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Verlag Traugott Bautz
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SPENGLER, Oswald Arnold Gottfried, Literat und Philosoph, * 29.5. 1880 in Blankenburg (Harz) als zweites Kind des Postsekretärs Bernhard Spengler und seiner Ehefrau Pauline, geb. Grantzow, † 8.5. 1936 in München. - Mit seinen Geschwistern Adele, Gertrud und Hildegard (das älteste Kind Bernhard stirbt bereits 3 Wochen nach der Geburt) wächst S. zunächst in Blankenburg auf, wird hier Ostern 1886 eingeschult, um im Sommer 1887 wegen einer Beförderung seines Vaters zum Oberpostsekretär mit seiner Familie nach Soest umzuziehen (»das Leben« stand vor ihm »wie eine trostlose Wanderung durch die Wüste«). In seinen zwischen 1913 und 1919 unter dem Faszikel `Eis heauton' geschriebenen und (noch) nicht publizierten autobiographischen Fragmenten erinnert S. seine Jugend u.a. als durch »Kopfschmerzen« und »Lebensangst« geprägte Zeit (»Ich glaube, daß niemand in einer so ungeheuren inneren Vereinsamung lebte... ich erinnere mich an mein sechstes Jahr, wo es auch schon so war.«). Im Jahr 1890 tritt S. in das Gymnasium ein und siedelt 1 1/2 Jahre später (Herbst 1891) mit seiner Familie nach Halle a.d. Saale über, wo er das pietistisch geprägte Gymnasium Latina der Franckeschen Stiftungen besucht (1891-1899). Außerhalb der als eng empfundenen Schule (»man glaubt nicht, wie dumm diese Internen in Halle waren; Intelligenz war beinahe ein Laster in diesem Pennal«) bildet S. sich autodidaktisch weiter, besucht u.a. die Hallenser Universitätsbibliothek (1896/97), liest vor allem Friedrich Nietzsche, Henrik Ibsen und interessiert sich für Richard Wagner. Schon früh (1890) schreibt S. literarische Entwürfe (u.a. `Magische Rotunde', `Geheimnisvoller Archipel', späterer Titel `Afrikasien', `Großdeutschland' = `Neuordnung Europas und der übrigen Welt'), in die seine Beschäftigungen mit Geographie und Geschichte eingehen. Trotz seines Glaubenszweifels wird S. im März 1895 konfirmiert (»Seit der Konfirmation keine religiöse Kämpfe mehr.«), vertieft seine Irreligiösität durch Lektüre u.a. Bruno Bauers und Ernst Haeckels, liest auch Shakespeare, Goethe, Kleist, Balzac, Flaubert, Tolstoj, Dostojewski, Schopenhauer und - mit bleibender Verehrung - Stendhals `Rot und Schwarz', schreibt als Siebzehnjähriger einen Fünfakter (`Montezuma'), den er seinem Onkel Albert Steude, dem damaligen Oberregisseur am Hoftheater zu Kassel, zusendet. Nach dem Abitur (15.10.1899) kann S., da er wegen eines schweren Herzfehlers vom Militärdienst befreit wird, sofort das Studium der Mathematik und Naturwissenschaften an der Vereinigten Friedrichs - Universität Halle - Wittenberg, wo er u.a. bei dem Phänomenologen Edmund Husserl und dem Neukantianer Hans Vaihinger hört, aufnehmen in der Absicht, Gymnasiallehrer (»Oberlehrer«) zu werden. Nach vier Semestern in Halle (1899-1901) studiert S. seit dem Wintersemester 1901/02 in München, wo er u.a. bei dem Philosophen Theodor Lipps und dem Psychologen Carl Stumpf hört, lernt hier u.a. Friedrich Huch kennen, studiert das Wintersemester 1902/03 in Berlin, wo er u.a. August Bebel reden hört, belegt hier zusätzlich eine volkswirtschaftliche Vorlesung bei dem Kathedersozialisten Lujo Brentano, und projektiert wiederum Dichtungen, diesmal Preußendramen (u.a. `Friedrich Wilhelm I', `Friedrich II.', `Bismarck'). Im Jahre 1904 (6. April) promoviert S. an der Hallenser Universität bei dem neukantianischen Philosophen Alois Riehl mit der Schrift »Der Metaphysische Grundgedanke der Heraklitischen Philosophie« (`späterer Titel: Heraklit Eine Studie über den energetischen Grundgedanken seiner Philosophie') und besteht mit der - verlorenen - Zulassungsarbeit `Die Entwicklung