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Band X (1995)Spalten 1120-1122 Autor: Birgit Bernard

STAĖL-HOLSTEIN, Anne-Louise-Germaine Necker, baronne de Staėl-Holstein, bekannt als Mme de Staėl, frz. Schriftstellerin, * 22.4. 1766 als einziges Kind des frz. Bankiers und späteren Finanzministers Jacques Necker und der Suzanne Curchod in Paris, † 14.7. 1817 in Coppet/Schweiz. - Germaine Necker, die bis zum 13. Lebensjahr eine strenge calvinistische Erziehung durch ihre Mutter genoß, war von Kindesbeinen an mit der Frz. Aufklärung vertraut, deren Exponenten Diderot, d'Alembert, Buffon, Marmontel und Grimm im Salon ihrer Mutter verkehrten. Im Jahre 1786 heiratete sie den schwedischen Gesandten in Paris, den Baron von S.-Holstein. Die frühe Schrift »Lettres sur les écrits et le caractère de J.-J. Rousseau« zeigt sie als Kennerin der Aufklärung. - Die Frz. Revolution erlebte sie aus nächster Nähe in Paris und Versailles. Während der zeitweiligen Amtsenthebung ihres abgöttisch geliebten Vaters folgte sie diesem ins Ausland. Bis zu seinem Tode im April 1804 sollten die Geschicke der Tochter aufs engste mit den seinen verbunden sein. Mme de S. führte von 1789 an ein unstetes Leben zwischen Paris und dem Schweizer Familiensitz Coppet, bereiste weite Teile Europas und fiel der Verbannung aus Frankreich anheim. Grund hierfür war ihre liberale Grundeinstellung, aus der sie keinen Hehl machte. Nur eine Konstitution war für sie ein Garant für Freiheit. Sie ersehnte weder den Absolutismus noch die Herrschaft des Volkes. Die Revolution verteidigte sie zwar an sich, verurteilte jedoch die Schreckensherrschaft und setzte sich nach Kräften für Verfolgte ein.- In den frühen 90er Jahren verkehrten in ihrem Salon Abbé Siéyès, Condorcet und Talleyrand. 1794 lernte sie Benjamin Constant kennen, mit dem sie eine schwierige, bis 1808 währende, Liaison einging. 1796 erschien »De l'influence des passions des individus et des nations sur le bonheur«. Im selben Jahr übersetzte Goethe ihren »Essai sur les fictions« für Schillers »Horen«. »De la littérature considerée dans ses rapports avec les institutions sociales« (1800) zeigt erste Ansätze zu einer Literatursoziologie. Ihre Forderung nach republikanischer Freiheit brachte Mme de S. den Unwillen Napoleons ein, den sie seit Dezember 1797 persönlich kannte. Da die S. nie verschwieg, was sie dachte, wurde sie zum Symbol der Öffentlichen Meinung. Napoleon fürchtete die Nonkonformistin, zumal die Hälfte seiner Minister in ihrem Salon verkehrte. Ende 1803 (erneut) aus Paris ausgewiesen, begab sich Mme de S. in Begleitung von Constant auf ihre erste Deutschlandreise (1803/04), In Weimar traf sie Goethe, Schiller und Wieland, in Berlin Fichte, Schlegel und Rahel Levin, in Würzburg Schelling. Eine zweite Reise führte die S. 1807/08 erneut durch Deutschland sowie durch Österreich. Frucht dieser Reisen war ihr Hauptwerk »De l'Allemagne«, das bei seinem Erscheinen im Jahre 1810 von der frz. Zensur beschlagnahmt wurde. Das Werk konnte erst drei Jahre später bei Murray in London erscheinen. »De l'Allemagne« darf als eine Kulturgeschichte Deutschlands im frühen 19. Jh. gelten und beinhaltet Betrachtungen zur dt. Literatur, Philosophie, Religion, etc. Mit »De l'Allemagne« beginnt der Kulturaustausch zwischen Frankreich und der dt. Romantik. - In den Jahren 1804-1810 wurde Coppet zum Mittelpunkt der europäischen Opposition. Neben Constant zählten A.W. Schlegel, Mme Recamier, Sismondi, zeitweise auch Talleyrand und Chateaubriand, zu den Gästen. - Die beiden Frauenromane »Delphine» (1802) und »Corinne« (1807) beinhalten liberal-emanzipatorische Grundideen. - Eine letzte große Reise führte die S. während der Zeit ihrer Verbannung von 1812-14 über Wien, Moskau und Stockholm nach London, wo sie Byron kennenlernte. Nach dem Sturz Napoleons kehrte sie nach Paris zurück. Zar Alexander, Wellington, Bernadotte, Talleyrand und Lafayette trafen sich in ihrem Pariser Salon. Kurz vor ihrem Tod heiratete sie im Oktober 1816 John Rocca, den Vater ihres fünften Kindes. Von einem Gehirnschlag im Februar 1817 erholte sie sich nicht mehr. Mme de S. wurde in Coppet begraben. Sie blieb indessen über ihren Tod hinaus im 19. Jh. eine Symbolfigur für die Freiheit des Geistes.

