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Verlag Traugott Bautz
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SCHÜTZ, Heinrich (latinisiert: Henricus Sagittarius), deutscher evangelisch-lutherischer Komponist, * 8. (irrtümliche andere Angabe: 14.) 10. 1585 in Köstritz (Vogtland, Herrschaft Reuß), † 6.11. 1672 in Dresden: - Der vierte (bzw. zweite) Sohn des Ratsherrn, Gastwirts und späteren (1619) Weißenfelser Bürgermeisters Christoph Schütz (um 1551 - 25.8. 1631) und dessen dritter Frau Euphrosyne geb. Bieger († 5.2. 1635), die 1590 nach Weißenfels übergesiedelt waren, ward schon früh mit seinen musikalischen Begabungen durch seinen Onkel und Stadtkirchenorganist Heinrich Colander (* um 1557) und den Weißenfelser Stadtkantor Georg Weber (1538-1599) gefördert worden. Von Landgraf Moritz [dem Gelehrten] von Hessen (s.d.) am 20.8. 1599 als Singknabe nach Kassel geholt erhielt S. eine umfassende musische und sprachliche Ausbildung an der Hofschule und dem Gymnasium Mauritianum, die er 1606 abschloß. Für die beiden darauffolgenden Jahre liegen keine gesicherten biographische Daten vor. Am 27.9. 1608 immatrikuliert sich S. in Marburg, doch wendet er sich schon im darauffolgenden Jahr von den juristischen Studien ab und zieht, mit einem jährlichen Stipendium von 200 Talern seines Fürsten versehen, nach Venedig zur Fortbildung seiner musikalischen Fähigkeiten. S. wird bis zu dessen Tode (1612) Schüler von Giovanni Gabrieli (s.d.), der durch effektvolle Einsätze der Mehrchörigkeit sowie die freie Mischung von Vokal- und Instrumentalstimmen große Kontrastwirkungen erzielte; Frucht dieser Lehrjahre ist das Madrigalbuch, das ganz in der italienischen Tradition steht. Nach Kassel zurückgekehrt erhielt S. eine dürftig dotierte musikalische Anstellung als Zweiter Hoforganist, Privatsekretär und Prinzenerzieher, die ihn bald zur Wiederaufnahme des Studiums als möglicher Zukunftssicherung zwang; Studienaufenthalte in Jena oder Leipzig lassen sich allerdings dokumentarisch nicht belegen. 1614 knüpfte S. erste Kontakte zum sächsischen Hof, an dem er gegen den Widerstand Moritz' ab dem 12.2. 1617 zunächst als Hof-, nach dem Tod des Niederländers Rogier Michaels (um 1554-1619) dann als Oberhofkapellmeister bis zu seinem Tod angestellt wurde; allerdings führten die dortigen Arbeitsbedingungen zu wiederholten Spannungen mit Kurfürst Johann Georg I. (5.3. 1585 - 8.10. 1656). Die Bindung an den kursächsischen Hof, dem Moritz gerne S. wieder abgeworben hätte, festigte S. durch seine am 1.6. 1619 geschlossene Heirat mit Magdalene, der Tochter des Beamten Christian Wildeck († 1.10. 1631) und der Anna, geb. Hanitzsch († 1633), die 24jährig am 6.9. 1625 an Blattern stirbt; aus dieser Ehe gingen die Kinder Anna Justina (November 1621 - vor 10.7. 1638) und Euphrosyne (28.11. 1623 - 12.1. 1655; sie heiratete am 25.1. 1648 den Leipziger Juristen und nachmaligen Bürgermeister Christian Pincker) hervor: - Nach der Ausrichtung von Kaiser Matthias' (24.2. 1557 - 20.3. 