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Band XXIII (2004) Spalten 1449-1460 Autor: Joachim Conrad

STUMM-HALBERG, Carl Ferdinand Freiherr von, Großindustrieller, Politiker und Förderer der evangelischen Kirche an der Saar, geboren am 30. März 1836 in Saarbrücken; V.: Carl Friedrich Stumm (1798-1848); M: Marie Luise Böcking (1813-1864); verh. mit Ida Charlotte Böcking (1839-1918), gestorben am 8. März 1901 auf Schloß Halberg bei Saarbrücken. - Unter den Großindustriellen und namhaften Unternehmerfamilien an der Saar, die vor dem Ersten Weltkrieg einen maßgeblichen Einfluß auf die deutsche Wirtschaft und die deutsche Politik hatten, nahm Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg eine besondere Stellung ein: Aufgrund seiner vierunddreißigjährigen parlamentarischen Tätigkeit und seiner Leistungen als Unternehmer, bezeichnete der Historiker des deutschen Eisenhüttenwesens, Otto Johannsen, den Freiherrn von Stumm als einen der "beiden größten deutschen Eisenindustriellen" gemeinsam mit August Thysen. Es war die Rede vom "System Stumm", in Berlin sprach man von der "Ära Stumm", und Friedrich Naumann nannte ihn "den Scheich von Saarabien". An Saar und Blies nahm Freiherr von Stumm jedoch noch eine ganz besondere Rolle ein: Er war der Mäzen der evangelischen Kirche an der Saar und - durch den Streit in der Sozialen Frage - ihr mächtigster Feind. - Als 1848 Carl Friedrich Stumm, der verzweifelt um die Existenz seines Neunkircher Hüttenwerkes gekämpft hatte, mit fünfzig Jahren seinem Leben ein Ende setzte, wurde sein zwölfjähriger Sohn Carl Ferdinand sein Erbe als Ältestes von acht Geschwistern. Die Leitung des Werkes übernahm für ihn vorerst der Onkel Carl August Bernhard Böcking; von seiner Mutter entfremdete sich der Junge zunehmend. Nach einigen Jahren Privatunterricht kam der junge Carl Ferdinand nach Mainz, wechselte dann nach Siegen, wo er an der für technische Lehrfächer renommierten Realschule seinen Abschluß machte. Damals wohnte er im Hause des späteren Handelsministers Heinrich von Achenbach, dessen gleichnamiger Sohn ein treuer Freund Stumms werden sollte. 1852 legte Stumm sechzehnjährig die Reifeprüfung mit dem Prädikat "vorzüglich" ab; dann arbeitete er zwei Jahre als Lehrling im Neunkirchener Eisenwerk, bevor er von 1854 bis 1858 in Bonn und Berlin Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft und Eisenhüttenkunde studierte. Stolz war er auf die Familiengeschichte, die mit der Einrichtung eines ersten Stahlhammers durch den Schmied Johann Nikolaus Stumm 1715 in Rhaunen begonnen hatte. Die Familie Stumm teilte sich hernach in zwei Linien: die Rhaunener Linie gründete die berühmte Orgelbaufirma Stumm; die seit Friedrich Philipp Stumm (1751-1835), Carl Ferdinands Großvater, im Saarraum siedelnde Linie Stumm baute Eisenhütten. - Am 1. April 1858 trat der junge Mann Carl Ferdinand Stumm selbst in die Werksleitung ein. Die Berliner Tageszeitung "Die Post" sollte zum Tode Stumms 1901 im Nachruf schreiben: "Freiherr von Stumm-Halberg war eine von denjenigen Persönlichkeiten, die eigentlich nie jung gewesen sind". Die Verantwortung hatte ihn vor der Zeit reifen lassen, - und zugleich einen strengen Menschen aus ihm gemacht. Seine Weitsicht hinsichtlich des Ausbaus der weiterverarbeitenden Zweige, um den notwendigen Zukauf von Rohstoffen wirtschaftlich auszugleichen, machten ihn rasch zum unbestrittenen Leiter des Werkes. - Deutschnational und konservativ eingestellt, veranlaßte Stumm 1862 eine Zustimmungsadresse an den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, der eben in den Kampf mit den Volksvertretungen eingetreten war. Damit brüskierte Stumm die Städte Saarbrücken und St. Johann, die zwei Gegner Bismarcks, Rudolf Virchow und Franz Duncker, ins Abgeordnetenhaus gewählt hatten. 