der Sehorgane bei den Hauptstufen des Tierreichs' das Staatsexamen für das Höhere Lehramt in den Fächern Zoologie, Botanik, Physik, Chemie und Mathematik. In Heraklit sieht S. einen der »tiefsten Denker« mit aristokratisch vornehmer Lebensauffassung, für die die »antibanausische«, un-zeitgemäße, unversöhnliche und mit dem nietzeanischen »Pathos der Distanz« vorgetragene Verachtung des Demos konstitutiv ist. Ohne methodische Reflexion (»Abneigung gegen wissenschaftliche Detailforschung«, ein »tiefer Menschenkenner«) überläßt sich Heraklit in der »jugendfrischen Zeit« seiner »`exakten sinnlichen Fantasie'« (von Goethe übernommener Ausdruck) und gehört wegen dieser intuitiven Naivität zu den großen Künstlern unter den Vorsokratikern. Die Linearität der einen Geschichte wird für S. fragwürdig angesichts der je eigentümlichen Urentwürfe Griechenlands und der nachchristlichen »Weltanschauung«; die Identität des sprachlichen Ausdrucks wie auch ein substanzialisierendes Denken verbergen die Heterogeneität kulturrelativer Begriffe. (»Wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Grundbegriffe das Ergebnis der ganzen Entwicklung der neueren Philosophie seit dem 16. Jahrhundert sind und nur in diesem Ideenkreis eine unbedingte Geltung haben. Den innerhalb so verschiedener Kulturen, wie es die antike und die neuere sind, entstandenen Gedankenkomplexen entsprechen beiderseits durchaus eigentümliche Begriffe.«) Der energetische Monismus Heraklits unterwirft alles dem schicksalsmäßig - biomorphen Gesetz des Veränderns und Vergehens - selbst die dem Denker zugehörige Lebensform der Aristokratie muß »untergehen«. (»Es kann in diesem Chaos der Verwandlungen keine bleibenden Werte geben... Wir haben ein vollkommen zu Ende gedachtes System des Relativismus vor uns«). Die dynamischen Gegensätze werden nicht `dialektisch' in einem Endzustand aufgehoben, sondern verlaufen in ziel- und sinnloser Leere, die nur für den ästhetisch begabten Menschen sich in ein unschuldiges Spiel auflösen kann. Es kommt dem Vermögen eines `Theos' gleich, auch die »Leiden und Grausamkeiten... zu genießen« und so der »Tragödie des Kosmos« nicht zu entfliehen. - Ohne seinen Vorbereitungsdienst im Ostern 1905 in Lüneburg anzutreten (»Der Tag in Lüneburg! Entsetzen.«), übernimmt S. kurzzeitig eine Aushilfsstelle an einer Realschule in Blankenburg, absolviert dann (1905/06) sein Seminarjahr in Saarbrücken, von wo er u.a. im Juni 1906 aus nach Paris und Versailles reist, und leistet 1906/07 sein Probejahr in Düsseldorf ab, besucht von hier aus Bingen und Rüdesheim, die Heimatorte Stefan Georges, besteht am 8.6.1907 eine Erweiterungsprüfung für Mathematik, plant wieder Dramen (u.a.`Zyklus Niederdeutscher Tragödien: Wittekind, Welf und Waiblinger', `Luther', Bismarck und das Haus Österreich'), macht seine erste Italienreise (Sommer 1907) und beginnt im Winter 1907 seine Gymnasiallehrertätigkeit am Heinrich - Hertz - Realgymnasium in Hamburg, wo er am 1.1. 1908 endgültig für die Fächer Naturwissenschaft, Mathematik, Deutsch und Geschichte angestellt wird. Unter der philiströs-pedantischen Enge des Lehrerstandes leidend plant S. einen Dramenzyklus, beantragt einen Gesundheitsurlaub nach Italien, um am 31.3. 1912 für immer aus dem Schuldienst zu scheiden (»Beamte« sind ungebildete »Brotverdiener«). Hiernach und nach seiner Übersiedlung im Frühjahr 1911 nach München, wo er bis zu seinem Tode wohnen wird, arbeitet S. zunächst für verschiedene Zeitungen als Kulturreferent (z.B. für: Hamburger Nachrichten, Der Tag, Vossische Zeitung, Berliner Tageblatt). Seiner Gegenwart entfremdet (»Lieber möchte ich mich mit meinem Spazierstock unterhalten«) konstatiert S. den Schwund kultureller Schöpfung (»Was hätte aus mir werden können, wenn Nietzsche 1900 noch gelebt und geschrieben hätte! Was wäre aus Nietzsche geworden, hätte er Wagner nicht gehabt!