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Band XI (1996)Spalten 114-118 Autor: Vera Losse

STUCK, Franz von, deutscher Maler der Jahrhundertwende, * 23.2. 1863 in Tettenweis (Niederbayern) als Sohn eines Bauern, + 30.8. 1928 in München. - S. begann seine künstlerische Ausbildung in den Jahren 1875 bis 1877 an der königlichen Kreisgewerbeschule in Passau. Er setzte seine Studien zwischen 1878 und 1881 an der Münchner Kunstgewerbeschule, danach bis 1885 an der dortigen Akademie als Schüler von Wilhelm Lindenschmit und Ludwig Löfftz fort. Schon in diesen Jahren begann sich S.s Ruf als Zeichner durch die Mitarbeit an verschiedenen Vorlagenwerken sowie an den populären »Fliegenden Blättern« zu festigen. Seinen ersten großen Erfolg als Maler konnte S. 1889 mit dem Bild »Der Wächter des Paradieses« verbuchen, für das er auf der Jahresausstellung im Münchner Glaspalast die II. Goldmedaille erhielt. Die pleinairistische Malweise bei gleichzeitiger Wiedergabe eines symbolistisch überhöhten Themas schuf eine Spannung, die S. in den folgenden Jahren durch die formale Weiterentwicklung seiner Kunst zu lösen suchte. 1892 gründete S. zusammen mit Hugo von Habermann, Bruno Piglheim, Fritz von Uhde und anderen die Ausstellungsgruppe »Münchner Secession«. 1895 wurde er Nachfolger seines Lehrers Wilhelm Lindenschmit an der Münchner Akademie. S. war während seiner langen Unterrichtstätigkeit an der Münchner Akademie ein gesuchter und geschätzter Lehrer. Er begründete keine Schule mehr, wie dies noch im 19. Jahrhundert an den Akademien üblich gewesen war. Stattdessen bot er in seiner Klasse so unterschiedlichen Talenten wie Wassily Kandinsky, Hans Purrmann oder Paul Klee die Möglichkeit, ihr individuelles Talent zu entfalten. Äußeres Zeichen der gesellschaftlichen Anerkennung, deren sich S. erfreute, war die 1906 erfolgte Erhebung in den Adelsstand. Weitere Ehrungen kamen hinzu, so wurde er 1924 zum Geheimen Rat ernannt und 1928 Ehrendoktor der Technischen Universität München. S. starb im August 1928 in München. »Der Mensch als sinnliches und triebhaftes Wesen« (Heinrich Voss), mit diesen Worten kann der inhaltliche Schwerpunkt der Arbeiten S.s umrissen werden. Als Wurzeln der Kunst S.s werden in der Regel Böcklin, die Praeraffaeliten und die Symbolisten genannt. Nicht übersehen werden darf aber, daß schon die frühen Arbeiten, wie diejenigen, die er als Sechsundzwanzigjähriger 1889 im Münchner Glaspalast zeigte, ganz eigenständig formulierte Inhalte wiedergeben, mit denen sich der Künstler auch weiterhin beschäftigen sollte. Dabei traf S. durch die Einkleidung zumeist erotischer Themen in der antiken Mythologie oder seltener der christlichen Ikonographie entlehnte Formulierungen den Geschmack des Münchner Publikums im ausgehenden 19. Jahrhundert. In der inhaltlichen Durchgestaltung ließ er die tradierten Bedeutungszusammenhänge mitschwingen, um zu einer Steigerung der Aussage zu gelangen. So weckt die Kindfraufigur der »Innocentia«, 1889 im Glaspalast erstmals gezeigt, durch das Jungfräulichkeitsattribut der Lilie Assoziationen an die Marienikonographie. Andererseits kreist die Figur der »Innocentia«, wie die meisten der Frauengestalten S.s, so z.B. die mehrfach variierte »Sünde« (1893), Salome oder die Sphinx, um das Thema der Frau als manchmal auch grausamer Verführerin. Das Bild »Kämpfende Faune«, ebenfalls 1889 im Glaspalast ausgestellt, zeigt zwei kämpfende Faunsfiguren, die von einer großen Menge ebenfalls bocksbeiniger Zuschauer umgeben sind. Ihre zeitgenössischen Physiognomien und Gesichter schaffen die Verbindung zwischen dem arkadischen Idyll, in welchem der »Kampf um das Weib« stattfindet und der Gegenwart des Betrachters. Auch dieses Thema variierte S. vielfach. Während der Maler schon früh zu den sein Werk bestimmenden Inhalten fand, bildete er seine formalen Mittel erst allmählich aus. Zeigen die frühen Arbeiten wie der »Wächter des Paradieses« (1889) noch Spuren der Auseinandersetzung mit dem Pleinairismus, so ist seit Beginn der 1890er Jahre eine Reduzierung der Palette hin zu dunklen Tönen zu beobachten. Gleichzeitig wurden die Figuren durch präzise Umrißlinien konturiert. Hier können die Kreuzigung von 1892 oder »Der Kuß der Sphinx« (1895) angeführt werden. Zahlreiche Arbeiten jener Jahre vermitteln nicht nur durch Bildaufbau und Farbgebung, sondern auch durch ihr Format einen monumentalen Charakter. In den Jahren um die Jahrhundertwende kann wiederum eine Aufhellung der Palette beobachtet werden. Durch die Reduzierung des Hintergrundes zur Folie für die dargestellten Figuren verstärkte S. seit 1905 die flächige Wirkung seiner Bilder. Sie waren jetzt, sowohl was die Verteilung der Helligkeitswerte als auch was die Figurenanordnung betraf, meist symmetrisch aufgebaut, wodurch die Einzelformen sich jeweils zu einer geschlossenen Gesamtkomposition vereinigten. Dies macht sie mit Arbeiten des Jugendstils vergleichbar und verleiht ihnen einen stark dekorativen Charakter. Als Beispiele seien hier »Die Versuchung des Hl. Antonius« (um 1920), »Der Reigen« (1925) sowie »Judith und Holofernes« (1926) genannt. S.s eigentliches Ziel, auch das verband ihn mit den Künstlern des Jugendstils, war jedoch die Aufhebung der künstlerischen Gattungsgrenzen. Sichtbarer Ausdruck hierfür waren der vom Künstler in den Jahren 1897/98 selbst vorgenommene Entwurf und die Ausgestaltung seines Wohnhauses, der »Villa S.«, in der Münchner Prinzregentenstraße. In diesem Zusammenhang entstanden auch viele der Plastiken S.s. - Bis heute wird die Bedeutung des Universalkünstlers S. für die Entwicklung der modernen Kunst kontrovers diskutiert. Nicht übersehen werden darf, daß, zumindestens außerhalb der bayerischen Metropole, seit 1905 das Interesse an seinen Arbeiten stetig zurückging und seine Kunst von einflußreichen Kritikern wie Meier-Graefe als nicht mehr zeitgemäß abgelehnt wurde. Dieser Popularitätsverlust hing eng mit den geschilderten dekorativen Zügen seiner noch stark im 19. Jahrhundert verwurzelten Kunst zusammen. Die weitere Entwicklung der Moderne, z.B. den Expressionismus, trug er selbst nicht mehr mit. Seitdem die Kunst um 1900 neu beurteilt wird, hat auch S.s Position als Bindeglied zwischen dem 19. Jahrhundert und der Moderne eine gerechte Neubewertung erfahren.

