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Band X (1995)Spalten 584-599 Autor: Michael Schaich

SIXTUS IV., Papst, * 21.7. 1414 als Francesco della Rovere in Celle bei Savona (Ligurien), † 12.8. 1484 in Rom. - F.d.R., der einer angesehenen, aber verarmten Familie entstammte, wurde von seiner Mutter bereits im Alter von neun Jahren in die Obhut des Minoriten Giovanni Pinarola gegeben. Von der Spiritualität und Frömmigkeit der Bettelmönche fasziniert, trat er noch vor Erreichen des kanonischen Alters in den Franziskanerorden ein, wobei er sich der Richtung der Konventualen anschloß. In der Folgezeit studierte er Philosophie und Theologie an den Ordenskonventen Savona und Chieri sowie den Universitäten Padua und Bologna. Nach dem Erwerb des Doktorgrades der Theologie in Padua am 14.4. 1444 begann für F.d.R. eine Zeit ausgedehnter Lehrtätigkeit: er unterrichtete an den Universitäten von Padua, Bologna, Pavia, Siena, Florenz und Perugia, wobei er die Hochachtung namhafter Zeitgenossen, etwa des Kardinals Bessarion, gewann. Daneben trat er als wirkmächtiger Prediger in Erscheinung. Sein erfolgreiches Wirken auf Katheder und Kanzel ließ ihn nach und nach auch zu wichtigen Ordensämtern aufsteigen. So wurde er 1460 zum Provinzial Liguriens gewählt und wenig später mit der Würde eines Generalprokurators betraut. Der Ordensgeneral Jacopo de Sarzuela ernannte ihn außerdem zu seinem Vikar für ganz Italien. Darüber hinaus vertrat F.d.R. den Orden auch auf einer an der Jahreswende 1462/63 vor Papst Pius II. abgehaltenen Disputation über die Heilig-Blut-Reliquien Christi, deren erlösender Wert zwischen Franziskanern und Dominikanern umstritten war. Obgleich die Mehrheit der Teilnehmer und auch der Papst selbst schließlich für die dominikanische Anschauung votierten, dürften die bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegte rhetorische Brillanz und scholastische Disputierkunst mit dafür ausschlaggebend gewesen sein, daß F.d.R. am 19.5. 1464 auf dem Generalkapitel von Perugia zum Generalminister des ganzen Franziskanerordens gewählt wurde. In dieser neuen Funktion ging er unverzüglich daran, eine Reform des Ordens ins Werk zu setzen: er begann mit der Visitation der Konvente und ordenseigenen Unterrichtsanstalten, machte sich an die Abfassung von Reformstatuten, die sog. Statuta Sixtina, und erreichte vor allem eine zumindest zeitweise Beendigung der internen Streitigkeiten zwischen Konventualen und Observanten. Seine rastlose Tätigkeit erhielt jedoch eine neue Richtung, als er am 18.9. 1467 - wohl auf Fürsprache Bessarions - von Papst Paul II. in den Kardinalsrang erhoben und nach Rom gerufen wurde. Dort bezog er einen Palast neben seiner Titelkirche S. Pietro in Vincoli, behielt aber ansonsten das Leben eines Franziskanermönchs bei. Die Leitung des Ordens gab er erst am 19.5. 1469 auf dem Generalkapitel von Venedig an Giovanni Zanetto ab. Während seines Kardinalats widmete sich F.d.R. vornehmlich theologischen Studien. So stellte er mehrere Abhandlungen fertig, von denen die beiden Traktate »De potentia Dei« und »De sanguine Christi« in einer gemeinsamen Ausgabe nach 1471 auch im Druck erschienen und in den folgenden Jahren einige Male neu aufgelegt wurden. Gerade letztere Schrift, die das Thema der Heilig-Blut-Reliquien wieder aufgriff, zeigte F.d.R. als Meister der allegorischen Bibelexegese, wie sie innerhalb des Franziskanerordens gepflegt wurde. Die gelehrten Studien wurden jedoch jäh unterbrochen, als F.d.R. in dem nach dem Tod Pauls II. abgehaltenen Konklave (6.