1618) Besuch Kursachsens (1617) und der musikalischen Gestaltung des im gleichen Jahr pompös begangenen Reformationsjubiläums beendet S. die Arbeit an den vermutlich schon 1612/1613 konzipierten »Psalmen Davids« (SWV 22-47), 26 mehrchörigen Psalmenvertonungen, die 1619 erscheinen; S.' musikalische Textgestaltung läßt hier schon erkennen, wie die italienische Madrigaltechnik und der Einfluß (u.a.) Claudio Monteverdis (s.d.) weiterentwickelt werden. Augenfällig an ihnen ist das Zurücktreten trinitarischer Schlußdoxologien sowie die doppelte Vertonung von Ps 128 (»Wohl dem, der den Herren fürchtet«, SWV 30/44) und 136 (»Danket dem Herrn, denn er ist freundlich«, SWV 32/45); zur Aufführungspraxis sieht S. vor, daß der Hörer in der Mitte der vier Chöre plaziert werden soll. Nach dem Tod seiner Frau und den offiziellen Verpflichtungen des Jahres 1627 (s.u.) hält sich S. vom Oktober 1628 bis Anfang November 1629 erneut in Italien auf, wohin er am 11.8. aufgebrochen war; in Venedig dürfte S. Claudio Monteverdi begegnet sein, dessen »Combattimento di Tancredi e Clorinda« von 1624 nach Torquato Tassos (1544-1595) »Gerusaleme liberata« S. in nachempfindet. Inspiriert von neuen Eindrücken komponiert S. den ersten Teil seiner Symphoniae sacrae (SWV 257-276); wechselnde konzertante Stimmgruppen von Solo bis Terzett wechseln begleitender Instrumentierungsvielfalt genauso ab, wie auch die Bandbreite der Textauswahl biblischer Worte über Psalter und Evangelien hinausgeht und erahnen läßt, wie S. Monteverdis Stimmführung und -arragement adaptiert. Nach Dresden am 20.11. zurückgekehrt unternimmt S. zusammen mit Francesco Castelli († 1631) die Reorganisation des höfischen Musikbetriebs, an dem die Kriegsfolgen nicht vorübergehen werden; die Zeitläufe erfordern die Hinwendung zur homophonen Vereinfachung des Motettensatzes und zum Einsatz der Mehrchörigkeit nach venezianischem Vorbild. Aber auch die personelle Dezimierung der Hofkapelle, Finanzierungsengpässe und die wachsende Kritik durch den Oberhofprediger Matthias Hoë von Hoënegg (s.d.) gestalten das Dresdener Musikleben zunehmend schwieriger: - Nach Kopenhagen führen drei längere Auslandsaufenthalte zwischen 1633 und 1644; begünstigt wurde S.s Kontakt zu Christian IV. (12.4. 1577 - 28.2. 1648) durch dessen Absicht, seinen gleichnamigen Sohn (1603-1647) mit Johann Georgs jüngster Tochter Magdalene Sibylle (* 1617) zu verheiraten; die Feierlichkeiten, bei denen wie schon 1627 (s.u.) S. musikalischer Gesamtleiter war, dauerten vom 5.-18.10. 1634. Am 10.12. 1633 wurde zum Königlich-Dänischen Oberkapellmeister als Nachfolger Melchior Borchgrevincks († 1632) ernannt: - Nach Dresden im Mai 1635 zurückgekehrt entstanden als Auftragsarbeit für die Trauerfeierlichkeiten des Herrn von Gera, Schleiz und Lobenstein mit Plauen, Heinrich XVII. (»Posthumus«) Reuß (6.7. 1572 - 3.12. 1635), dem S. seit 1619 freundschaftlich verbunden war, die »Musikalischen Exequien« (SWV 279-281, s.u.), die 1636 im Druck erschienen; aus dem gleichen Jahr stammt die Zusammenstellung von z.T. überarbeiteten 24 Stücken unter dem Titel »Kleine geistliche Konzerte« (SWV 282-305), deren zweiter Teil (SWV 306-337) 1639 erschien; sie stellen Vorläufer der Kantate dar. Sie komprimieren musikalischen Ausdruck nach rhetorischen Prinzipien, bleiben also S.' Rezitativtechnik treu, zeigen aber nun S.' Ausbalancierung von Tonsatz und Textgestaltung in Vollendung: akzentuierende Silbenlängen und Hochtöne (aufsteigende Quarte) strukturieren die Phrasierung. Ende 1637 bricht S. erneut nach Dänemark auf, kehrt aber 1638 zurück, um die Hochzeitsfeierlichkeiten für die Vermählung des Prinzen Johann Georg (II., 31.5. 