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Verlag Traugott Bautz
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SOLF, Wilhelm Heinrich, dt. Politiker, * 5.10. 1862 in Berlin, † 6.2. 1936 in Berlin. - S. entstammte einem sehr wohlhabenden und liberal gesinnten Elternhaus. Er besuchte die Gymnasien in Anklam (Pommern) und Mannheim, wo er im Juli 1881 seine Reifeprüfung ablegte. Danach studierte er indische Philologie, Sanskrit und Philosophie in Berlin, Göttingen und Halle. Seine Promotion zum Dr. phil. legte er im Winter 1885 ab. Eine von ihm in dieser Zeit verfaßte Sanskrit-Grammatik bildete für die Studenten der Indologie für viele Jahre ein elementares Hilfsmittel. Nachhaltigen Einfluß auf ihn übte sein eigentlicher Lehrer, der bekannte Indologe Richard Pischel, aus. Nach seiner Promotion arbeitete S. für ein Jahr als Assistent an der Universitätsbibliothek in Kiel, wo er auch bei der Marineinfanterie diente. Er wurde jedoch sehr bald als wehruntauglich entlassen. Am 10.12. 1888 trat er in die Dienste des Auswärtigen Amtes und nahm die Sekretariatsgeschäfte am Kaiserlichen Generalkonsulat in Kalkutta wahr. Seine vielseitige Veranlagung zeigte sich, als er im Frühjahr 1891 das Jurastudium an der Universität Jena aufnahm. Vor dem Oberlandesgericht Jena konnte S. im September 1896 die große juristische Staatsprüfung ablegen. Damit war er für höhere Positionen im diplomatischen Dienst gerüstet. Im November 1896 meldete er sich zum Dienst in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes. Ein neuer Lebensabschnitt begann, als er im Frühjahr 1898 als Richter nach Daressalam (Deutsch-Ostafrika) geschickt und neben seiner richterlichen Tätigkeit mit Verwaltungsaufgaben, z. B. mit den auswärtigen Beziehungen und mit dem schwierigen und dornenreichen Verkehr mit den christlichen, oft politisierenden Missionen, betraut wurde. Seit Spätherbst 1898 wirkte S. in Samoa. Dort war das politische Zusammenwirken der drei Kolonialmächte USA, England und Deutschland sehr erschwert, u. a. wegen der in Samoa tätigen Missionsgesellschaften, welche die Eingeborenen in verschiedenen Konfessionen zu erziehen suchten und sie dadurch noch mehr entzweiten. Unverhohlen übte S. Kritik an verschiedenen Missionspraktiken und den damit verbundenen Auswüchsen. Als Munizipalpräsident seit 1899 war er in der dortigen schwierigen Bürgerkriegssituation gerade angesichts der seit Jahren schwelenden Konflikte wegen der Königswahl der Samoaner stets um Ausgleich zwischen den Kolonialmächten auf Samoa bemüht. Spätestens seit dieser Zeit galt er als Freund der Angelsachsen. Überhaupt wirkten die angelsächsischen Staats- und Lebensideale auf ihn großen Einfluß aus. S. hat gewichtigen Anteil daran, daß es zur Zusammenarbeit der Mächte auf Samoa gekommen ist. Kennzeichnend für ihn war seine diplomatische Zurückhaltung, die allerdings nicht überall ungeteilte Zustimmung fand. Besonders militärische Kreise schlugen nationale Töne an und forderten ein forscheres Auftreten S.s. Seit 1.3. 1900 war S. kaiserlicher Gouverneur auf dem deutschen Teil von Samoa. Seine konfessionelle Neutralität als Gouverneur diente der ruhigen Entwicklung der Verhältnisse. Aus der Sicht S.s mußten sich die Ansprüche der Religion in die harmonische Zusammenarbeit aller Kulturbringer einordnen. Für ihn war Religion lediglich ein Teil der umfassenden Kulturidee. Großes Interesse zeigte er am Buddhismus, ließ sich selbst jedoch von ethisch-christlichen Grundsätzen leiten. In seinem Wirkungskreis versuchte S. die Eingeborenen vor den Kolonisten zu schützen, da sie seiner Meinung nach nur als Ausbeutungsobjekte angesehen wurden. Bei der innenpolitischen Neuordnung respektierte er die alte samoanische Stammeseinteilung im wesentlichen und beließ die Distrikthäuptlinge mit ihren Rechten und Pflichten auf ihren Posten. Er verfolgte eine behutsame `Eindeutschung' der Eingeborenen. Unter S. wurden auf Samoa die Schulverhältnisse erheblich verbessert. Eine herausragende Leistung war es, daß er mit friedlichen Mitteln den Lamati-Aufstand gegen die weiße Vorherrschaft bezwang. Am 12.12. 