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Band X (1995)Spalten 1130-1135 Autor: Wilhelm Füßl

STAHL (ursprünglich Jolson, auch: Golson), Friedrich Julius, Professor für Staats- und Kirchenrecht, Rechtsphilosoph, konservativer Politiker; * 16.1. 1802 (wohl:) Heidingsfeld bei Würzburg, + 10.8. 1861 Bad Brückenau. - Aufgewachsen im Hause seines Großvaters Abraham Uhlfelder, dem damaligen Vorsteher der jüdischen Gemeinde in München, konvertierte St. 1819 unter dem Einfluß des neuhumanistischen Pädagogen und Schulreformers Friedrich Wilhelm Thiersch vom jüdischen Glauben zur evangelisch-lutherischen Konfession. Bei seiner Taufe nahm er den programmatisch gewählten Namen »Stahl« an. Während seines Jurastudiums in Würzburg, Heidelberg und Erlangen engagierte er sich in der Burschenschaftsbewegung, was eine zweijährige Relegation von der Universität zur Folge hatte. Seit 1826 war er Privatdozent in München. 1830 wurde St. verantwortlicher Redakteur der offiziösen Zeitung »Der Thron- und Volksfreund«. Obwohl das Blatt von König Ludwig I. selbst in seinem Kampf gegen die liberale Presse angeregt worden war, stellte es schon nach wenigen Nummern sein Erscheinen ein. 1832-1840 war St. Professor in Würzburg und Erlangen. Die mittelfränkische Universität vertrat er 1837 im Landtag in der Kammer der Abgeordneten. Wegen seiner Äußerungen in der Frage des Budgetrechts, die König Ludwig I. von Bayern als liberalen Angriff auf sein monarchisches Selbstverständnis interpretierte, wurde St. gemaßregelt, indem ihm die Professur für Staatsrecht entzogen und das als weniger wichtig angesehene Zivilrecht übertragen wurde. Die Zurückstufung und die latente Gefahr, sein Amt als Hochschullehrer endgültig zu verlieren, waren wohl die Beweggründe, 1840 einen Ruf nach Berlin anzunehmen. - In Preußen stieg St. zu einem der gefeiertsten und angefeindetsten Professoren und Politiker seiner Zeit auf. Nach der Revolution 1848 war er von 1849 bis zu seinem Tode Abgeordneter der preußischen Ersten Kammer bzw. auf Lebenszeit berufenes Mitglied des Herrenhauses. Dort wie im Erfurter Unionsparlament 1850 etablierte er sich als anerkannter Parteiführer der rechten Konservativen, der sog. »Fraktion Stahl«. An dem organisatorischen Aufbau der konservativen Partei in Preußen nach 1848 war St. entscheidend beteiligt. Als Publizist der »Neuen Preußischen Zeitung« (auch: »Kreuzzeitung«) formulierte er die Leitlinien konservativer Politik in Preußen. Mit Beginn der »Neuen Ära« 1858 wurde der Einfluß St. durch Bismarck stark eingeschränkt. - St.s Hauptwerk ist sein in mehreren überarbeiteten Auflagen erschienenes Werk »Die Philosophie des Rechts« (erstmals Heidelberg 1830-37), das die Grundlage seines theoretischen Denkens wie praktisch-politischen Handelns bildete. Während sich St. im ersten Band kritisch mit den rechtsphilosophischen Systemen von Platon bis Savigny auseinandersetzte, entwarf er im zweiten Band seine Staatsrechtslehre. Sie ist geprägt von einem expliziten Bekenntnis zum Christentum, aus dem er seine Forderungen für einen christlichen Staat ableitete. Diese beinhalteten die Anerkennung einer göttlichen Ordnung und einer darauf aufbauenden weltlichen Staatsform, die St. am besten in der konstitutionellen Monarchie verwirklicht sah. Deren kontinuierliche Weiterentwicklung im Gegensatz zu revolutionären Veränderungen war das Programm St.s. Durch seine Differenzierung zwischen dem monarchischen und dem parlamentarischen Prinzip, durch sein Bekenntnis zu verfassungsmäßig verankerter Repräsentation des Volkes, garantierten Freiheitsrechten und zur Bindung der Staatsgewalt an das Gesetz hob er sich - trotz unverkennbar stark konservativer Elemente in seiner Staatsrechtslehre und in seinen politischen Leitlinien - entscheidend von den altständisch denkenden Theoretikern Haller, Gentz oder Jarcke ab. Die in der Forschung bisher pauschal erhobene Behauptung, St. sei ein Vertreter der Reaktion gewesen, muß nach neueren Forschungen dahin gehend revidiert werden, daß St. theoretisch ein Vermittlungsphilosoph und politisch ein Ausgleichspolitiker war. Einen von den preußischen Konservativen nach 1848 diskutierten reaktionären Umsturz konnte er trotz erbitterten Widerstandes weiter Kreise seiner Partei verhindern. So gelang es ihm, diese weitgehend für seinen Weg des Reformkonservativismus und für die Anerkennung der konstitutionellen Monarchie zu gewinnen. - Als Mitglied der preußischen Generalsynode 1846 sowie (gemeinsam mit Moritz August von Bethmann-Hollweg) als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags von 1848 bis 1861 zeigte sich St. als lutherisch-konfessioneller Kirchenpolitiker. Gleichzeitig wirkte er 1852-1858 im Evangelischen Oberkirchenrat. Interessant ist sein Verhältnis zu seinem früheren jüdischen Glauben. In der Schrift »Der christliche Staat und sein Verhältniß zu Deismus und Judentum« (1847) akzeptierte St. zwar formal die Emanzipationswünsche der Juden, lehnte aber ihre Integration in europäisch-christliche Staaten mit deren immanenten christlichen Prinzipien in Gesetzgebung, Verwaltung, Eherecht und Schulwesen ab.

