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Band IX (1995)Spalten 1258-1261 Autor: Helmut Feld

SCRIPTORIS, Paul, Franziskaner (Observant); * um 1460(?) in Weil der Stadt; + 21.10. 1505 in Kaysersberg (Elsaß). - S. studierte in Paris, wo er Schüler seines Ordensbruders Stephan Brulefer (Prulifer, + 1496) war. Später war er Guardian des Franziskanerkonvents zu Tübingen und Lektor am dortigen Studium generale seines Ordens. Konrad Pellikan, aus dessen »Chronikon« die meisten biographischen Einzelheiten über S. bekannt sind, kam im März 1496 nach Tübingen und wurde sein bevorzugter Schüler. S. war ein überaus erfolgreicher Lehrer in den Naturwissenschaften, für die damals das Interesse erwachte. Zu den Hörern seiner Vorlesung über die Kosmographie des Ptolemäus gehörten Magister der Universität und Insassen der Tübinger Klöster, darunter die Augustiner mit ihrem Prior Johann von Staupitz, dem späteren Provinzialoberen und väterlichen Freund Martin Luthers. S. besaß ein Astrolabium, in dessen Gebrauch er die Cistercienser von Bebenhausen, später (1497) auch seine eigenen Ordensbrüder einführte. Ebenfalls im Franziskanerkonvent legte er die fünf Bücher des Euklid aus. Um diese Zeit verfaßte er auch eine Erklärung des ersten Buches des Sentenzenkommentars von Duns Scotus, die am 24.3.1498 bei dem Verleger Johann Ottmar in Tübingen herauskam. (Das Werk ist der erste in Tübingen erschienene Druck eines Buches überhaupt). S. vertritt, obgleich er der skotistischen Richtung der Via antiqua angehörte, unter dem Einfluß der Pariser Ockhamisten des 15. Jahrhunderts, höchst unkonventionelle, »moderne« Ansichten; so in der Kosmologie die Möglichkeit, daß Gott die Welt auch von Ewigkeit her erschaffen konnte, und daß diese Annahme vom Standpunkt der Vernunft her gesehen die wahrscheinlichere sei. In schwierigen dogmatischen Fragen, wie der Trinitätslehre, läßt S. mehrere Ansichten gelten und betont, daß sowohl der Papst als auch die Mehrheit des Hochklerus sich in Fragen des Glaubens und der Moral irren können. Der Gläubige muß sich deshalb nicht in jedem Fall eine Korrektur durch die kirchlichen Autoritäten gefallen lassen. In einem erst kürzlich entdeckten Gutachten über die in der Diözese Konstanz geübte Praxis der öffentlichen Buße vertritt S. eine Meinung, die auf die Abschaffung dieses unbarmherzigen Brauches hinausläuft. Wie Pellikan berichtet, sah S. eine Zeit kommen, in der die scholastische Theologie abgetan, die »Pariser« beiseite gelassen und eine Rückkehr zu den »alten« Theologen stattfinden würde; auch würden die meisten zur Zeit noch geltenden Bestimmungen für die Religion abgeändert. S. war - im Zeitalter des beginnenden Humanismus in Deutschland - einer der ersten christlichen Theologen, die sich hebräische Sprachkenntnisse aneigneten. Pellikan berichtet von einer Reise im Jahre 1499, auf der er S. begleitete und die über mancherlei Umwege zu einem Ordenskapitel nach Oppenheim führte. Auf der Rückreise schleppte S. einen großen hebräischen Codex, der Jesaja, Ezechiel und das Zwölf-Propheten-Buch enthielt, von Mainz nach Pforzheim (wo er Reuchlin aufsuchte) und von dort nach Tübingen. S. war ein hervorragender Prediger. Er wurde des öfteren nach Reutlingen und Horb als Festprediger gebeten. Auch hier scheint er kein Blatt vor den Mund genommen zu haben. Einige Professoren der Tübinger Universität, bei denen sein Erfolg Neid erregte, verdächtigten ihn der Häresie. Da S. auch im eigenen Kloster Gegner hatte, wurde er bei dem zuständigen Provinzial denunziert. S. wurde 1501 von den Ämtern des Guardians und Lektors suspendiert und nach Basel versetzt. Dort erhielt er ein Vorlesungs- und Predigtverbot; er sollte nur noch schreiben dürfen. Bei der Primiz Pellikans, die am 3.10.1501 im Konvent von Ruffach stattfand, hielt S. gleichwohl die Predigt. 1502 wurde S. zu seinem Provinzial nach Zabern gerufen. Er befürchtete, dort wegen Häresieverdachts eingekerkert zu werden. Da er auch in Straßburg eine entsprechende Warnung erhielt, begab er sich über Wien nach Rom. Von dort kehrte er - offenbar unbehelligt - drei Jahre später (1505) nach Heilbronn zurück. Noch im gleichen Jahr berief ihn die Ordensleitung nach Toulouse, wo er Theologie lehren sollte. Auf der Reise dorthin bat ihn in Basel der Bischof Christoph von Utenheim, der ihn sehr schätzte, in seinem Auftrag den Abt von Schuttern aufzusuchen, um einige reformwillige Mönche für den Umzug in das Kloster St. Alban zu gewinnen. Auf dem Weg durch das Elsaß wurde S. plötzlich krank. Er erreichte noch den Konvent von Kaysersberg, wo er am 21. Oktober starb. - S. gehört, wie sein Zeitgenosse Konrad Summenhart, zu den kritischen und selbständig denkenden Theologen, die sich, ohne Rücksicht auf ihre Schulzugehörigkeit, am Ende des 15. Jahrhunderts um eine Reform von Kirche und Theologie bemühten. Ihn einfach unter die »Vorläufer der Reformation« einzureihen, würde der Besonderheit und Eigenständigkeit seines theologischen Denkens nicht gerecht.

