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Verlag Traugott Bautz
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SIEBURG, Friedrich, Schriftsteller, Literaturkritiker und Journalist, * 18. Mai 1893 in Altena/Sauerland, † 19.7. 1964 in Gärtringen bei Böblingen/Württemberg. Als Sohn einer Kaufmannsfamilie aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, besuchte der Westfale S. die Realschule in Altena. Danach ein humanistisches Gymnasium in Düsseldorf und veröffentlichte 16jährig erste Gedichte in den Düsseldorfer Nachrichten. 1912 Beginn des Studiums in Heidelberg mit Geschichte, Nationalökonomie, Literaturwissenschaft und Philosophie bei Max Weber und Friedrich Gundolf mit Verbindung zum George-Kreis. Fortsetzung des Studiums in München, Freiburg und Münster, jedoch hauptsächlich in Heidelberg. 1914 Infanterist an der Westfront, wurde S. 1916 Fliegeroffizier und erlebte das Kriegsende als Verwundeter in Münster. Dort promovierte er auch 1919 mit: Die Grade der lyrischen Formung. Beiträge zu einer Ästhetik des lyrischen Stils. Seit 1919 freier Schriftsteller in Berlin und der Revolution zugetan. 18 Theater- und Filmkritiken in der Weltbühne mit sozialem Engagement. 1920 einen auf Rosa Luxemburg gewidmeten Geichtband: Die Erlösung der Straße und 1922 die Erzählungen: Oktoberlegende. Zu Ende des Jahres 1923 mit Ruhrkampf und Hitler-Putsch aus Gründen wirtschaftlicher Not und der Hinwendung zur dänischen Literatur Emigration nach Kopenhagen. Politische und literarische Berichte in der renommierten Frankfurter Zeitung über Dänemark und Norwegen. Auch erste Heirat des vorgeblich 5 mal eine Ehe eingegangenen und in seinem Leben die Frauen einen wichtigen Platz einnehmenden Ss. mit einer Dänin. - Am 1. Mai 1926 Ernennung zum Auslandskorrespondenten der Frankfurter Zeitung für politische und kulturelle Berichterstattung in der französischen Hauptstadt. Paris neben seiner Bedeutung als Zentrum des welthistorischen Geschehens während der 20er Jahre auch für viele linksliberale und pazifistische Deutsche zu ihrer zeitweisen Wahlheimat geworden. Kurt Tucholsky, Heinrich Mann, Rudolf Leonhard suchten das Heimatland der Menschenrechte und das 2. Geburtsland jedes Europäers auf. Lebensfreude und Heiterkeit wurden gegen deutsche Spießigkeit und Enge gesucht und ausgetauscht. S. kam in dieses und seit Ende des Jahres 1925 sich auch politisch wandelnden Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Stresemanns- und Briands-Verständigungspolitik ließen den Geist von Locarno vom Jahre 1926 entstehen. S. mit seiner genuinen Begabung für nationale Identitäten schrieb unter diesem Einfluß sein bekanntestes, im Jahre 1929 erschienenes Werk: Gott in Frankreich. Die Darstellung des Glaubens von Frankreich an die universelle Gültigkeit und Selbstherrlichkeit seiner Lebensart und Zivilisation. Ursprung der französischen Patrie-Idee war Jeanne d'Arc, welche glaubte und vorgab, für die Christenheit zu streiten. Sie gab Frankreich die Gewohnheit ein, sich auf alle großen Ideen und Ereignisse zu stürzen und diese ihrem Wesen und ihrem Ursprung nach als französisch zu kennzeichnen. Mit der Großen Revolution wurde dies noch verstärkt, und die Welt muß seither den Anspruch Frankreichs dulden, Inbegriff und legitimer Vorkämpfer der Zivilisation zu sein und der Welt die neue Humanität des Bürgertums geschenkt zu haben. Von Ende 1929 bis Ende 1932 war S. Korrespondent der Frankfurter Zeitung in London, welcher dortige Aufenthalt durch mehrere Reisen unterbrochen wurde. - Der am Ende der 20. Jahre in Deutschland unter Hindenburg einsetzenden konservativen Restauration stand S. mit innerer Anteilnahme und Sympathie gegenüber, ohne jedoch die Hitler-Bewegung direkt anzusprechen oder zu befürworten. 