«), trägt sich mit verschiedenen literarischen Projekten, u.a. mit einem Roman, der die »Summe des Daseins einer Epoche« behandeln sollte, z.B. den Untergang der in München repräsentierten alten (kulturellen) »Künstlerromantik und die prosaische (zivilisatorische) Ersatzform des« preußisch - berlinischen Geistes» als das Analogon des (späten) Imperium Romanum (z.B. Der Münchner Roman `= Der sterbende Faun' = Der Tod des Dionysos', `Die Novellen des Kastellans', `Impotent', `Herostrat', `Tiberius'). Seine anläßlich des russisch - japanischen Krieges geschriebene, 1923 erst veröffentlichte Novelle `Der Sieger' versinnbildlicht in der Konfrontation zweier Soldaten den Kampf zwischen dem weltverlorenen, anachronistischen Künstler und dem die `neue' Welt der technischen Kriegsführung repräsentierenden Feind: mit »zerschmetterten Knien« hält er in einer blutigen Welt seine mit Blut angefertigte Zeichnung. - Geschichtszeichen einer neuen Epoche wird für S. der am 1. Juli 1911 durchgeführte (sog.) `Panthersprung' eines deutschen Kanonenbootes nach Agadir, den S. deutet als eine die »Einschließung Deutschlands« und die Krisis des Weltkrieges vorantreibende Entscheidung. (»Ich war entsetzt über die Torheit unserer Politik,...über die Blindheit aller Kreise, die nicht an einen Krieg glaubten, der in Wirklichkeit schon ausgebrochen war, über den verbrecherischen und mörderischen Optimismus, der auf unsren Aufstieg seit 1870, unsre angebliche, in Wirklichkeit längst verlorene Machtstellung, unsren scheinbaren Reichtum...pochte.« so: 1932) Aus einem 1911 vorgenommenen politischen Entwurf zum Thema `Konservativ und liberal' wird im Dezember 1912 das geschichtsphilosophische (- metaphysische) Hauptwerk `Der Untergang des Abendlandes' begonnen, dessen Titel sich anlehnt an das Werk Otto Seecks, Geschichte des Untergangs der antiken Welt (1895 ff.). In dieser Zeit (zwischen 1914 - und 1917) verfaßt S. u.a. zwei unvollendete Denkschriften (`An den Kaiser Wilhelm' und `An den deutschen Adel'), in denen er ein monarchistisches, antiparlamentarisches Credo formuliert (»Parlamentarismus ist die Methode, daß man den Zeitungsleser zu dem Glauben erzieht, daß er - in Masse - souverän ist.«) und die Forderung nach einer effektiven Selektion »starker Begabungen« erhebt. Zusammen mit dem Dichter Adolf Weigel (= Ernst Droem), mit dem er bis in die frühen Dreißigerjahre befreundet sein wird, besucht S. Prag und lernt im Sommer 1913 Hans Klöres kennen, mit dem er bis 1922 eine Freundschaft aufrechterhält. Wird der Ausbruch des 1. Weltkrieges militärisch - politisch als der »größte Tag der Weltgeschichte« von S. bezeichnet, so wird er unter dem Aspekt der Kultur als fortschreitende Erkrankung diagnostiziert (Beginn einer durch »technische Intelligenz, Geld und den Blick für Tatsachen« geprägten Ära, d.h. eines »vollkommen seelenlosen Amerikanismus«), dessen Repräsentanten (»Praktiker, Ingenieure, Offiziere, Kaufleute«) jedoch mehr Charakter haben als die sich über ihr geschichtliches Zuspät täuschenden »Denker und Dichter« (der »feldgraue Soldat...nüchtern, schmucklos, aber von eiserner innerlichster Selbstverständlichkeit« als das Symbol der neuen Ära). Die Zeitenwende und das Krisenbewußtsein eines Entweder - Oder beschäftigen S. auch in seinen (bisher) unveröffentlichten, unter dem Stichwort `Jesu' zwischen 1911 und 1922 geschriebenen Fragmenten (die `Schönheit' der `starken' Welt gebiert sich in und durch jeden Untergang zur zynischen Freude des höchsten Regenten, die pantragische Bejahung als die sehende und wissende Form des unausweichlichen Verhängnisses und Schuldcharakter allen Lebens: die von Jesus Geheilte wird schließlich eine Hure, der vom Tode Auferweckte ein Mörder, und Jesus' Anhänger zerfleischen sich als Rechtgläubige und Häretiker). Nachdem S. mit dem Wiener Verlag Braumüller einen Vertrag geschlossen hat, kann er 5 Jahre nach Beginn den I. Band seines `Hauptwerkes' im Frühsommer 1917 in den Druck geben, so daß die ersten Exemplare am 20.4.1918 erscheinen, die 1. Auflage im September in den Handel kommt. (Der II. Band wird am 20.5. 