SWOBODA, Heinrich, Prof. der Pastoraltheologie, bedeutender Kunsthistoriker, * 28.6. 1861 in Wien, + 7.5. 1923 in Wien. - Nach dem Abitur am Schottengymnasium zu Wien im Sommer 1880 wollte S. die Kunstakademie besuchen, entschied sich aber dann doch für Theologie und wurde Priester. Seine sehr begüterte Familie war ein Geschlecht von bekannten Orgelbauern. Michael Pfliegler umschreibt seine Persönlichkeit so: »Auch als Priester konnte er den Künstler zeitlebens nie verleugnen. Schon sein Auftreten hatte etwas Lässiges, Bohemehaftes, seine Vortragsweise war spritzig und einfallsreich, bildhaft. Er hatte immer Mühe, so schien es uns, das Wesentliche vor den sich aufdrängenden Assoziationen zu retten. Er hatte Humor und einen gesunden Sinn für das Menschliche, was seiner Theologie so gut anstand wie seine ein wenig ironische Güte. Im Verkehr hatte er mit einem Blick das persönliche Eigenartige, gleich, ob als Schwäche oder als Talent, erkannt und stand stets in Versuchung, vom Gegenstand ins Menschliche abzugleiten.« Nach seinen theol. Studien an der Wiener Universität ging er als Kaplan nach Mariabrunn und Penzing. Darauf übersiedelte er nach Rom, wohnte im Campo Santo und studierte unter dem Vater der neuen christl. Archäologie De Rossi, dem Verfasser des Werkes »Roma sotteranea« über die Katakomben christliche Archäologie, dann in Wien Kunstgeschichte. 1889 promovierte er in Wien zum Dr. phil. über die Fächer Archäologie, Kunstgeschichte und Ästhetik. Als Doktor der Philosophie habilitierte er sich 1890 an der theol. Fakultät in Wien für christliche Archäologie und wurde 1894 zum Doktor der Theologie promoviert. 1895 übernahm er als a.o. Prof. die Lehrkanzel für Pastoraltheologie und Katechetik. Seine fachlich ausgewiesene Liebe zu den verschiedenen Bereichen der Kunstgeschichte zeigte sich in verschiedenen Mitgliedschaften: Er war 1. Mitglied des Kunstrates im Ministerium für Kultus und Unterricht, 2. wirkliches Mitglied des Archäologischen Institutes, 3. Korrespondierendes Mitglied der k.k. Zentralkommission für Kunst und historische Denkmale, 4. Gründer und Vorstand der Kunstsektion der österreichischen Leo-Gesellschaft. Hier leistete S. wichtigste Pionierarbeit für die Erkenntnis, daß mit den uneingeschränkten Neu-Gotisierungen in Österreichs Kirchen so nicht weitergefahren werden dürfe. Das diesbezüglich wichtige Werk von Max Dvorak: »Katechismus der Denkmalpflege« (1916) fußt weithin auf den Erkenntnissen S. Während er in den Jahren 1909-1910 Rektor der Wiener Universität war, führte er die sog. »Universitätsreisen« ein, die in wissenschaftlichen Exkursionen bestanden. Die erste Reise fand im März 1910 statt. Über 300 Professoren und Studenten nahmen daran teil. Ausgehend von Aquileja, dem eigentlichen Forschungsgebiet von S., wanderte man durch den dalmatinischen Raum. 1966 fand an der theol. Fakultät der Universität Innsbruck in Erinnerung an S. Unternehmung eine ähnliche Reise von Aquileja in den dalmatinischen Raum bis Split statt. Die 2. Reise ging 1911 unter seiner Leitung von Triest aus zu den Inseln und Küsten Griechenlands. Unter seinem Rektorat wurde auch der planmäßige Sport an der Universität eingeführt und eine eigene Sportkommission gegründet. Als Forscher und Lehrer in engerem Sinne an der Universität Wien wirkte er in drei Gebieten. Auf dem Gebiet der Kunstgeschichte und christlichen Archäologie versuchte er, vor