Werke: Ueber das ältere Römische Klagenrecht, München 1827; Grundriß zu Vorlesungen über Philosophie des Rechts, München 1829; Die Philosophie des Rechts, Heidelberg 1830-1837 (2. Aufl. 1845-1847; 3. Aufl. 1854-1856; Neudruck Darmstadt 1963); Die Kirchenverfassung nach Lehre und Recht der Protestanten, Erlangen 1840 (2. Aufl. 1862, Neudruck Frankfurt 1965); De matrimonio ob errorem rescindendo commendatio, quam pro loco in iurisconsultorum Berolinensium ordine rite obtinendo, Berlin 1841; Das monarchische Princip. Eine staatsrechtlich-politische Abhandlung, Heidelberg 1845; Vortrag über Kirchenzucht, gehalten in der Pastoral-Conferenz zu Berlin am 22. Mai 1845, Berlin 1845 (2. Aufl. 1858); Zwei Sendschreiben an die Unterzeichner der Erklärung vom 15. beziehungsweise 26. August 1845, zugleich als ein Votum in der Augsburgischen Confessions-Frage, Berlin 1845; Fundamente einer christlichen Philosophie, Heidelberg 1846; Rechtsgutachten über die Beschwerden wegen Verletzung verfassungsmäßiger Rechte der Protestanten im Königreiche Bayern, insbesondere Beleuchtung des Verhältnisses zwischen dem Staatsgrundgesetz und dem Konkordat, Berlin 1846; Der christliche Staat und sein Verhältniß zu Deismus und Judenthum. Eine durch die Verhandlungen des Vereinigten Landtages hervorgerufene Abhandlung, Berlin 1847 (2. Aufl. 1856); Rechtswissenschaft oder Volksbewußtsein? Eine Beleuchtung des von Herrn Staatsanwalt von Kirchmann gehaltenen Vortrags: Die Werthlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft, Berlin 1848; Die Revolution und die constitutionelle Monarchie. Eine Reihe ineinandergreifender Abhandlungen, Berlin 1848 (2. Aufl. 1849); Die deutsche Reichsverfassung nach den Beschlüssen der deutschen Nationalversammlung und nach dem Entwurf der drei königlichen Regierungen, Berlin 1849; Was ist die Revolution? Ein Vortrag auf Veranstaltung des Evangelischen Vereins für kirchliche Zwecke am 8. März 1852 gehalten, Berlin 1852 (3. Aufl. 1852 mit dem Anhang: Die Reformation und die Revolution); Der Protestantismus als politisches Prinzip. Vorträge, auf Veranstaltung des Evangelischen Vereins für kirchliche Zwecke zu Berlin im März 1853 gehalten, Berlin 1853 (Neudruck Aalen 1987); Friedrich Wilhelm der Dritte. Gedächtnisrede gehalten am 3. August 1853, Berlin 1853; Die katholischen Widerlegungen. Eine Begleitschrift zur vierten Auflage meiner Vorträge über den Protestantismus als politisches Princip, Berlin 1854; Ausführungen über das Ehescheidungsgesetz, Berlin 1855; Ueber christliche Toleranz. Ein Vortrag auf Veranstaltung des Evangelischen Vereins für kirchliche Zwecke gehalten am 29. März 1855, Berlin 1855; Wider Bunsen, Berlin 1856; Die lutherische Kirche und die Union. Eine wissenschaftliche Erörterung der Zeitfrage, Berlin 1859 (2. Aufl. 1860); Zum Gedächtniß Seiner Majestät des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm IV. und seiner Regierung. Vortrag gehalten im Evangelischen Verein zu Berlin am 18. März 1861, Berlin 1861; Die gegenwärtigen Parteien in Staat und Kirche. Neunundzwanzig akademische Vorlesungen, Berlin 1863 (2. Aufl. 1863). - Reden: Die Aktenstücke über das Bündniß vom 26. Mai und der Antrag Camphausen. Eine in der Sitzung der Ersten Kammer am 27. August angemeldete Rede, Berlin 1849; Das Steuerverweigerungsrecht, Berlin 1849; Rede des Professors Stahl gehalten zu Neustadt, am 31. Januar d.J. vor den zur Wahl