1922 erscheinen). S. schickt u.a. Exemplare an Walter Rathenau und den Historiker Eduard Meyer. S. betreibt Geschichtsphilosophie in der Absicht, »Geschichte vorauszubestimmen...und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch - amerikanischen«, die mit dem 1. Weltkrieg eine »historische Zeitwende« durchleidet und hierin ihre tiefe, hinter vielen politisch - sozialen und kulturellen Phänomen latente Krisis manifestiert (Wissenschaftskritik, Kinderlosigkeit und die Historisierung z.B. sind für das totalisierende, `physiognomische' Schauen des Historikers S. Symptome einer lange vorbereiteten und `schicksalsmäßigen', notwendigen Senilisierung und Erschöpfung). Die Gegenwart ist nicht Stufe auf dem Weg zu einem christlich, marxistisch oder humanistisch - liberal verstandenen Perfektions- und Teloszustand, sondern Vollendung i.S. einer todesähnlichen Erstarrung (der Tod als die Voll-Endung des Lebens) - sie ist Zivilisation, d.h. petrifizierte, dahinsiechende Spätform der Kultur. Um diese Todesnähe zu erkennen und die Kränkung des abendländischen Narzismus nachvollziehen zu können, orientiert sich S. am (beliebten) Paradigma der `kopernikanischen' Revolution: die Gegenwart muß unbeteiligt, »ohne Sorge« und nicht aus der Perspektive des eigenen Standortes betrachtet werden, damit sie als eine Episode innerhalb der `unendlichen Geschichte' erscheint: noch die von Historikern verwendete Periodisierung `Altertum - Mittelalter - Neuzeit' unterliegt dem Vorurteil, das »westliche Europa« sei die - ptolemäisch gedacht - »Zentralsonne«, von der her alles, wie im Sonnengleichnis des Platon, genährt und erleuchtet (d.h. verstehbar) wird. Hinter dieser (präkopernikanischen) eurozentrischen Optik, wonach z.B. China und Ägypten marginale, Luther und Napoleon hingegen `welthistorische' Bedeutung haben, verbirgt sich die »Eitelkeit des westeuropäischen Menschen«. (»Das Wort Europa sollte aus der Geschichte gestrichen werden.«) »Ich betrachte es als die kopernikanische Entdeckung im Bereich der Historie, daß in diesem Buche ein System an seine [d.h. ptolemäische] Stelle tritt, in dem Antike und Abendland neben Indien, Babylonien, China, Ägypten... der arabischen und mexikanischen Kultur..., eine in keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen.« Europa versuchte bisher, unter dem z.B. kantisch vorgetragenen Postulat der Universalisierbarkeit nur seinen imperialen »Willen zur Macht« zu cachieren (»Allgemeingültigkeit ist immer der Fehlschluß von sich auf andere.«). S. nimmt Abschied von einem Denken aus der Subjektivität her, das den Menschen (den Einzelnen, das Volk, die Nation) als Träger der Geschichte zu denken versucht und dabei die präformierenden Urformen, die Kultur(seel)en ignoriert, aus denen der Einzelne und alles andere her zu verstehen sind. Die Geschichten der polyzentrischen Menschheit werden in eine Morphologie der Kulturen integriert, deren notwendige, biomorph-organologische Gesetzmäßigkeit von Geburt, Kindheit, Jugend, Männlichkeit und Greisentum das Selbstverständnis der in ihnen handelnden Subjekte übergreift und, sofern sie sich über den Status ihrer Kultur täuschen, sie Lügen straft. Wer seine eigene Zeit nicht richtig einzuordnen vermag, z.B. den überall `spürbaren', im 19. Jahrhundert beginnenden Verödungsprozeß des Abendlandes nicht zur Kenntnis nimmt, sich nicht auf den beginnenden Winter einstellt, wird zum `Narren', `Charlatan' oder `Pedanten', der etwas tut, was nicht zeitgemäß ist, und so »Geist und Kraft verschwendet«. S.s ethisch - pädagogisches Interesse besteht darin, den Menschen zur Reife seines Tuns zu befähigen aus Einsicht in die Notwendigkeit (»Die Welt verstehen nenne ich, der Welt gewachsen sein.