1932 beendete er hierzu: Es werde Deutschland, in welchem er die Erneuerung Deutschlands unter nationalem Vorzeichen mit den typisch deutschen Eigenschaften in ihren philosophisch-spekulativen Bezügen forderte. In seiner nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 erschienenen englischen Ausgabe mit dem Titel: Germany: my country, bekannte er sich in dem Vorwort zur nationalsozialistischen Bewegung. Von 1933-39 wieder und als wohl meist beachteter Korrespondent in Paris für die Frankfurter Zeitung tätig, welche Zeitung das Vokabular der nationalsozialistischen Propaganda nicht übernahm und ihren Lesern weiterhin eine Intellektualität bot. Während des Jahres 1934 überwog noch S.s Zustimmung für die nationalsozialistische Bewegung, danach mit dem Erkennen ihrer geistigen Niveaulosigkeit wohl mehr Distanz. Jedoch auch weiterhin Bewunderung für ihre Kraft und Stärke, mit ihren von den Regierungen der Weimarer Republik nicht erstrittenen außenpolitischen Erfolgen. In seinem während dieser Zeit geschriebenen im Jahre 1935 erschienenen: Robespierre, präsentiert sich S. als ein die jakobinische Herrschaft der Jahre 1793/94 in ihren tatsächlichen Gegebenheiten genau wiedergebender Historiker. Robespierre als die Verkörperung der Ideen Rousseaus. Robespierre in seiner Zweiheit, als der Anwalt der Tugend und als der Dämon des Schreckens, welcher in seiner säkular-priesterlichen Eingebung glaubt, allein das Staatsinteresse Frankreichs zu erkennen und dieses über die persönlich-subjektiven Interessen der einzelnen setzt. Aus nie empfangener Liebe konnte Robespierre auch solche nicht weitergeben und hat er das Volk, obgleich er versuchte, sich mit ihm zu identifizieren, niemals geliebt und seine Wünsche und Begehren niemals richtig verstanden. Gegensätzlich hierzu Danton, welcher als Maßstab seines Handelns den Menschen nimmt und damit auch viel französischer erscheint. Robespierre jedoch auch in seiner großen staats- und weltpolitischen Bedeutung als Zentrum des Wohlfahrtsausschusses, welcher gegensätzlich zu den Girondisten und wohl auch den Dantonisten das republikanische Frankreich gegen seine inneren und auch gegen seine so zahlreichen und ihm so feindlich gesinnten auswärtigen Gegner siegreich verteidigt und damit letztlich der Revolution und der neuen Idee des Bürgertums in Frankreich und in Europa zum Durchbruch und Sieg verhilft. S. beschränkt sich in seinem Robespierre allein auf die Themen des klassisch-liberalen Verhältnis des einzelnen zur Gemeinschaft, und so wird jegliche Analogie zu dem damals in Deutschland vorhandenen völkischen Führerstaat vermieden. Frankreich auch als das Beispiel, welches sich des großen Mannes nach dem erfolgreichen Feldzug 1794 von sich aus selber, ohne äußere Einwirkungen, erledigt, um wieder zum normalen Leben zurückzukehren zu können, womit Frankreich seine Eigenschaft als Land des Maßes und der Vernunft beweist. Es folgen dann S.s weitere Reiseberichte: Portugal. Bildnis eines alten Landes 1937, Afrikanischer Frühling, aus dem französischen Nordafrika 1938 und Die stählerne Blume. Eine Reise nach Japan, in welchen S. die neuen national-faschistischen Regime in Portugal und Japan begrüßt. Das in nur 80 Jahren von dem reinen Fischer- und Agrarland zu einem der bedeutendsten und mächtigsten Industrie- und Militärmächte der Welt aufgestiegene Japan besitze Ursprünglichkeit und Autorität von einer Herrschaft, welche aus heiligen Quellen fließe. 