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Band X (1995)Spalten 13-16 Autor: Ivan Hlavácek

SICKEL, Theodor von, Geschichtsforscher, Editor und Organisator der historischen Arbeit 1826-1908. - Theodor v. Sickel (wie es in seinem Lebenslauf heißt, Fridericus Adolphus Theodorus Sickel) wurde am 18. Dezember 1826 in Aken (Sachsen-Anhalt) in einer streng protestantischen Familie geboren. Durch die lange Familientradition geprägt (seine Vorfahren waren seit langem im protestantischen Kirchendienst tätig, sein Vater schließlich als Rektor des Lehrerseminars in Erfurt), begann er nach der Magdeburger Gymnasialzeit 1845 protestantische Theologie in Halle/Saale zu studieren. Die nächste Station war Berlin, wo er jedoch zur Geschichte wechselte. Schließlich promovierte er in Halle am 16. August 1850 mit der Dissertation »Ducatus Burgundiae quo modo et que jure translatus est ad gentem Valesiam?« (als Ms. erst 1900 gedruckt). Aus politischen Gründen - da gegen die preußische Politik nach 1848 eingestellt - ging er (auf Rat Karl Lachmanns) nach Paris, wo er u.a. die reorganisierte Ecole des chartes, die berühmte Bildungsstätte für wissenschaftliche Arbeit mit den historischen Quellen, besuchte (zuerst nur durch eine Spalte lauschend) und zugleich auch schriftstellerisch tätig war. Für das französische Unterrichtsministerium führte er mehrere Archivforschungen in Oberitalien über die Sforzas und Frankreich durch, kam dort auch mit den österreichischen Forschern in Kontakt und konnte auf Veranlassung Josef Chmels seine erste größere Arbeit über Francesco Sforzas Erwerbung Mailands (AöG 14, 1855) publizieren. Der französische Auftrag wurde dann um die Nachforschungen in Wien erweitert, dem er erst nachgehen konnte, als er seine Beziehungen zu Preußen geregelt hatte. Seit 1855 war er fest in Wien ansässig, wo eben ein Jahr zuvor das Institut für österreichische Geschichtsforschung gegründet worden war, das ähnliche Ziele verfolgte wie die Pariser Ecole des chartes (doch überlegte S. am Anfang der 60er Jahre den Weggang nach Kiel, im J. 1874 erhielt er dann den abgelehnten Ruf nach Berlin). Da der erste Direktor des IöG, Albert Jäger, das Programm nicht entsprechend zufriedenstellend durchführte, bat man S. um seine Mitwirkung, was nach einem Provisorium im Jahre 1857 durch die Ernennung S. zum ao. Professor geregelt wurde. Die Schlüsselfächer der hilfswissenschaftlichen Ausbildung wurden ihm anvertraut: Paläographie, Diplomatik und Chronologie, die er jahrelang vorzutragen hatte. Dabei widmete er sein Interesse auch den allgemeingeschichtlichen Vorlesungen. Im Zusammenhang damit begann wohl das erste große mit modernen technischen Methoden (Photographie) konzipierte Tafelwerk zu entstehen, die Monumenta graphica medii aevi, wo Materialien kodikologischen und diplomatischen Charakters aus der ganzen Monarchie zu Wort kamen. Dieses Werk zählte zu den beliebtesten im gesamteuropäischen Kontext (ab 1859). Würdige Fortsetzung fand es dann in den durch S. gemeinsam mit Heinrich Sybel (dessen Rolle jedoch eher organisatorisch war) edierten Kaiserurkunden in Abbildungen, wozu er selbst auch als Autor viel beisteuerte (ab 1880). Bald wurde S. dank seiner starken Persönlichkeit im IöG die wichtigste Gestalt, und trat nach Jägers Rücktritt im J. 1869 dessen Nachfolge an. Seit 1867 war er Ordinarius und seit 1870 Wirkliches Akademiemitglied, zuvor hatte er schon in den Sitzungsberichten der Akademie wichtige Arbeiten publiziert. Nach der Sickel'schen Reorganisation kam die »Glanzzeit« des Instituts, die bis zu Sickels Emeritierung 1891 andauerte. Sickel trug nach der epochalen Öffnung der vatikanischen Archive durch Papst Leo XIII. (1881) wesentlich dazu bei, daß in Rom auch ein österreichisches historisches Institut entstand (Gründung Herbst 1881), und siedelte im J. 1891 als Direktor diesses Institutes nach Rom über, das er volle 10 Jahre leitete. Die letzten Tage seines Lebens verbrachte er in Meran, wo er am 21. April 1908 starb und wo er auch bestattet wurde. Mehrere Auszeichnungen wurden ihm zuteil, darunter der Rittertitel (1884), er wurde k. und k. Hofrat, und erhielt auch eine Stelle im Herrenhaus des Parlaments (ab 1889). - Während seiner großen organisatorischen und pädagogischen Tätigkeit, baute er einen hochkarätigen Lehrkörper im IöG auf und pflegte enge Kontakte auch mit den Forschern des Auslandes (es ist u.a. das Periodikum »Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung« zu nennen, eine bis heute prestigevolle Zeitschrift im gesamteuropäischen Kontext). Darüber hinaus entfaltete er eine enorme wissenschaftliche Aktivität, die auch aus methodischer Sicht weittragende Früchte brachte. Es handelte sich vornehmlich um die Ausarbeitung der diplomatischen Methode des Schrift- und Diktatvergleichs bei den frühmittelalterlichen Urkunden, die sich jedoch auch an jüngeren Materialien als tragfähig erwies und die S. bei mehreren Editionen und analytischen Studien fast zur Perfektion ausbaute. Seine Forschungen fanden sehr bald volle Anerkennung, was am einleuchtendsten Sickels Kooptation in die Monumenta Germaniae Historica beweist (1875), wo er nicht nur der Zentraldirektion angehörte, sondern auch den Posten des Leiters der Diplomata-Abteilung innehatte. Das letztere wohl aufgrund seiner bahnbrechenden Forschungen im Bereich der karolingischen und nachfolgenden Kaiserdiplomatik, jedoch auch wegen seiner vernichtenden Kritik an der Edition der Merowingerdiplome durch Karl Pertz (1872). Vornehmlich die Edition der Ottonischen Urkunden ist ein bleibendes Ergebnis seiner Bemühungen. Jedoch auch die Forschungen zur päpstlichen Diplomatik waren von großer Tragweite, besonders die Edition des »Liber diurnus«. Neben den hoch einzuschätzenden Werken zur Geschichte des Früh- und beginnenden Hochmittelalters entstanden während seines wissenschaftlichen Lebens mehrere Aufsätze auch zur Problematik des 16. Jh., besonders im Kontext des Konzils zu Trient (ab 1854 bis zum Jahrhundertende).