1866 begegneten sich Bismarck und Stumm erstmals. Hatte noch Stumms Vater im Interesse seines Eisenhüttenwerkes den Erwerb zweier Kohlengruben in der Nähe von Neunkirchen betrieben und war letztlich am Staatsmonopol gescheitert, so befürwortete der Sohn den Verbleib dieser Rechte beim Staat, als der den Verkauf der Gruben in Erwägung gezogen hatte, um den deutschen Krieg zu finanzieren. Nach dem deutschen Krieg 1866 war Otto von Bismarck auf der Höhe seiner Popularität, von der auch Stumm profitierte und als Vertreter des heimischen Kreises in den Norddeutschen Reichstag und das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Er schloß sich den Freikonservativen an. Schon bei seinem ersten Auftritt im Parlament 1867 beschäftigte sich Stumm mit der "Sozialen Frage" und der Abwehr der Sozialdemokratie; er bemühte sich bereits früh um die Einführung von Sozialversicherungen. Nach der Reichsgründung war Stumm Mitglied des Reichstages und verzichtete auf sein Mandat im Abgeordnetenhaus. Bismarck erkannte rasch die großen Begabungen Stumms und berief ihn in schwieriger Lage in verschiedene Enquête-Kommissionen, so etwa bei den Beratungen für ein gemäßigtes Schutzzollsystem. Von 1881 bis 1889 blieb Stumm aus freiem Entschluß dem Reichstag fern: Er hatte sich mit Reichskanzler Otto von Bismarck und dem Minister für öffentliche Arbeit, Albert von Maybach, überworfen in der Frage, wie an der Saar gegen die sozialdemokratische Agitation in den Staatsbetrieben vorzugehen war. Bismarck linderte den Bruch, in dem er 1882 die Berufung Stumms ins Herrenhaus ermöglichte, nachdem dieser auf sein Reichstagsmandat verzichtet hatte. - Die Schlachtfelder des Deutsch-französischen Krieges 1870/71 verließ Stumm im Range eines Rittmeisters, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Seine drei Brüder überließen ihm nunmehr die Leitung der Firma ganz; sein Management war vorbildlich: Die hauseigene Kokerei deckte den Koksbedarf der Hochöfen in der Eisenhütte. Die von der Hochofenanlage getrennt agierende Gießerei konnte außer Gußeisen auch Gußstahl und Buntmetalle produzieren. Durch die Wiedergewinnung des lothringischen Departements Moselle im sog. Reichsland Elsaß-Lothringen hatte Stumm Zugriff auf die wertvollen lothringischen Minetteerze, die er seit 1874 in hauseigenen Gruben abbauen ließ. Der Bau des ersten Thomas-Stahlwerkes 1880 ging auf die Initiative und Einsicht Stumms zurück. Der Stumm'sche Besitz umfaßte inzwischen die Neunkirchener und die Halberger Hütte. In Dillingen war Stumm Vorsitzender des Aufsichtsrates der dortigen Hütte; durch verschiedene Verflechtungen hatte er zudem Zugriff auf die Werke in Burbach und St. Ingbert. Auch führte Stumm nun eine umfangreiche Qualitätskontrolle ein und verhinderte damit langwierige Reklamationen bei ausgelieferten Waren. Seit 1873 gab Stumm die Anweisungen an seine Beamtenschaft in Form von "Circularen"; er führte auch regelmäßige Dienstbesprechungen und Sprechzeiten ein. Jeder Arbeiter hatte die Möglichkeit, das direkte Gespräch mit Stumm zu suchen, was ihm auch Beamte und Meister in der Firma nicht nehmen durften. Stumm schaffte so ein gewisses Vertrauensverhältnis und gab ein Beispiel für moderne Personalführung. Eher aristokratisch und der Vergangenheit verhaftet war der Bau einer Schloßanlage in historistischem Stil auf dem Saarbrücker Halberg, auf dem zuvor ein barockes Lustschloß der Fürsten von Nassau-Saarbrücken gestanden hatte. 