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Band X (1995)Spalten 1265-1270 Autor: Dieter Skala

STEGERWALD, Adam, deutscher Gewerkschafter und Politiker, * 14.12. 1874 in Greußenheim bei Würzburg, verheiratet 1902 mit Crescentia, geb. Humpel (1879-1951), † 3.12. 1945 in Würzburg. - S. wuchs als Sohn eines Kleinbauern mit sieben Geschwistern auf. Er besuchte die dörfliche Volksschule und erlernte anschließend das Schreinerhandwerk. Während seiner Wander- und Gesellenjahre durch West- und Süddeutschland sowie die Schweiz trat er 1893 in Günzburg/Donau dem Kolpingverein bei, in dem er seine geistige Heimat fand. Neben seiner beruflichen Weiterbildung sorgte sich S. auch um die geistige; so besuchte er in München, wohin er 1896 übersiedelt war, Universitätsvorlesungen. Er trat hier auch dem Arbeiterwahlverein der Deutschen Zentrumspartei bei und engagierte sich im `Arbeiterschutz', einem Vorläufer der christlichen Gewerkschaften. Zentrum und interkonfessionelle christliche Gewerkschaftsbewegung wurden zwei Richtungsentscheidungen in S.s Leben. 1899 war S. an der Gründung des Gesamtverbandes christlicher Gewerkschaften als Delegierter beteiligt; im gleichen Jahr übernahm er den Vorsitz des `Zentralverbandes christlicher Holzarbeiter' in München. 1903 schließlich wurde er hauptamtlicher Generalsekretär der christlichen Gewerkschaften, zu deren raschem Anwachsen er entscheidend beitrug. Auch war er Mitinitiator und Geschäftsführer des `Deutschen Arbeiterkongresses', einem lockeren Zusammenschluß der christlich-nationalen Arbeiterbewegung. Dieser Kongreß, aus dem 1918/19 der interkonfessionelle christlich-nationale `Deutsche Gewerkschaftsbund' (DGB) erwuchs, kam zwischen 1903 und 1917 viermal zusammen. Zudem bereiste S. als Sekretär der Internationalen Konferenz der christlichen Gewerkschaften seit 1908 häufig das benachbarte europäische Ausland. Monarchisch gesinnt und der bestehenden Gesellschaftsordnung positiv gegenüberstehend, ging es S. um die Eingliederung der Arbeiterschaft in den Staat sowie um die Verbesserung ihrer Situation durch Gesetzgebung und Arbeitsverträge. Mit seinen Anliegen befand sich S. in einem doppelten Gegensatz, einerseits den marxistisch orientierten Gewerkschaften gegenüber, andererseits innerkirchlich. So fand sein interkonfessioneller Ansatz, der auf eine politische und gewerkschaftliche Öffnung hinzielte und vom Zentrum ebenso unterstützt wurde wie vom `Volksverein für das katholische Deutschland', lange Zeit nicht die Zustimmung einer Gruppe um die Bischöfe Kopp (Breslau) und Korum (Trier), die sich für eine Organisation der Arbeiter in den konfessionellen katholischen Verbänden starkmachten (integralistische Richtung). Erst die Enzyklika `Singulari quadam' Papst Pius X. von 1912 entschied den Streit, indem sie sich für eine Duldung von Beitritt und Mitarbeit katholischer Arbeiter in christlichen Gewerkschaften aussprach. Die Zeit des Ersten Weltkriegs brachte den politischen Aufstieg S.s. Zunächst als Finanzbeirat im Reichsschatzamt, kam er 1916 hauptamtlich als Vertreter der Arbeiterschaft zum Kriegsernährungsamt nach Berlin und wurde 1917 Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Nach Kriegsniederlage und Zusammenbruch fand sich S. schnell mit der neu geschaffenen Republik ab und übernahm leitende Funktionen. Als Mitbegründer der `Zentralarbeitsgemeinschaft der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände' kümmerte er sich seit November 1918 um die durch die Demobilisierung entstandenen Probleme. Gleichzeitig sorgte er für