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Band X (1995)Spalten 1371-1374 Autor: Karl-Heinz Uthemann

STEPHAN GOBAR, Monophysit und Anhänger des Tritheismus, 6. Jh., wahrscheinlich aus Syrien, von dem einzig eine Sammlung von ca. 52 dogmatischen und exegetischen »Quaestiones disputatae« bekannt ist, an die sich ein Appendix von 18 Capita anschließt. Zumeist formuliert St. für die ca. 52 strittigen Fragen eine These und eine Antithese, doch gibt selbst nie eine Antwort, sondern bringt einzig die gegensätzlichen Standpunkte zur Geltung, indem er im Prinzip für jeden ein Väterargument, also ein Florileg, anführt. Er zitiert dabei, sieht man von einer Stelle ab (290 b 4-5) einzig Patres, die zu seiner Zeit allgemein, d.h. nicht nur bei den Monophysiten und den Tritheiten, sondern auch bei den reichskirchlichen Chalkedonikern anerkannt waren. Die genannte Ausnahme dürfte Texte des Severus von Antiochien zitiert haben, die mit dem vorausgehenden Florileg nicht im Widerspruch standen und darum keinen Protest der chalkedonischen Partei provozieren konnten, es sei denn, es handelte sich um jene Texte, die Themistios von Alexandrien seit ca. 540 aufgegriffen hatte, um seine Exegese von Matth. 24, 36 und Mk. 13, 32 zu rechtfertigen. Anders steht es mit dem genannten Appendix, in dem eindeutig vorausgesetzt wird, daß dem Severus eine den anderen Vätern gleichwertige Autorität zukommt. In diesem Appendix geht es, sieht man vom 11., 12. und letzten Kapitel ab, darum, daß als Glaubenszeugen akzeptierte Väter andere Patres, die im gleichen Sinn allgemein als Bürgen der wahren Lehre zitiert werden, bestreiten, ja sogar verurteilen bzw. wie im 17. Kapitel, selbst Auffassungen vertreten, die zu ihrer Zeit als heterodox verworfen waren. Unsere Kenntnis dieses für die Patristik einmaligen Dokumentes, das wahrscheinlich niemals durch eine Edition einem breiteren Publikum zugänglich war, verdanken wir der sog. Bibliothek des Patriarchen Photios (um 820 - nach 886), der dort in cod. 232 eine ausführliche Inhaltsangabe mit einigen Zitaten aus den Florilegien bietet. Sein Kodex zählte 52 Kephalaia; trotz gewisser Unklarheiten wird man zu ihrer Unterscheidung weiterhin A. v. Harnack und nicht G. Bardy folgen. Diese Sammlung »patristischer Antithesen« paßt historisch in die Zeit, als der Tritheismus in Johannes Philoponos (um 490 - um 570) einen an Aristoteles orientierten Verteidiger gefunden hatte (um 566), genauer, als Philoponos mit der Frage nach der Auferstehung des Fleisches und der Verneinung eines Zwischenzustandes der Seele zwischen Tod und allgemeiner Auferstehung kurz vor 570 ein Schisma unter den Anhängern des Tritheismus verursachte. Die monophysitische Grundthese, die Terminologie von »Natur« und »Hypostase« sei in der Trinitätslehre und in der Christologie jeweils eine andere, in ersterer nämlich seien beide Begriffe von unterschiedlicher Bedeutung, in letzterer aber Synonyme, drängte in der Auseinandersetzung mit dem sog. Neuchalkedonismus der Reichskirche, für den die Unterscheidung beider Begriffe in Trinitätslehre und Christologie entscheidend war, zu einer Vereinfachung. So trat um 557 Johannes Askunages (bzw. Asqunaçges bzw. Askotzanges [H. Martin 19]; + 564/565) mit einem patristischen Florileg auf, um zu zeigen, daß die Väter in der Trinität auch von »Naturen« im Plural sprachen, nannten sie doch Vater, Sohn (und Geist) auch »Usie« und »Natur« und interpretierten »Hypostase« als die dem Vater, Sohn (und Geist) »je eigene Natur« oder wie Johannes Chrysostomos als »individuelle Usie« (Homilia 4 in Joh. [CPG 4425]: PG 59, 47, Z. 31-32). Hier schließt St. mit seiner ersten »Antithese« an, die zeigt, daß die Väter sich bei der Definition von »Hypostase« im Ausgang von »Idioma« (Eigentümlichkeit) und damit zusammenhängenden Begriffen widersprachen. Wie bei allen Problemen zieht St. keine Konsequenzen. Vorrangig ist das Interesse St.s auf Fragen der Eschatologie und der Auferstehung des Fleisches, insbes. der Beschaffenheit des Auferstehungsleibes gerichtet. Im Hintergrund spielen unübersehbar origenistische und aphthartodoketische Anschauungen. Trotz A. v. Harnack wird jedoch eine bestimmte Position in diesen Fragen nicht deutlich. Einzig das St. mit Johannes Philoponos verbindende Interesse läßt sich beweisen. Zu diesem Kontext gehört vielleicht auch die Tatsache, daß die Chronologie der Passion Jesu und die Frage, ob Jesus beim letzten Abendmahl das jüdische Passah feierte, somit der Gegensatz zwischen Synoptikern und Johannesevangelium, wie in der dem Philoponos zugeschriebenen »Disputatio de Paschate« (CPG 7267) als Probleme angesprochen werden. Trotz einiger kritischer Zwischenbemerkungen des Photios wird man zugeben müssen, daß St. eine umfassende Kenntnis der patristischen Literatur besaß. Was er z.B. im Appendix zum Gründer der Sekte der Nikolaiten ausführt, setzt eine fast vollständige Kenntnis der uns bekannten Quellen voraus. Eine genaue Datierung des Werkes ist schwierig. Terminus post scheint das oben genannte Schisma (kurz vor 570) zu sein, das mit dem Tod des Philoponos schnell seine Aktualität verlor. Der Text paßt mit seinem Appendix gut in die Situation des Religionsgesprächs zwischen Monophysiten und Tritheiten, das unter der Leitung des reichskirchlichen Patriarchen von Konstantinopel 570 ebendort stattfand (Photios, Bibl., cod. 24; H. Martin 77-80); doch kann der dort genannte St. nicht mit St. Gobar identisch sein.