1888 durch den todkranken Kaiser Friedrich III. in den Adelstand erhoben - eine Berufung bereits 1868 hatte Stumm abgelehnt -, wurde dem Freiherrn 1891 erlaubt, den Doppelnamen eines Freiherrn von Stumm-Halberg zu tragen. Seit März 1889 wieder Mitglied des Reichstages, wirkte er mit am Bismarckschen Alters- und Invalidenversicherungsgesetz. Freiherr von Stumm erwarb sich in der Auseinandersetzung zwischen Bismarck und Wilhelm II. die Achtung des Kaisers, der ihn 1892 auf Schloß Halberg besuchte und die Wohlfahrtseinrichtungen in Neunkirchen besichtigte. - In seinem Hüttenstandort Neunkirchen an der Blies bemühte sich Stumm um die Entfaltung eines reichen evangelischen Kirchenlebens. Als die mittelalterliche Pfarrkirche den Bedürfnissen der rasch gewachsenen Gemeinde nicht mehr genügte und der Bau einer neugotischen Kirche in der Oberstadt begann, initiierte Stumm den Bau einer weit größeren neugotischen Kirche nach Plänen des Architekten Heinrich Johann Wiethase in der Unterstadt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 10. Mai 1867, die Einweihung wurde am 14. September 1869 gefeiert. Familienmitglieder aus dem Hause Stumm schenkten eine Orgel der Fa. Stumm/ Rhaunen mit 24 Registern, drei Glocken und die Vasa sacra. Für den Ort zu Füßen seiner Residenz am Halberg stiftete Stumm ebenfalls eine Kirche in neoromanischem Stil. Den Entwurf lieferte der Architekt Ferdinand Schorbach aus Hannover; die Einweihung fand am 18. Juni 1882 statt. An dieser Stelle behielt sich Stumm das Patronat über die Pfarrstelle vor. - Die Sorge Stumms um die Arbeiterschaft erwuchs einer strengen protestantischen Ethik. Unerträglich war ihm der wachsende Einfluß der Sozialdemokratie. In der Auseinandersetzung mit ihr formulierte Stumm seine Verantwortung: "Ich für meine Person würde keinen Augenblick länger an Eurer Spitze aushalten, wenn ich an die Stelle meines persönlichen Verhältnisses zu jedem von Euch das Paktieren mit einer Arbeiterorganisation unter fremder Führung setzen müßte. [...] Ein solches Verhältnis wie zu einer fremden Macht würden mir schon mein sittliches Pflichtgefühl und meine christliche Überzeugung verbieten. [...] Sollte dies jemals anders und ich in der Tat verhindert werden, den Arbeiter auch in seinem Verhalten außer dem Betriebe zu überwachen und zu rektifizieren, so würde ich keinen Tag länger mehr an der Spitze der Geschäfte bleiben, weil ich dann nicht mehr imstande sein [...] werde, die sittlichen Pflichten zu erfüllen, welche mir mein Gewissen vor Gott und meinen Mitmenschen vorschreibt. Ein Arbeitgeber, dem es gleichgültig ist, wie seine Arbeiter sich außerhalb des Betriebes aufführen, verletzt meines Erachtens seine wichtigsten Pflichten." Freiherr von Stumm legte höchsten Wert darauf zu betonen, daß die Sorge um seine Arbeiter Frucht seines christlichen Gewissens sei. Deshalb förderte er auch unablässig den Wohnungsbau für die Hüttenarbeiter, sorgte für die Einrichtung von Spitälern und unterhielt die "Herberge zur Heimat" in Neunkirchen