürzt: D).

Werke: Hauptwerke: Bühnenwerke: a) Singspiele: Der Spiegelritter (Fragment), 1811?; Der vierjährige Posten, 1815; Fernando, 1815; Claudine von Villa Bella, 1815; Die Freunde von Salamanka, 1815; Die Zwillingsbrüder, 1819; Die Verschworenen (Der häusl. Krieg), 1823. b) Opern: Des Teufels Lustschloß, 1814; Die Bürgschaft, 1816; Alfonso und Estrella, 1822; Fierabras, 1823. - Musik zu »Die Zauberharfe«, 1820 und zu »Rosamunde, Fürstin von Zypern«, 1823. - Orchesterwerke: 8 Sinfonien: Nr. 1 in D-Dur, 1813; Nr. 2 in B-Dur, 1815; Nr. 3 in D-Dur, 1815; Nr. 4 in c-Moll, »Tragische«, 1816; Nr. 5 in B-Dur, 1816; Nr. 6 in C-Dur, 1818; Nr. 7 in h-Moll, »Die Unvollendete«, 1822; Nr. 8 in C-Dur, 1826; 8 Ouvertüren; Concerto für V. u. Orch. in D-Dur, 1816; Rondo für V. und Streicher in A-Dur, 1816. - Kammermusik: 15 Streichquartette, 1812-26; Adagio und Rondo in F-Dur, 1816; 4 Klaviertrios, 1812-27; Streichtrio in B-Dur, 1817; 3 Sonaten, 1816; Sonate in A-Dur, 1817; Streichquintett in C-Dur, 1828; Quintett in A-Dur, »Forellenquintett«, 1819; Oktett in F-Dur, 1824; Rondo in h-Moll, 1826; Variationen in e-Moll, 1824; Sonate in a-Moll, 1824; Fantasie in C-Dur, 1827. - Klaviermusik: 15 Sonaten, 1815-28 u. Fragment einer Sonate in C-Dur, »Reliquie«, 1825; Fantasie in C-Dur, »Wanderfantasie«, 1822; 6 Moments musicaux, 1828; 4 Impromptus, 1827; Menuette, Dt. Tänze, Ländler, Walzer, Eccossaisen u.a.; Klavierstücke zu 4 Händen; Märsche; Ouvertüren u. Variationen. - Chormusik und vokale Ensembles: 6 Messen für Soli, Chor u. Orch., 1814-28; Dt. Messe in F-Dur für Chor mit Orgel oder Bläsern, 1827; Stabat mater, 1816; 7 Salve Regina, 5 Tantum ergo, Offertorien; Sehnsucht, 1819; Gesang der Geister über den Wassern, 5 Fassungen, zuletzt 1821; Nachtgesang im Walde, 1827; Hymnus an den Hl. Geist, 1828; Ständchen, 1827. - Lieder: über 600 Lieder für eine Singstimme u. Kl., darunter: Gretchen am Spinnrade, 1814; Erlkönig, 1815; Der Tod und das Mädchen, 1817; Die Forelle, 1816-21; Wandrers Nachtlied, 1824; Auf dem Strom, 1828; Liederzyklen: Die schöne Müllerin, 1823; Winterreise, 1827; Schwanengesang, 1828. - Ausgaben: GA d. Werke S.s, 40 Bde. in 21 Serien, hrsg. v. E. Mandyczewski u.a., 1884-97, Nachdr. 41 Bde. in 19, 1965; Neue Ausgabe sämtl. Werke, hrsg. v. d. Internationalen S.-Ges. durch W. Dürr, A. Feil u. C. Landon, angelegt in 8 Serien (I Kirchenmusik, II Bühnenwerke, III Mehrstimmige Gesänge, IV Lieder, V Orchesterwerke, VI Kammermusik, VII Klaviermusik, VIII Suppl.), 1964 ff., darin als Bd. 4, Serie VIII: O.E. Deutsch, F.S., Thematisches Verz. seiner Werke in chronolog. Folge, 1978; Mus. Erbe und Gegenwart. Musiker-GA in d. BRD, hrsg. v. H. Bennwitz u.a., 1975; S., solo piano literature, hrsg. Carolyn Maxwell, 1986; F. S., Bühnenwerke. Krit. Gesamtausgabe der Texte, hrsg. Christian Pollack, 1988.