1939: Blick durchs Fenster. Aus zehn Jahren Frankreich und England, in welchem historische Anekdoten und literaturgeschichtliche Abhandlungen überwiegen. Im August 1939 erfolgte S.s Berufung in den Auswärtigen Dienst. Dies schmeichelte wohl seiner Eitelkeit und befriedigte sein Repräsentationsbedürfnis, seine Vorliebe für große Auftritte, für ein Wirken in der Öffentlichkeit, für zeremoniösen Stil und sein Verlangen dazuzugehören. Nach dem siegreichen Ausgang des Frankreichfeldzuges im August 1940 seine Versetzung in die dortige Informations-Abteilung und in den kulturpolitischen Koordinierungsstab der deutschen Besatzungsregierung in Paris. Am 22. März 1941 empfahl er dort in seiner von der Groupe Collaboration, einem kleinen aber einflußreichen Intellektuellenzirkel gehaltenen Rede: France d'hier et de demain, eine Faschistisierung Frankreichs nach deutschem Muster. Um wieder zu eigener Stärke zu gelangen, müsse Frankreich seine überkommenen im Privatleben und im privaten Lebensglück liegenden Lebensgewohnheiten ändern, wovon sich Deutschland mutig befreit habe. Seine eigenen Erfahrungen mit ihrem douce France habe ihn zu einem Kämpfer und Nationalsozialisten gemacht. Frankreich müsse sich auch in das von Deutschland beherrschte Europa eingliedern. Jedenfalls auf kulturellem Gebiet war S. einer der wichtigsten Ansprechpartner für die Collaboration. Auf seinen erst jetzt am 9. April 1941 gestellten Antrag wurde S. am 1. Sept. 1941 das 8 537 221. Mitglied der NSDAP. Ende 1942 ging er zurück nach Deutschland und war für die Frankfurter Zeitung bis zu ihrem Verbot am 1. Sept. 1943 tätig. Danach für die Börsenzeitung und als Ehrenbegleiter von Marschall Pétain. Das Kriegsende erlebte S. in Tübingen. - Von der französischen Besatzungsmacht wegen seines Zusammenwirkens mit der Collaboration mit einem Publikationsverbot während der Jahre 1945-48 belegt, publizierte S., nach dem Kriege nicht mehr aktiv im politischen Geschehen mitwirkend seit 1948 zunächst in der von ihm mitherausgegebenen Wochenzeitschrift: Die Gegenwart. Im Jahre 1950 erschien: Unsere schönsten Jahre. Ein Leben mit Paris, in welchem S. aus der nach der Katastrophe des 3. Reiches nunmehr verklärten Erinnerung seinen zweiten Paris-Aufenthalt während der Jahre 1933-39 schildert. Paris habe ihm eine Lektion im Humanismus erteilt und ihn gegen nationalistisches Denken immunisiert. Es habe ihm gezeigt und gelehrt, daß der Mensch keine höhere Aufgabe als die Ermöglichung des Zusammenlebens mit den anderen Menschen habe. Hingegen trage jener Geist, welcher die irdischen menschlichen Bezüge und Denkräume verlasse und in das Unendliche vorstoße, nichts zu der Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens bei. 1953 erschien: Kleine Geschichte Frankreichs und 1954: Die Lust am Untergang, Selbstgespräche auf Bundesebene, kulturpolitische Essays, welche die Symptome und Hintergründe bundesdeutscher Mißgefühle aufzeigen. 1956 erschien seine 2. große historische Biographie und sein wohl ambitiösestes Werk: Napoleon. Unmittelbares Thema sind die letzten hundert Tage der Zurückkehr Napoleons aus Elba, Anfang März 1815 bis zu seiner nach der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 erfolgten Verbannung auf Sankt Helena. S. greift aber auch Napoleons kometenhaften Aufstieg der Jahre 1796-1801, sein für Frankreich so fruchtbares Konsulat bis 1804 und die nachherige 6-8jährige Herrschaft des Kaisers über das kontinentale Europa mit seinem stetigen Kampf gegen das in seiner Insellage unbesiegbare England auf. S. wird