aus seinem Vermögen. Dafür verlangte er im Gegenzug Gehorsam, Sitte und Anstand; Stumm fühlte sich als Patriarch einer großen Familie: "Ich könnte [...] eine ganze Reihe von [...] Handlungen von Arbeitern außerhalb des Betriebes nennen, gegen die ich es für die absolute Pflicht eines von seiner sittlichen Aufgabe durchdrungenen Arbeitgebers halte, einzuschreiten und sich nicht auf den bequemen Standpunkt zurückzuziehen und zu sagen: das, was der Arbeiter außerhalb des Betriebes macht, ist mir gleichgültig, ich interessiere mich lediglich für die Leistungen des Arbeiters, die er im Betriebe hervorbringt. [...] Ich führe das alles nicht an, um mir ein Verdienst daraus zurechtzumachen, denn ich tue damit einfach meine Pflicht als Mensch, als Christ und als Haupt der großen Neunkircher Arbeiterfamilie. [...] Ich glaube mit gutem Gewissen sagen zu dürfen, daß ich keinen meiner Berufsgenossen in den Wohlfahrtseinrichtungen nachstehe, jedenfalls nicht in dem Bestreben, nach bestem Wissen und Gewissen für Euer materielles und geistiges Wohl zu sorgen und das praktische Christentum zu betätigen, wofür ich mich vor Gott verantwortlich fühle. Auf diese Weise hoffe ich, weit über meine eigenen Lebenstage dafür zu sorgen, daß Ihr für die Lockungen der Sozialdemokraten und anderen falschen Propheten unempfänglich bleibt, das ist die beste Wohlfahrtseinrichtung, welche ich Euch gewähren und hinterlassen kann. Bleibt fest für alle Zeit in der alten, unerschütterlichen Treue zu unserem erhabenen Monarchen, bleibt fest in der christlichen Nächstenliebe und der echten Gottesfurcht, welcher Konfession Ihr auch angehört, dann wird es Euch nach menschlichem Ermessen auch fernerhin wohlergehen." - Seit 5. Juli 1874 erschien, von Pfarrer Peter Hermann in Friedrichsthal redigiert, das "Evangelische Wochenblatt"; der Druck erfolgte bei C. A. Ohle in Neunkirchen. Erklärtes Ziel des Wochenblattes war die Förderung und Verbreitung evangelischer Interessen - und der sprunghafte Anstieg der Auflagenhöhe von 2.200 im Erscheinungsjahr 1874 auf 7.500 im Jahre 1896 bestätigte dem Blatt, richtig zu liegen. Inzwischen hatte der Herausgeber gewechselt: Pfarrer Otto von Scheven leitete das Blatt zwei Jahrzehnte, nachdem Pfarrer Hermann als Divisionspfarrer im März 1876 nach Osnabrück gegangen war. Seit 1880 gehörte Pfarrer Max Lentze zum Mitarbeiterkreis, er sollte ab 1898 - später gemeinsam mit den Pfarrern Adolf Fauth aus Gersweiler und August Hermann Trommershausen aus Dudweiler - die Geschicke des Blattes lenken. Anfangs zeigte sich Freiherr von Stumm wohlwollend gegenüber dem "Evangelischen Wochenblatt". Aber seit der Niederwerfung des Rechtsschutzvereins 1893 und mit dem steigenden Einfluß Stumms bei Hofe drängte der Industrielle darauf, die Sozialistengesetze in ganzer Härte zur Anwendung zu bringen, was zu einer unerwartet scharfen Konfrontation führte. Die Synode Saarbrücken konstatierte 1896 daher etwas kopflos: "Fast scheint es, als ob die alten Gegner der Mittelparteien (Ultramontane, Freisinnige, Sozialdemokraten) ausgestorben seien, so ausschließlich werden wir angegriffen und bekämpft". Als dann Friedrich Naumann im Oktober 1895 vor dem Saarbrücker Handwerkertag einen Vortrag hielt, brach Stumm den "Patriotenkrieg" vom Zaun. Gustav Adolf Zillessen, der betagte Superintendent der Saarbrücker Synode, sah sich sogar genötigt zu erklären, daß er "kein persönlicher Feind des Freiherrn