1613 - 22.8. 1680) mit der kurbrandenburgischen Prinzessin Magdalene Sibylle am 14.11. vorzubereiten. 1640 weilt S. am Hildesheimer Hof Georgs von Calenberg zu Hannover, und vom September 1642 bis in den Mai 1644 ist S. erneut in Kopenhagen, anschließend wiederholt in Braunschweig; in dieser Zeit entstehen die »Sieben Worte am Kreuz«, gattungshistorisch zwischen Mottete, Historie, Oratorium und Passion einzuordnen. 1647 legt S. den zweiten Teil der Symphoniae sacrae (SWV 341-367) vor, die in Dänemark entstanden waren, im darauffolgenden Jahr die Geistliche Chormusik (SWV 369-397), 27 bzw. 29 Gottesdienstmotetten aus dem Repertoire der Dresdner Hofkapelle, in denen sich die Öffnung zur Polyphonie anbahnt, Ende 1650 dann den dritten Teil der Symphoniae sacrae (SWV 398-418). In den nächsten Jahren entstehen keine größeren Werke, zumal sich die finanzielle Lage an der Dresdner Hofkapelle drastisch verschlechtert und zudem mit Andrea Bontempi (eigentlich: Giovanni Andrea Angelini, 1620-1705), dem ersten Intendanten des 1667 eröfneten Dresdener Komödienhauses, ein Konkurrent S.' mehr und mehr das höfisch musikalische Leben um sich un die von ihm geleitete Kronprinzenkapelle zentriert. Verbesserung der Situation versprach sich S. von Jakob Weller (1602-1664), dem Amtsnachfolger Hoë von Hoëneggs, allerdings erfolglos. 1651 will S. in den Ruhestand verabschiedet werden und kauft sich ein Anwesen in Weißenfels als Alterswohnsitz; die Beantwortung des Gesuchs zieht sich über Jahre hinweg, hingegen wächst die Kritik an italienischen und damit katholischen Musikern, die S. für den Hof gewinnt. Zwischenzeitlich erhält S. 1655 noch den Rang des Wolfenbütteler, 1660 den des Zeitzer Oberhofkapellmeisters. Johann Georg II. ernennt S. zum sächsischen Oberkapellmeister, entpflichtet ihn schließlich vom Hofdienst und beläßt ihm ein Ruhegehalt von 800 Talern. Als Inspizient des höfischen Musiklebens reist S. nun zwischen Weißenfels, Dresden, Halle, Leipzig und Zeitz; am 18. 8. 1658 wird S. unter dem Eponym »der Preiswürdige« in die Fruchbringende Gesellschaft (zur deutschen Sprachförderung) aufgenommen. 1657 hatte S.' Schüler und Dresdner Hoforganist Christoph Kittel die »Zwölf Geistlichen Gesänge« (SWV 420-431) herausgegeben, und 1660 gelangt die Weihnachtshistorie (SWV 435) offenbar szenisch zur Aufführung, die 1671 ihre Oratorienform erhält. In den nächsten Jahren komponiert S. für den kursächsischen Hof noch einige Auftragswerke; hierunter ragen die lydische (F-Dur ähnliche) Lukaspassion (SWV 480) sowie die »Historia des Leidens und Sterbens [...] nach dem Evangelisten S. Matheus« (SWV 479) heraus. Dominiert auch hier der Rezitativstil, so charakterisieren kurze imitatorische Choreinwürfe die Turbaszenen; S. verzichtet allerdings auf Instrumentalbegleitung und Zwischenspiele; Chornummern rahmen die Werke, und satztechnische Agogik sowie die Wechsel zwischen Soliloquenten und Turbae sorgen für dramatische Expressivität: - Nach dem Tod seiner Schwester Justina verw. Thörmer (13.11. 1598 - 17.5. 