SECKBACH, Max, Architekt, * 14.2. 1866 in Frankfurt (Main), † 28.2. 1922 ebda. - Sohn des Jakob S. aus Heddernheim (heute zu Frankfurt). Weitere Angaben fehlen. Das Frankfurter Adressbuch erwähnt 1866 einen Etui- u. Portefeuillefabrikanten Jakob S. in der Saalgasse 40, dem am 5.10. 1863 das Bürgerrecht erteilt worden war. Über seinen Schulbesuch ist nichts bekannt. S. studierte von April 1883 bis Ostern 1888 an der Techn. Hochschule/Bauschule in Darmstadt. Die Matrikel weist eine Lücke vom Herbst 1885 bis zum Schuljahr 1886/87 auf, in diese Zeit fiel vermutlich der von Zeller erwähnte Studienaufenthalt in München. Ein Abschluss ist nicht belegt. 1895 ließ er sich in seiner Geburtsstadt als Architekt nieder. In den Frankfurter Adressbüchern erscheint er erstmals 1900 als Bauunternehmer und Architekt, der in den folgenden Jahren unter wechselnden Adressen Wohn- und Geschäftsräume unterhielt. Am 18.10. 1907 heiratete S. in Frankfurt Amalie Buch (1870-1944) aus Hungen (Hessen), Tochter eines Landmaschinenimporteurs und -händlers (Reber), und bezog eine größere Wohnung mit Geschäftsräumen in der Langen Straße 33 (während des Dritten Reiches Karl-Handwerk-Straße). Die Ehe blieb kinderlos. S. war Mitglied der Israelitischen Gemeinde Frankfurts (Wählerliste v. 1910 in Arnsberg). Seine Bautätigkeit begann 1894 mit einem eigenen Mietshaus in der Frankfurter Mainstraße 20, es wurde im Krieg zerstört. Als Architekt von Synagogen trat er erstmals um 1905 mit dem Umbau des 1866 eingeweihten Gotteshauses in der Wallstraße in Homburg bei Frankfurt (heute Bad Homburg) hervor. Es wurde im November 1938 von Nationalsozialisten zerstört. Den Auftrag zum Neubau einer Synagoge erhielt er 1905 von der seit dem 13. Jh. bezeugten jüdischen Gemeinde in Weinheim (Bergstr.). An der Ausführung des Baus in der Bürgermeister-Ehret-Str. 5 war der Architekt S. Wisselinck beteiligt. Bei der Einweihung am 2.8. 1906 hielt S. eine kurze Ansprache und übergab den Schlüssel. Der an einer Böschung leicht erhöht liegende Kuppelbau, nach einem Festredner "eine glückliche Verbindung romanischer Struktur und moderner Baukunst", wurde am 10.11. 1938 von Nationalsozialisten gesprengt. Ebenfalls in Weinheim erbaute er 1906 für den Textilhändler Isaak Heil ein Wohn- und Geschäftshaus in der Hauptstraße 63. Das repräsentative Eckgebäude steht unter Denkmalschutz und beherbergt heute eine Bank. In Frankfurt entstand 1906 im Baumweg 5-7 ein Gebäude für den Moritz-und-Johanna-Oppenheimerschen Kindergarten mit einer Synagoge im Erdgeschoß. Es blieb unzerstört und wird seit 1949 wieder von der jüdischen Gemeinde genutzt, es steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Eine Synagoge mit über 200 Plätzen und Nebengebäuden wurde nach seinen Plänen am Kaisergraben in Memmingen errichtet, Grundsteinlegung am 2.11. 1908, Einweihung am 8.9. 1909. Der Bau wurde im November 1938 von Nationalsozialisten zerstört. Den Auftrag zur Planung und Bauleitung erhielt er auf Vorschlag aus der 1875 gegründeten Gemeinde. Dem Wunsch nach "Bauformen in neuzeitlicher Auffassung ohne streng bestimmte Stilrichtung" hat er entsprochen, ein Zeitgenosse beurteilte das Gebäude als "äußerst gefällig und mit vielem Verständnis der Zweckbestimmung wie auch der Umgebung angepaßt" (Miedel). So hat er auf die den Weinheimer Bau beherrschende sichtbare Kuppel verzichtet und die Überwölbung des zentralen Versammlungssaales unter den sich kreuzenden hohen Dächern verborgen. Die Ausmalung übernahm der Frankfurter Kunstmaler Karl Lanz. Ein Modell des Gebäudes befindet sich im Stadtmuseum Memmingen. Arbeiten zu weiteren jüdischen Einrichtungen in Frankfurt waren 1912 das Geschäftshaus der Israelitischen Frauenkrankenkasse in der Rechneigrabenstraße 20 und 1917 der Umbau des Israelitischen Pflege- und Fürsorgeamtes im Röderbergweg 77, beide Gebäude sind nicht erhalten. Eine Liste von 21 Bauten in Frankfurt, von denen viele dem Krieg zum Opfer fielen, hat Zeller erstellt (s. Lit.). - S. konnte seine Tätigkeit auch in die Schweiz ausweiten (Epstein). Im Januar 1906 bewarb er sich um den Bau der "Kleinen Synagoge" in Basel, konnte den Auftrag aber nicht gewinnen. Dagegen wurde im Juli 1910 seine Bewerbung um den Bau einer Synagoge für die 1867 gegründete israelitische Gemeinde in Luzern bewilligt, bei dem er mit dem dortigen Architekten Friedrich Felder (1865-1942) zusammenarbeitete. In der Geschäftskorrespondenz erscheint wieder der Name Wisselinck. Der Grundstein wurde am 11.6. 