von Stumm" sei, "aber allerdings ein Feind seines Systems, das sich mir je länger je mehr als ein System der brutalen Gewalt unter völliger Nichtbeachtung des unveräußerlichen Rechts jeder anderen Persönlichkeit enthüllt hat". Kaiser Wilhelm II. hielt es in dieser Auseinandersetzung für angemessen, die Position Stumms zu stärken: Im Februar 1896 ließ er ein Telegramm an den Freiherrn veröffentlichen: "Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie das gar nichts angeht". - Es ist bezeichnend - und wohl das Ergebnis einer Initiative des Freiherrn von Stumm -, daß der 1887 verfaßte Artikel "Notschrei aus der Tiefe", worin der Gersweiler Pfarrer Adolf Fauth Mißstände im Untertagebau anprangerte, kurz vor der Drucklegung der Zensur zum Opfer fiel. Pfarrer Max Lentze erwähnte diesen unerhörten Vorgang auf der Saarbrücker Pfarrkonferenz am 12. März 1896: "Selbst als die Ueberzeugung eine ziemlich allgemeine geworden war, daß große Mißstände in den Verhältnissen der Grubenarbeiter eingerissen seien, wurde ein vom Herrn Kollegen Fauth verfaßter Artikel aus dem Jahre 1887 [...] noch einmal im letzten Augenblick zurückgehalten". Als dann in der Ausgabe vom 22. Dezember 1889 Pfarrer Lentze in einem unliebsamen Artikel über den Rechtsschutzverein den entscheidenden Satz schrieb, "Wir stehen in einer großen Krisis; wie der sog. dritte Stand sich vor 100 Jahren die Gleichberechtigung erwarb und errang, so ringt gegenwärtig der vierte Stand nach demselben Ziele", drohte Freiherr von Stumm der Druckerei C. A. Ohle in Neunkirchen mit einer Klage wegen "Staatsgefährlichkeit" und verbot die Verteilung des "Evangelischen Wochenblattes" in seinen Einrichtungen. Das alles fand erst ein Ende, als sich die Redaktion 1895 entschloß, die Drucklegung des Wochenblattes durch die Fa. Gebr. Hofer in Saarbrücken erledigen zu lassen. Freiherr v. Stumm erklärte sich: "Daß es unter den Arbeitern vielfach Not und Elend gibt, wird niemand weniger bestreiten als ich, der täglich bemüht ist, dasselbe zu mildern, wo es in Eurer Mitte auftritt. Dies ist aber kein Merkmal des sogenannten vierten Standes; denn vielen Bauern und Handwerkern, ja selbst manchen Angehörigen der sogenannten gebildeten Stände geht es weit schlechter als den meisten Fabrikarbeitern, gerade weil das Kapital durch seine Zunahme in Deutschland seit den letzten Jahrzehnten in der Lage ist, für den Fabrikarbeiter besser, als dies in früheren Jahren geschehen ist, zu sorgen. [...] Ganz unerfindlich ist es mir, wie sich die gelehrten Herren den vierten Stand eigentlich konstruieren. Zwischen mir und dem geringsten Tagelöhner liegen eine Menge Zwischenstufen: der Direktor, der Betriebschef, der Betriebsingenieur, der Meister, der Vorarbeiter - und möchte ich wohl wissen, wo da der dritte Stand aufhört und der vierte Stand beginnt! Nein, meine Freunde, wir alle gehören einem Stand an, das ist der alte ehrenhafte Stand der Hammerschmiede, und ich habe mich stets und allerorten mit Stolz zu diesem Stand bekannt." - Das "Evangelische Wochenblatt" - anfangs seinen Gründungszielen treu verpflichtet und zunächst gemäßigt konservativ und deutschnational - wurde mit Gründung der Evangelischen Arbeitervereine zunehmend Forum der Arbeiterinteressen, was sich nicht zuletzt dadurch erklärt, daß die im Wochenblatt schreibenden Pfarrer zumeist Vorsitzende ihrer örtlichen Vereine waren. Der Dudweiler Pfarrer August Hermann