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Band IX (1995)Spalten 1054-1056 Autor: Kay-Volker Koschel

SCHÜTZ, Alfred, * 13.4. 1899 in Wien, † 20.5. 1959 in New York. - A.S., einziges Kind des Bankprokuristen Otto Schütz und Johanna Schütz geb. Fiala, studierte an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien Rechtswissenschaft, Ökonomie und Soziologie. Nach seiner Promotion im Jahre 1921 trat S. als Finanzjurist in ein Wiener Bankhaus ein. Noch bis in die 50er Jahre bleibt er hauptberuflich im internationalen Bankmanagement tätig. 1932 erschien sein Hauptwerk »Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt« und im gleichen Jahr lernt S. seinen »spiritus mentor« Edmund Husserl, den Begründer der Phänomenologie, kennen. Husserl und seinen Freiburger Kreis besucht er fortan regelmäßig bis zum Jahr 1937. 1938, nach dem Anschluß Österreichs, kehrte S. von einem Geschäftsaufenthalt in Paris nicht mehr zurück. Ein Jahr später emigrierte S. mit seiner Familie schließlich ganz in die USA. Hier wurde er im Jahr 1941 Vorstandsmitglied der Internationalen Phänomenologischen Gesellschaft und arbeitete ab 1943 als Dozent, ab 1952 bis zu seinem Tod, als Professor für Philosophie und Soziologie an der New School for Social Research (New York). - Angeregt insbesondere durch Max Webers »verstehende Soziologie« und E. Husserls »Phänomenologie« arbeitete S. an einer phänomenologischen Begründung der Sozialwissenschaften. Ausgangspunkt seiner Analyse des sozialen Handelns sind die »natürlichen Einstellungen«, d.h. die subjektiven Sinndeutungs- und Sinnsetzungsvorgänge der Menschen in ihrer Alltagswelt. Die phänomenologische Methode besteht darin, theoretische Konstrukte von typischen Verhaltensmustern zu bilden, um so die subjektiven Intentionen und die beständig wechselnden Relevanzsysteme der Menschen in ihrer Lebenswelt aufzudecken und zu verstehen. - Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß S. zu Lebzeiten nur ein einziges Buch und nur einige wenige verstreute und nur schwer lesbare Artikel/Aufsätze veröffentlichte, blieb der Einfluß seines Werkes auf die Sozialwissenschaften anfänglich eher auf enge Fachkreise begrenzt. Erst mit der Aufarbeitung seines Nachlasses - Mitte der sechziger Jahre - fand eine zunehmende Rezeption seiner Ideen, insbesondere in den USA, statt. In Deutschland nutzten insbesondere P.Berger und T.Luckmann S. Ansatz zu einer phänomenologisch fundierten Wissenssoziologie. Spätestens seit den achtziger Jahren sind phänomenologische Begriffe (z.B. Lebenswelt) in großen Teilen der Soziologie und vieler benachtbarter Disziplinen geradezu »Mode«.

Werke: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. 1932; Gesammelte Aufsätze. 1971; Das Problem der Relevanz. (Hrsg.: R. M. Zaner) 1971; Strukturen der Lebenswelt. (Hrsg.: T. Luckmann) 1975; Zur Theorie sozialen Handelns. Ein Briefwechsel. (Hrsg. W. Sprondel) 1977; Theorie der Lebensformen. (Hrsg.: I. Skrubar) 1981.

