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Band XVI (1999) Spalten 1480-1482 Autor: Carl-Friedrich Geyer

STUMPF, Carl, * 21.4. 1848 in Wiesentheid/Bayern, † 25.12. 1936 in München; Philosoph, Psychologe und Sprachwissenschaftler. - Nach Gymnasialstudien in Bamberg und Aschaffenburg studierte St. in Würzburg Jura, Philosophie und Naturwissenschaften und promovierte 1868 in Göttingen bei Lotze mit einer Arbeit über das »Verhältnis des Platonischen Gottes zur Idee des Guten«. Vor allem von F. Brentano zeigte St. sich in seinen Anfängen beeinflußt. Nach der Promotion trat er in das Priesterseminar in Würzburg ein, das er 1870 verließ, weil er die Grundanschauungen der christlichen Religion nicht mehr zu teilen vermochte. Nach seiner Habilitation in Göttingen über die Axiomatik in der Mathematik wurde St. 1873 Prof. in Würzburg und 1879 in Prag, wo er unter anderem mit Mach, Hering und W. James bekannt wurde. 1884 wurde St. Prof. in Halle, wo Husserl unter seinen Schülern war, 1889 Prof. in München und 1894 in Berlin. In Berlin gründete St. das Psychologische Institut und das Phonogramm-Archiv und war zeitweise Leiter der Kant- und Leibnizkommission der Akademie der Wissenschaften. St. zog sich nach seiner Emeritierung nach München zurück. - Neben Methodenproblemen galt das philosophische Hauptinteresse St.s vor allem Fragen der Ethik und der Rekonstruktion der Geisteswissenschaften in der Ära des Posthegelianismus. Gegen den an Kant orientierten ethischen Formalisums (vgl. Kants »kategorischen Imperativ«) vertritt St. eine inhaltlich bestimmte Wertethik, die u.a. auf seine Wurzeln im Katholizismus und eine bestimmte scholastische Tradition zurückverweist. Allerdings sollen ethischen Wertungen sich wissenschaftsanalog vollziehen: dem sachlichen Urteil in der wissenschaftlichen Erkenntnis korrespondiert das sachliche Handeln in der Ethik, so daß sich theoretische und praktische Philosophie - dies der Beitrag St.s zur Methodendiskussion - zwar hinsichtlich des Material-, nicht aber hinsichtlich des Formalobjekts unterscheiden, auch dies eine Differenzierung, die gewisse Vorbilder in der Scholastik findet. In der Konsequenz der Forderung nach Wissenschaftsanalogie hält St. zwar sogenannte philosophische, nicht jedoch `metaphysische' Probleme (etwa die Theodizeefrage) für wissenschaftlich entscheidbar, ein Umstand, der manche veranlaßte, ihn in die Nähe des Neukantianismus zu rücken, obwohl seine historischen Arbeiten vor allem Spinoza, Leibniz und Berkeley gelten. Methodisch orientierte er sich vor allem an Hume. Generell betonte St. die Idee eines Fortschritts in der Philosophie im Sinne des Aufstiegs zu einer immer wahreren Wissenschaft und versuchte in diesem Sinne auf die zeitgenössische Diskussion einzuwirken, unter anderem in seiner Parteinahme für eine objektive geschichtlich-philosophische Erkenntnis gegen die Instrumentalisierung der Geschichte durch Hegel und seine Epigonen. Dem Systemgedanken in der Philosophie und vor allem in der Metaphysik gesteht er eine allenfalls noch ästhetische Bedeutung zu: Ort des Systemgedankens ist das Weltanschauungsdenken des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dessen Rückhalt nicht mehr der Gedanke, sondern das Gefühl ist. Den systematischen Anspruch des wissenschaftsorientierten Philosophierens weiterführen zu wollen kann daher unter veränderten Bedingungen nur bedeuten, das »Gefühl« der Wissenschaft als Objekt zurückzugeben. Aus diesem Grunde muß der diffuse postidealistische Weltanschauungsbegriff in Richtung einer an strengen methodischen Regeln orientierten Psychologie weiterentwickelt werden. Der Philosoph St. wird aus zwingenden philosophischen Gründen Psychologe. Erste Erfordernis der Psychologie als strenger Wissenschaft ist die Preisgabe traditioneller Schematisierungen wie jener zwischen Voluntarismus und Sensualismus auch in der Psychologie. St. greift dazu auf die elementaren psychischen Funktionen zurück, die er in intellektuelle und emotionelle unterteilt, und denen er die Begriffsbildung alls Bindeglied zuordnet. Die Allgemeinbegriffe sind die Voraussetzung sowohl für das logische Denken wie für die Regungen des Willens und die Bewegungen des Gemüts. Noch das »psychische Gebilde« rekurriert auf den Begriff, so daß St. die Existenz unbewußter Funktionen folgerichtig bestreitet. In der Folge unterscheidet er zwischen synthetischem Vermögen (Inbegriff), Urteil (Sachverhalt), Denken (Begriffsinhalt und -umfang), Fühlen (passiver Wert) und Begehren (passiver Wert). Sowohl diese Facetten oder Teilaspekte des Begriffs wie die auf sie bezogenen Vermögen der Begriffsbildung ordnet St. im Sinne einer Totalität der psychischen Funktionen der Seele zu. Diese Totalität der Attribute ist in jeder Sinnesempfindung präsent, eine Konstruktion, die in dezidiert philosophischer Hinsicht zwangsläufig zur Evidenz als einzig möglichem Wahrheitskriterium führt: »Wahr« ist, was unmittelbar einleuchtet, weshalb uns in erster Linie die eigenen Seelenzustände als wirklich gegeben zu gelten haben. Die äußeren sinnlichen Erscheinungen, ja das Problem der Außenwelt überhaupt, delegiert St. an eine Phänomenologie, die hier noch nicht wie später bei E. Husserl, dem Schüler St.s in Halle, zum Synonym von Philosophie überhaupt wird. St. bestimmt die Phänomenologie als eine von Physikern, Physiologen und Psychologen gemeinsam betriebene »Vorwissenschaft«, eine methodologische Neubesinnung, die den Philosophen und Psychologen St. zuletzt auch noch zum Sprachwissenschaftler gemacht hat. Phänomenologisch im angesprochenen Sinne hat sich St. vor allem dem Bereich der Töne zugewandt und auch seine späten psychologischen Untersuchungen gelten primär der Ton- und Sprachwelt.