den Zusammenschluß der nichtsozialistischen Gewerkschaften zum `Deutsch-Demokratischen Gewerkschaftsbund', aus dem heraus 1919 der `Deutsche Gewerkschaftsbund' (DGB) entstand, dessen Vorsitz S. übernahm. Zugleich behielt er den Vorsitz des Gesamtverbandes christlicher Gewerkschaften. Als Zentrumsabgeordneter wurde S. 1919 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und der verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung; 1920-1933 war er Mitglied des Reichstags und im Fraktionsvorstand (1929 als Vorsitzender), seit 1920 zugleich stellvertretender Parteivorsitzender. Die Liste weiterer politischer Ämter S.s umfaßt außerdem: 1919/21 preußischer Wohlfahrtsminister, 1921 preußischer Ministerpräsident, 1929/30 Reichsverkehrsminister, 1930/32 Reichsarbeitsminister. Das ihm angebotene Reichskanzleramt lehnte er 1923 ab. Als Vorsitzender der christlichen Gewerkschaften forderte er 1920 auf dem Essener Gewerkschaftskongreß eine Neustrukturierung der Parteienlandschaft mit einer starken Volkspartei rechts von der SPD. Diese neue Partei sollte deutsch, christlich, demokratisch und sozial ausgerichtet sein. Da S. als Initiator jedoch nicht bereit war, seine eigene Partei- und Gewerkschaftskarriere der Idee unterzuordnen, verlief diese - trotz breiter Beachtung - im Sande. S.s Griff nach dem Zentrumsvorsitz scheiterte 1928, als er auf dem Kölner Parteitag dem Prälaten Kaas unterlag. Als Reichsarbeitsminister in den Krisenjahren der Weimarer Republik mußte S. zahlreiche Einschränkungen sozialer Leistungen mitvertreten. Mit der Abberufung Brünings als Reichskanzler 1932 endete auch S.s Ministertätigkeit. 1933 gehörte S. zur Verhandlungsdelegation des Zentrum über das Ermächtigungsgesetz, dem er schließlich mit seiner Fraktion zustimmte. Die Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 und die Auflösung des Zentrum im Juli 1933 beendeten dann für zwölf Jahre S.s Möglichkeiten, in angestammten Bereichen tätig zu sein. S.s Verhältnis zum nationalsozialistischen Staat war dennoch nicht nur von Ablehnung geprägt. In Denkschriften über das Verhältnis von Kirche und Staat sprach er sich u.a. für eine Revision des Reichskonkordats, für einen deutschen Primas als Gegengewicht zur römischen Kurie und 1940 für eine positive Stellung zum NS-Staat aus. S. gehörte nicht dem Widerstand an, wurde jedoch nach dem 20. Juli 1944 für zwei Monate inhaftiert. Das Kriegsende erlebte er in Würzburg. Am 11.5. 1945 ernannte die amerikanische Militärregierung in Bayern S. zum Regierungspräsidenten von Unterfranken, ein Amt, das er bis zu seinem Tod ausübte. Zugleich widmete er sich dem Aufbau und der programmatischen Ausgestaltung einer Volkspartei nach seinen Ideen auf dem Essener Gewerkschaftskongreß von 1920. Im Oktober 1945 verkündete er schließlich ein Programm der Christlich-Sozialen Union (CSU) für Würzburg. Die weitere Entwicklung der Partei erlebte er jedoch nicht mehr, da er am 3.12. 1945 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. - Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, arbeitete sich S. mit Zähigkeit und Energie bis in höchste Staats-, Partei- und Gewerkschaftsämter empor. Schon früh erkannte er die Notwendigkeit einer überkonfessionellen Volkspartei, deren Einrichtung 1945 sein Lebenswerk abschließt. Seine Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus verdunkeln sein Lebenswerk, überschatten jedoch nicht, daß S. zu den bedeutendsten Führern der christlichen Gewerkschaftsbewegung und zu den angesehensten Sozialpolitikern der Weimarer Republik gehört.

