STEPHANOS von Alexandria (Stephanus Philosophus), griechischer christlicher Philosoph und Gelehrter, 6./7. Jh. - S. ist der letzte uns bekannte Vertreter der alexandrinischen Schule des Neuplatonismus. Er studierte vielleicht bei Elias dem Neuplatoniker, einem Schüler von Olympiodoros dem Jüngeren, und lehrte zunächst in seiner Heimatstadt Alexandria, wo ihn um 610 Johannes Moschos und Sophronios von Jerusalem hören wollten, aber nur beim Mittagsschlaf antrafen; ob sie seine Vorlesung hernach doch besuchten, berichtet Moschos nicht, doch ist es anzunehmen. Er wurde, wie zwar nicht direkt bezeugt ist, aber von Usener aus einer Äußerung des byzantinischen Historikers Theophylaktos Simokattes erschlossen wurde, um 612 von Kaiser Herakleios nach Konstantinopel berufen und bildet so ein wichtiges Bindeglied zwischen der antik-alexandrinischen und der mittelalterlich-byzantinischen Gelehrsamkeit. Das hohe Ansehen, das er genoß, ist auch daran zu erkennen, daß er den ehrenvollen Titel eines oIkoumenikCV didaskaloV führte. - Es wird berichtet, daß er Platon und Aristoteles erklärt und über alle Fächer des Quadriviums gelesen habe. Von seiner Platonexegese ist nichts auf uns gekommen. Erhalten ist ein Kommentar zu der dem Aristoteles zugeschriebenen Schrift De interpretatione und wahrscheinlich von seinem Kommentar zu Aristoteles de anima die Erklärung des 3. Buches, die irrtümlich in den Kommentar des Johannes Philoponos hineingeraten ist, sich aber deutlich durch ihre sachliche Kürze von der wortreichen Weitschweifigkeit des Philoponos unterscheidet und auch in zwei Codices als Nachschrift einer Vorlesung des S. bezeichnet wird. Nach diesem ist der aktive Intellekt vom potentiellen nicht dem Wesen, sondern nur der Funktion nach verschieden, indem der potentielle Intellekt zum aktiven wird, wenn er sich betätigt; dieser im Einzelmenschen existierende Intellekt ist unvergänglich. Vom potentiellen Intellekt unterscheidet er im Gegensatz zu Simplicius (s.d.) den passiven, den er mit der Phantasie gleichsetzt und als vergänglich ansieht; die individuelle Unsterblichkeit bleibt also gewahrt. Bemerkenswert ist auch, daß S. die bei den alexandrinischen Neuplatonikern beliebte Harmonisierung von Platon und Aristoteles nicht übernimmt, sondern zwischen beiden unterscheidet und dabei dem Aristoteles den Vorzug gibt. - Von einem Kommentar zur Eisagogé des Porphyrios sind Fragmente in dem »Buch der Dialoge« des Syrers Severus bar Schakkù (+ 1241) erhalten. Hier ist zu bemerken, daß sich in syrischen Handschriften die Nachricht findet, daß der ursprüngliche Jakobit und spätere orthodoxe Metropolit von Chalcedon Probus i.J. 582 in Alexandria mit S. disputiert habe und dabei von diesem zu der Überzeugung gebracht worden sei, daß die Beibehaltung der wesenhaften Qualitäten göttlichen und menschlichen Seins im inkarnierten Logos nur bei Annahme der chalcedonensischen Zweinaturenlehre möglich sei. Daß S. theologische Streitgespräche geführt habe, ist höchst unwahrscheinlich; wohl aber könnte Probus eine Vorlesung des damals noch recht jungen, aber doch schon berühmten S. über die Eisagogé gehört haben, in der dieser ohne jede kirchliche Absicht gelehrt hätte, daß die differentia specifica eine essentielle Qualität darstelle, woraus dann Probus theologische Konsequenzen gezogen haben mag. - Von seiner Lehrtätigkeit auf dem Gebiet des Quadriviums hat sich eine astronomisch-chronologische Schrift mit dem Titel»Erklärung des Kommentars des Theon (von Alexandria) zu den Handtafeln (des Klaudios Ptolemaios) mit eigenen Beispielen« erhalten. - Unsicher ist die Echtheit einer unter dem Namen des S. überlieferten alchemistischen Schrift »De magna et sacra arte«, die sich als Folge von 9 Vorlesungen gibt, die dieser vor Kaiser Herakleios gehalten haben soll. Tatsächlich erfreute sich die Alchemie der Gunst dieses Herrschers; aber auch wenn diese Schrift nicht von S. herrühren sollte, ist sie doch ein Zeugnis dafür, daß dieser zur Zeit des Herakleios in Konstantinopel gewirkt hat. - Unecht ist eine dem S. zugeschriebene astrologische Prophezeiung über die Zukunft der Araber, die nach dem Prinzip der vaticinatio ex post aufgebaut ist, wodurch sich genau bestimmen läßt, daß sie zu Beginn der Regierung des Kalifen Al-Mahdæ i.J. 775 verfaßt ist und somit nicht von S. stammen kann. - Verfehlt ist die bisweilen vertretene Gleichsetzung des Stephanos v. Alexandria (Stephanus Philosophus) mit dem Arzt Stephanos v. Athen (Stephanus Medicus); es kann als ausgeschlossen betrachtet werden, daß der angesehene und sicherlich auch finanziell wohldotierte Gelehrte Stephanos v. Alexandria sich nebenbei als Arzt betätigt hätte; auch ist nicht einzusehen, warum der Philosoph den Namen Stephanos v. Alexandria und der Arzt den Namen Stephanos v. Athen geführt hat, wenn beide ein und dieselbe Person gewesen wären. Die in den Schriften des Arztes Stephanos hervortretende Neigung zur aristotelischen Logik beruht auf der galenischen Tradition der griechischen Ärzte und kann daher nicht als Argument für eine Gleichsetzung mit dem Philosophen Stephanos verwendet werden.