1672) übersiedelt S. nach Dresden, wo er an der Seite seiner Frau bestattet werden wollte; am 6.11. erliegt er dann einem Schlaganfall. Neben dem Chorraum der 1727 abgetragenen Alten Frauenkirche wurde S. am 17. beigesetzt; sein Grab ist nicht mehr erhalten. Die Leichenpredigt hielt Oberhofprediger Martin Geier, S.' erster Biograph, ebenfalls über Ps 119,54: Cantabiles mihi erant justificationes tuae in loco peregrinationis meae (Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt): - S. ist der Bahnbrecher deutschen evangelischen geistlichen Musik, deren Charakter und weitere Entwicklung er maßgeblich durch die Übernahme des venezianischen konzertierenden Klangstils prägt; ihre Ausformung ist dabei nicht nur auf theologiegeschichtlichem Hintergrund, sondern auch als Reflex auf die Lage nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 (Kleine Geistliche Konzerte [s.u.]) anzusprechen. Neben (s.d.) Hans Leo Haßler, Leonhard Lechner und Johann Hermann Schein, diesem seit 1612 freundschaftlich verbunden, gilt S. als Meister der Spruchmotette, die die Formensprache des Madrigals in die Sakralmusik integriert: - S.' erste Gottesdienstmusik für den Dresdner Hof sind die Psalmen Davids; ihnen folgen als nächstes größeres Werk (ein Großteil seines Schaffens befriedigte die verschiedenen Erfordernisse höfischer Musikkultur) die Auferstehungshistorie (1623), der als Text eine auf Johannes Bugenhagen (s.d.) zurückgehende Passionsharmonie zugrundeliegt, die S. nach dem musikalischen Vorbild des Zinkenisten und Posaunisten Antonio Scandello († 1680), der 1559 von Kurfürst Moritz (s.d.) an den Dresdner Hof geholt worden war, deklamatorisch schlicht gestaltet. S. gehört neben Schein und (s.d.) Michael Praetorius zu den Protagonisten der Gattung geistlicher Konzerte, die in der dramatischen bzw. dialogischen Vertonung kombinierter biblischer Texte und religiöser Dichtungen subjektive Glaubensaussagen mit kerygmatischen Ansprüchen verbinden. Das Attribut der »kleinen« geistlichen Konzerte trägt der Reduzierung auf geringste solistische Besetzung mit Generalbaßbegleitung Rechnung und steht formal in der Tradition Lodovico Viadanas (eigentl.: Grossi, um 1560-1627); allerdings ist der basso continuo wie in anderen Werken satztechnisch entbehrlich: - S.' Cantiones Sacrae (SWV 53-93) sind ein monodisches Konvolut von 40 drei- bis vierstimmigen lateinischen Motetten auf der Grundlage eines Andachtsbüchleins von Andreas Musculus (s.d.); sie stellen sowohl Psalmwortvertonungen als auch musikalische Versionen von Gebeten Augustinus' (s.d.) dar; eine Affinität zur Mystik Jacob Böhmes (s.d.) ist wahrscheinlich: - Mit der Auskomposition von Martin Opitz' (s.d.) Verdeutschung von Ottavio Rinuccinis (1562-1621) Opernlibretto »Daphne« [Dafne], 1597 von Jacopo Peri (1561-1633) vertont, für die Torgauer Hochzeit Georgs II. von Hessen-Darmstadt mit Johann Georgs 17jähriger Tochter Sophie Eleonore am 1.4. 1627 vorgenommen und am 13.4. aufgeführt, schafft S. das erste deutsche Gattungsexemplar; womöglich ist die Oper auf dem Mühlhausener Fürstentag, für den S. das politisch allegorisierende Konzert »Da pacem, Domine, in diebus nostris« schrieb, wiederholt worden. Sie ist aber genauso verschollen wie S.' Ballettmusik »Orpheus« nach Anton Buchner, die bei der Vermählung des Prinzen Johann Georg mit der kurbrandenburgischen Prinzessin Magdalene Sibylle 1638 aufgeführt wurde. S. wird noch einige Texte Opitz' vertonen (SWV 52, 96, 442, 451, 452, 460, SWV