-9.8. 1471) überraschend zum Papst gekürt wurde. Entscheidend für den Ausgang der Wahl waren die Unterstützung des Herzogs von Mailand sowie das geschickte Taktieren seines Neffen und Begleiters im Konklave, des Minoriten Pietro Riario, der in einer Patt-Situation zwischen den beiden erklärten Favoriten die Mehrheit der Kardinäle durch großzügige Versprechen auf die Seite seines Onkels ziehen konnte. Wie bei den vorangegangenen Papstwahlen mußte auch F.d.R., der den Namen S. IV annahm, eine Wahlkapitulation unterschreiben, die u.a. Bestimmungen gegen eine allzu starke Ausweitung des Heiligen Kollegs und Ermahnungen zur Fortführung der Reform der Kurie enthielt. Dessenungeachtet wies der Pontifikat S.' IV von Anbeginn an ein Karakteristikum auf, das sein Bild bei den Zeitgenossen wie den späteren Historikern maßgeblich prägen sollte, nämlich den schrankenlosen Nepotismus. Bereits am 16.12. 1471 erhob S. IV in einem symbolträchtigen Akt seine beiden noch jugendlichen Neffen Pietro Riario und Giuliano della Rovere in souveräner Mißachtung der Wahlkapitulation zu Kardinälen. Als Pietro Riario bereits 1474 verstarb, nahm seinen Platz als engster Ratgeber des Papstes sein Bruder Girolamo Riario ein, den S. IV zum Herrn von Imola und Forlì und zum Generalkapitän der päpstlichen Truppen bestellte. Darüber hinaus besetzte S. IV zahlreiche weitere geistliche und weltliche Schlüsselpositionen innerhalb der Kurie und des Kirchenstaats mit Angehörigen verwandter Familien, die seit seiner Wahl aus Ligurien nach Rom gekommen waren. Dieses bis dahin beispiellose Ausmaß des Nepotismus verdankte sich jedoch weniger fehlgeleiteter Freigiebigkeit und Zuneigung als einem wohldurchdachten politischen Kalkül: S. IV, der während seines nur vierjährigen Kardinalats keine eigene Hausmacht hatte aufbauen können, benötigte »reliable agents, his own creatures, who could be trusted with the initiation and execution of his policies, even if they ran counter to vested interests« (E. Lee). Mit der Bevorzugung von Familienmitgliedern ging auch ein zunehmender Fiskalismus der Kurie einher. Die generelle Versorgung der Papstverwandten, die verschwenderische Hofhaltung der Nepoten, die gleichfalls politischen Zwecken diente, sowie die diversen politischen Unternehmungen, die auf die Vorschläge der Vertrauten S.' IV zurückgingen, erzwangen die Erschließung neuer Finanzquellen. So wurden neben der Verdoppelung der käuflichen Ämter und der Ausweitung des Ablaßwesens auch die Abgaben im Kirchenstaat und die Annaten heraufgesetzt. Die Zuständigkeit für diese Maßnahmen wurde unter S. IV immer mehr der Datarie übertragen, die neben der apostolischen Kammer zur wichtigsten kurialen Behörde aufstieg. Überhaupt wuchs während der Regierung S.' IV der kuriale Verwaltungsapparat beträchtlich an. Auch das Kardinalskollegium erfuhr eine beachtliche Ausweitung, erlangten während des dreizehnjährigen Pontifikats doch nicht weniger als 30 Kardinäle, darunter insgesamt sechs Papstnepoten, den begehrten Purpur. Da bei der Auswahl der Kandidaten eher politische denn kirchliche Erwägungen im Vordergrund standen, veränderte sich zudem der Charakter des Gremiums. Die meisten Kardinäle eiferten der luxuriösen Lebensführung weltlicher Prinzen nach, bemühten sich um eine pompöse Hofhaltung, feierten Feste, gingen auf die Jagd oder frönten dem Spiel. Ein Versuch des persönlich sehr streng lebenden Papstes, diese