Trommershausen, Mitherausgeber des "Evangelischen Wochenblattes", war seit 1898 sogar erster Vorsitzender des Verbandes evangelischer Arbeitervereine an der Saar. Gerade Adolf Fauths "Beiträge zur sozialen Frage" fanden nicht die Zustimmung des Freiherrn von Stumm. So schrieb Fauth, Gründer des ersten evangelischen Arbeitervereins und gleichsam Vater der Arbeitervereine an der Saar, unter der Überschrift "Der Achtstundentag": "Was die Accordarbeit in Arbeiterkreisen vielfach verhaßt macht, ist nicht diese Lohnform selbst, sondern die Handhabung durch die Arbeitgeber. Vor allen Dingen die willkürlichen Herabsetzungen, sobald der Arbeiter nach Ansicht des Arbeitgebers zu viel verdiente. Dieses Verfahren ist nicht nur ungerecht, sondern meist auch sehr unklug. Der Arbeiter wird dadurch geradezu gezwungen, seine Leistungen niedriger zu halten, um nicht Lohnkürzungen ausgesetzt zu sein. Ein Unternehmen kann nur dann gedeihen, wenn der Arbeiter seine volle Kraft einsetzt." - Als das "Evangelische Wochenblatt" im Zusammenhang mit den Arbeiterstreiks des Jahres 1889 durch den Rechtsschutzverein angegriffen wurde, verwahrte sich Fauth dagegen: "Wir nehmen keinen Anstand zu erklären, daß in den letzten Jahren die Lage der Arbeiter eine gedrückte war, daß die Schichtdauer eine zu lange, die Gesundheit gefährdende gewesen, daß der Lohn nicht immer der schweren und gefährlichen Arbeit entsprach, daß die Behandlung vonseiten der Beamten oft viel zu wünschen ließ, daß die Strafen über das Maß der Billigkeit hinausgingen u.a. Wer nun bei der gegenwärtigen Lage der Dinge, nachdem den berechtigten Wünschen der Arbeiter Rechnung getragen, durch Hetzen und Schüren die Unzufriedenheit nährt, und die Rückkehr des Vertrauens in die erregten Gemüter hindert, der ist unseres Erachtens der größte Feind der Arbeiter, ja ein Feind des Vaterlandes". - Die Erfolge Stumms in der Politik nahmen in den letzten Lebensjahren merklich ab, und das verbitterte ihn. Auch mit technischen Neuerungen wurde er vorsichtiger, bestimmte Entwicklungen sah er sogar mit großem Mißtrauen. So ging in den Stumm'schen Werken die Elektrifizierung nur sehr schleppend voran und auch die von seinen Ingenieuren betriebene Einführung der Gasmaschinen wurde von ihm gebremst. Sein letztes Lebensjahr wurde von einem schweren Krebsleiden überschattet, dem er am 8. März 1901 erlag. Beigesetzt wurde er nach seiner letztwilligen Verfügung am Fuße des Saarbrücker Halbergs; sein Grab sollte nur mit einem einfachen Gußkreuz geschmückt sein.

Werke: Alexander Tille/ Armin Tille: Die Reden des Freiherrn C. F. von Stumm-Halberg, 12 Bde, Berlin 1906-1915 (vier weitere Bände sind nicht mehr gedruckt worden; sie befinden sich im Grünhaus bei Trier, Weingut v. Schubert).

Archivalien: abgedruckt in: Fritz Hellwig, Carl Ferdinand von Stumm-Halberg 1836-1901, Heidelberg/ Saarbrücken 1936 (Von den damals zur Verfügung stehenden ungedruckten Quellen sind große Teile im Krieg zerstört worden, darunter das Saarwirtschaftsarchiv, die Akten der Saarbrücker Handelskammer und die Akten der Wirtschaftsverbände. Verschollen sind die Briefe, die ehemals im Besitz der Gräfin Sierstorpff auf der Eltviller Aue waren; das Gut wurde 1945 geräumt). Zum Verhältnis ev. Kirche an der Saar und Frh. v. Stumm: J. Conrad, Die Protokolle der alten Kreissynode Saarbrücken 1835-1897 (= Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Bd. 160,1-2), Bonn 2002.