dem großen Korsen gerecht. Er zeigt seine Stärken und Schwächen auf. Neben dem in der Neuzeit einzigartigen Feldherrentalent, seinen gleichwertigen administrativen Fähigkeiten und dem Ausgleich mit der Kirche stehen seine fehlende Vision und Konzeption für die politische Gestaltung des von ihm unterworfenen kontinentalen Europas, sein ihm als Sohn des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung abgehendes Verständnis für die immanenten Gesetze des 19. Jahrhunderts, den Nationalismus, von überseeische Kolonialherrschaft, die Wirtschaft, die Technik und die soziale Frage sowie die Bevorzugung seiner zu den ihnen aufgetragenen Kronen nicht befähigten Familienangehörigen. Des Kaisers schönster Feldzug von Elba nach Paris mit dem Entgegenlaufen der gegen ihn ausgesandten Bataillonen mit ihren Offizieren wird in minutiöser Genauigkeit geschildert. Gleichfalls die beiden Schlachten von Ligny am 16. Juni gegen die Preußen und von Waterloo am 18. Juni. S. zeigt die gewandelten sozialen Verhältnisse in Frankreich auf, welches einfache Volk Napoleon mehr Anhänglichkeit entgegenbrachte als seine von ihm zu Granden erhobenen Marschälle. Napoleon wollte jedoch kein Volkskaiser werden, sondern allein ein solcher seiner Armee bleiben. S. wirkt insbesondere der Dämonisierung Napoleons in Deutschland entgegen, welcher Kaiser hingegen allein aus seiner Vernunft gedacht und gehandelt habe. Napoleon aber auch als der große Menschenverächter, welcher seine ehrgeizigen Träume aus seinen gefallenen Soldaten schmiedet. Napoleon als das wohl einzigartige Beispiel in der militär-politischen Geschichte der Neuzeit, wozu der Mensch fähig ist. Frankreich als das zu seiner Hingabe bereite Volk und Land, welches sich seiner militärischen Größe hingibt, um durch ihn selber erhöht zu werden. Obgleich in keiner Zeile seines Buches erwähnt, wird hiermit unverkennbar die Parallele zur Opferbereitschaft und zur Erlösungssehnsucht des deutschen Volkes während des Hitler-Regimes angesprochen. Mit seiner Schilderung und Charakterisierung von Napoleon als dem großen Feldherrn, Administrator, Gesetzgeber, seiner soldatisch-heroischen Natur, beredtes Beispiel sein genau beschriebenes schutzloses Entgegengehen auf das gegen ihn gerichtete Bataillon am 7. März 1815 vor Grenoble, sein alleinig in der Aufklärung liegendes Menschen- und Weltbild, sein Universalismus, sein übermenschlicher Arbeitseifer, sein persönlichen Zauber, sein alleinig auf die Entfaltung und Ausdehnung seiner Person gerichteten Ehrgeiz mit dem Abgehen von jeglichem persönlichem Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Irrationalitäten, Beeinflussung von Ideologien und nicht kriegsbedingtem Massentöten wollte sich S. wohl auch nachträglich von der Person Hitlers und seiner Herrschaft distanzieren. 1959 erschien S.s dritte große historische Biographie und bezeichnenderweise wieder der französische: Chateaubriand. Im Gegensatz zu seinen beiden vorangegangenen, schildert S. nunmehr die vollständige Vita (1768-1848) des bretonischen Edelmannes. Ancien Régime, Revolution und Restauration, jene Zeit, in welcher S. so gerne selber gelebt und gewirkt hätte, werden an der Person des ihm so ähnlichen Schriftstellers und Politikers Chateaubriand geschildert. Seine Eitelkeit und Egomanie, welche sich jedoch fruchtbar auf sein literarisch-politisches Wirken auswirkten. Seine Tätigkeit als Botschafter und Außenminister, welche maßgebend die Restauration mitbestimmten. Insbesondere sein literarisches Wirken, mit der Betonung von Gefühlswerten und mit der Unterscheidung von