Lit.: bis 1973, s. Riemann ML, Ergbd. II, 608 f. sowie bis 1978, s. Brockhaus-Riemann ML II, 479 ff.; - Otto Brusatti (Hrsg.), S.-Kongreß Wien 1978. Bericht, 1979; - Eugen Biser, »Abschied und Ankunft. Religiöse Momente im Werk F. S.s«, in: Beitr. päd. Arb. 23, 1979, 16-28; - Ernest G. Porter, S.'s piano works, 1980; - Helga Ruppert-Tribian, Winterreise, 1980; - Bruce A. Baggett, Analytical guide to the understanding and performance of selected song cycles of F.S. (Diss. Columbia), 1981; - Cecilia C. Baumann, Wilhelm Müller. The poet of the S. song cycles, 1981; - Stephen E. Carlton, S.'s working methods (Diss. Pittsburgh), 1981; - Irene M. Levenson, Motivic-harmonic transfer in the late works of S. (Diss. Yale), 1981; - Carl C. Moman, A study of the musical settings by F.S. and Hugo Wolf for Goethe's »Prometheus«, »Ganymed« and »Grenzen der Menschheit«, 1981; - Werner Schulze, Temporelationen im symphonischen Werk von Beethoven, S. und Brahms, 1981; - Peter Andraschke, F.S., Sinfonie Nr. 7 h-Moll, »Unvollendete«, 1982; - Eva Badura-Skoda (Hrsg.), S. studies, 1982; - Thomas A. Denny, The finale in the instrumental works of S., 1982; - Peter Gammond, S., 1982; - Alfred Hrdlicka, F.S. (Kat.), hrsg. Ernst Hilger, 1982; - Paul-Gilbert Langevin (Hrsg.), F.S. et la symphonie, 1982; - Jacobus Pop, S. als interpretator van gedichten (Diss. Utrecht), 1982; - Arthur Godel, S.s letzte drei Klaviersonaten (Diss. Zürich), 1983; - Hsiao-Hung ku, Liszt's S.-Lieder transcriptions (Diss. Denton), 1983; - Mary A. Wischusen, The stage works of F.S. (Diss. New Brunswick), 1983; - Konrad Wolff, Masters of the keyboard ... and S., 1983; - David L. Brodbeck, Brahms as editor and composer: his 2 editions of Ländler by S. (Diss. Pennsylvania), 1984; - Karla Höcker, F.S. in seiner Welt, 1984; - Thomas Kabisch, Liszt u. S., 1984; - Jeannette F. Swent, Register as a structural element in S.'s Die schöne Müllerin und Winterreise (Diss. Yale), 1984; - Gerhild Wegend, F.S., 1984; - Werner Aderhold (Hrsg.), F.S., Jahre der Krise 1818-1823, 1985; - Bertram Eckle, Studien zu F.S.s Orchestersatz (Diss. Tübingen), 1985; - Ernst Hilmar, F.S. in seiner Zeit, 1985; - Kathleen N. Kranz, Structural functions of rests in F.S.'s works for the piano (Diss. San Diego), 1985; - George R. Marek, S., 1985; - Werner Maser, Armer S. Fälschungen und Manipulationen, 1985; - John Reed, The S. song companion, 1985; - Ruth Schulz-Storck, Tempobezeichnungen in F.S.s Liedern (Diss. Tübingen), 1985; - Walter Frisch (Hrsg.), S., 1986; - Daniel C. Jacobson, F.S. (Diss. Santa Barbara), 1986; - Hans Jaskulsky, Die lat. Messen F.S.s (Diss. Frankfurt/M.), 1986; - Walburga Litschauer (Hrsg.), Neue Dokumente zum Schubert-Kreis aus Briefen und Tagebüchern seiner Freunde, 1986; - Charles Osborne, S., 1986; - Anton Diabellis Werkkatalog F.S., hrsg. Alexander Weinmann, 1987; - David E. Gramit, The intellectual and aesthetic tenets of F.S.'s circle, 1987; - Heinrich v. Kreißle, F.S., 1987; - Timothy S. Mussard, Embellishing S.'s songs (Diss. Seattle), 1987; - Anton Neumayr, Musik und Medizin am Beispiel der Wiener Klassik, 1987; - Jacques Drillon, S. et l'infini, 1988; - Erich W. Partsch (Hrsg.), F.S. - Der Fortschrittliche? 1989; - Ernst Krenek, F.S.: ein Porträt, 1990; - Helmut Well, Frühwerk und Innovation. Die "Jugendsinfonien" F.S.s, 1990; - Suk Won Yi, A theory of melodic contour as pitch-time interaction, 1990; - Jos van der Zanden, F.S., mijn leven, een martelgang, 1990; - Marie-Agnes Dittrich, Harmonik und Sprachvertonung in S.s Liedern, 1991; - Walter Dürr / Arnold Feil, Reclams Musikführer F.S., 1991; - Peter Gülke, F.S. und seine Zeit, 1991; - Kristina Muxfeldt, S. song studies, 1991; - Till G. Waidelich, Alfonso und Estrella, 1991; - Christopher H. Gibbs, The presence of Erlkönig, 1992; - Ulrich Hartung, Die Winterreise, 1992; - Brian Newbould, S. and the symphony. A new perspective, 1992; - Siegfried Oechsle, Symphonik und Beethoven. Studien zu S. u.a., 1992; - Susan Yonens, S., Die schöne Müllerin, 1992; - Meiluan Zhen, The variation elements in the piano works of F.S., 1992; - Klaus Baugerter, F.S., Große Symphonie in C-Dur, D 944, 1993; - Eduard Gronau, F.S., Musik zwischen Himmel und Abgrund. Eine Werkbiographie, 1993; - Marjorie W. Hirsch, S.s dramatic Lieder, 1993; - Richard Kramer, Distant cycles. S. and the conceiving song, 1994; - Wolf Loeckle u.a. (Hrsg.), F.S. - heute?, 1994; - LThK IX, 497 f.; - MGG XII, 106-185; - Das große Lex. d. Musik VII, 285-290; - Brockhaus-Riemann ML II, 477-481; - Riemann ML, Ergbd. II, 607 ff.; - Der Musikbrockhaus, 534 f.

Thomas Gandlau

Letzte Änderung: 14.03.1999