Werke: Es existiert keine vollständige Bibliographie seiner Werke. Das meiste bringt Harrold Steinacker, jedoch nicht immer mit ausreichenden bibliographischen Hinweisen, in: H. Steinacker, Volk und Geschichte. Ausgewählte Reden und Aufsätze, Brünn - München - Wien 1943, 491-506 (Nachdruck des ursprünglich 1907 erschienenen Aufsatzes). Aus den größeren Arbeiten seien genannt: Monumenta graphica medii aevi ex archivis et bibliothecis imperii Austriaci Fasc. I-X, Wien 1859-1882; Beiträge zur Diplomatik I-VIII (ex SB der Österr. Akad. Wien) ab 1861, auch separat, Nachdruck 1975; Acta regum et imperatorum Karolinorum digesta et ennarata. 2 Bände Wien 1867; Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser/Die Urkunden von Konrad I. bis zu Otto III./MGH - Diplomata 2 Bände Hannover 1879-1884; Kaiserurkunden in Abbildungen (mit H. Sybel) Lief. I-XI, Berlin 1880-1891; Das Privilegium Ottos I. für die römische Kirche vom Jahre 962, Innsbruck 1883; Liber diurnus Romanorum pontificum, Vindobonae 1889; Römische Berichte I.-VIII. (SB der Österr. Ak.) ab 1896. Aus seiner Korrespondenz und Tagebüchern wurde nur ein Bruchstück veröffentlicht: Größere Korrespondenzblöcke: Wilhelm Erben, Theodor Sickel. Denkwürdigkeiten aus der Werdezeit eines deutschen Geschichtsforschers, München - Berlin 1926; Ders., Georg Waitz und Theodor Sickel. Ein Briefwechsel aus der Blütezeit der deutschen Geschichtsforsschung. In: Nachrichten d. Ges. d. Wiss. Göttingen aus d. J. 1926, Phil.-hist. Kl., Berlin 1927, 51-196; Th. von Sickel, Römische Erinnerungen. Nebst ergänzenden Briefen und Aktenstücken, hrsg. von Leo Santifaller, Wien 1947.

Lit.: (nur Auswahl der weiterführenden Werke): H. Steinacker, L. Santifaller, W. Erben s. oben. Richard Rosenmund, Die Fortschritte der Diplomatik seit Mabillon vornehmlich in Deutschland-Österreich, München-Leipzig 1897; - Emil von Ottenthal, Theodor von Sickel, MIÖG 29, 1908, 545-559; - Bertold Bretholz, Theodor von Sickel, Zs. d. Deutschen Vereins für die Gesch. Mährens und Schlesiens 13, 1909, 1-28; - Harry Bresslau, Geschichte der Monumenta Germaniae Historica. In NA 42, 1921, auch Nachdruck als selbständiges Buch Hannover 1976; - Oswald Redlich, Theodor Sickel. Werdegang und Persönlichkeit, in: MIÖG 42, 1927, 153-164; - Alphonss Lhotsky, Geschichte des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 1854-1954 (= MIÖG Erg.-Bd. 17), Graz - Köln 1954.

Ivan Hlavácek

Letzte Änderung: 15.03.1999