Quellen: Johannes Moschos, Prat. spir. 77, MPG 87/3, 2929 D; Theophylaktos Simokattes, Hist. ed. Imm. Bekker, CSHB 1834 p. 24.
Werke: 1. Kommentare z. Aristot., veröff. in den Commentaria in Aristotelem Graeca ed. consilio et auctoritate Academiae litt. reg. Boruss., Berlin, Bd. XV: Ioannes Philoponus de anima, hrsg. v. Michael Hayduck, 1897 p. 446-607 (z. Verf. s. ebd. praef. p. V); Bd. XVIII/3: Stephanus de interpretatione, hrsg. v. dems., 1885 (Bd. XXI/2: Stephanus in artem rhetoricam stammt von einem byz. Rhetor Stephanos aus dem 12. Jh.). - 2. Komm. z. Eisagogé des Porph.: Anton Baumstark, Aristot. b. den Syrern v. 5.-8. Jh., Bd. 1: Syr.-arab. Biographien des Aristot., syr. Kommentare z. Eisag.des Porph., Leipzig 1900, 181-210 (m. dt. Übers. der Frgm. des Komm. des S.). - 3. Astronomisch-chronologische Schr.: Explanatio per propria exempla commentarii Theonis in tabulas manuales, Auszüge hrsg. b. Usener, De Stephano Al. p. 38-54 (= Kl. Schrr. III, 295-319, s. unter Lit. b. Usener). - 4. Die unsichere alchem. Schr.: De magna et sacra arte, hrsg. b. Julius Ludwig Ideler, Physici et medici Graeci minores II, Berlin 1842 (Neudr. b. Hakkert, Amsterdam 1963) p. 199-253, u. von F. Sherwood Taylor, The alchemical works of S. of Al., in: Ambix, the Journal of the Society for the study of alchemy and early chemistry 1, London 1937, 116-139; 2, 1938, 38-49 (m. engl. Übers. u. Komm.). - 5. Die unechte astrol. Schr.: Opusculum apotelesmaticum, hrsg. b. Usener, De Stephano Al. p. 17-32 (= Kl. Schrr. III, 266-289, s. unter Lit. b. Usener).
Lit.: Hermann Usener, De Stephano Alexandrino commentatio, Bonn 1880 (= ders., Kl. Schrr. III, Leipzig-Berlin 1914, 247-322); - Hans Kurfeß, Zur Gesch. der Erkl. der aristot. Lehre v. sog. no*V poihtikoV u. paJhtikoV, Diss. Tübingen 1911, 27-32 (hier dem Philop. zugeschr., s.o. Werke 1); - Wilhelm Ganzenmüller, Die Alchemie im MA, Paderborn 1938 (Nachdr. b. Olms, Hildesheim 1967), 29. 161; - R. Vancourt, Les derniers commentateurs alexandrins d'Aristote: l'école d'Olimpiodore, Etienne d'Alex. (Mém. et travaux des facultés cath. de Lille 52), Lille 1941; - Adolf Lumpe, S. v. Al. u. Kaiser Herakleios, in: Classica et Mediaevalia, Diss. 9, Festschr. f. Franz Blatt z. 70. Geb.tag, Kopenhagen 1973, 150-159; - Herbert Hunger, Die hochsprachl. profane Lit. der Byzantiner, München 1978, Bd. I (HAW 12/5/1), 17. 26 f. 30. 48; II (HAW 12/5/2), 63. 231 f. 280; - Hans Blumenthal, John Philoponus and S. of Al.: two neoplatonic Christian commentators of Aristotle?, in: Neoplatonism and Christian thought, ed. by D. J. O'Meara (Stud. in Neoplatonism 3), Albany State Univ. of New York Press 1981, 54-63; - R. Romano, Contributo al testo del De magna et sacra arte di S. Al., in: Studi bizantini e neogreci, Atti del IV Congresso nazionale di studi bizantini, hrsg. v. P. L. Leone (Istituto di storia medievale e moderna dell'Univ. degli studi di Lecce 7), Galatina 1983, 87-95; - Martin Krause - Karl Hoheisel, Art. Ägypten II (lit.gesch.), in: RAC Suppl. Lfg. 1-2, Stuttgart 1985, 14-88, hier 79; - Karl-Heinz Uthemann, S. v. Al. u. die Konversion des Jakobiten Probos: ein Btr. z. Rolle der Philos. in der Kontroverstheol. des 6. Jh., in: After Chalcedon, Studies in theol. and church hist., Festschr. f. Albert van Roey z. 70. Geb.tag (Orientalia Lovaniensia Analecta 18), Löwen 1985, 381-399; - Wanda Wolska-Conus, Stephanos d'Athènes et Stephanos d'Alexandrie: essai d'identification et de biographie, in: REByz 47, 1989, 5-89; - Mossman Roueché, The definition of philos. and a new frgm. of S. the Philosopher, in: Jb. der östr. Byzantinistik 40, Wien 1990, 107-128 (über ein mögliches S.-Frgm. in einer byz. Einl. in die Philos.); - Maria Papathanassiou, S. of Al.: pharmaceutical notions and cosmology in his alchemical works, in: Ambix (s.o. Werke 4) 37, 1990, 121-133; - Ueberweg I, 355. 374. 636. 638. 640. 643 f. 197* f.; - EncF VI, 154 f.