Werke: Ein Beitrag zu der Frage: Sind die Gewerkvereine notwendig und Warum sollen sich die christlichen Arbeiter den christlichen Gewerkschaften anschließen? hrsg. vom Vorstand des Christlichen Holzarbeiter-Verbandes Deutschlands, München 1900; Die Aufgaben der christlichen Gewerkschaften im öffentlichen und sozialen Leben, Köln 1908; Neue Aufgaben der katholischen Arbeiter- und Gesellenvereine, Sonderdruck aus: Soziale Revue, Essen 1911; Im Kampf um die Grundsätze der christlichen Gewerkschaften. Vortrag nebst Stellungnahme des christlichen Gewerkschafts-Kongresses in Dresden zum Gewerkschaftsstreit, Köln 1912; Die christlich-nationale Arbeiterschaft im Lichte der Kriegserfahrungen, Köln 1916; Die Gleichberechtigung der Arbeiterschaft im neuen Deutschland, Leipzig 1916; Arbeiter-Interesse und Friedensziele. Vortrag, gehalten auf der Konferenz der Vertrauensleute der christlich-nationalen Arbeiterbewegung am 6. Mai 1917 in Essen, Köln 1917; Arbeiterschaft und Kriegsentscheidung. Vortrag auf dem 4. Deutschen Arbeiter-Kongreß (28.-30.10.1917) in Berlin, Köln 1917; Zweck und Organisation des Kriegsernährungsamtes, Berlin 1917; Zur innerstaatlichen Neuordnung, in: Deutsche Arbeit 1917; Preußen und das Reich, ebda; Am Scheideweg, ebda; Der Berliner Arbeiterkongreß, ebda; Ernährungsrücksichten im vierten Kriegsjahr, Berlin 1917; Zum Verfassungskampf in Preußen, Köln 1918; Der soziale Wiederaufbau Deutschlands. Rede, gehalten in der 13. Sitzung der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung zu Weimar vom 21. Februar 1919, Berlin 1919; Sittliche Kraft oder rohe Gewalt, Berlin 1920; Vom Arbeitsgeist des Wohlfahrtsamtes, Stuttgart 1920; Deutsche Lebensfragen, Köln 1920/Berlin 1921; Zusammenbruch und Wiederaufbau, Berlin 1922; Aus meinem Leben, Berlin 1924; 25 Jahre christliche Gewerkschaftsbewegung, Berlin 1924; Christliche Gewerkschaften und Politik, Berlin 1924; Nicht Klassen, sondern Stände, Stuttgart 1925; Arbeiterschaft, Volk und Staat, Berlin 1926; Zur Reform der Beamtenbesoldung, Berlin 1928; Zentrumspartei, Arbeiterschaft, Volk und Staat, Berlin 1928; Der Weg des modernen Arbeiters, Mönchen-Gladbach 1928; Preis und Lohn, in: Külz. Deutschland-Jahrbuch für das deutsche Volk 1931; Der deutsche Baukapitalbedarf und seine Deckung, Berlin 1931; Das Kabinett Brüning und die Arbeiterschaft, Berlin/Essen 1932; Wo stehen wir?, Würzburg 1946; Wohin gehen wir?, Würzburg 1946; Wo stehen wir in der Gewerkschaftsbewegung, Köln o. J.; Die christliche Arbeiterbewegung, Köln o. J.; Gewerkschaftliche Arbeit, Köln o. J.; Sicherung der Sozialpolitik. Zum Kampf um die Behauptung ihrer Grundlagen und ihre Ausgestaltung, o.O., o.J..