«) Wer trotz der in den Großstädten (z.B. Washington, Berlin) der westeuropäisch - amerikanischen Zivilisation sichtbaren anorganischen Versteinerung und uniformen Monotonie Lyrik schreibt, statt Techniker zu werden, eine weitere Theorie der Apperzeption entwirft, statt einen Flugzeugmotor zu konstruieren, lebt nicht altersgemäß und wirkt genauso befremdend-kurios wie die Sixtinische Kapelle von Michelangelo für den `amerikanischen' Touristen. In dieser Kollision zwischen Kultur und Zivilisation, zwischen Reife und Endphase muß die `quaestio juris' als die Frage nach der überzeitlichen, phasenindifferenten Wahrheit aufgegeben werden, da alle Phänomene historisch - relativen Charakter besitzen (wie sollte z.B. entschieden werden, ob Ibsens Nora oder eine Tiroler Bäuerin legitimen Anspruch auf Normativität haben?), Ausdruck einer Kulturseele oder deren geschichtlichen Status ist. Mit der Geburt einer Kultur aus der ihr `spezifischen' »Mutterlandschaft« und der ihr deswegen eigentümlichen Schau der Welt (`Welt - Anschauung') ist jedem einzelnen Menschen, jeder Institutionen und jedem Produkt die »Ursymbolik« als das (unbewußte) Apriori des Kulturkreises mitgegeben, das alles Vorstellen, Fühlen und Wollen quasi - transzendental schematisiert. S. unterscheidet die Kultur(seel)en physiognomisch - metaphysisch nach ihrem jeweiligen Verhältnis zu Raum, Zeit, Geschichte, Stoff und Körperwelt und erschaut die Stileinheit der jeweiligen Kulturentelechie, so daß er zwischen der modernen Differentialrechnung und der Staatsform Ludwig XIV., der Raumperspektive abendländischer Ölmalerei und der Überwindung des Raumes in Telefon und Ballistik subkutane Zusammenhänge sucht. Da für das Abendland z.B. der »unendliche Raum« das Ursymbol ist, ist für es das Fernrohr sinnvoll und die in der Ferne verschwindenden Autobahnen seine Art, die `Weltangst' zu überwinden, Einsamkeit im All abzuwehren und auf technische Weise eine `anthropomorphistische' Weltdeutung zu inaugurieren, in der das Andere ganz wie wir selbst ist. Zeigt die Autobahn die Wirkung in die Ferne, so ist jede Form abendländischer Ethik hintergründig der Versuch, die Gegenwart auf ein `entferntes' Ideal hin zu richten, d.h. auszurichten und zu verurteilen. (»In diesem Punkte sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich.«) Die Ordensbewegung und die automobile Bewegung demonstrieren für den physiognomischen Blick in die `Tiefe' die Identität des Wollens in der `faustischen' Aneignung des Fremden (»Der Wille zur Macht ist intolerant«: wer `im Wege steht', wird `plattgemacht'.). Renaissancen, Reformationen und Romantizismen täuschen [...] darüber hinweg, daß man das Apriori einer Kultur mit sich herumträgt wie die Schnecke ihr Gehäuse oder wie der blasierte, kulturgeschichtlich `späte' Stadtbewohner bei seinen touristischen Ausflügen seine Stadt mitnimmt. Ein Ausbruch aus der den Menschen mit -und vorgegebenen (Kultur-) Welt ist ein desperater Versuch, der als Eigen- und Fremdtäuschung höchstens die »innere Öde« kompensieren möchte (der »amerikanische Geschäftsmann« und der »deutsche Fortschrittsphilister« werden nie das numinose Schauern erleben können) oder eine weitere Assimilation des Anderen nach dem eigenen Bilde betreibt (»Der beste Menschenkenner Westeuropas irrt sich, wenn er einen Araber oder Japaner zu verstehen sucht, und umgekehrt, »da zwischen den Seelen zweier Kulturen eine undurchdringliche Scheidewand liegt.