Auswüchse mit Hilfe einer Reformbulle abzustellen, scheiterte am Widerstand der Betroffenen. In weiten Kreisen der Kirche stießen die Verhältnisse an der römischen Kurie allerdings auf heftige Kritik: der Fiskalismus und Nepotismus des Heiligen Stuhls, die Verweltlichung des Kardinalskollegiums und vor allem die von S. IV betriebene Ausweitung des Ablaßwesens, die im Zusammenhang mit den Kreuzzugsprojekten sowie der Feier des Jubeljahres 1475 bis dahin ungekannte Höhepunkte erreichte, gaben der Forderung nach Einberufung eines allgemeinen Reformkonzils reichlich Nahrung. Solchen Ansinnen trat S. IV, der an der monarchischen Gestalt der Kirche unverbrüchlich festhielt, stets entschieden entgegen: 1478 erklärte er nicht nur die Dekrete des Konzils von Konstanz für ungültig, sondern erneuerte auch das Verbot der Appellation an ein Konzil, das Papst Pius II. 1460 erlassen hatte. Doch weder diese Maßnahmen noch der Erlaß einer eigenen Bulle am 15.7. 1483, die die Anrufung eines Konzils erneut strikt untersagte, hatten den gewünschten Erfolg. Vielmehr fiel in das Pontifikat S.' IV der »erste wirkliche Konzilsversuch seit dem Ende der Baseler Synode« (F.X. Seppelt - G. Schwaiger), als der Erzbischof von Krajina, Andrea Jamometic, am 25.3. 1482 im Baseler Münster das Konzil eigenmächtig wiedereröffnete und S. IV vor dieses Tribunal zitierte. Obgleich einige romfeindliche Mächte, allen voran Neapel und Florenz, anfangs Gesandte schickten und eine heftige publizistische Debatte entbrannte, gelang es dem Papst doch bald, Kaiser Friedrich III. auf seine Seite zu ziehen, der dann dem Konzilsversuch noch vor Ablauf des Jahres 1482 ein Ende bereitete. Den Primat des Papstes brachte S. IV auch bei der Ausgestaltung der christlichen Lehre zur Geltung, indem er Inquisitoren gegen heterodoxe Gruppierungen in Piemont, Frankreich, Deutschland oder Ungarn vorgehen ließ und manche provozierende Stellungnahme eines Theologen mit einer Lehrverurteilung belegte. In die gleiche Richtung zielte die am 1.11. 1478 erfolgte Bestätigung der vom spanischen Herrscherpaar Ferdinand und Isabella wiederbelebten Inquisition auf der iberischen Halbinsel. Beschwerden über das mißbräuchliche und ungerechte Vorgehen der Inquisitoren, das vornehmlich gegen Juden und Moslems gerichtet war, bewogen S. IV in der Folge allerdings zu mehrfachen Interventionen am spanischen Königshof. Als Resultat dieser Verhandlungen wurde die Inquisition 1483 in Form einer zentralistischen und hierarchisch strukturierten Behörde organisiert, in der bei allem weltlichen Einfluß das kirchliche Element dominierte. Fragen der Reinheit der christlichen Lehre standen schließlich bei dem Streit zwischen Dominikanern und Franziskanern um die Unbefleckte Empfängnis Mariens auf dem Spiel, in den S. IV mehrfach eingriff. Selbst zeit seines Lebens ein rückhaltloser Verfechter der Theorie von der Unbefleckten Empfängnis setzte er als Papst alles daran, dieser Sichtweise zum Durchbruch zu verhelfen: er verbot Schriften der Gegner, erkannte am 28.2. 1476 das Fest der Unbefleckten Empfängnis mit einer Messe und einem eigenen Offizium an und sprach sich schließlich in dem Schreiben »Grave nimis«, das am 4.9. 