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Band IX (1995)Spalten 1504-1507 Autor: Gertrud Thoma

SEVERIN, Heiliger, aus Italien stammend, wohl aus der Führungsschicht, + 8.1. 482 in Favianis (wohl Mautern - eine Identifikation mit Wien-Heiligenstadt hat sich in der Forschung nicht durchsetzen können). - Über die Person des Heiligen, vor allem über seine Identität vor seinem in der Vita beschriebenen Wirken als Gottesmann in Ufernorikum, gibt es eine ausgedehnte wissenschaftliche Kontroverse, seit F. Lotter ihn mit dem inlustrissimus vir Severinus der Antoniusvita des Ennodius gleichgesetzt, diese Bezeichnung als Rangtitel gedeutet und daraus eine hohe politisch-militärische Stellung S.s vor seiner conversio (auch für die Zeit von 467 bis 476 nimmt Lotter noch eine amtliche Funktion an) gefolgert und eine Gleichsetzung mit dem Konsul Flavius Severinus des Jahres 461 für möglich gehalten hat. Bei letzterer Hypothese hat er kaum Zustimmung gefunden, wohl aber bei den ersten drei genannten Punkten. Eine Ablehnung oder grundsätzliche Infragestellung dieser Thesen Lotters beruht meist auf einer gegensätzlichen Interpretation der Hauptquelle, der Vita Severini des Eugipp. Der Vita zufolge kam S. nach dem Tod Attilas nach Ufernorikum und entfaltete dort und bis ins östliche Raetien hinein eine (vor allem in die Zeit nach 467 datierbare) rege karitative und politische Tätigkeit mit den Hauptstationen Asturis (Klosterneuburg), Comagenis (Tulln), Favianis (s.o.), Cucullis (Kuchl) und Iuvao (Salzburg), Batavis und Boiotro (Passau und Passau-Innstadt), Lauriacum (Lorch) und wiederum Favianis. Mit organisatorischem und administrativem Geschick kümmerte er sich um die geistliche und materielle Versorgung der romanischen Bevölkerung und um die militärische Verteidigung gegen die germanischen Invasoren. Als die Orte an der oberen Donau nicht mehr zu halten waren, riet er zu ihrer Räumung, später auch zur Aufgabe Lorchs und siedelte die Romanen nach Favianis im Machtbereich der Rugier um. Das dort von ihm gegründete Kloster läßt ein für diese Zeit erstaunlich aktives Mönchsideal erkennen. Am Ende seines Lebens soll er den Abzug der Romanen aus Noricum vorausgesagt haben; sein Leichnam wurde 488 beim Abzug der Römer seinem Wunsch entsprechend von den Mönchen des von ihm in Favianis gegründeten Klosters nach Italien mitgenommen und schließlich in Lucullanum bei Neapel beigesetzt. - S.s Umgang mit und sein Einfluß auf hohe Persönlichkeiten des römischen Reiches (Verbindung zum weströmischen Kaiserhaus) wie der Germanen lassen ihn als die höchststehende Persönlichkeit in der Provinz erscheinen, auch im politischen Bereich. Seine Fähigkeit auszugleichen zwischen Römern und Germanen, Arianern und Katholiken, Reich und Arm bereitete die Synthese von römischen, germanischen und christlichen Komponenten vor, die das europäische Mittelalter begründet hat.