allem den Klerus in Richtung von Unterscheidung der echten von der Scheinkunst zu erziehen. Als Ordinarius für Pastoraltheologie stand er zunächst im Schatten des Kunsthistorikers und christlichen Archäologen. Dennoch wurde auch hier mit den Jahren von ihm Wichtiges geleistet. Im Jahre 1909 erschien sein pastoraltheologisches Hauptwerk »Großstadtseelsorge«. Michael Pfliegler bemerkt zu dessen Bedeutsamkeit: »Langjährige Studien in den bedeutendsten Großstädten Europas ermöglichten erstmalig einen Einblick und Vergleich, was die Seelenzahlen der Großstadtpfarreien anbelangt. In seinen graphischen Übersichten im Anhang des Buches sind besonders vertreten die Städte: Paris, Wien, Budapest, Rom, Brüssel, Mailand, Turin, Köln, Porto, Breslau, Essen, Birmingham, Liverpool, München, Ravenna. Das Werk hatte, mitten zwischen Zustimmung und Widerspruch, ein selten starkes Echo in der theologischen Welt... Das wissenschaftlich nüchterne Buch wirkte wie ein Alarm. Ganz wenige Bücher der Theologie hatten eine ähnlich breite Wirkung. Aufgejagt von Heinrich Swobodas Einsichten, ging man in allen Großstädten daran, die Riesenpfarreien zu teilen und Kirchen zu bauen. Wenn unter dem Episkopat von Kardinal Theodor Innitzer in der Wiener Diözese über 60 neue Pfarren errichtet wurden, dann ist wohl anzunehmen, daß dies unter dem Eindruck der Einsichten von S. geschehen ist. In seinem Wirken auf dem Felde der Katechetik kam er immer mehr zur Erkenntnis, daß eine Trennung von der Pastoraltheologie dringend von Nöten sei. Diese Trennung verhinderte aber sein früher Tod mit 62 Jahren. Er gilt mit Recht als »Großvater« (M. Pfliegler) des Wiener Seelsorge-Institutes. Als solcher war er auch der geschickte Organisator katechetischer und pädagogischer Kurse, die ihren Höhepunkt in dem großen Internationalen Katechetischen Kongreß 1912 in Wien erreichten. Seinen Lehrstuhl bereicherte er auf dem Felde der Katechetik mit zahlreichen Anschauungsmitteln-Nachbildungen, Bilder, Karten, Diapositive. Das Prinzip des Anschauungsunterrichtes fand in S. einen großen Fürsprecher. Seine »Wandtafeln zum Gebrauch beim Religionsunterricht« (Wien 1893) erlangten geradezu Berühmtheit. Im Bereich der kirchlichen Paramentik war er stets bestrebt, Priestern und Studenten einen guten Geschmack zu vermitteln. Kurzum: S. hatte, zusammen mit seinen großen Kollegen an der damaligen Wiener theol. Fakultät, Scherer, Schindler, Ehrhard und Commer, die große Gabe, die Hörer zu fesseln und für ihr Fach zu begeistern, wie Michael Pfliegler, langjähriger Pastoraltheologe an der Wiener Universität, stets hervorgehoben hat.
Werke:
Abhandlungen über antik-christl. Polychromie (RömQschr 1887 u. 1889); Ein Weltbild unserer kirchl. Kunst (1889), eine ästhet.-liturg. Kritik der vatikan. Jubiläumsausstellung); Frühchristliche Reliquiarien des K.K. Münz- u. Antikenkabinetts (in Mitteil. der Zentralkommission 1890); Baugeschichte des Domes von Aquileja (in Karl Graf Lanckoronski; Der Dom von Aquileja, 1906); Miniaturen aus dem Psalterium der hl. Elisabeth ((1899); Das Riesentor des Stephansdomes (1902); Marienlegende (1892, über die Bilder Trenkwalds in den Chorfensern der Votivkirche in Wien); Großstadtseelsorge (21911).
Lit.:
LThK IX, 919 (L. Krebs); - ECatt XI, 1665-1666 (H. Kühn-Steinhausen); - M. Pfliegler, Die Zeit bestimmende Seelsorger, in: M. Pfliegler, Theologie auf Anruf, Salzburg 1963, 291-298.