«). Ist die Insularität der Kulturen (wie die Monaden Leibnizens haben sie keine `Fenster') der Grund für die Normalität des interkulturellen Mißverstehens, so ist die Isomorphie der organologischen Evolution aller Kulturen der Grund, über Homologien die eigene geschichtliche Situation zu bestimmen und Zukunft zu `schauen' (was Alexander der Große für die Antike, ist Napoleon für die Moderne), chronologisch verschiedene Epochen (z.B. Pythagoras, Mohammed und Cromwell; das Imperium Romanum und den `modernen' Imperialismus) als morphologisch äquivalent und deshalb als `gleichzeitig' zu betrachten [...] (»Ich nenne `gleichzeitig' zwei geschichtliche Tatsachen, die, jede in ihrer Kultur, in genau derselben - relativen - Lage auftreten und also eine genaue entsprechende Bedeutung haben.«). Die mumienähnliche, entseelte, erschöpfte, zum Anorganischen neigende Zivilisationsphase läßt sich im Buddhismus der indischen, dem Stoizismus der antiken und dem Sozialismus der abendländischen Kultur wiederfinden: es gilt als `Moral' nicht länger das, was sich von selbst versteht, sondern - zerebral gehemmt - wird das Leben zum Problem: der Heroismus der Annahme des Seins wird aus Ermüdung umgangen, indem ins Nichts hinein philosophiert wird (stoische Kälte, Nirwana und `Verbrüderungsharmonien' = der Erschöpfte kann nicht mehr kämpfen), um dem `großen' Schicksal zu umgehen. »Standhalten oder untergehen - ein drittes gibt es nicht. Die einzige Moral, welche die Logik der Dinge uns heute gestattet, ist die eines Bergsteigers auf steilem Grat. Ein Augenblick der Schwäche, und alles ist zu Ende.« Der von S. für das Ende des Abendlandes erwartete Cäsarismus (kunst- und philosophieunbedürftig, Diktat der `Tatsachen' bei Schwund der `Wahrheiten', Kampf um materielle Macht und nicht um Ideen, Imperialismus, Herrschaft des traditionslosen, deswegen `schöpferischen' Herrschers mit rhetorischem Talent über fellachenähnliche Hörige am Boden der Gesellschafts-Pyramide) sieht er bes. in Cecil Rhodes prototypisch antizipiert, der postkulturell alle Energie vom Inneren ins Äußere verlegt (»`Ausdehnung ist alles.'«, statt Gründe Kräfte findet), der nicht mehr - wie selbst noch Napoleon - den `Werther' Goethes liest, sich also um `Wahrheiten' kümmert, sondern ein »Tatsachenmensch« ist, nur noch vor Generalstabskarten in Ekstase gerät und die Macht nicht um des Reichtums, sondern den Reichtum nur um der Macht willen erstrebt und so die Herrschaft des Geldes bricht [...] (»Ich lehre hier den Imperialismus...als das typische Symbol des Ausgangs begreifen. Imperialismus ist reine Zivilisation. In dieser Erscheinungsform liegt unwiederruflich das Schicksal des Abendlandes.«). Im Januar 1919 lehnt S. eine von Georg Misch ihm angetragene Professur für Philosophie in Göttingen ab (Mischs Frage, ob S. »trotz ...der Abneigung gegen Philosopieprofessoren« geneigt sei, »einen Lehrstuhl für Philosophie zu übernehmen«, wird zurückgewiesen mit der Begründung, er wolle die noch verbleibende Zeit für sein Werk nutzen), begibt sich im Juli 1919 auf eine Erholungsreise nach St. Gallen, Zürich und Luzern (»um meine Nerven und meinen Lebensmut wieder in die Höhe zu bringen«), beginnt in dieser Zeit mit der Erweiterung des ursprünglich `Römer und Preußen' genannten Entwurfes, die im Dezember 1919 unter dem Titel `Preußentum und Sozialismus' erscheint - diesmal, unter Vermittlung von Karl Wolfskehl, bei der C.H. Beck'schen Verlagsbuchhandlung, der S. dann auch die Rechte für jede weitere Auflage seines `Hauptwerkes' überträgt, und mit deren Lektor August Albers S. bis zu seinem Tode befreundet