Bibliographie: weitere Titel, Reden und Aufsätze: vgl. Stegerwald-Archiv. Nachlaß des ehem. preußischen Ministerpräsidenten und Reichsministers, des Vorsitzenden des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften und des Deutschen Gewerkschaftsbundes Dr. h. c. Adam Stegerwald, 31 Bde. Nr. 1-1277. Zusammenstellung und Bearbeitung: Helmut J. Schorr, Sozialwerk Adam Stegerwald, Köln.

Lit.: Peter Weber, A. S.. Der Arbeitsminister, Berlin 1932; - Hermann Ullmann, In der großen Kurve. Führer und Geführte, Berlin 1933, 33ff.; - Josef Deutz, A. S.. Gewerkschaftler - Politiker - Minister 1874-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der christlichen Gewerkschaften in Deutschland, Köln 1952; - Rudolf Morsey, Die Deutsche Zentrumspartei, in: Das Ende der Parteien 1933, hrsg. von Erich Matthias und Rudolf Morsey, Düsseldorf 1960, 281-453; - ders., Die Deutsche Zentrumspartei 1917-1923, Düsseldorf 1966; - ders., A. S., in: Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem deutschen Katholizismus des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Rudolf Morsey, Mainz 1973, 206-219; - ders., A. S. - Größe und Grenze des christlichen Arbeiterführers und Sozialpolitikers, in: Vierteljahresschrift für Sozialrecht 3 (1975), 155-170; - ders., Der Untergang des politischen Katholizismus. Die Zentrumspartei zwischen christlichem Selbstverständnis und `Nationaler Erhebung' 1932/33, Stuttgart-Zürich 1977; - ders., A. S., in: Fränkische Lebensbilder VIII, Neustadt/Aisch 1978, 284-301; - Klaus Besser, A. S. 1874-1945, in: Deutsche Demokratie von Bebel bis Heuss. Geschichte in Lebensbildern, hrsg. von Friedrich Andrae und Sybil Gräfin Schönfeldt, Hamburg 1964, 133-150; - Ludwig Altenhöfer, S.. Ein Leben für den kleinen Mann. Die A.-S.-Story, Bad Kissingen 1965; - Julius Seiters, A. S. - Gewerkschaftsführer und Politiker, in: Porträts christlich-sozialer Persönlichkeiten. Teil I. Die Katholiken und die deutsche Sozialgesetzgebung, zusammengestellt von Julius Seiters, Osnabrück 1965, 100-129; - Emil Ritter, Radowitz, Windthorst, Stegerwald, Frankfurt a. M. 1966, 224ff.; - Helmut J. Schorr, A. S.. Gewerkschaftler und Politiker der ersten deutschen Republik. Ein Beitrag zur Geschichte der christlich-sozialen Bewegung in Deutschland, Recklinghausen 1966; - ders., A. S.. Skizze eines mutigen Lebens, in: Christliche Demokraten der ersten Stunde, hrsg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung für politische Bildung und Studienförderung e.V., Bonn 1966, 363-382; - Leo Schwering, S.s und Brünings Vorstellungen über Parteireform und Parteiensystem, in: Staat, Wirtschaft und Politik in der Weimarer Republik. Festschrift für Heinrich Brüning, hrsg. von Ferdinand A. Hermens und Theodor Schieder, Berlin 1967, 23-40; - Ellen L. Evans, A. S. and the Role of the Christian Trade Unions in the Weimar Republic, in: The Catholic Historical Review 59 (1973/74), 602-624; - Oswald Wachtling, Joseph Joos. Journalist - Arbeiterführer - Parlamentarier. Politische Biographie 1878-1933, Mainz 1974; - Larry Eugene Jones, A. S. und die Krise des deutschen Parteiensystems. Ein Beitrag zur Deutung des `Essener Programms' vom November 1920, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 27 (1979), 1-29; - Michael Schneider, Die christlichen Gewerkschaften 1894-1933, Bonn 1982; - William L. Patch jr., Christian Trade Unions in the Weimar Republic, 1918-1933. The failure of `corporate pluralism', New Haven 1985; - Peter Herde, Die Unionsparteien zwischen Tradition und Neubeginn: A. S., in: Die Kapitulation von 1945 und der Neubeginn in Deutschland, hrsg. von Winfried Becker, Köln 1987, 245-295; - Deutscher Wirtschaftsführer, bearbeitet von Georg Wenzel, 1929, 363; - Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild. Bd. II, Berlin 1931, 1831; - Robert Steimel, Kölner Köpfe, 1958, 430; - Wilhelm Kosch, Biographisches Staatshandbuch. Lexikon der Politik, Presse und Publizistik. Bd. II, Bern-München 1963, 1123; - dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20 . Jahrhundert. Bd. III, München 1974, 768; - Biographisches Wörterbuch zur Deutschen Geschichte. Bd. III, München 1975, 2751f.; - Geschichte in Gestalten. Bd. IV, hrsg. von Hans Herzfeld, Frankfurt a.M. 1981, 145; - Bosl's bayerische Biographie. 8000 Persönlichkeiten aus 15 Jahrhunderten, hrsg. von Karl Bosl, Regensburg 1983, 748f.; - Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, hrsg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, München 1988, 328f.; - Staatslexikon. Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, hrsg. von der Görres-Gesellschaft Bd. V, Freiburg - Basel - Wien 71989, 275-277.

Dieter Skala

Werkeergänzung:

1918

Das Alte stürzt. In: Deutsche Arbeit. Jg. 1918, S. 491 ff.

Literaturergänzung:

1983

Hanke, Michael (Red.): Adam Stegerwald. In: Deutsche Kolpingsfamilie (Hrsg.), Persönlichkeiten des Kolpingwerkes. Bd. 7. Köln 1983. S. 29-49; -

1985

Hanke, Michael (Red.): Adam Stegerwald. In: Deutsche Kolpingsfamilie (Hrsg.) dazu Manfred Hermanns Rez., in: Die Heimstatt. Werkheft für Jugendsozialarbeit und Jugendberufshilfe. 33. Jg. (1985). S. 383-384; -

2003

Bernhard Forster, A.S. 1874-1945. Christl.-nationaler Gewerkschafter - Zentrumspolitiker - Mitbegründer d. Unionsparteien. Düsseldorf 2003.

Letzte Änderung: 19.07.2009