1483 publiziert wurde, unmißverständlich zugunsten der Freiheit Mariens von der Erbsünde im Augenblick ihrer Empfängnis aus. Abgesehen von seiner Involvierung in diese Kontroverse förderte S. IV auch sonst allenthalben die Verehrung Mariens, etwa indem er 1475 eine Bulle erließ, die das Fest Mariae Heimsuchung wieder zu Ansehen bringen sollte, oder in Rom mehrere Kirchen mit Marien-Patrozinien errichtete. Daneben kümmerte er sich in besonderem Maße um die Verbreitung franziskanischer Spiritualität, was in der Heiligsprechung verschiedener Ordensmitglieder, u.a. Bonaventuras (14.4. 1482), gipfelte. Bei diesen Gunstbezeugungen gegenüber seinem alten Orden ließ es S. IV jedoch nicht bewenden: die Franziskaner erhielten während seiner Regierungszeit zahllose Privilegienbestätigungen und -erweiterungen. Gleiches galt auch - wiewohl in geringerem Umfang - für die Dominikaner und die übrigen Mendikantenorden. Während des Jahres 1472 beabsichtigte S. IV zudem, die Spaltung des Franziskanerordens, die ihn bereits als Generalminister beschäftigt hatte, durch die Unterwerfung der Observanten unter die Konventualen endgültig zu beenden. Seine Initiative scheiterte jedoch am ordensinternen Widerstand sowie an den Protesten mehrerer weltlicher Fürsten. - Weitaus weniger umstritten als die Maßnahmen auf dem Gebiet der Kirchenadministration war das Wirken des ersten Rovere Papstes als Mäzen. Unter seiner Ägide wurde der päpstliche Hof zu einem Zentrum des Humanismus und der Kunst in ganz Europa. Den Grund für den kulturellen Aufstieg Roms legte S. IV mit der Neueinrichtung der Vatikanischen Bibliothek, als deren zweiter Gründer er gelten darf. Er vermehrte nicht nur den aus der Zeit Nikolaus' V. überkommenen Buchbestand beträchtlich, sondern gab der Bibliothek mit der Einräumung eines eigenen Gebäudes, der Zuweisung regelmäßiger Finanzmittel, der Öffnung für Benutzer und der Einsetzung eines Bibliothekars, dem Gehilfen zur Seite standen, ein tragfähiges institutionelles Gefüge. Über die Bereitstellung der Bücher hinaus kümmerte sich S. IV auch um die Berufung namhafter Humanisten, die am sog. »studium urbis« unterrichten sollten. Da er außerdem noch die Wiedereröffnung der unter Paul II. wegen ihrer Beschäftigung mit der heidnischen Antike verbotenen römischen Akademie gestattete, versammelte sich rasch ein Kreis berühmter Gelehrter um S. IV, dem u.a. Pomponio Leto, Bartolomeo Platina, Sigismondo de' Conti oder Jacopo Gherardi angehörten. Neben der Pflege der gelehrten Studien galt das Augenmerk des Papstes aber vor allem der Förderung der Künste. Die Regierungszeit S.' IV erlebte einen gewaltigen Bauboom, an dem führende Architekten (Giovanni de' Dolci, Giacomo de Pietrasanta, Baccio Pontelli), Bildhauer (Mino da Fiesole, Andrea del Verrocchio, Andrea Bregno) und Maler (Melozzo da Forlì, Pietro Perugino, Domenico Ghirlandajo, Bernardino Pinturricchio, Sandro Botticelli) teilhatten. So wurde zur Verschönerung der Stadt mit der Verbreiterung und Pflasterung alter sowie der Anlage neuer Straßen begonnen und zusätzlich eine Brücke, der Ponte Sisto, über den Tiber geschlagen. Veränderte sich das bis dato noch weitgehend mittelalterliche Stadtbild Roms durch diese Eingriffe in die Topographie schon erheblich, so erfuhr es durch die zahlreichen Neu- und Umbauten eine weitere entscheidende Umgestaltung. Auf Geheiß S.' IV wurden prachtvolle Profanbauten erstellt, unter denen das gewaltige Hospital S. Spirito den ersten Rang beanspruchte, und zahlreiche Kirchen entweder aufwendig restauriert oder neu errichtet, wie etwa S. Maria del Popolo und S. Maria della Pace. Das berühmteste dieser Projekte war aber zweifellos der wohl 1473 begonnene Bau der Sixtinischen Kapelle, der päpstlichen Palastkapelle, deren Längswände 