Lit.: Eugippius, Vita s. Severini, ed. P. Knoell, CSEL 9,2, 1886; - Ders., Vita s. Severini, ed. T. R. Mommsen, MG SS rer. Germ., 1898; - Ders., Das Leben des heiligen S., lat. und dt., Einführung, Übersetzung und Erläuterung, hrsg. v. R. Noll, 1963, unveränd. 2. Aufl. 1981; - Péter Váczy, Eugippiana. Annales univ. scient. Budapest de R. Eötvös nominatae, Sect. hist. 3, 1961, 41-58; - Hans-Joachim Diesner, Severinus und Eugippius, in: Ders., Kirche und Staat im spätrömischen Reich, Berlin 1964, 155-167; - Friedrich Lotter, Severinus und die Endzeit römischer Herrschaft an der oberen Donau, in: DA 24, 1968, 309-338; - Ders., Inlustrissimus vir Severinus, in: DA 26, 1970, 200-207; - Ders., Antonius von Lérins und der Untergang Ufernorikums, in: Hist. Zeitschr. 212, 1970, 265-315; - Ders., Severinus von Noricum. Legende und historische Wirklichkeit. Untersuchungen zur Phase des Übergangs von spätantiken zu mittelalterlichen Denk- und Lebensformen, 1976; - Ders., Die historischen Daten zur Endphase römischer Präsenz in Ufernorikum, in: Von der Spätantike zum frühen Mittelalter, hrsg. v. J. Werner und E. Ewig (= Vorträge und Forschungen 25), 1979, 27-90 (nennt Rez. des Buches von 1976); - Ders., S. von Noricum, Staatsmann und Heiliger, in: ThPQ 130, 1982, 110-124; - Ders., Inlustrissimus vir oder einfacher Mönch? Zur Kontroverse um den hl. S., in: Ostbairische Grenzmarken 25, 1983, 281-297; - Ders., Zur Interpretation hagiographischer Quellen. Das Beispiel der 'Vita Severini' des Eugippius, in: Mittellat. Jb. 19, 1984, 36-62 (mit Aufzählung und Stellungnahme zu Rezensionen des Buches von 1976); - István Bóna, Eugippii Vita Sancti Severini. Severi[ni]ana, in: Antik Tanulmanyok 16, 1969, 265-290; - Ders., Severi[ni]ana, in: Acta Antiqua Acad. Scient. Hungaricae 21, 1973, 281-338 (erweiterte deutsche Fassung); - Friedrich Prinz, Zur Vita Severini, in: DA 25, 1969, 531-536; - Ders., Frühes Mönchtum im Frankenreich, 1965, 2. Aufl. 1988; - Rudolf Noll, Sankt S. und der Untergang der römischen Herrschaft an der norischen Donau, in: Die Römer an der Donau, Norikum und Pannonien, Katalog der Landesausstellung, 1973, 111-116; - Ders., Neuere Funde und Forschungen zum frühen Christentum in Österreich (1954-1974), in: Mitt. d. österr. Arbeitsgemeinschaft f. Ur- und Frühgeschichte 25, 1974/5, 195-217; - Ders., Die Vita sancti Severini des Eugippius im Lichte der neueren Forschung, in: Anzeiger der phil.-hist. Kl. d. Österr. Akademie der Wissenschaften 112, 1975, 61-75; - Ders., Literatur zur Vita Sancti Severini aus den Jahren 1975-1980, in: ebd. 118, 1981, 196-221 (dort auch Rez. zu Lotter 1976 aufgezählt); - Peter F. Barton, Die Frühzeit des Christentums in Österreich und Südostmitteleuropa bis 788, 1975; - Marc van Uytfanghe, Les atavars contemporains de l'»hagiologie«. Apropos d'un ouvrage récent sur Séverin de Norique, in: Francia 5, 1977, 639-671; - Vicenzo Pavan, Note sul monacheismo di s. Severino e sulla cura pastorale nel Norico, in: Vetera Christianorum 15, 1978, 347-360; - Heinrich Koller, Die Klöster S.s von Noricum, in: Festschr. Modrijan, Schild von Steier 15/16, 1978/79, 201-207; - Rajko Bratosz, Novejsa literatura o svetem Severinu (1975-1977), in: Arheoloski vestnik 30, 1979, 577-587; - Ders., Eugipij Zivljenije Svetaga Seveina. Uvod, prevod in Komentar, 1982 (m. dt. Zusfassg. 413-440); - Ders., Severinus von Norikum und seine Zeit. Geschichtliche Anmerkungen (=Denkschriften d. Österr. Akad. d. Wissenschaften, phil. hist. Kl. 165), 1983; - Gerhard Wirth, Anmerkungen zur Vita des S. von Noricum, in: Quaderni Catanesi di Studi Classici e Medievali I 1, 1979, 217-266; - Ders., St. S. und die Germanen, in: Begegnungsräume von Kulturen, hrsg. v. A. Wendehorst und J. Schneider (=Schriften d. Zentralinstituts f. fränkische Landeskunde und allg. Regionalforschung 21), 1982, 15-48; - Rudolf Zinnhobler, Woher stammte der hl. S.?, in: Jb. Kollegium Petrinum 76 (1979/80), 29-36; - Ders., St. S. in Lorch, in: Ders. (Hrsg.), Lorch in der Geschichte, 1981, 128-144; - Ders./ Erich Widder, Der heilige S., sein Leben und seine Verehrung, 1982; - Ders., Zum gegenwärtigen Stand der S.-Forschung, in: Oberösterr. Heimatbll. 36, 1982, 5-15; - S. zwischen Römerzeit und Völkerwanderung, hrsg. v. K. Pömer, Linz 1982 (Ausstellungskatalog); - Peter Stockmeier, Die Vita Severini im Lichte der Arcäologie, in: oberösterr. Heimatbll. 36, 1982, 16-27; - Hartmut Wolff, Kritische Bemerkungen zum säkularen S., in: Ostbairische Grenzmarken 24, 1982, 24-51; - Ders., Ein Konsular und hoher Reichsbeamter im Mönchsgewand? Nachtrag zu Friedrich Lotters S.sbild, in: ebd. 25, 1983, 298-318; - Harald Dickerhof, De institutio sancti Severini. zur Genese der Klostergemeinschaft des Heiligen S., in: ZBLG 46, 1983, 3-36; - LThK IX, 700; - RGG V,1716/7; - BS XI, 965-971; - Biograph. Wörterbuch zur dt. Gesch., hrsg. v. K.Bosl u.a., 2. Aufl. 1975, III, 2631/2; - Lexikon d. Dt. Gesch., hrsg. v. G. Taddey, 2.Aufl. 1983, 1146; - Handbuch der Bayerischen Gesch., hrsg. v. M. Spindler, 2. Aufl. 1981, I, 179-181; Titel zur Vita wurden nicht mit aufgenommen (genannt in Noll, Literatur 1981, 197/8).

Gertrud Thoma

Literaturergänzung:

1986

Karl Böck, Menschen und Heilige. 2. Aufl. Donauwörth 1986, S. 346-348; -

2001

Eugippius u. Severin. D. Autor, d. Text u.d. Heilige. W. Pohl, M. Diesenberger (Edd.). Wien 2001; -

2009

Andreas Merkt, Splendens patria. Die "Vita Severini" (um 511) über irdische u. himml. Heimat, in: BGBR 43.2009, S. 13-18.

Letzte Änderung: 21.08.2009