sein wird. Im November 1919 erhält S. zusammen mit Hans Vaihinger und Graf Keyserling den Ehrenpreis der Stiftung des Nietzsche - Archivs, nachdem er bereits im Frühjahr von der `Wissenschaftlichen Stiftung' zu Hamburg auf Antrag von Hans Klöres eine Beihilfe erhalten hat. `Preußentum und Sozialismus', aus »Ekel und Erbitterung« über die »dümmste und feigste ... Revolution der Weltgeschichte« geschrieben, ist der Versuch, die Identität von Preußentum und einem von Marx gereinigten `Sozialismus', von Friedrich II. als dem Diener des Staates [...] und August Bebel als dem mutig - disziplinierten (Arbeiter-) Führer [...] zu erweisen und den Sozialismus dem Interpretationsmonopol der spießbürgerlich degenerierten Sozialdemokratie der (beginnenden) Weimarer Republik zu entziehen: den revolutionären Kampfgeist verratend setzt sich Karl Moor im November 1918 in die Klubsessel, zeigt sich dem durchschauenden Blick als eine weitere Metamorphose des `deutschen Michel', des verschlafenen Bildungsphilister, der - akademisch verbildet - Lesen mit Leben und Wahrheiten mit Tatsachen verwechselt, sträflichst die Implikationen der parlamentarischen Regierungsform mißachtet (z.B. Freiheit i.S. der negativen Freiheit vom Staat, `Bill of Rights', der praktisch gelebte und im Darwinismus theoretisch begriffene `Kampf ums Dasein' als die Verlängerung der englischen »Wikingerinstikte«, die Handelsinteressen als die sublimierten Formen des »Räuberinstinktes«, Erfolg und `happiness' als Signa göttlicher Gnade, Arbeit als `job', Geld als Zweck, der philosophische Utilitarismus als Rechtfertigung des Glücksinteresses u.a.m.), die der `englischen' Denkform zugehören - demgegenüber werden als Elemente der `preußisch-sozialistischen' Welt herausgearbeitet: Freiheit i.S. der positiven Freiheit für das Ganze (`libertas oboedientiae'), das von Hegel auf den Begriff gebrachte Ideal des Staates als der `unbedingten Souveränität', der in der preußischen Armee, den preußischen Beamten und Arbeitern praktisch gelebte und bei Kant und Fichte durchdachte Pflichtbegriff als die Verlängerung der »ostmärkischen Ritteridee« der Kolonisierung des Sumpfes, des Dienstes und der Arbeit als Signum göttlicher Berufung, Verachtung des Geldes und des Glückes, der `Sozialismus' Fichtes als Widerlegung des parasitären, pflichtvergessenen, gemeinen Glücksstrebens - dieses Verständnis von `Sozialismus' verwandelt den am Eigentum an Produktionsmitteln orientierten marxistischen Begriff in einen der »Verwaltungstechnik«: »Sozialisierung bedeutet dann die langsame, in Jahrzehnten erst sich vollziehende Verwandlung des Arbeiters in einen Wirtschaftsbeamten, des Unternehmers in einen verantwortlichen Verwaltungsbeamten mit sehr weitgehender Vollmacht, des Eigentums in eine Art erblichen Lehens im Sinne der alten Zeit, das mit einer gewissen Summe von Rechten und Pflichten verbunden ist.« S. entspricht mit dieser seiner Prophezeiung eines »Beamtenstaates« seiner kulturzyklentheoretisch gewonnenen Zeitdiagnostik: mit dem Zu-Ende-Gehen der Kultur um 1800 erlöscht die Idee, und die Seelenlosigkeit der Planung beginnt, die Herrschaft anzutreten: das Reden von Bildung und Geist sind in einem Beamtenstaat museale Attrappen und Relikte geworden: gehören Takt und Fingerspitzengefühl (im wörtlichen und metaphorischen Sinne: die Höflichkeit Goethes und die Musik Beethovens) zur Blütezeit der Kultur, so sind Beamtentum und zynische Härte verschwisterte Kinder des sich ausbreitenden Cäsarismus, der seine Erhabenheit darin findet, freud- und glücklos, aber voller Würde, d.h. `markig, bis in »Knochen und Blut« tapfer bis zum Ende durchzustehen (es gibt keinen Sinn, aber Ordnung muß sein). - Ende 1919 lernt S. den Afrikaforscher und Ethnologen Leo