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Band XIX (2001)Spalten 1294-1296 Wilhelm Baum

SHIRIN, christliche Großkönigin von Persien († 628). - Shirin gehörte zur "apostolischen Kirche des Ostens" (sogen. "nestorianische" Kirche); sie war eine Aramäerin von niedriger Herkunft, wahrscheinlich aus Khuzistan, die nach 591 den sassanidischen Großkönig Khosrau II. Parvez (590-628) heiratete, der mit Unterstützung des byzantinischen Kaisers Maurikios (+ 602) an die Macht kam und dessen Tochter Maria geheiratet hatte. 598 stiftete die zweite Gemahlin Khosraus das Shirin-Kloster in der Reichshauptstadt Ktesiphon, das der Katholikos einweihte. Zweimal nahm sie Einfluß auf die Einsetzung des Katholikos: zunächst bei Sabrisho I. (596-604) dann auf die von Gregor von Phrat (605-609). Gemeinsam mit ihrem Leibarzt Gabriel von Siggar - der ihr ca. 601 nach anfänglicher Kinderlosigkeit zur Geburt des Sohnes Mardanshah verhalf - schaltete sie sich in die Religionspolitik in Persien ein. Die Königin nutzte dabei die Namensgleichheit ihres Favoriten mit dem König protegierten Gregor von Kashkar aus und setzte sich durch. Ein Grund dafür lag darin, daß Gregor von Kashkar mit Byzanz sympathisierte und den Arzt Gabriel exkommuniziert hatte, der schließlich zum Monophysitismus konvertierte. Von 609 bis zum Tode Khosraus II. konnte ,ein neuer Katholikos gewählt werden; in der Zeit der Sedisvakanz gewann der Monophysitismus in Persien an Bedeutung. Nach dem Sturz des Kaisers Maurikios (602) kam es zur Entfremdung zwischen Persien und Byzanz und zur Rivalität zwischen den beiden Königinnen. Shirin scheint an der Vergiftung ihrer Rivalin Maria beteiligt gewesen zu sein; dies war die Ursache für die Rivalität mit deren Sohn Shiruye. 612 kam es durch Gabriel von Siggar zu einer Religions-Disputation zwischen "Nestorianern" und Monophysiten; 615 kam es zum Martyrium des nestorianischen Mönchs Giwargis. Es scheint, daß Shirin das Vorgehen Gabriels gegen die apostolische Kirche des Ostens billigte. In den von Byzanz eroberten mesopotamischen Gebieten wurden die melkitischen Bischöfe jetzt durch Monophysiten ersetzt. Der armenische Bischof Sebeos berichtet um 670, daß die Königin um 616 auf einer Synode sich als Monophysitin bekannt habe. Am Shirin-Kloster in Ktesiphon nahmen die Vertreter beider Konfessionen an der Kommunion teil; erst Ende der 620er Jahre wurde das Kloster unter Abt Marutha monophysitisch. Nach dem Sturz des Phokas durch Herakleios (610-641) brach der Krieg zwischen Byzanz und Persien von neuem aus, das 614 Jerusalem eroberte; das Kreuz Christi wurde Shirin als Siegesbeute übergeben. 622 führte Herakleios seine Truppen in den Kampf; er drang bis zur Residenz Gantzak vor, die er eroberte. Die Perser gewannen verlorenes Terrain zurück und begannen mit der Belagerung Konstantinopels. Daraufhin kam es zu einem neuen Feldzug des Herakleios in das Tigris-Tal, wo sich das Blatt 627 wendete. Khosrau floh mit Shirin und ihren Söhnen Mardanshah, Nestur, Feroud und Saliarus und wurde von seinem Sohn Shiruye (Kavad II.) gestürzt. Zuvor hatte dieser noch die Thronfolgeordnung geändert und 627 Shirins Sohn Mardanshah zum Nachfolger ernannt. Khosrau wurde von seinem Sohn ermordet, nachdem die Kinder Shirins vor seinen Augen ermordet wurden. Vergeblich bemühte er sich darum, die etwa 50jährige Königin für seinen Harem zu gewinnen. Die Königin verübte schließlich im Mausoleum ihres Gatten Selbstmord durch Gift. Es ist wohl in erster Linie ihrem Einfluß zuzuschreiben, daß Khosrau die Christen unterstützte und Bibeln nach Persien bringen ließ und verteilte. Shirins Enkel Yezdegerd III. (632-652) war der letzte Großkönig von Persien. Neben der "Chronik von Seert", der anonymen nestorianischen Chronik, der Mönchsgeschichte des Thomas von Marga und der Vita des Herakleios des armenischen Bischofs Sebeos gehört das Geschichtswerk Tabaris zu den wichtigsten zeitgenössischen Quellen. - Um 620 wurde das persische Werk "Xwadaynamag" (Chvatai namak) verfaßt, das später zur Grundlage des berühmten Nationalepos "Schahname" und von Ibn al-Muqaffa (um 723-759) ins Arabische übersetzt wurde. Im 10. Jahrhundert rühmt der persische Dichter Balcami ihre Schönheit. Im 10. und 1 Jahrhundert wurden frühe Fassungen des "Schahname" versifiziert. Firdausi (um 940-ca. 1020) schuf das mehr als 50000 Verse umfassende Nationalepos, in dessen 3. Teil die Geschichte von Shirin und ihrer angeblichen Romanze mit dem Baumeister Farhad enthält. Um 1010beschreibt al-Thacalibi in seiner Geschichte der persischen Könige ihre Schönheit. Die muslimischen Dichtungen berichten nichts vom Christentum Shirins, die zum Idealtypus der liebenden Frau stilisiert und auch in der Kunst dargestellt wurde. Eine in der Freer Gallery of Art in Washington erhaltene iranische Schale von 1210 zeigt Khosrau, wie er Shirin beim Bad zuschaut. Einen Höhepunkt der Idealisierung Shirins bildete das Epos "Khosrau und Shirin" des persischen Dichters Nezami (1180), der die Königin zur Armenierin machte. Neu entdeckt wurde das Motiv durch Joseph von Hammer-Purgstall, der 1809 das Buch "Shirin" veröffentlichte und Goethe zur Abfassung des "West-östlichen Diwan" (1819) anregte, in dem Shirin und Khosrau zu den idealen Liebespaaren gehören. 1812 wies bereits Friedrich Schlegel in seinen Wiener Vorlesungen auf die "romantischen Gedichte" der Perser über Khosrau und Shirin hin.