1911 wurde S. Staatssekretär des Reichskolonialamts unter gleichzeitiger Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat. Er bereiste als erster und letzter Kolonialstaatssekretär den gesamten überseeischen Kolonialbesitz Deutschlands. Mit 50 Jahren heiratete S. Johanna Dotti (1887-1954), die Tochter eines wohlhabenden Berliner Gutsbesitzers. Sie schenkte ihm eine Tochter und drei Söhne. S. war und blieb ein liberaler Geist, der sich gegen Antisemitismus aussprach und für einen interkonfessionellen Religionsunterricht plädierte. Die Überlegenheit der Europäer führte er auf die weiterentwickelte Zivilisation, nicht auf die Rasse zurück. Insofern war für ihn Kolonisieren gleichbedeutend mit Missionieren im Sinne der Erziehung zur Kultur. Zugleich ging es ihm darum, das jeweilige Land wirtschaftlich zu erschließen. Kolonialpolitik betrieb S. nicht allein unter kolonialen Aspekten, sondern vor dem Hintergrund der allgemeinen auswärtigen Beziehungen des Deutschen Reiches, v. a. einer Annäherung an England. Hohe Sensibilität und großes Verständnis für fremdes Volkstum zeichnete ihn aus. Er hielt zahlreiche Kontakte nicht nur politischer Art, sondern auch zu den Größen deutschen Geisteslebens. So war er Mitbegründer und Vorsitzender der »Deutschen Gesellschaft 1914«, die sich aus Intellektuellen, ranghohen Politikern und Industriellen aller Richtungen zusammensetzte. Am Anfang und während des Krieges setzte sich S. gegen einen Annexionismus in Europa ein, wandte sich gegen den U-Boot-Krieg und trat für einen Verständigungsfrieden ein. Reichskanzler Hertling berief S. ins Kriegskabinett wegen seiner hohen Wertschätzung als Verhandlungspartner im neutralen Ausland. Unter Prinz Max von Sachsen wurde S. Staatssekretär im Auswärtigen Amt, wobei er das Amt des Kolonialstaatssekretärs beibehielt. Unter Friedrich Ebert, dem Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten, erreichte S. den Höhepunkt seiner Karriere, als er zum ersten Außenminister der Weimarer Republik ernannt wurde. Als erster republikanischer Außenminister und ebenso als Staatssekretär des Reichskolonialamts trat er bereits am 13.12. 1918 zurück. Trotz seiner kurzen Wirksamkeit im Auswärtigen Amt führte er die schon seit längerem vorbereitete, bedeutsame Reform des auswärtigen Dienstes durch, nämlich die Vereinigung der konsularischen mit der diplomatischen Laufbahn. Parteipolitisch war S. nicht gebunden, auch wenn er bei der Wahl zur Nationalversammlung für die Demokratische Partei kandidierte. Einen letzten wichtigen, wenn auch relativ einflußlosen Posten erhielt S. dank der Protektion Eberts, als er 1920 erster Geschäftsträger des republikanischen Deutschen Reiches in Tokio wurde. Seine offizielle Ernennung zum Botschafter des Deutschen Reiches in Japan erfolgte im Dezember 1920. Hier erzielte S. große diplomatische Erfolge und Fortschritte. Im April 1923 wurde er wohl deshalb Doyen des Diplomatischen Korps. S. selbst hoffte auf eine Verwendung in England oder in den USA. Es war u. a. das Verdienst S.s, daß der erste deutsch-japanische Staatsvertrag nach dem Krieg im Juli 1927 zustandekam. Eine Ehrung bedeutete die Ernennung S.s zum Präsidenten der Asiatic Society in Tokio im Frühjahr 1925. Den japanisch-deutschen Kulturaustausch förderte S. aus Überzeugung. So inspirierte er die Errichtung des japanisch-deutschen Kulturinstituts in Tokio, das am 1.8. 1927 eröffnet werden konnte. Wenngleich S. im Herbst 1927 von seinem Posten abberufen wurde, blieb er noch bis zum Dezember 1928 im Amt. Damit war seine politische Karriere beendet, obwohl ihm noch im Frühjahr 1930 der Posten eines deutschen Mitglieds der Mandatskommission des Völkerbundes in Genf von der Reichsregierung angeboten wurde. Am Ende seines Lebens bekleidete S. im kulturellen Bereich verschiedene Ehrenposten. Der SeSiSo-Club, benannt nach den Anfangsbuchstaben seiner Träger Generaloberst a. D. von Seeckt, Reichsgerichtspräsident a. D. Simons und Botschafter a. D. Solf, organisierte gesellschaftliche Zusammenkünfte unter Beteiligung von ein- bis zweihundert Personen der geistigen Oberschicht des politischen Lebens in Deutschland. Politischer Einfluß ging von diesen Treffen allerdings nur selten aus. Am 30.11. 1929 erhielt S. die Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg und 1930 den Dr. theol. h.c. durch die theologische Fakultät der Universität Göttingen. 1932 unterstützte S. die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten. Er wollte zusammen mit anderen eine deutsche Mittelpartei gründen, was jedoch bereits im Ansatz mißlang. Die aufkommende nationalsozialistische Bewegung unterschätzte der ehemalige Staatssekretär. Um sich sammelte er zusammen mit seiner Frau Johanna im sogenannten Solf-Kreis Gegner des Nationalsozialismus. S. war oft zuwenig Machtpolitiker und hat trotz seiner hohen Positionen die Politik nie selbst wesentlich beeinflussen können. Er verfügte über keine parteipolitische Stütze, die er in der Weimarer Republik für ein hohes Amt benötigt hätte. Die Weimarer Republik hat auf die Mitarbeit und Erfahrung S.s weitgehend verzichtet. Die Bedeutung S.s., den ein weltbürgerlicher Humanismus auszeichnete, liegt am ehesten darin, daß er es verstand, Deutschland Freunde in der Welt zu schaffen. Dies war seine große und historische Leistung.