Anh. 1): - Im darauffolgenden Jahr (1628) legt S. nach mehrjährigen Vorarbeiten erneut eine Sammlung von Psalmenvertonungen als vierstimmige Sätze nach Cornelius Becker (s.d.) vor (Beckerscher Psalter), die 1660/1661 überarbeitet werden; diese polymetrischen Chorlieder, die den Bedürfnissen des zeitgenössischen Gemeindegesangs entgegenkommen, sind der Gegenentwurf zum Psalter des Calvinisten Ambrosius Lobwasser (s.d.) und sind in Teilen bis in das 18. Jahrhundert hinein im gottesdienstlichen Gebrauch: - Unter den Kompositionen S.' ragen die »Musikalischen Exequien« heraus; in ihrer Vertonung von Lk 2,29-32 im Schlußsatz werden die Worte des greisen Simeon (s.d.) chorisch mit Worten der Weisheit Salomos und der Apk kontrastiert; da Simeons Gedenktag mit dem Beisetzungstag Heinrich Reuß' übereinstimmen dürfte wahrscheinlich sein, daß S. mit Reuß die Disposition der Exequien ebenso abgesprochen hat wie 1656 mit Johann Georg I., der mit den Trauermotetten »Herr, nun lässest du deinen Diener in Friede fahren« (SWV 432, 433) am 4.2. 1657 beigesetzt wurde: - S.' responsoriale Choralpassionen (s.u.) stellen den Höhepunkt ihrer Gattung hinsichtlich ihrer formalen Disposition und Aussageschärfe dar. In seinem Spätwerk hält S. an der Vokalpolyphonie fest und verschließt sich dem neuen musikalischen Basso-continuo-Stil. Gleichzeitig gilt S. mit seinem Weihnachtsoratorium (Historia Der Freuden- u. Gnadenreichen Geburth Gottes u. Marien Sohnes, Jesu Christi, SWV 435) als der eigentliche Schöpfer des deutschsprachigen Oratoriums; in der Disposition dieser Chormusik sind Homophonie und kontrapunktische Polyphonie dennoch in ernster Nüchternheit miteinander verknüpft: - S.' künstlerisches Testament stellt die Vertonung des 119. Psalmes (SWV 482-492) dar, dem eine Überarbeitung des 100. Psalmes (Jauchzet dem Herrn alle Welt, SWV 493) und ein Magnificat (SWV 494) beigefügt ist; seinen Schüler Christoph Bernhard (1627-1692), der S.' Kompositionslehre publizierte, veranlaßte S. bereits 1670, seine Sterbemotette über Ps 119,54 im kontrapunktischen Stile Giovanni Pierluigi da Palestrinas (s.d.) aufzusetzen. Das Epitaph bezeichnet ihn als »seculi sui Musicus excellentissimus«: - In den folgenden Jahrhunderten beinahe vergessen setzt mit Carl von Winterfeld (1784-1852, s.u.), (s.d.) Arnold Mendelssohn, Philipp und Friedrich Spitta die S.-Renaissance ein; seit ca. 1925, dem Gründungsjahr des S.-Kreises durch den Heidelberger Philosophieprofessor Wilhelm Kamlah, setzt die zweite, um 1960 die dritte Phase der S.-Rezeption und -Forschung ein: - Im Evangelischen Gesangbuch (EG, 1994) werden drei Werke S.' tradiert: »Ich will, solang ich lebe« (EG 276,1-4) nach SWV 131a (Vertonung des Ps 34 im Beckerschen Psalter von 1628); »Wohl denen, die da wandeln« (EG 295) nach SWV 217 in der Überarbeitung des Beckerschen Psalters (1661) sowie »Aller Augen warten auf dich, Herre« (EG 461), 1. Satzteil des »Benedicite vor dem Essen« aus den »Zwölf Geistlichen Gesängen« (SWV 430). Auf S.' Melodie zum P. 97. Ps (1661, SWV 195) dichtete Friedrich Spitta »Kommt her, des Königs Aufgebot« (EG 259). EG 356 (»Es ist in keinem andern Heil«) liegt S.s' Vertonung von Ps 33 (SWV 130) zugrunde, und »Ich weiß, woran ich glaube« (EG 357) greift auf die Melodie des Ps 138 (SWV 243) zurück.