Quellen: Schirin. Ein persisches romantisches Gedicht nach morgenländischen Quellen, 2 Bde, Leipzig 1809; Th. Nöldecke: Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik, Wien 1893; F. Macher: Histoire d' Héraclius par l' évèque Sebéos. Traduite de l' arménien et annotée, Paris 1904; Chronique de Séert (Histoire Nestorienne inédite), vol. 2, hrsg. v. Addqai Scher, (= Patrologia Orientalis) 13, Paris 1918; Tabari: Geschichter der Perser und Araber zur Zeit der Sassaniden, hrsg. v. Th. Nöldecke (1879), ND Leiden 1973; Nizami: Chosrou und Shirin, hrsg. v. J. Ch. Bürgel, Zürich 1980.

Lit.: Friedrich Schlegel: Geschichte der alten und neuen Litteratur, 3. Aufl., Regensburg 1911; - Herbrert Wilhelm Duda: Ferhard und Schirin. Die literarische Gestalt eines persischen Sagenstoffes, Prag 1933; - Martin Tamcke: Der Katholikos-Patriarch Sabrisho I. (596-604) und das Mönchtum, Frankfurt 1988; - Manfred Hutter : Shirin und Khosrau. Realität und Idealisierung von Liebe im späten Sassanidenreich, in: O. Ofitsch (Hrsg.): Eros, Liebe und Zuneigung in der Indogermania. Akten d. Symposions z. indogerman. Kultur- u. Altertumskunde in Graz 1994, Graz 1997, 12-24; - Manfred Hutter: Shirin, Nestorianer und Monophysiten. Königliche Kirchenpolitik im späten Sassanidenreich, in: Symposion Syriacum VII (Orientalia Christiana Analecta 256), Roma 1998, 373-386; - Samuel Hugh Moffett: Christianity in Asia, vol. 1, 2nd ed., New York 1998; - John Julius Norwich: Byzanz. Der Aufstieg des Oströmischen Reiches, Düsseldorf-München 1998; - Wilhelm Baum - Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer, Klagenfurt 2000.

Wilhelm Baum

Quellenergänzung:

Theophylaktos Simokates: Geschichte, hrsg. v. Peter Schreiner, (= Bibliothek der griechischen Literatur 20), Stuttgart 1985.

Literaturergänzung:

Wilhelm Baum: Schirin. Christin - Königin - Liebesmythos. Eine spätantike Frauengestalt - historische Realität und literatrische Wirkung, Klagenfurt 2003; - Baum, W. Shirin: Christian - Queen - Myth of Love, 2004.

Letzte Änderung: 03.08.2004