Werke: Photios, Bibliotheke, cod. 232: 287 b 9 - 291 b 39, hrsg. v. R. Henry, Photius, Bibliothèque, V, Paris 1967, 67-79.

Quellen: Genannte QQ: Johannes Philoponos, Disputatio de Paschate (CPG 7267; außerdem: C. Walter, in: Comm. Philol. Jenens. VI [1889] 197-222; zur Echtheit: RE IX, 1790-1791); ders., De resurrectione (Fragmente: CPG 7272); Photios, Bibliotheke, cod. 24: 5 b 6-20, hrsg. v. R. Henry, a.a.O., I, Paris 1959, 14-15.

Lit.: A. v. Harnack, The »Sic et Non« of Stephanus Gobarus, in: Harvard Theological Review 16 (1923) 205-234; - G. Bardy, Le florilège d'Étienne Gobar, in: Revue des Études Byzantines 5 (1946) 5-30; - ders., Sur Étienne Gobar: compléments et corrections, in: ebd. 7 (1949) 51-52; - J. Darrouzès, Étienne Gobar, in: DHGE 15 (1963) 1226. - Als Basis für die Geschichte des Tritheismus: H. Martin, La controverse trithéite dans l'empire byzantin au VIe siècle, theol. Diss. Université Catholique de Louvain, o.J.; - ferner: R. Y. Ebied - A. van Roey - L. R. Wickham, Peter of Callinicum. Anti-Tritheist Dossier (Orientalia Lovaniensia Analecta 10), Leuven 1981; - A. van Roey, La controverse trithéite jusqu'à l'excommunication de Conon et d'Eugène, in: Orientalia Lovaniensia Periodica 16 (1985) 141-165.

Karl-Heinz Uthemann

Letzte Änderung: 07.07.1999