Imagination und Wirklichkeit als einen maßgebenden Wegbereiter für die französische Romantik. - Nach 1948 begann auch S.s weiteres Wirkungsfeld als beim Publikum wohl bedeutendster Literaturkritiker der Nachkriegs-Adenauer-Ära und als allgemeiner Zeitkritiker. Seit 1956 als der Leiter des wöchentlich erschienenen Literaturblattes der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. S. wandte sich insbesondere gegen die überlieferte Literaturkritik der 50er Jahre, welche allein werkimmanent ausgerichtet war und von Argumenten außerliterarischer Art absah. Literaturkritik war für S. insbesondere Zeitkritik. Diese Kritik sollte nicht vernichten sondern sichten, nicht ausscheiden sondern einordnen. Entsprechend den französischen Verhältnissen auch die allgemeine Identität von Literatur und Kritik. Literatur ist immer Kritik und Kritik ist immer Literatur. Analog zu Frankreich sollten in einer klaren Sprache die die Öffentlichkeit bewegenden Probleme dargestellt und analysiert werden. Auch Abkehr von der nach deutschem Verständnis überhöhten Poesie gegen die Prosa, welche idealistische Poesie zwar den Menschen über sich hinausheben könne, welche Literatur jedoch den Menschen zu seinesgleichen hinführe. Literaturkritik als die Hinwendung des Menschen zur Gesittung und gleichzeitig zur Ausbildung des nationalen Profiles. Hierzu auch die Einhaltung von Takt in der Kritik, da ohne Takt keine Humanität möglich ist. S. stand insbesondere in Gegnerschaft zur jüngeren deutschen Literatur der Moderne. Diese weitgehend identisch mit der Gruppe 47 verstand sich als die Reaktion auf die Erfahrungen der Literatur während der Zeit des Nationalsozialismus. Obwohl S. mit ihr in dem alleinigen gesellschaftlichen und zivilisatorischen Auftrag der Literatur einvernehmlich war, warf er ihr eine Verachtung von Bildung, die Darstellung des Staates als allgemein verachtenswert, die Verneinung von Pathos als verlogen und von Ehrfurcht als lächerlich vor. Durch ihr Gruppenverständniß organisiert, habe sie, obgleich sie ihre Legitimation bei ihrem Selbstverständnis als insbesondere antiautoritär aus ihrer Frontstellung gegen das Establishment ziehe, sich Posten in Zeitungen und in Rundfunkanstalten und damit auch Macht erstritten. Ihre Kameraderie, Duzbrüderschaft und Hemdsärmeligkeit stießen den auf äußere Formen und ein zeremonielles Gebahren so bedachten S. ab. Insbesondere wandte er sich gegen ihre inhaltliche Darstellung von Personen und des Geschehens. »Unter Brüdern, viel Großes ist in den verflossenen Jahren auf dem Gebiet der Literatur deutscher Sprache nicht geleistet worden.« S. hielt bei seiner Vorliebe für den Roman als Prototyp der gesellschaftsbezogenen Kritik am auktorialen Erzählen fest. Der Autor müsse weiterhin Herr seiner Figuren bleiben, weil er nur damit individuelle Charaktere schaffen könne. Hiermit wandte sich S. gegen das krisenhafte Modernitätsbewußtsein von Adorno und Jens, nach welchen es einen allumfassenden Sinn in der heute vewalteten Welt nicht mehr geben könne, womit der Autor auch seine Omnipotenz über seine literarischen Personen preisgeben müsse. Der klassischen Literatur des Ich müsse die zeitgenössische des Sein folgen. Anders hingegen S., nur der mit seiner menschlichen Natur und mit seinem Willen sich gegen die Zeitumstände auflehnende Mensch könne auch letztlich sinnvoll in der Gemeinschaft kritisiert werden und auf diese damit auch zu bessern hinwirken. S. erwartet, daß trotz aller Kritik an den Zeitumständen und an den Personen, der Autor mit den von ihm geschaffenen Personen am Ende die Unverletztlichkeit