1481/83 von den umbrischen Meistern ausgemalt wurden. Gleichwohl wäre das Programm einer »Renovatio urbis« Stückwerk geblieben, hätten nicht die Kardinäle, die dem Papst an Prachtentfaltung stets gleichzukommen suchten, mit eigenen Palast- und Kirchenbauten zu seinem Gelingen beigetragen. So aber entwickelten sich die dreizehn Jahre der Regierung S.' IV zu einer der wichtigsten Phasen in der Kunstgeschichte der Heiligen Stadt. In dieser vergleichsweise kurzen Zeitspanne wurden die Grundlagen für das Rom der Renaissance gelegt. - Diese Leistung muß um so mehr erstaunen, als der Kirchenstaat während der Regierung S.' IV unabläßig in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt war. Bereits unmittelbar nach Übernahme seiner Amtsgeschäfte hatte sich S. IV für einen Kreuzzug gegen die Türken, die unter Sultan Mohammed II. immer weiter auf christliches Gebiet vorgestoßen waren, begeistert. Alle Versuche, eine umfassende Koalition der europäischen Fürsten zustande zu bringen, scheiterten jedoch kläglich, so daß 1472 nur ein einzelner Flottenverband, den S. IV zusammen mit Venedig und Florenz ausgerüstet hatte, in See stechen konnte. Nach einigen Scharmützeln an der kleinasiatischen Küste kehrten die Galeeren allerdings noch im selben Jahr ohne nennenswerten Erfolg in ihre Heimathäfen zurück. Auch eine - parallel zu den militärischen Unternehmungen - mit großem diplomatischen Aufwand in die Wege geleitete Allianz zwischen dem Papsttum und Großherzog Iwan III. von Moskau, die nicht nur den türkischen Sultan an zwei Fronten gleichzeitig bedrohen, sondern auch eine Union zwischen der römischen und der russischen Kirche begründen sollte, erwies sich rasch als Fehlschlag. In der Folgezeit drängte der latente Konflikt mit Lorenzo de' Medici die Idee eines Kreuzzuges immer mehr in den Hintergrund. Spätestens seit 1473 traten nämlich die Spannungen zwischen dem Kirchenstaat, den S. IV wie ein italienisches Fürstentum führte, und Florenz aufgrund der beiderseitigen territorialen Ansprüche in Mittelitalien offen zutage. Streitobjekt war u.a. die Grafschaft Imola, die der Papst 1473 Mailand abkaufte und seinem Neffen Girolamo Riario als Lehen übertrug. Im Gegenzug unterstützte Lorenzo de' Medici mehrfach lokale Aufstände im Herrschaftsbereich des Papstes. Bis zum Frühjahr 1478 hatte sich die Situation schließlich so zugespitzt, daß sich mit Rom, Neapel und Siena auf der einen und Florenz, Venedig und Mailand auf der anderen Seite zwei Bündnisblöcke unversöhnlich gegenüberstanden. Während dieser Monate, in denen ein Krieg unmittelbar bevorzustehen schien, bereitete Girolamo Riario einen Mordanschlag auf die führenden Häupter der Medici vor. Doch die am 26.4. 1478 im Dom zu Florenz durchgeführte sog. Pazzi-Verschwörung scheiterte: Lorenzo de' Medici konnte sich leichtverletzt retten und den Aufstand niederschlagen. Die Folgen für den Heiligen Stuhl waren katastrophal: die moralische Autorität S.' IV, der von dem Komplott gewußt hatte, war schwer beschädigt. Zudem entbrannte nunmehr ein umfassender italienischer Krieg, der sich ohne entscheidenden militärischen Erfolg einer Seite über ein Jahr hinzog. Erst als im Dezember 1479 der König von Neapel einen Separatfrieden mit Florenz schloß, sah sich auch S. IV zur Annahme von Friedensbedingungen genötigt. Die Eroberung Otrantos durch türkische Truppen am 11.8.1480 beschleunigte die Aussöhnung zwischen den ehemaligen Feinden, so daß Anfang Dezember 1480 die Streitigkeiten zwischen