Werke: Gesamtausgaben. OEuvres complètes de Mme la baronne de S., hrsg. von Auguste de S., 17 Bde, 1820-21; OEuvres inédites de Mme la baronne de S., 3 Bde, 1820-21; OEuvres complètes de Mme la baronne de S.-Holstein, 1861 (Repr. 1967); OEuvres Posthumes de Mme la baronne de S.-Holstein, 1861 (Repr. 1967); Correspondance générale, ed. Béatrice Jasinski, 1962 ff.; Bibliographien: Paul-Emile Schatzmann, Bibliographie des oeuvres de Mme de S., 1938; Principaux travaux sur S. et son oeuvre (depuis 1938), in: Cahiers Staėliens 1 (1962), 31-36; s. auch die weiteren Cahiers (1963 ff.).

Lit.: Abel Stevens, Mme de S., 1881; - Charlotte Blennerhassett, Frau von S., ihre Freunde und ihre Bedeutung..., 1887; - Albert Sorel, Mme de S., 1890; - Paul Gautier, Mme de S. et Napoléon, 1903; - Pierre Kohler, Mme de S. et la Suisse, 1916; - David G. Larg, Mme de S.: la vie dans l'oeuvre. 1776-1880, 1924; - Ders., Mme de S.: la seconde vie. 1800-1807, 1928; - Alfred Götze, Ein fremder Gast. Frau von S. in Deutschland 1803/04, 1928; - Jean de Pange, Mme de S. et la découverte de l'Allemagne, 1929; - Dies., A.W. Schlegel und Frau von S., 1940; - A. Henning, L'allemagne de Mme de S. et la polémique romantique, 19301, 19752; - M.E. Lein, Les sources des théories littéraires de Mme de S. (Diss. Chicago), 1949; - A. Lang, Une vie d'orages, 1958; - H. Guillemin, S., Constant et Napoléon, 1959; - Christopher Herold, Mme de S., 1960; - Ders., Mme de S., 1982; - R. Minder, Kultur und Literatur in Deutschland und Frankreich, 1962, 94-105; - Simone Balayé, S. et l'Europe. Catalogue de l'Exposition à la Bibliothèque Nationale, 1966; - Dies., Mme de S. Les carnets de voyage de Mme de S..... Le séjour en Angleterre 1813-1814, 1971; - Dies., Mme de S., 1979; - S. et Benjamin Constant, Numéro spécial de la Revue d'histoire littéraire de la France, 1966; - Roland Mortier, Philosophie et religion dans la pensée de S., in: Rivista di letterature moderne e comparate 20 (1967), 165-176; - Rosalynd Pflaum, La famille Necker, 1969; - Dies., S., 1969; - S. et l'Europe. Colloque de Coppet 1966, Paris 1970; - Béatrice d'Andlau, La jeunesse de S., 1970; - Le Groupe de Coppet. Actes et documents du deuxième Colloque de Coppet 1974, 1977; - K.R. Wenger, Preußen in der öffentl. Meinung Frankreichs 1815-1870, 1979; - Corinne Pulver, Mme de S., 1983; - Ghislain de Diesbach, Mme de S., 1983; - Renée Winegarten, S., 1985; Georges Solovieff (Hrsg.), Kein Herz, das mehr geliebt hat. Eine Biographie in Briefen, 1986; - Ulrich Allstadt-Schmitz, Erzähltes Exil (Diss. Bonn), 1987; - Jutta Held (Hrsg.), Frauen im Frankreich des 18. Jh., 1989, 108-120; - Michaud, Biographie Universelle XL, 116-125.

Birgit Bernard

Textanmerkungen:

Eine ausführliche Biographie über Germaine de Staėl finden sie hier.

Literaturergänzung:

Bedeutende Frauen im 19. Jahrhundert. Red.: Josef Rattner. Berlin 2005 (=Mieinander leben lernen ; Jg. 30, H. 4); - Sabine Appel, Madame de Stael. Düsseldorf 2006; - Machteld De Poortere, The philosophical and literary ideas of Mme de Stael and Mme de Genlis. New York 2007.

Letzte Änderung: 09.04.2008