des menschlichen Kernes und die Unerschöpflichkeit seines menschlichen Wesens triumphieren lasse. Es sollten nicht nur negative Gestalten auf den Leser einwirken. Halte man an der mit freiem Willen begabten Persönlichkeit nicht fest, so gebe man damit auch den Glauben an die Veränderbarkeit der Verhältnisse auf und könne damit auch letztlich die irdischen Mißstände nicht mehr der Gesellschaft selber, sondern allein Gott zuschieben. S. wandte sich auch gegen das abgehende atmosphärische Valeur. Der Leser müsse weiterhin den Genuß am Text haben. Erschütterung und Erlösung müßten folgen. Er bemängelt das Abgehen von Liebe. Alle drei, Erschütterung, Erlösung und Liebe würden die Gnade ausmachen, welche jedes Kunstwerk dem Leser und der Gesellschaft zu spenden habe, womit S. auf säkularisierte religiöse Elemente bei der zu habende Wirkung der Literatur zurückgriff. Bei der Abkehr von der deutschen metaphysischen Idee und der Hinwendung des in der Gesellschaft tätigen und für sie wirkenden Menschen müsse die Größe und Erhabenheit in dieser Weise erhalten bleiben. Die allgemeine Sehnsucht des Menschen nach großen Gefühlen müsse weiterhin bewahrt und gestillt werden. Dies brachte S. den von der Gruppe 47 gemachten Gegenvorwurf, sich nur mit großen Menschen und Schicksalen zu befassen ein. S.s Gegnerschaft zur Gruppe 47 resultiert wohl auch daraus, daß er bei seiner inneren Wandlung in der Nachkriegszeit und seinen eigenen hohen literarischen Fähigkeiten, von denen er immer selber überzeugt war, mit seiner Lust am Schreiben »Schreiben ist Leben« wohl gerne der Mentor der jungen deutschen Literatur der Moderne geworden wäre. Diese ihn jedoch wegen des Generationenwechsels und der ihm für die ältere Generation zu Last gelegten Vergangenheit nicht akzeptieren konnte. Hieraus ergab sich wohl auch eine persönliche Gegnerschaft seiner verletzten eigenen Künstlernatur. - S.s hauptsächliche Bedeutung und dies auch nach seinem eigenen Verständnis lag in der eines Vermittlers zwischen Deutschland und Frankreich. Er erkannte die komplementäre Ergänzung der Naturen der beiden Völker, deren Schwächen des anderen Stärken und deren Stärken des anderen Schwächen sind. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich als keinen internationalen Gegensatz, sondern als eine Menschheitsspannung, und jedes der beiden Länder repräsentiert die äußersten Möglichkeiten der menschlichen Natur (Gott in Frankreich). Die manchmal schwer zu kennzeichnenden Züge deutscher Mentalitäten können durch den Vergleich mit dem französischen Beispiel besser ausgedrückt und damit auch besser verstanden und bewältigt werden. S., der in seiner Natur immer deutsch geblieben war, er verfaßte seine Bücher alle in deutscher Sprache und zumeist in Deutschland, vermittelte seinen Landsleuten mit seinen stilistisch so glanzvollen Büchern und Zeitungsberichten einen bis dahin nicht gebotenen Einblick in das Wesen ihres vor und nach dem Ersten Weltkrieg so wenig geliebten Nachbarvolkes. Nach 1945 forderte S. Abschied von dem deutschen Sonderbewußtsein und den Eintritt in die Zivilisationsliteratur nach französischem Vorbild. Gleichfalls die Übernahme der dortigen Verbindung von Schriftsteller und Politiker. S.s insbesonderes Anliegen, und dies als Spiegelbild und Resultat seines eigenen literarischen und politischen Lebens war, daß seine Deutschen mehr französisch und die von ihm bewunderten Franzosen dennoch auch mehr deutsch werden.