Werke: Lectura Fratris Pauli Scriptoris Ordinis Minorum de observantia quam edidit declarando subtilissimas Doctoris subtilis sententias circa Magistrum in primo libro, Tübingen 1498; Carpi (ed. Joannes de Montesdoca) 1506; These des Paul Scriptoris OFM über die in Konstanz übliche Praxis der öffentlichen Buße, in: Rottenburger Jb. für Kirchengesch. 11 (1992), 115 f.

Lit.: Johannes Jacob Moser, Vitae Professorum Tubingensium Ordinis Theologici. Decas prima, 1718; - Das Chronikon des Konrad Pellikan, hrsg. durch Bernhard Riggenbach, 1877; - Karl Steiff, Der erste Buchdruck in Tübingen (1498-1534). Ein Beitrag zur Geschichte der Universität, 1881 (Nachdr. 1963); - Nikolaus Paulus, Paul Scriptoris, ein angeblicher Reformator vor der Reformation. ThQ 75 (1893), 289-311; - Heinrich Hermelink, Die theologische Fakultät in Tübingen vor der Reformation 1477-1534, 1906; - Johannes Haller, Die Anfänge der Universität Tübingen 1477-1537, 2 Bde., 1927. 1929; - Fl. Landmann, Zum Predigtwesen der Straßburger Franziskanerprovinz in der letzten Zeit des Mittelalters. Fr. Stud. 15 (1928), 316-348; 329-333; - Erich Wegerich, Bio-bibliographische Notizen über Franziskanerlehrer des 15. Jahrhunderts. Fr. Stud. 29 (1942), 150-197; 182-187; - Analecta Franciscana 8, Quaracchi 1946, 838; - Hermann Tüchle, Das Tübinger Franziskanerkloster und seine Insassen. Tübinger Blätter 40 (1953), 20-24; - Hans Widmann, Tübingen als Verlagsstadt (Contubernium 1), 1971; - Heiko A. Oberman, Werden und Wertung der Reformation. Vom Wegestreit zum Glaubenskampf, 1977; - Wolfgang Urban, Vom Astrolabium, dem Vacuum und der Vielzahl der Welten. Paul Scriptoris und Konrad Summenhart: Zwei Gelehrte zwischen Scholastik und Humanismus. Attempto 69 (1983), 49-55; - Helmut Feld, Konrad Summenhart. Theologe der kirchlichen Reform vor der Reformation. Rottenburger Jb. 11 (1992), 85-116; - ADB 33 (1891), 488 f.; - H. Hurter, Nomenclator literarius Theol. cath. IV (1899), 921-923; II (21906), 1101-1103; - RE prot. 18 (1906), 100-102; - RGG3 5 (1961), 1627; - LThK2 9 (1964), 553 f.

Helmut Feld

Letzte Änderung: 15.03.1999