Werke: Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung, Leipzig 1873; Tonpsychologie, Band I 1883; Band II 1890; Psychologie und Erkenntnistheorie, München 1891; Über den Begriff der mathematischen Wahrscheinlichkeit, München 1892; Tafeln zur Geschichte der Philosophie, 1896 [41924]; Der Entwicklungsgedanke in der gegenwärtigen Philosophie, Leipzig 1900; Zur Einteilung der Wissenschaften, Berlin 1906; Erscheinungen und psychische Funktionen, Berlin 1907; Die Wiedergeburt der Philosophie. Rektoratsrede, Berlin 1907; Vom ethischen Skeptizismus. Rektoratsrede, Berlin 1908; Philosophische Reden und Vorträge, Leipzig 1910; Die Anfänge der Musik, Berlin 1911; Empfindung und Vorstellung, Berlin 1918; Die Struktur der Vokale, Berlin 1918; Spinozastudien I und II, Berlin 1919; William James nach seinen Briefen, Berlin 1928; Gefühl und Gefühlsempfindung, Leipzig 1928; Untersuchung über die Natur der Vokale und Sprachlaute, Leipzig 1928; Selbstdarstellung, in: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Band V, Leipzig 1924.

Lit.: E. Becher, C. St. zu seinem 70. Geburtstag, in: Die Naturwissenschaften, Berlin 1918; - C.-F. Geyer, Religion und Diskurs, Stuttgart 1990, 106ff.; - J. Nalbach, Empfindung und Gefühl bei Kant, Herbart, Th. Lipps und C. St., Diss. phil., Bonn 1913; - Festschrift für C. St. zum 75. Geburtstag, Berlin 1923; - W. Köhler, C.St. zum 21. April 1928, in: Kant-Studien 33 (1928); - N. Hartmann, Gedächtnisrede auf C. St., Berlin 1937; - K. Lewin, C. St., in: Psychological Review 44 (1937) 189-194; - H. Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831-1933, Frankfurt/Main 1983; - W. Windelband/H. Heimsoeth, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Tübingen 151957, 545ff.

Carl-Friedrich Geyer

Werkeergänzung:

2006

Philos. Reden u. Vorträge. [Reprint d. Ausg. Leipzig 1910]. Saarbrücken 2006; -

2008

Über d. Grundsätze d. Mathematik. Hrsg. von Wolfgang Ewen. Würzburg 2008.

Literaturergänzung:

2006

Horst Gundlach, C.S., Oskar Pfungst, d. Kluge Hans u. e. geglückte Vernebelungsaktion, in: PsR 57.2006, S. 96-105; - Helga Sprung, C.S. München 2006; -

2008

Wolfgang Ewen, C.S. u. Gottlob Frege. Würzburg 2008.

Letzte Änderung: 16.11.2008