Werke: Die Grade der lyrischen Formung. Beiträge zu einer Ästhetik des lyrischen Stils, Stuttgart 1920; Die Erlösung der Straße-Gedichte, Potsdam 1920; Oktoberlegende-Erzählungen, Hellerau, J. Hegner, 1922; Gott in Frankreich - Ein Versuch, Frankfurt a.M. 1929, erweiterter Neudruck 1954, auch französisch, englisch, schwedisch, norwegisch, italienisch, ungarisch, tschechisch, estnisch; Frankreichs rote Kinder, Frankfurt a.M. 1931, auch französisch; Vendée, Frankfurt a.M. 1931, auch französisch; Die rote Arktis »Malygins« empfindsame Reise, Frankfurt a.M. 1932, auch französisch; Es werde Deutschland, Potsdam 1933, auch französisch, englisch; Polen-Legende und Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 1934; Robespierre, Frankfurt a.M. 1935, Neudruck 1948, 1958, auch französisch, englisch, dänisch, norwegisch, schwedisch, ungarisch, italienisch; Portugal-Bildnis eines alten Landes, Frankfurt a.M. 1937, auch französisch; Afrikanischer Frühling - Eine Reise, Frankfurt a.M. 1938, auch französisch; Blick durchs Fenster. Aus zehn Jahren Frankreich und England, Frankfurt a.M. 1939, erweiterter Neudruck als Taschenbuch 1956, auch französisch; Die stählerne Blume - Eine Reise nach Japan, Frankfurt a.M. 1939, auch französisch, italienisch; Schwarzweiße Magie. Über die Freiheit der Presse, Tübingen und Stuttgart 1949; Unsere schönsten Jahre - Ein Leben mit Paris, Tübingen und Stuttgart 1950, auch französisch; Was nie verstummt - Begegnungen, Tübingen und Stuttgart 1951; Geliebte Ferne - Der schönsten Jahre anderer Teil, Tübingen und Stuttgart 1952; Hundertmal Gabriele-Erzählung, Tübingen und Stuttgart 1953; Kleine Geschichte Frankreichs, Frankfurt a.M. 1953; Die Lust am Untergang. Selbstgespräche auf Bundesebene, Hamburg 1954, auch als Taschenbuch; Nur für Leser-Jahre und Bücher, Stuttgart 1955, auch als Taschenbuch; Napoleon - Die hundert Tage, Stuttgart, Zürich und Salzburg 1956, auch französisch, englisch, holländisch, spanisch; Paris-Anblick und Rückblick (Reclams Universalbibliothek), Stuttgart 1959; Chateaubriand-Romantik und Politik, Stuttgart 1959, auch englisch; Helden und Opfer (Inselbücherei), Wiesbaden 1960; Das Geld des Königs. Eine Studie über Colbert, Stuttgart 1960; Lauter letzte Tage - Prosa aus zehn Jahren, Stuttgart 1961, auch als Sonderausgabe in der Reihe » Bücher der Neuzeit« Bd. 102, 1963; Eine Maiwoche in Paris, Frankfurt a.M. 1961; Im Licht und Schatten der Freiheit. Frankreich 1789-1848 - Bilder und Texte, Stuttgart 1961, auch französisch; Christian Dietrich Grabbe, Napoleon oder die hundert Tage. Mit dem vollständigen Text des Dramas, Frankfurt a.M. und Berlin 1963 (Dichtung und Wirklichkeit, 4); Gemischte Gefühle: Notizen zum Lauf der Zeit, Stuttgart 1964; Verloren ist kein Wort: Disputationen mit fortgeschrittenen Lesern, Stuttgart 1966; Nicht ohne Liebe. Profile der Weltliteratur, Stuttgart 1967; Robespierre, Napoleon, Chateaubriand, Stuttgart 1967; Französische Medaillons, Frankfurt a.M. 1967; Zur Literatur. Hrsg. von Fritz Joachim Raddatz, 2 Bände, 1924-1956, 1957-1963, Stuttgart 1981; Abmarsch in die Barbarei. Gedanken über Deutschland. Hrsg. von Klaus Harpprecht, Stuttgart 1983; Veröffentlichungen, die hierin nicht enthalten sind: Eigenbekenntnisse (1921), in: Hans Daiber, Vor Deutschland wird gewarnt. Siebzehn exemplarische Lebensläufe, Gütersloh 1967, 78-82; Hamlet in Florenz, in: Weltbühne (im folgende WB), 27.9.1923, 301 ff.; Die Prinzen von Arkadien, in: WB, 15.11.1923, 488 f.; Die deutsch-dänische Frage, in WB, 21.2.1925, 222 ff.; Norwegen, in: WB, 25.9.1924, 457-461; Auslandsdeutsche, in: WB, 9.12.1924, 884 f.; Herman Stehr in Kopenhagen, in: Frankfurter Zeitung (im folgenden FZ), 16.3.1925); Brandes