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Band XI (1996)Spalten 372-373 Autor: Norbert Werner

SYRLIN d. Ä., Jörg, dt. Schreiner und Bildhauer. * um 1425 in Ulm, + 1491 ebda. - Als Werkstattleiter, Bildschnitzer und Bildhauer nimmt S. in der schwäbischen Kunst der 2. Hälfte des 15. Jh.'s und in seiner Vaterstadt Ulm selbst den bedeutendsten Rang ein. Dies verdankt sich zu allererst dem Chorgestühl des Münsters zu Ulm, das nicht nur sein großartigstes und umfangreichstes Werk darstellt, sondern auch unter den Chorgestühlen in Deutschland einen hervorragenden Platz einnimmt. S.'s `spätgotischer' Stil ist im wesentlichen von dem am Oberrhein tätigen Bildhauer Nikolaus Gerhaert und der niederländischen Malerei Rogiers van der Weyden beeinflußt. Innerhalb der Rezeptionsgeschichte erfährt S. sehr unterschiedliche Würdigungen, die von dem reinen Handwerker und Werkstattleiter (Schreinermeister) bis zur selbständigen Künstlerpersönlichkeit mit gestaltender Kraft reichen. Selbstverständlich steht S. mit seiner Werkstatt noch in einer mittelalterlichen Tradition, doch sind Konzeption und wichtige Teile der Ausführung seiner Werke ihm eigenhändig zuzuschreiben, was Inschriften und Signaturen nachdrücklich dokumentieren. Stilistische Beziehungen zum gleichzeitigen Ulmer Holzschnitt verweisen darüber hinaus auf die Tatsache, daß es zwischen Bildschnitzern und Formschneidern für den Buchdruck keine ausgeprägte Arbeitsteilung in der Ulmer Werkstatt gab. Die komplexen ikonographischen Programme beispielsweise von »Dreisitz« und »Chorgestühl« erklären sich aus der Kenntnis frühhumanistischer Ideen von Auftraggeber, Stifter und Künstler. V. a. in seinen Büsten der Sibyllen, Propheten, Autoren der Antike usf. gelingt eine künstlerische Gestaltung, die in der psychologischen Durchdringung der Physiognomien und Gewandfaltenbildung das Wesen der Dargestellten eindrucksvoll charakterisiert.

Werke: Frankfurt/Main, Liebieghaus: Buchsbaumstatuette einer `häßlichen' Alten, um 1480; Tiefenbronn, Pfarrkirche: Hochaltarretabel, 1469; Ulm, Münster: Dreisitz, dat. 1468; Chorgestühl, dat. 1469-74; Museum: Lesepult mit Evangelisten, dat. 1458; sog. Leuchterweibchen; Fischkasten.

Lit.: E. Grill, Der Ulmer Bildschnitzer J. S. d. Ä. und seine Schule. Ein Beitrag zur Geschichte der schwäbischen Plastik am Ausgang des Mittelalters, Straßburg 1910; - J. Baum, Ulmer Plastik um 1500, Stuttgart 1911; - G. Otto, Die Ulmer Plastik der Spätgotik, Reutlingen 1927; - W. Pinder, Die dt. Plastik vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ende der Renaissance, 2 Bde., Postdam 1929; - W. Vöge, J. S. d. Ä. und seine Bildwerke, II. Bd. Stoffkreis und Gestaltung, Berlin 1950; - H. Seifert, Das Chorgestühl des Ulmer Münsters, Königstein i. T., o. J; - H. Pée, J. S. d. Ä. Das Ulmer Chorgestühl, Stuttgart 1962; - M. Lanckoronska, Die »Vergilbüste« am Chorgestühl des Ulmer Münsters, in: Ulm und Oberschwaben 38, 1967, 224 ff.; - W. Deutsch, Der ehemalige Hochaltar und das Chorgestühl. Zur S.- und zur Bildhauerfrage, in: 600 Jahre Ulmer Münster - Festschrift, Ulm 1977 (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Bd. 19), 222 ff.; - K.-U. Högg, Die Inschriften am Chorgestühl des Ulmer Münsters, in: Ulm und Oberschwaben 45/46, 1990, 103 ff.; - G. Weilandt, War der ältere S. Bildhauer?, in: Jahrb. der Staatl. Kunstsammlungen in Baden-Württemberg 28, 1991, 37 ff.; - B. Rommé, Überlegungen zu J. S. d. Ä. und zur Ausstattung des Ulmer Münsterchores am Ende des 15. Jh.'s, in: ebda. 30, 1993, 7 ff.

Norbert Werner

Letzte Änderung: 09.07.1999