Rom und Florenz endgültig beigelegt werden konnten. Teil der Abmachung war auch die Stellung eines florentinischen Kontingents für den Krieg gegen die Türken. Der Fall Otrantos hatte nämlich die alten Kreuzzugspläne S.' IV, die ihn bereits 1475 vergeblich beschäftigt hatten, wieder aufleben lassen. Doch trotz des allgemeinen Schocks über die erstmalige Eroberung italienischen Bodens durch türkische Truppen vermochte es der Papst nicht, die europäischen Mächte zu einem geschlossenen Vorgehen zu bewegen. Selbst eine am 8.4. 1481 erlassene Enzyklika, die zum Kampf gegen die »Ungläubigen« aufrief, verhallte ungehört. Wie schon zu Beginn seiner Regierung war S. IV gezwungen, weitgehend auf eigene Kosten eine Flotte auszurüsten. Dieser gelang es - mit Unterstützung neapolitanischer und ungarischer Hilfstruppen - tatsächlich, Otranto nach mehrmonatiger Belagerung am 10.9. 1481 zurückzuerobern. Eine Fortsetzung des Feldzuges, die S. IV nicht zuletzt wegen des im Sommer erfolgten Ablebens Sultan Mohammeds II. vehement forderte, scheiterte jedoch am Widerstand des päpstlichen Admirals. Kurz darauf sah sich das Papsttum bereits in einen neuen inneritalienischen Krieg verwickelt. Im Herbst 1481 hatte Girolamo Riario, der ein eigenes Fürstentum in Mittelitalien anstrebte, mit Einverständnis S.' IV ein Bündnis zwischen dem Heiligen Stuhl und der Serenissima geknüpft, das gegen Neapel gerichtet war. Letzte Vermittlungsversuche scheiterten, als Mitte April 1482 der König von Neapel, der u.a. mit Florenz und Mailand im Bunde stand, den militärischen Schlagabtausch von sich aus eröffnete. Der folgende Krieg, der in wechselnden Koalitionen und mit schwankendem Waffenglück ausgetragen wurde, erwies sich für Rom als besonders fatal, da auch die stadtrömischen Familien der Orsini und Colonna auf beiden Seiten in die Kämpfe eingriffen und die Stadt zeitweise in bürgerkriegsähnliche Zustände stürzten. Erst im Laufe des Jahres 1484 kamen aufgrund der allgemeinen Erschöpfung der Kriegsparteien Friedensverhandlungen zustande. Sie mündeten schließlich am 7.8. 1484 in den Frieden von Bagnolo, der dem Kirchenstaat nicht den erhofften Landgewinn einbrachte. Nur wenige Tage später, am 12.8. 1484, verstarb der seit einiger Zeit kränkelnde S. IV - angeblich am Ärger über die schimpflichen Friedensbedingungen. Er wurde in St. Peter beigesetzt, wo ihm Giuliano della Rovere ein von Antonio Pollaiuolo geschaffenes prächtiges Grabmal errichten ließ. - Während des Pontifikats S.' IV brachen sich Entwicklungen Bahn, die den Weg des Papsttums bis weit in das nächste Jahrhundert hinein bestimmen sollten. So setzte ein allgemeiner Verweltlichungsprozeß ein, der nicht nur in dem unerhörten Nepotismus oder Fiskalismus der Kurie, sondern auch in der luxuriösen Hofhaltung der Kardinäle sowie der Umgestaltung Roms zu einem Zentrum des Humanismus und der Renaissance zum Ausdruck kam. Zugleich lassen sich jedoch auch gegenläufige Tendenzen beobachten, die einer Spiritualisierung und Reformierung der Kirche Vorschub leisten sollten, oftmals aber schon im Ansatz steckenblieben. Am nachhaltigsten wurde das Bild S.' IV allerdings durch die zahllosen politischen Abenteuer geprägt, in die er den Kirchenstaat - meist aufgrund der Einflüsterungen seiner Nepoten - führte und die in der Regel wenig erfolgreich endeten. In all diesen Beziehungen erwies sich S. IV als ein rechter Vertreter des sog. Renaissancepapsttums, das in seiner Person einen ersten Höhepunkt erlebte.