Hauptwerke: Hodie Christus natus est. Konzert (um 1610, SWV 456, NA 33); Il primo libro de Madrigali. Opus Primum. It. Madrigale (Venedig 1611, SWV 1-19, NA 22); Das Wort Jesus Syrach: Wol dem der ein Tugendsam Weib hat. Hochzeitskonzert (1618, SWV 20, NA 29); Concert mit 11 Stimmen. Auff des Herrn Michael Thomae Hochzeitlichen EhrenTag (1618, SWV 21, NA 29); Der 116. Ps. Das ist mir lieb, daß der Herr mein Stimm u. Flehen höret (um 1619, SWV 51, NA 28); Der 133. Ps. Siehe, wie fein lieblich ists, wenn Brüder einträchtiglich beieinander wohnen. Hochzeitskonzert (1619, SWV 48, Spätfassung 412, NA 29); Christ ist erstanden v. der Marter alle. Konzert (vor 1620, SWV 470, NA 32); Die Psalmen Davids Sampt Etlichen Moteten vnd Concerten. Erster Theil. Opus Secundum (1619, SWV 22-47, NA 23-26); Ich bin die Auferstehung u. das Leben. Motette (vor 1620, SWV 464, NA 31); Syncharma Musicum. Konzert [Ps 124] (1621, SWV 49, NA 38), vgl. Teutoniam dudum belli atra peric'la molestant [Musik z. Breslauer Huldigung der schlesischen Stände] (1621, SWV 338, NA 38; geistl. Fassung: Adveniunt pascha pleno concelebranda triumpho, 1621); Kläglicher Abschied v. der Churfürstlichten Grufft z. Freybergk [Grimmige Gruft] (1622/1623, SWV 52, NA 37); Historia Der frölichen vnd Siegreichen Aufferstehung vnsers einigen Erlösers vnd Seligmachers Jesu Christi. Opus Tertium [Auferstehungshistorie] (1623, SWV 50, NA 3); Psalmus 8. Herr vnser Herrscher (vor 1625, SWV 449, NA 27); Mit dem Amphion war mein Orgel u. mein Harfe [Trauermusik z. Tod v. Magdalene S.] (1625, SWV 501); Daphne (Oper; uraufgeführt 1627, verschollen); Cantiones Sacrae. Opus Quartum. Opus Ecclesiasitcum Primum (1625, SWV 53-93, NA 8-9); De Vitae Fugacitate. Aria. [Trauermusik z. Tode der Schwägerin Anna Maria Wildeck]. Ich hab mein Sach Gott heimgestellt [Frühfassung v. SWV 305] (1625, SWV 94, NA 31); Ultima verba Psalmi 23. Trauermotette (1625, SWV 95, NA 31); Psalmen Davids, Hiebevorn in Teutzsche Reimen gebracht, Durch D. Cornelium Beckern, Vnd an jetzo Mit Ein hundert vnd Drey eigenen Melodeyen in 4 Stimmen gestellet. Opus Quintum [Beckerscher Psalter I] (1626, SWV 97a-256a, NA 6); Geistliche Motetten (1625); Da pacem, Domine, in diebus nostris [Kongreßkonzert z. 2. Mühlhausener Fürstentag] (1627, SWV 465, NA 38); Ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Motette (vor 1628, SWV 457, NA 33); Symphoniae Sacrae Henrici Sagittarii. Opus Sextum. Opus Eclesiasticus Secundum [Symphoniae Sacrae I] (Venedig 1629, SWV 257-276, NA 13-14); Psalmus 24. Domini est terra et plenitude ejus (um 1630, SWV 476; NA 27); Verba D. Pavli, Ex Epist. Ad Timotheum cap. I, v.15. Das ist gewißlich wahr. Trauermotette f. Johann Hermann Schein [Frühfassung] (1631, SWV 277, NA 31); 1647, 1650); Canzonetta à 4 Soprani Con Sinfonie di duoi Stromenti [O der großen Wundertaten] (Kopenhagen 1633/1634, SWV 278, NA 34); Musicalische Exequien. Opus Septimum (1636, SWV 279-281, NA 4); Erster Theil Kleiner Geistlichen Concerten. Opus Octavum [Kleine Geistliche Konzerte I] (1636, SWV 282-305, NA 10-12); Psalmus 19. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes. Motette (vor 1638, SWV 386/455, NA 27); Psalmus 15. Herr, wer wird wohnen in deiner Hütten (vor 1638, SWV 466, NA 27); Psalmus 127. Wo der Herr nicht das Haus bauet (vor 1638, SWV 473; NA 28); Ich beschwöre euch, ihr Töchter z. Jerusalem (um 1638, SWV 339, NA 30); Anderer Theil Kleiner Geistlichen Concerten. Opus Nonum [Kleine Geistliche Konzerte II] (1639, SWV 306-337, NA 10-12); Ich beschwöre euch, ihr Töchter z. Jerusalem. Dialogus (1641, SWV 339, NA 30); O du allersüßester u. liebster Herr Jesu. Konzert (1646, SWV 340); Symphonbiarum Sacrarum Pars Secunda. Opus Decimum [Symphoniae Sacrae II] (1647, SWV 341-367, NA 15-17); Sieben Worte unsers lieben Erlösers u. Seeligmachers Jesu Christi, so er am Stamm des Hl. Kreuzes gesprochen (zw. 1645 u. 1655, SWV 478, NA 2); Musicalia ad Chorum Sacrum. Das ist: Geistliche Chormusic mit 5, 6. u. 7 Stimmen, beydes Vocaliter u. Instrumentaliter z. gebrauchen. Erster Theil. Opus Undecimum (1648, SWV 389-397, NA 5); Symphoniarum Sacrarum Tertia Pars. Opus Duodecim [Symphoniae Sacrae III] (1650, SWV 398-418, NA 18-21); Canticum B. Simeonis Zum Druck gebracht v. Wolffgang Seyfferten. Zwei Trauermotetten (1657, SWV 432-433, NA 31); Zwölff geistliche Gesänge z. öffentl. Druck befördert worden Durch Christoph Kitteln. Opus Decimum Tertium (1657, SWV 420-431, NA 7); Historia Der Freuden- u. Gnadenreichen Geburth Gottes u. Marien Sohnes, Jesu Christi (1660/1671, SWV 435, NA 1); Psalmen Davids, Hiebevor in dt. Reime gebracht Durch D. Cornelium Beckern. Auffs neue übersehen (...) mit so vielen, auf ieglichen Ps eingerichteten, eigenen Melodeyen vermehret. Opus Decimum Quartum [Beckerscher Psalter II] (1661, SWV 97-256, NA 6); »Schwanengesang.« Kg. u. Propheten Davids Hundert u. Neunzehnter Ps in Eilf Stücken Nebest dem Anh. de 100. Ps: Jauchzet dem Herrn! u. Eines dt. Magnificats: Meine Seele erhöht den Herrn (Zw. 1662 u. 1670, SWV 482-494); Historia des Leidens u. Sterbens unseres Herrn u. Heylandes Jesu nach dem Evangelisten St. Lucas (um 1663, SWV 480, NA 2); ... Johannes (1665/1666, SWV 481, NA 2); ... Matheus (1666, SWV 479, NA 2).- Die Historia des Leidens u. Sterbens unseres Herrn u. Heylandes Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Marcus (1668[?]) dürfte wohl eher Marco Giuseppe Peranda statt S. zuzuschreiben sein. - Die Zuschreibung weiterer Werke, die in SWV Anh. 1-11 verz. sind, ist unsicher. Rund 100 Nummern gelten als verschollen; ihre Urschriften sind womöglich beim Dresdner Schloßbrand (1670) sowie dem Brand von Schloß Christiansborg (1794) vernichtet worden. - Gesamtausg.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Philipp Spitta, Arnold Schering u. Heinrich Spitta, 13 Bde. [1885-1927], Nachdr. Wiesbaden 1968-1974; Die Kompositionslehre H. Schützens in der Fassung seines Schülers Christoph Bernhard. Eingel. u. hrsg. v. Joseph Maria Müller-Blattau, Leipzig 1926, Kassel 19632; Ges. Briefe u. Schrr., hrsg. im Auftrag der H.-S.-Ges. e.V. v. Erich Hermann Müller (Dt. Musikbücherei 45), Regensburg 1931 (= Nachdr. Hildesheim/New York 1976); H. S. Neuausg. sämtlicher Werke. Hrsg. im Auftrag der Internat. H.-S.-Ges., 38 Bde. [NA] (Kassel 1955 ff.); Sämtliche Werke nach den Qu. neu hrsg. v. Günter Graulich. Stuttgarter S.-Ausg. [SSA], Neuhausen/Stuttgart 1971 ff.