Werke: Die Kaçmîr-Recension der Pañçâcikâ (Diss. Halle 1886); Kielhorn, Frz., Grammatik der Sanskrit-Sprache, aus dem Engl. übersetzt v. W. Solf, 1888, ND, Wiesbaden Steiner 1965; Eingeborene und Ansiedler auf Samoa, als Manuskript gedruckt, Berlin 1908; Rede zur Gründung der Deutschen Gesellschaft 1914, Berlin 1915; Die deutsche Kolonialpolitik, in: Deutschland und der Weltkrieg, hrsg. v. O. Hintze / F. Meinecke / H. Oncken / H. Schumacher, I, 1916; Die Lehren des Weltkriegs für unsere Kolonialpolitik, Stuttgart-Berlin 1916; Das deutsche und das englische koloniale Kriegsziel [Rede in Leipzig vom 7.6.1917], Berlin 1917; Die Zukunft Afrikas [Vortrag in der Berliner Philharmonie vom 21.12.1917], Berlin 1917; Rede in der Deutschen Gesellschaft 1914 am 20.8.1918, Leipzig 1918; Kolonialpolitik. Mein politisches Vermächtnis, Berlin 1919; Schnee und Lettow-Vorbeck, 1920; Afrika für Europa. Der koloniale Gedanke des 20. Jahrhunderts, Neumünster 1920; Einleitung zu: Takeutschi, Die Wahrheitssucher, Leipzig 1923; Die Erschließung der deutschen Archive, in: Archiv für Politik und Geschichte 12/1926; Mahayana - the Spiritual Tie of the Far East, in: Japan Chronicle v. 9.5.1926; The New International Conscience. Address to the League of Nations Association of Japan 20.2.1928, Tokio 1928; Deutschlands politisches Gesicht, in: Europäische Revue 9/1930; Wie kam es zum Konflikt im Fernen Osten?, in: Berliner Börsen-Zeitung v. 25.03.1932; Auslandsdeutschtum und Heimat, in: Königsberger Hartungscher Zeitung v. 5.5.1932; Gegen die Unvernunft. Briefwechsel 1915-1918 mit Paul Graf Wolff-Metternich, hg. v. Eberhard von Vietsch, 1964.
Lit.: M. v. Hagen, Dem Andenken Solfs, in: Europäische Revue 11/1942; - Colin Newbury, Partition, development, trusteeship: Colonial Secretary Wilhelm Solf's West African journey, 1913, in: Britain and Germany in Africa. Imperial rivalry and colonial rule, ed. by Professor Gifford and Wm. Roger Louis with assistance of Alison Smith, New Haven, London 1967, 455-477; - Eberhard v. Vietsch, Wilhelm Solf. Botschafter zwischen den Zeiten, Tübingen 1961; - Fritz Homeyer, Ein Leben für das Buch. Erinnerungen, München, 1961, 170 ff.; - Hermann Graml, Art. Solf-Kreis, in: Lexikon des deutschen Widerstandes, hg. v. Wolfgang Benz / Walter H. Pehle, Frankfurt/Main 1994, 298-300.
Ludwig Brandl
Literaturergänzung:
Peter Hempenstall: Paula Tanaka Mochida, The lost man. W.S. in German history. Wiesbaden 2005.
Letzte Änderung: 10.03.2006