Lit.: (Eine fortlaufende Bibliographie zum Pontifikat S.' IV. findet sich in der Zs. »Archivum Historiae Pontificiae« (AHP). Als Ergänzung kann die - kommentierte - bibliographische Übersicht in der Zs. »roma nel rinascimento. bibliografia e note« dienen.) [Bartolomeo Platina], Vita S. IV, in: Ludovicus Antonius Muratorius, Rerum italicarum scriptores ab anno aerae christianae quingentesimo ad millesimum quingentesimum, III, 2, Mailand 1734, 1053-1068; - [Stefano Infessura], Diarium Romanum Urbis ab anno MCCCCLXXXI ad MCCCCXCII, in: ebd., 1071-1108; - Ders., Diario della città di Roma, hrsg. v. Oreste Tomasini, Rom 1890; - A. von Schmarsow, Melozzo da Forlì, Berlin 1886; - Eugène Müntz - Paul Fabre, La bibliothèque du Vatican au XVe siècle d'après des documents inédits, Paris 1887; - E. Frantz, S. IV und die Republik Florenz, Regensburg 1880; - Eugène Müntz, Un mécène italien au XVe siècle: les lettres et les arts à la cour de Rome pendant la règne de S. 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Michael Schaich

Literaturergänzung:

1986

Heinz-Meinolf Stamm, L'interessamento di Sisto IV per gli ordini mendicanti mediante la "comunicazione dei privilegi", in: Antonianum 61.1986, S. 125-134; - José Ruysschaert, La Bibliothèque Vaticane dans les dix premières années du pontificat de Sixte IV, in: AHP 24.1986, S. 71-90; -

1991

Cesare Cenci, Ad Bullarium Sixti IV supplementum (1), in: AFrH 83.1990, S. 491-535;- Cesare Cenci, Ad Bullarium Sicti IV supplementum (2), in: AFrH 84.1991, S. 51-150; -

2003

Wolfgang Strobl, Der Papstneffe Pietro Riario als Antichrist. Zeitkrit. in e. apokalypt. Epos d. 15. Jh.?, in: AHP 41.2003, S. 73-81; -

2005

Repertorium poenitentiariae germanicum. Bd. 6: Sictus IV. 1471-1484. Bearb. von Ludwig Schmugge. 2 Bde. Tübingen 2005; -

2006

Cesare Cenci, Il movimento francescano germanico sotto l'occhio della Penitenzieria Apostolica al tempo di Sisto IV (1471-1484), in: AFrH 99.2006, S. 551-565.

Letzte Änderung: 19.06.2009