Werke: Heinrich Voss, F.v.S., 1863-1928, Werkkat. der Gemälde mit einer Einführung in seinen Symbolismus, 1973.

Lit.: Otto Julius Bierbaum, F.S., Bielefeld und Leipzig 1899, (19012); - F.H. Meißner, F.S., 1899; - Georg Habich, »Villa S.«, in: Kunst und Handwerk, Bd. 49, 1898/99, 185-207; - Hans Vollmer, F.S., Bedeutende Männer aus Vergangenheit und Gegenwart, XI, o.J. (1902); - André Germain, F.v.S. et Leo Samberger. Les Idées dans la Peinture allemande contemporaine, 1903; - Fritz von Ostini, F.v.S., Das Gesamtwerk, 1909; - Ders., »Villa S.« in: Innen-Dekoration, Bd. 20, 1909, 397-428; - Ders., F.v.S. Acht farbige Wiedergaben seiner Werke, o.J. (1920); - Eugen Diem, F.v.S., Drei Eulen-Kunstbücher, Bd. III, o.J. (1927); - Ausst.kat. Ehrenausst. F.v.S., in: Münchner Kunstausstellung im Glaspalast 1929; - Ausst.kat. Die Münchner Secession. Retrospektivausst. 1892-1952, Städtische Galerie München 1951; - Hans H. Hofstätter, Malerei, in: Helmut Seling (Hrsg.), Jugendstil. Der Weg ins 20. Jahrhundert, München 1959, 97-167, bes. 139-141; - Ausst.kat. Secession. Europäische Kunst um die Jahrhundertwende, Haus der Kunst München, 1964; - Herbert Schindler, F.v.S., in: Epoca, Nr. 6, Juni 1967, 41-49; - Ausst.kat. F.v.S., Museum Villa S. München, 1968; - Ausst.kat. Fotografische Bildnisstudien zu Gemälden von Lenbach und S., Museum Folkwang Essen 1969; - Werner Hager, Zur Villa S., in: Renate Heydebrand/Klaus Günther Just (Hrsg.), Wissenschaft als Dialog: Studien zur Literatur und Kunst seit der Jahrhundertwende, 1969, 1-8; - Anton Sailer, F.v.S. Ein Lebensmärchen, München 1969; - Ders., F.v.S. - Münchens Sphinx und Malerfürst, in: Westermanns Monatshefte, H. 9, 1970, 34-41; - Josef Adolf Schmoll gen. Eisenwerth, F.v.S. im Spiegel der zeitgenössischen Literatur, in: Gestaltungsgeschichte und Gesellschaftsgeschichte, Literatur-, kunst- und musikwissenschaftliche Studien in Zusammenarbeit mit Käte Hamburger, hrsg. von Helmut Kreuzer, 1969, 427-449; - Ders., Josef Albers über F.v.S. Ein Interview, in: Giessener Beiträge zur Kunstgeschichte 1, 1970, Festschr. für G. Fiensch, 183-188; - Ders. (Hrsg.), Das Phänomen F.v.S., Kritiken, Essays, Interviews 1968-1972, München 1972; - Heinrich Voss, F.v.S. as a painter, in: Apollo, Bd. 94, 1971, 378-383; - Helga D. Hoffmann, The Villa S. (München), a masterpiece of the Bavarian-Attic style, in: Apollo, Bd. 94, 1971, 384-395; - Christoph Schwingenstein, Eine Athenastatue in der Münchner Glyptothek, in: Münchner Jb. für bildende Kunst, Bd. 27, 1976, 47-58; - Ausst.kat. Neue Pinakothek München, Die Münchner Schule 1850-1914, 1979, 399-403; - Hubertus Günther, »Nautilus«. Ein unbekanntes Frühwerk von F.v.S., in: Weltkunst, Bd. 49, 1979, 943-945; - Klaus Popitz u.a. (Hrsg.), Das frühe Plakat in Europa und den USA, Bd. 3, Deutschland, Tl. 1: Text, Tl. 2: Tafeln, 1980, 281-283 und Nr. 3211-3222; - Ausst.kat. Galerie Gunzenhauser (München), F.v.S., Ölbilder, Zeichnungen, Skulpturen, 1981; - Ausst.kat. Museum Villa Stuck München, F.v.S., 1982; - Friedbert Ficker, Die Scheinwelt des »Malerfürsten« F.v.S. und seine Zeit, in: Bildende Kunst, 31. Jg., 1983, 598-601; - Horst Ludwig, Die Münchner Secession und ihre Maler, in: Weltkunst, 53. Jg. 1983, 24-26; - Ders., Die Münchner Secession und ihre Maler: Der frühe S. und die gründerzeitlichen Symbolisten, in: Weltkunst, 54. Jg., 1984, 205-208; - Ders., Die Münchner Secession und ihre Maler: Der frühe S. und die Freilichtmalerei, in: Weltkunst, 54. Jg., 1984, 999-1002; - Ausst.kat. Museum Villa Stuck München, F.v.S. 1863-1928, Hrsg. Jochen Poetter, 1984; - G.v. Rezzori, A temple to his Art,in: House and Garden, Bd. 158, 1986, 84-94, 97; - Beate Dry von Zezschwitz, Der Faun und die Schöne, in: Weltkunst, 58 Jg., 1988, 3059-3064; - Ausst.kat. Museum Villa Stuck München, F.v.S. und seine Münchner Schüler, 1989; - Ausst.kat. Die Meister des Münchner Jugendstils, Stadtmuseum München 1989, 160 f.; - Ausst.kat. F.v.S. und die Münchner Akademie von Kandinsky bis Albers = F.v.S. e l'Accademia di Monaco da Kandinsky ad Albers, Gabriele Fahr-Becker, Thomas Zacharias, Horst Ludwig (Hrsg.), Bolzano 1990; - Maria Makela, The Munich Secession. Art and artists in Turn-of-the-century Munich, 1990, bes. 10-113; - Thieme-Becker, XXXII, 232 f.; - Vollmer, VI, 437 f.; - Kindlers Malerei-Lexikon, V, 449-452; - Bruckmanns Lexikon der Münchner Kunst: Münchner Maler im 19. Jahrhundert in 4 Bänden, IV, 231-235; - Kindlers Malerei Lexikon, V, 449-452; - Deutscher Biographischer Index, IV, 2004.

Vera Losse

Literaturnachtrag:

2008

Simone Gundermann, F.v.S.s Alma-Julia-Zeichnungen. Das erste Auftragswerk S.s f.d. Festschrift zum 300jähr. Jubiläum d. Univ. Würzburg. Saarbrücken 2008; - F.v.S. Meisterwerke d. Malerei. Hrsg. von Margot Th. Brandlhuber und Michael Buhrs. München 2008; -

2009

Künstlerfürsten: Liebermann, Lenbach, S. Hrsg. von der Stiftung Brandenburger Tor. Red.: Anke Daemgen ; Janet Alvarado. Berlin 2009.

Letzte Änderung: 22.12.2009