Lit.: Freiherr von Stumm-Halberg und die evangelischen Geistlichen im Saargebiet. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte, hrsg. im Auftrag der Saarbrücker evangelischen Pfarrkonferenz, Göttingen 1896; - R. Noack, Die Revolutionsbewegung von 1848/49 in der Saargegend (= Mitteilungen des Historischen Vereines für die Saargegend Bd. 18), Saarbrücken 1929; - F. Hellwig, Carl Ferdinand von Stumm-Halberg 1836-1901, Heidelberg/Saarbrücken 1936; - Th. Heuß, Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, Stuttgart/Berlin 1937; - F. Hellwig, Die Saarwirtschaft und ihre Organisationen seit der Errichtung der Industrie- und Handelskammer zu Saarbrücken 1863/64, Saarbrücken 1939; - ders., Unternehmer und Unternehmensform im saarländischen Industriegebiet, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 158 (1943), 402-430; - W. Vogel, Bismarcks Arbeiterversicherung. Ihre Entstehung im Kräftespiel der Zeit, Braunschweig 1951; - N. P. Rauguth, Das Eisenwerk, in: Neunkirchen (Saar). Stadt des Eisens und der Kohle, hrsg. von der Stadtverwaltung, Neunkirchen 1955, 267-304; - A. Keller, Geschichte der Eisenindustrie (Hüttenwerk Stumm und Böcking, Asbacher Hütte), in: Zwischen den Wäldern. Geschichte des Amtes Kempfeld und seiner Gemeinden, Trier 1958, 101-133; - P. Rarsow/ K.E. Born (Hrsg.); Akten zur staatlichen Sozialpolitik in Deutschland 1890-1914, Wiesbaden 1959; - Zum 250-jährigen Jubiläum, der Dillinger Hütte, hrsg. von den Dillinger Hüttenwerken, Saarbrücken 1960; - P. Keuth, Wirtschaft zwischen den Grenzen. 100 Jahre Industrie- und Handelskammer des Saarlandes, Saarbrücken 1963; - H. Jaeger, Unternehmer in der deutschen Politik (1890-1918), Bonn 1967; - A. Lehnen, Geschichte der Stadt Dillingen-Saar, Dillingen 1969; - H.W. Herrmann, Die wirtschaftlichen Führungsschichten im Saarland 1790-1850, in: Führungskräfte der Wirtschaft in Mittelalter und Neuzeit, Bd. 1, Limburg/ Lahn 1973, 283-309; - A. Keller, Brebach, Geschichte eines Industrieortes an der Saar, in: Brebach-Fechingen einst und jetzt, hrsg. von W. Lithardt, Saarbrücken 1973, 56-92; - R. Saam, Die evangelische Kirche an der Saar in den Jahrzehnten sozialer Veränderungen, in: Die evangelische Kirche an der Saar gestern und heute, hrsg. von den Kirchenkreisen Ottweiler, Saarbrücken und Völklingen, Saarbrücken 1975, 229-246; - U. Geis/H.J. Enzweiler/P. Bierbrauer: Die Sozialpolitik an der Saar im 19. Jahrhundert, in: ZGSaarg 26 (1978), 79-117; - H. Klein, Die Saarlande im Zeitalter der Industrialisierung, in: ZGSaarg 26 (1978), 93-121; - K. M. Mallmann, Die Anfänge der Sozialdemokratie im Saarrevier, in: ZGSaarg 28 (1980), 128-148; - S. Umlauf, Die deutsche Arbeiterschutzgesetzgebung 1880-1890, Berlin 1980; - K.M. Mallmann, Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848-1904), Saarbrücken 1981; - M. Berger, Die Haltung der Unternehmer zur staatlichen Sozialpolitik in den Jahren 1878-1891, Frankfurt/ Main 1982; - Soziale Frage und Kirche im Saarrevier. Beiträge zur Sozialpolitik und Katholizismus im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert, Saarbrücken 1984; - K. E. Born, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Deutschen kaiserreichs (1867/71-1914), Wiesbaden 1985; - H. Horch, Der Wandel der Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen in der Saarregion während der Industrialisierung (1740-1914), St. Ingbert 1985; - R. E. Latz, Die saarländische Schwerindustrie und ihre Nachbarreviere 1878/ 1938, Saarbrücken 1985; - F. Hellwig, Carl Ferdinand von Stumm-Halberg, in: Saarländische Lebensbilder, Bd. 3, hrsg. von Peter Neumann, Saarbrücken 1986, 153-198; - G. Brakelmann, Carl-Ferdinand Stumm (1836-1901). Christlicher Unternehmer, Sozialpolitiker, Antisozialist (= Studien des sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland), Bd. 13, Bochum 1993; - J. Conrad, Adolf Ludwig Fauth (1836-1912). Pfarrer - Homöopath - Volksschriftsteller, in: ZGSaarg 44 (1996), 174-206.

Joachim Conrad

Letzte Änderung: 12.05.2004