eines Abgeordneten zum deutschen Volkshause versammelten Wahlmännern der Kreise Angermünde und Ober-Barnim, Freienwalde 1850; Reden, Berlin 1850; Parlamentarische Reden. Herausgegeben und mit einleitenden Bemerkungen versehen von J.P.M. Treuherz, Berlin 1856; Siebzehn parlamentarische Reden und drei Vorträge. Nach letztwilliger Bestimmung geordnet und herausgegeben, Berlin 1862 (Neudruck 1921). - Briefe: Ernst Salzer, Stahl und Rotenhan. Briefe des ersten an den zweiten, in: Historische Vierteljahresschrift 14, 1911, 199-247 und 514-551; ders., Neue Briefe Friedrich Julius Stahls, in: Deutsche Rundschau 159, 1914, 99-125; Gerhard Masur, Aus den Briefen Friedrich Julius Stahls an Rudolph Wagner, in: Archiv für Politik und Geschichte 8, 1927, 261-301; Hans-Joachim Schoeps, Unveröffentlichte Briefe von Stahl und Bismarck, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 16, 1964, 275-278; Olaf Koglin, Die Briefe Friedrich Julius Stahls, Kiel 1975.

Lit.: Gunnar Rexius, Stahls lära om den konstitutionella staten, Uppsala 1911; - Bernhard Michniewicz, Stahl und Bismarck, Berlin 1913; - Herbert Schmidt, Friedrich Julius Stahl und die deutsche Nationalstaatsidee, Breslau 1913; - Oskar Voigt, Werdegang und Wirksamkeit Friedrich Julius Stahls in Bayern bis zu seiner Berufung nach Berlin 1840 (Diss. masch.), Marburg 1919; - Karl Eswein, Friedrich Julius Stahls Stellung zu Hegel (Diss. masch.), München 1920; - Oskar Stegmann, Das Königtum im Lichte von Stahls Staatslehre, Berlin 1921; - Karl Poppelbaum, Die Weltanschauung Friedrich Julius Stahls, Frankfurt 1922; - Johannes Thomas, Hegel und Stahl, Jena 1924; - Henning von Arnim, Studien zur Entwicklung des konservativen Staatsgedankens mit besonderer Berücksichtigung der Staatslehre Friedrich Julius Stahls, Greifswald 1925; - Werner Srocka, Der Kirchenbegriff Friedrich Julius Stahls, Erlangen 1927; - Reinhard Hübner, Friedrich Julius Stahl und der Protestantismus, Rostock 1928; Friedrich Klenk, Die Beurteilung der englischen Verfassung von Hegel bis Stahl (Vorläufer Stahls), Tübingen 1930; - Gerhard Masur, Friedrich Julius Stahl, Geschichte seines Lebens. Aufstieg und Entfaltung 1802-1840, Berlin 1930; - Peter Drucker, Friedrich Julius Stahl. Konservative Staatslehre und geschichtliche Entwicklung (Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart, Bd. 100), Tübingen 1933; - Albrecht Müller, Beiträge zur Geschichte der Entwicklung Friedrich Julius Stahls, Tübingen 1933; - Wilhelm Lang, Stahls »Christlicher Staat« und »Luthers Obrigkeit«. Ein Vergleich, Berlin 1936; - Johannes Heckel, Der Einbruch des jüdischen Geistes in das deutsche Staats- und Kirchenrecht durch Friedrich Julius Stahl, in: Historische Zeitschrift 155, 1936/37, 506-541; - Otto Volz, Christentum und Positivismus. Die Grundlagen der Rechts- und Staatsauffassung Friedrich Julius Stahls, Tübingen 1951; - Fritz Fahlbusch, Die Lehre von der Revolution bei Friedrich Julius Stahl (Diss. masch.), Göttingen 1954; - Karl Buchheim, Die Partei Gerlach-Stahl, in: Alfred Hermann (Hrsg.), Aus Geschichte und Politik (Festschrift für Ludwig Bergsträsser zum 70. Geburtstag), Düsseldorf 1954, 41-56; - Adelheid Roos, Konservatismus und Reaktion bei Fr. J. Stahl (Diss. masch.), Bonn 1957; - Erich Kaufmann, Friedrich Julius Stahl als Rechtsphilosoph des monarchischen Prinzips, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 3, Göttingen 1960, 