1911 gelegt. Auch hier passte er das Gebäude an der Bruchstraße 51 geschickt der benachbarten Bebauung an. Wegen des schmalen Grundstücks mußte er den Bau an das Nebenhaus, ein deutlich höheres Wohnhaus, anlehnen. Um dem Gotteshaus dennoch ein eigenständiges repräsentatives Aussehen zu geben, setzte er das obere Stockwerk mit dem "hoch gewölbten und reich geschmückten großen Betsaal", der 400 Personen Platz bietet und durch die hohen Rundbogenfenster reichlich Tageslicht erhält, und das hohe Dach zurück. Das erhaltene Gebäude wurde am 18.3. 1912 eingeweiht. Baupläne befinden sich im Stadtarchiv. Seine Bewerbung um den Bau einer Synagoge in Baden (Aargau) im September 1910 und seine Teilnahme am Wettbewerb um die neue Synagoge der israelitischen Religionsgemeinschaft in Zürich 1918 blieben ohne Erfolg. - Kurz nach Kriegsbeginn 1914 nahm S. den jungen Architekten Siegfried Kracauer (s.d.), der später als Journalist, Soziologe und Filmwissenschaftler bekannt wurde, in sein Büro auf. Kracauer beteiligte sich 1916 für das Büro S. an einem Wettbewerb für ein Ehrenmal der Gefallenen des 1. Weltkrieges auf einem Frankfurter Friedhof (Brodersen). Im autobiographisch geprägten Roman "Ginster" setzte Kracauer dem Ehepaar S. unter den Namen Richard und Berta Valentin ein literarisches Denkmal. - S.s Witwe wurde als bedeutende Sammlerin ostasiatischer Kunst bekannt. Sie begann aber auch selber künstlerisch zu arbeiten und beteiligte sich als Zeichnerin, Malerin und Bildhauerin an Ausstellungen im In- und Ausland. Sie wurde 1942 aus Frankfurt deportiert und starb am 10.8. 1944 im Lager Theresienstadt (Reber). Auf dem jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt ist Max S.s Grab erhalten. Der Name seiner Frau ist an der Gedenkstätte für die Deportierten am alten jüdischen Friedhof an der Battonstraße in Frankfurt verzeichnet.
Archive: Inst. f. Stadtgeschichte, Frankfurt a. M.; Stadtarchiv Weinheim, Andrea Rößler; Archiv d. Techn. Univ. Darmstadt, Irmgard Rebel; - Mitt. zur Biographie Amalie u. Max S. Gabriele Reber, Usingen; zu den schweizer Synagogen Ron Epstein, Zürich. Online (17.03.2006).
Lit.: Denkschrift zur Erinnerung an die Einweihung der neuen Synagoge in Weinheim an der Bergstraße, Weinheim, Synagogenrat 1906, 7, 8, 29, 30, (Abb.); - Julius Miedel: Die Juden in Memmingen, aus Anlaß der Einweihung der Memminger Synagoge, Memmingen, Otto 1909, 98-102, (Abb.); - Luzerner Tagblatt, Nr. 67, v. 20.3.1912, S. 2, sowie Nr. 68, v. 21.3.1912, S. 1; - Frankfurter Zeitung Nr. 161, v. 1.3.1922, S. 2, Sp. 3 [kurze Notiz z. Tode]; - Siegfried Kracauer: Ginster, Frankfurt, Suhrkamp 1963, 65 ff.; - Daniel Horsch: Die jüdische Gemeinde in Weinheim a. d. Bergstraße, Weinheim, Stadtverw. 1964, 17, 24, 25, (Abb.); - Paul Arnsberg: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Franz. Revolution, Bd. 2, Darmstadt, Roether 1983, 395; - Salomon Korn: Synagogen u. Betstuben in Frankfurt a. M., in: Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Die Architektur der Synagoge, Stuttgart, Klett 1988, 391 f. (Abb.); - Heinz Schomann, Volker Rödel, Heike Kaiser, Denkmaltopographie Stadt Frankfurt a. M., Materialien z. Denkmalschutz [...], 1. Baudenkmäler, Frankfurt, Societäts-Vlg. 1994, 143 (Abb.); - Claudia Fischer: Geduldet, vertrieben, ermordet, Die Juden in Weinheim bis 1933, in: Die Stadt Weinheim zw. 1933 u. 1945, Weinheim 2000, haupts. 427, 428 (Abb.); - Christina Modig: Die jüdischen Bürger Weinheims 1933-1945, a.a.O., haupts. 482-494 (Abb.), 524; - Momme Brodersen: Siegfried Kracauer, Reinbek, Rowohlt 2001, 27 (Abb.); - Thomas Zeller: Die Architekten u. ihre Bautätigkeit in Frankfurt a. M. in der Zeit von 1870 bis 1950, Frankfurt, Henrich 2004, 350; - Gabriele Reber: Lasst meine Bilder nicht sterben, Amalie Seckbach, Bruchstücke e. Biographie, Frankfurt, Bergauf-Vlg. 2006 (in Vorb.).