S.-Werke-Verz. (SVW). Kleine Ausg. I. A. der Neuen S.-Ges. hrsg. v. Werner Bittinger (Kassel/Basel/London/New York 1960). H. S., Biographische Dokumente u. Briefe. Ausgew. v. Irene Hempel, Leipzig 1985. D. Douglas Miller/Anne L. Highsmith, H. S. A Bibliography of the Collected Works and Performing Editions, London 1986.
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Lit.: Martin Geier, Kurtze Beschreibung Des Herrn H. S.s Chur-Fürstlichen Sachsichen ältern Capellmeisters geführten müheseeligen Lebens-Lauff (1672), Kassel 1972; - Johann Mattheson, Grdl. einer Ehren-Pforte, woran der Tüchtigsten Capellmeister, Componisten, Musikgelehrte, Tonkünstler etc. Leben, Werke u. Verdienste erscheinen sollen, Hamburg 1740 (= Berlin 1910, Kassel/Graz 1969); - Carl v. Winterfeld, Johannes Gabrieli u. sein Zeitalter. Zur Gesch. der Blüte hl. Gesanges im sechzehnten, u. der ersten Entwicklung der Hauptformen unserer heutigen Tonkunst in diesem u. dem folgenden Jh., zumal in der Venedischen Tonschule, 3 Bde., Berlin 1834 (= Nachdr. Hildesheim 1963; Ausz. in: Walter Blankenburg [Hrsg.], H. S. in seiner Zeit [Wege der Forsch. 614] [Darmstadt 1985], 15-26); - Moritz Fürstenau, Btrr. z. Gesch. der Kgl. sächsischen Musikalischen Kapelle, Dresden 1849; - Ders., Zur Gesch. der Musik u. des Theaters am Hofe z. Dresden, 2 Bde., Dresden 1861-1862 (= Nachdr. 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(Laaber 1988), 373-383; - Siegfried Thielitz, Von Albrecht Schütze z. H. S., Weißenfels 1988; - Anne Ørbaek Jensen/Ole Kongsted (Hrsg.), H. S. u. die Musik in Dänemark z.Z. Christians IV. Ber. über die wiss. Konferenz in Kopenhagen, 10.-14. November 1985, Kopenhagen 1989; - Guido Bimberg, S., Bach, Händel, Ciudad de La Habana 1989; - Norbert Bolin, »Sterben ist mein Gewinn« (Phil 1,21). Ein Btr. z. ev. Funeralkomposition der dt. Sepulkralkultur des Barock, 1550-1750 (Kasseler Stud. z. Sepulkralkultur 5), Kassel 1989; - Wolfgang Herbst, Die Wiedergeburt der Kirchenmusik u. ihr politischer Kontext: Der Kirchenmusiker 41 (1990), 121-136; - Matthias Herrmann, Bem. z. S.-Rezeption im 17. Jh. am Beispiel der »Breslauer Varianten« der Auferstehungshistorie SWV 50: S.-Jb. 12 (1990), 83-111; - Gustav A. Krieg, Die gottesdienstliche Musik als theol. Problem. Dargest. an der kirchenmusikalischen Erneuerung nach dem ersten Weltkrieg, Göttingen 1990; - Ders., Überlegungen z. Aufführung u. 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Klaus-Gunther Wesseling
Literaturergänzung:
2006
Ferruccio Civra, H.S. Palermo 2004; - Bernd Oberhoff, H.S. Eine musikpsychoanalyt. Studie. Gießen 2006; - Theodor Göllner, D. psalmodische Tradition bei Monteverdi u. Schütz. München 2006; -
2007
Vladimir Steingard, H.S. Münster 2007; -
2008
Irene Meijer, Klank als preek. H.S. en Dietrich Bonhoeffer, in: AnBr 13.2008, S. 36-48; -
2009
Werner Breig, "Herr, dir lebe ich". Zur Textgeschichte d. I. Teils d. "Musikalischen Exequien" von H.S., in: MuK 79.2009, S. 394-397; - Die Musikpflege in d. evang. Schlosskapelle Dresden zur S.-Zeit. Matthias Herrmann (Hrsg.). Altenburg 2009.
Letzte Änderung: 19.02.2010