Lit.: Spiegelberg H., The Phenomenological Movements. (2 vol.) 1960; Zaner R., Theory of Intersubjectivity: A. Schütz. In: Social Research, 28, 1961, 71-93; Luckmann T., A. Schütz. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 13, 768 ff. 1961; Schermann H., Phänomenologie und Sozialwissenschaft: Die phänomenologische Fundierung der Wissenschaften bei A. Schütz. 1965; Bodenstedt A., Idealtypus und soziale Wirklichkeit: A. Schütz und sein Beitrag zur »Verstehenden Soziologie«. In: Soziale Welt 1966, 17, 79-91; Berger P., Luckmann T., Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. 1969; Berger P., The Problem of Multiple Realities: A.Schütz and R.Musil. In: Natanson M. (ed.), Phenomenology and Social Reality: Essays in Memory of A.Schutz. 1970; Natanson M., Phenomenology and Typification: A Study in the Philosophy of A.Schutz. In: Social Research 1970, 1-22; Natanson M. (ed.), Phenomenology and Social Reality: Essays in Memory of A.Schutz. 1970; Zijderveld A., The Problem of Adequacy: Reflections on Schutz's Contribution to the Methodology of Social Sciences. European Journal of Sociology, 13, 1972, 176-190; Natanson M., Phenomenology and the Social Sciences. (2 vol.) 1973; Wiliame R., Les fondements phénomenologiques de la sociologie compréhensive: A.Schütz et M.Weber. 1973; Weigert J., A.Schutz on a Theory of Motivation. Pacific Sociological Review. 1975, 83-102; Gorman R., The Dual Vision. A.Schutz and the Myth of Phenomenological Social Science. 1976; Webb B.R., The Presence of the Past: J.Dewey and A.Schutz on the Genesis and Organistion of Experience. 1976; Habermas J., Der phänomenologische Ansatz. In: Zur Logik der Sozialwissenschaften 1977, 188 ff.; Grathoff R., A. Schütz. In: Klassiker des soziologischen Denkens, Bd. II (Hrsg.: Käsler D.) 1978; Cox R.R., The Phenomenology of Relevance: A Critical Grounding of Schutz's Theory of the Life World. 1979; Sprondel M., Grathoff A. (Hrsg.), Alfred Schütz und die Idee des Alltags in den Sozialwissenschaften. 1979; Lepsius M., Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945. Materialien zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte. 1981; Wagner H. R., A. Schutz: An Intelectual Biography. 1983; Amann A., A. Schütz und T.Parsons. Zur scheinbaren Folgenlosigkeit eines Briefwechsels. 1988; Embree L., Wordly Phenomenology. The Continiuing Influence of A. Schütz on North American Human Science. 1988; List E., Skrubar I. (Hrsg.), A. Schütz: Neue Beiträge zur Rezeption seines Werkes. 1988; Skrubar I., Kosmion: die Genese der pragmatischen Lebenswelttheorie von A.Schütz und ihr anthropologischer Hintergrund. 1988; Skrubar I., Exil, Wissenschaft, Identität. Die Emigration deutscher Sozialwissenschaftler 1933-1945. 1988; Wiedemann P., A.Schütz' Lebensweltansatz als Ausgangspunkt für die Historische Psychologie. In: Jüttemann G. (Hrsg.) Wegbereiter der Historischen Psychologie. 193-201, 1988; Gratthof R., Milieu und Lebenswelt. Eine Einführung in die phänomenologische Soziologie und die phänomenologische Forschung. 1989; Esser H., Alltagshandeln und Verstehen: Zum Verhältnis von erklärender und verstehender Soziologie am Beispiel von A. Schütz und »Rational choice«. 1991; Heuberger F., Problemlösendes Handeln: Zur Handlungs- und Erkenntnistheorie von G.H. Mead, A. Schütz und C.S. Peirce. 1992.

Kay-Volker Koschel

Werkeergänzung:

2002

Werkausgabe. In Zsarb. mit d. A.-S.-Archiv Konstanz hrsg. von Richard Grathoff, Hans-Georg Soeffner, Ilja Srubar. Konstanz 2002ff.;

2004

A.S. - Eric Voegelin, E. Freundschaft, die e. Leben ausgehalten hat. Briefwechsel, 1938-1959. Hrsg. von Gerhard Wagner, Gilbert Weiss. Konstanz 2004;

2010

Werkausgabe. Hrsg. von Richard Grathoff. Bd. 4: Zur Methodologie d. Sozialwissenschaften / hrsg. von Thomas Samuel Eberle. Konstanz 2010.

Literaturergänzung:

2003

Frédéric Tellier, A.S. et le projet d'une sociologie phénoménologique. Paris 2003; -

2004

Michael D. Barber, The participating citizen. A biography of A.S. Albany 2004; -

2005

Stephanie Klein, Erkenntnis und Methode in der Praktischen Theologie. Stuttgart 2005, S. 163-203; - Explorations of the life-world. Continuing dialogues with A.S. Martin Endreß, George Psathas, Hisashi Nasu (Eds.). Dordrecht 2005; -

2006

Martin Endreß, A.S. Konstanz 2006; -

2007

Sylvanus Ifeanyichukwu Nnoruka, Solidarity: a principle of sociality. A phenomenological hermeneutical approach in the context of the philosophy of A.S. and an African culture. Frankfurt/M. 2007; - Michael D. Barber, Social scientific theology? Schutz' Goethe manuscripts, in: PhTh 19.2007, S. 225-239; -

2008

Julian Gebhardt, Telekommunikatives Handeln im Alltag. Eine sozialphänomenolog. Analyse interpersonaler Medienkommunikation. Wiesbaden 2008; - Mauro Protti, Studi tedeschi. La sociologia da Weber a Schütz. Milano 2008.

Letzte Änderung: 09.04.2010