und Dänemark, in: WB, 31.3.1925, 468-472; Brief an eine Dame, in: WB, 7.4.1925, 527; Zuhaus und draußen, in: WB, 14.7.1925, 50-52; Oslo, in: WB, 13.10.1925, 567-570; Ein Jude hat geschossen, in: Fazit, Hamburg 1929, 220-227; Zur Lage der französischen Intelligenz, in: Die Tat, Oktober 1929, 529-531; Antwort an Bernard Grasset, in: FZ, 19.12.1930; Deutschland und Frankreich, in: Die neue Rundschau, September 1931, 303-315; Requête à des amis, in: Revue d'Allemagne, Nr. 57, 15.7.1932, 561-564; Französische Neuigkeiten, in: FZ, 23.6.1935; Neue französische Romane, in: FZ, 22.12.1935; Zeugnisse, in: FZ, 17.5.1936; Diesseits von Stendhal und Gide, in: FZ, 20.12.1936; Neue französische Romane, in: FZ, 18.4.1937; Französische Moralisten, in: FZ, 19.6.1938; La France d'hier et de demain, in: F. Schonauer, Literatur im Dritten Reich, Freiburg i.Br. 1961, 169-175; Die Sprache als Schicksal, in: Deutschland - Frankreich 1, Paris 1942, 14-19; Ein armer Tyrann. Selbstanzeige anläßlich der Neuauflage des »Robespierre«, in: Die Gegenwart (im folgende Ggw), 1.3.1949, 21; Bücher von heute, in: Ggw, 1.3.1949, 19; Ein Weltbürger, über Friedrich Sengle, Wieland, Stuttgart 1950, in: Ggw, 1.1.1950, 22; Abakadabra, über Hermann Kasack, in: Ggw, 1.3.1951, 20; Kritik schafft Literatur, über Josef Hofmüller, in: Ggw, 1.5.1951, 20; Was ein Professor kann, über Alain, i.e. Emile Auguste Chartier, in: Ggw, 15.7.1951, 19 f.; Takt, über Robert Merle, Week-end à Zuidcoote, Paris 1950, in: Ggw, 15.7.1951, 23; Roman eines Jungen, über Romain Gary, Kleider ohne Leute, Frankfurt/M. 1951, in: Ggw, 1.8.1951, 23; Quakende Frösche, über Ernst Robert Curtius, in: Ggw, 15.8.1951, 20; Provinz, in: Ggw, 15.10.1951, 21; Balzac deutsch, in: Ggw, 26.4.1952, 278 f.; Literarischer Unfug, in: Ggw, 13.9.1952, 594-596; Intelligentsia, über Stephen Spender, Welt zwischen Welten, Frankfurt/M. 1952, in: Ggw, 22.11.1952, 768; Schweizer, über Max Rychner und Carl Jacob Burckhardt, in: Ggw, 17.1.1953, 53 f.; Bessermachen, in: Ggw, 11.4.1953, 245 f.; Das liebste Buch des Jahres, über Georg K. Glaser, Geheimnis und Gewalt, in: Die Zeit, 3.12.1953, 15; Liebevoll besorgt, über Herbert Lüthy, Frankreichs Uhren gehen anders, Zürich und Wien 1954, in: Ggw, 19.6.1954, 210; Grenzen über Otto Friedrich Bollnow, Unruhe und Geborgenheit im Weltbild neuerer Dichter, Stuttgart 1954, in: Ggw, 11.9.1954, 216; Sorge um die deutsche Linke, über Klaus-Peter Schulz, Opposition als politisches Schicksal, Köln 1958, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (im folgenden FAZ), 2.8.1958; Das Spiel mit der Vernichtung, über Jens Rehn, Die Kinder des Saturn, Darmstadt 1959, in: FAZ, 18.7.1959; Ja, diese Franzosen!, über Josef Müller-Marein, Die Bürger und ihr General, Hamburg 1959, in: FAZ, 30.1.1960; Die Wunde blutet wieder, über Bruno Brehm, Der Trommler, Graz 1960, in: FAZ, 30.4.1960; Unternehmen Gartenzwerg, in: FAZ, 11.1.1961; Wer war Emil Ludwig?, über E. Ludwig, Goethe, Hamburg 1960, in: FAZ, 6.5.1960; Qualvolles Selbstgespräch, über J.F.G. Grosser (Hrsg.), Die große Kontroverse. Ein Briefwechsel um Deutschland, Hamburg 1963, in: FAZ, 31.8.1963; Et alors? So what? Na, und?, über Arno Schmidt, Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk und Wirken Karl Mays, Karlsruhe 1963, in: FAZ, 11.1.1964; Ein ernstes Leben: Frank Thieß, über F. Thieß, Verbrannte Erde, Wien/Hamburg 1963, in: FAZ, 1.2.1964.
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Hermann Uhrig
Literaturergänzung:
Cecilia von Buddenbrock, F.S. (1893-1964). Frankfurt, M. 2007.
Letzte Änderung: 19.06.2007