1-45; - Dieter Grosser, Grundlagen und Struktur der Staatslehre Friedrich Julius Stahls (Staat und Politik, Bd. 3), Köln/Opladen 1963; - Robert A. Kann, Friedrich Julius Stahl. A Re-examination of his Conservatism, in: Year Book (Publications of the Leo Baeck Institute) 12, 1967, 53-74; - Helmut Heinrichs, Die Rechtslehre Friedrich Julius Stahls, Köln 1967; - ders., Menschenbild und Recht bei Friedrich Julius Stahl, Innsbruck 1969; - Baumotte, Manfred, Friedrich Julius Stahls und Richard Rothes Version des »christlichen Staates«. Neuzeitliches Christentum und Demokratie - ein historisches Modell, in: Wolf-Dieter Marsch (Hrsg.), Die Freiheit planen. Christlicher Glaube und demokratisches Bewußtsein, Göttingen 1971, 173-188; - Hans Peter Pyclik, Friedrich Julius Stahl. A Study of the Development of German Conservative Thought 1802-1861, Minnesota 1972; - Hans Boldt, Deutsche Staatsrechtslehre im Vormärz (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 56), Düsseldorf 1975; - Gerard Fafié, Friedrich Julius Stahl. Invloeden van zijn leven en werken in Nederland 1847-1880, Rotterdam 1975; - Gottfried Hütter, Die Beurteilung der Menschenrechte bei Richard Rothe und Friedrich Julius Stahl. Zur christlichen Sicht der Menschenrechte des 19. Jahrhunderts (Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII, Bd. 71), Frankfurt/Bern 1976; - Hanns-Jürgen Wiegand, Das Frühwerk Friedrich Julius Stahls und dessen Bedeutung für den Beginn seiner Wirksamkeit in Preußen. Studie zur religiös-»weltanschaulichen«, rechtlichen und politischen Desintegration des kirchlichen und staatlichen Lebens im Vormärz (Diss. masch.), Heidelberg 1976; - Jörn Garber, Drei Theoriemodelle frühkonservativer Revolutionsabwehr. Altständischer Funktionalismus, spätabsolutistisches Vernunftrecht, evolutionärer »Historismus«, in: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte 8, 1979, 65-101; - Hanns-Jürgen Wiegand, Das Vermächtnis Friedrich Julius Stahls. Ein Beitrag zur Geschichte konservativen Rechts- und Ordnungsdenkens, Königstein 1980; - Christian Wiegand, Über Friedrich Julius Stahl (1801-1862 sic!). Recht, Staat, Kirche (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, Neue Folge, Bd. 35), Paderborn 1981; - Arie Nabrings, Friedrich Julius Stahl - Rechtsphilosophie und Kirchenpolitik (Unio und Confessio, Bd. 9), Bielefeld 1983; - ders., Der Einfluß Hegels auf die Lehre vom Staat bei Stahl, in: Der Staat 22, 1983, 169-186; - Wilhelm Füßl: Professor in der Politik: Friedrich Julius Stahl. Das monarchische Prinzip und seine Umsetzung in die parlamentarische Praxis (Schriftenreihe der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 33), Göttingen 1988; - ders., Friedrich Julius Stahl (1802-1861). Vom bayerischen Juden zum preußischen Konservativen, in: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Lebensläufe. Hrsg. von Manfred Treml und Wolf Weigand unter Mitarbeit von Evamarie Brockhoff (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, Nr. 18/88), München 1988, 117-120; - ders., Art. »Stahl, Friedrich Julius«, in: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. von Walther Killy, Bd. 11, Gütersloh/München 1991, 134-135; - ADB 35, 392 ff.; - Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche 18 (3. Aufl. 1906) 745 ff.; - Jüdisches Lexikon 4/2, 623 ff.; - LThK 9 (2. Aufl. 1964), Sp. 1006 f.

Wilhelm Füßl

Letzte Änderung: 01.07.1999