SYRLIN d. Ä., Jörg, dt. Schreiner und Bildhauer. * um 1425 in Ulm,
+ 1491 ebda. - Als Werkstattleiter, Bildschnitzer und Bildhauer
nimmt S. in der schwäbischen Kunst der 2. Hälfte des 15. Jh.'s und
in seiner Vaterstadt Ulm selbst den bedeutendsten Rang ein. Dies verdankt
sich zu allererst dem Chorgestühl des Münsters zu Ulm, das nicht nur
sein großartigstes und umfangreichstes Werk darstellt, sondern auch
unter den Chorgestühlen in Deutschland einen hervorragenden Platz
einnimmt. S.'s `spätgotischer' Stil ist im wesentlichen von dem am
Oberrhein tätigen Bildhauer Nikolaus Gerhaert und der niederländischen
Malerei Rogiers van der Weyden beeinflußt. Innerhalb der Rezeptionsgeschichte
erfährt S. sehr unterschiedliche Würdigungen, die von dem reinen Handwerker
und Werkstattleiter (Schreinermeister) bis zur selbständigen Künstlerpersönlichkeit
mit gestaltender Kraft reichen. Selbstverständlich steht S. mit seiner
Werkstatt noch in einer mittelalterlichen Tradition, doch sind Konzeption
und wichtige Teile der Ausführung seiner Werke ihm eigenhändig zuzuschreiben,
was Inschriften und Signaturen nachdrücklich dokumentieren. Stilistische
Beziehungen zum gleichzeitigen Ulmer Holzschnitt verweisen darüber
hinaus auf die Tatsache, daß es zwischen Bildschnitzern und Formschneidern
für den Buchdruck keine ausgeprägte Arbeitsteilung in der Ulmer Werkstatt
gab. Die komplexen ikonographischen Programme beispielsweise von »Dreisitz«
und »Chorgestühl« erklären sich aus der Kenntnis frühhumanistischer
Ideen von Auftraggeber, Stifter und Künstler. V. a. in seinen Büsten
der Sibyllen, Propheten, Autoren der Antike usf. gelingt eine künstlerische
Gestaltung, die in der psychologischen Durchdringung der Physiognomien
und Gewandfaltenbildung das Wesen der Dargestellten eindrucksvoll
charakterisiert.
Werke: Frankfurt/Main, Liebieghaus: Buchsbaumstatuette
einer `häßlichen' Alten, um 1480; Tiefenbronn, Pfarrkirche: Hochaltarretabel,
1469; Ulm, Münster: Dreisitz, dat. 1468; Chorgestühl, dat. 1469-74;
Museum: Lesepult mit Evangelisten, dat. 1458; sog. Leuchterweibchen;
Fischkasten.
Lit.: E. Grill, Der Ulmer Bildschnitzer J. S. d. Ä. und
seine Schule. Ein Beitrag zur Geschichte der schwäbischen Plastik
am Ausgang des Mittelalters, Straßburg 1910; - J. Baum, Ulmer
Plastik um 1500, Stuttgart 1911; - G. Otto, Die Ulmer Plastik
der Spätgotik, Reutlingen 1927; - W. Pinder, Die dt. Plastik vom
ausgehenden Mittelalter bis zum Ende der Renaissance, 2 Bde., Postdam
1929; - W. Vöge, J. S. d. Ä. und seine Bildwerke, II. Bd. Stoffkreis
und Gestaltung, Berlin 1950; - H. Seifert, Das Chorgestühl des
Ulmer Münsters, Königstein i. T., o. J; - H. Pée, J. S. d. Ä.
Das Ulmer Chorgestühl, Stuttgart 1962; - M. Lanckoronska, Die
»Vergilbüste« am Chorgestühl des Ulmer Münsters, in: Ulm und Oberschwaben
38, 1967, 224 ff.; - W. Deutsch, Der ehemalige Hochaltar und
das Chorgestühl. Zur S.- und zur Bildhauerfrage, in: 600 Jahre Ulmer
Münster - Festschrift, Ulm 1977 (Forschungen zur Geschichte der Stadt
Ulm, Bd. 19), 222 ff.; - K.-U. Högg, Die Inschriften am Chorgestühl
des Ulmer Münsters, in: Ulm und Oberschwaben 45/46, 1990, 103 ff.;
- G. Weilandt, War der ältere S. Bildhauer?, in: Jahrb. der Staatl.
Kunstsammlungen in Baden-Württemberg 28, 1991, 37 ff.; - B.
Rommé, Überlegungen zu J. S. d. Ä. und zur Ausstattung des Ulmer Münsterchores
am Ende des 15. Jh.'s, in: ebda. 30, 1993, 7 ff.
Norbert Werner
Letzte Änderung: 09.04.2011