Frobenius, Manfred Schröter, den späteren Nachlaßverwalter der Werke S.'s, im Jahre 1920 Arthur Moeller van den Bruck in Berlin und am 13. Juli 1920 Elisabeth Förster-Nietzsche kennen, setzt sich 1921 in seinem Aufsatz Pessimismus' mit Mißverständnissen seines Hauptwerkes auseinander (`Untergang' nicht i.S. eines Schiffsunterganges, sondern i.S. der Voll-Endung) und bestimmt als den angemessenen Adressaten seines Werkes den tätigen Menschen, der - relativistisch eingestellt - nichts von Prinzipien und Wahrheiten hält, im Schicksalsglauben weitermacht, ohne auf ein `träumerisches' Endziel gerichtet zu sein (»Ich sehe keinen Fortschritt, kein Ziel, keinen Weg der Menschheit, außer in den Köpfen abendländischer Fortschrittsphilister«), im Wissen darum, daß das, was er tut, absolut ist für seine Zeit, `an sich' (für alle Zeiten) der Rechtfertigung notwendigerweise entbehrt. Eine Zeit kann auch dann mächtig sein, wenn den Romantikern und Ideologen, den Künstlern und Philosophen in den Cafés nicht gehört wird und die Dissertationen über die Dissertationen im Bücherschrank vermodern. Weil der `Geist' sich nicht festlegen läßt auf die bildungsbürgerlich - `kultivierten' Formen der Vergangenheit, gilt es Ausschau zu halten nach seinen `realistischen' Metamorphosen (»heute...schreiben Männer der Wirklichkeit, Industrielle, hohe Offiziere, Organisatoren besser, gründlicher, klarer, tiefer als diese Literaten zehnten Ranges, die aus dem Stil einen Sport gemacht haben...Kunst ja, aber in Beton und Stahl... Zu einem Goethe werden wir Deutsche es nicht wieder bringen, aber zu einem Cäsar.«). In dieser Zeit hält S. verstärkt Vorträge vor ausgesuchtem Publikum, u.a. am 14.2.1922 vor der `Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftstagung' in Essen über das `Doppelantlitz Rußlands und die deutschen Ostprobleme', in dem der Kontrast zwischen dem `petrinischen' Rußland (oberflächlich, westlich, aufgeklärt, materialistisch) und dem `bäuerlichen' Rußland (tief, im Bauerntum verwurzelt, in Trauer und Angst lebend), zwischen Tolstoj und Dostojewskij entfaltet wird. Nachdem am 20. Mai 1922 der II. Band des `Unterganges des Abendlandes' veröffentlicht ist, wendet sich als renommierter Vertreter der Geschichtswissenschaft Eduard Meyer an S. - beide begegnen sich (wahrscheinlich) am 25.3.1923 in Berlin (nach den Worten des Meyer - Assistenten Hans Erich Stier soll Meyer »von Stund an zu Spenglers aufrichtigen Bewunderern« gehören). Nunmehr dringt S.'s Name sowohl in die wissenschaftliche als auch die politisch - publizistische Welt: es stellen sich Kontakte ein u.a. zu Paul Lensch, August Winnig, der S. zur Mitarbeit an der von ihm geplanten Zeitschrift `Morgen' zu gewinnen sucht, zu General Paul von Lettow - Vorbeck, Großadmiral Alfred von Tirpitz, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Generaloberst und Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt, der S. zeitweilig als möglichen Wissenschafts- bzw. Kultusminister in seine Umsturzpläne einbezieht, zu Gustav Ritter von Kahr, Georg Escherich, zu Vertretern der Deutschen Volkspartei (u.a. Alfred Gildemeister, Walter Kulenkampff, Reinhold Georg Quaatz, Heinrich Rippler, Hugo Stinnes, Albert Vögler), der Deutschnationalen Volkspartei (Alfred Hugenberg, Kuno Graf Westarp, Karl Helfferich), dem Prähistoriker Max Ebert, dem Herausgeber des `Reallexikons der Vorgeschichte', zu Paul Reusch, dem Generaldirektor der Gutehoffnungshütte in Oberhausen (seit 1921), der viele Vorträge S.'s im Ruhrgebiet organisiert (20.5.1921 in Dortmund `Philosophische Betrachtungen zur Wirtschaft', 14.2. 1922 in Essen `Russisches Volkstum und Wirtschaftsprobleme Osteuropas', 19.6. 1933 in Oberhausen, Die Idee des Eigentums'). S. lernt 1924 den evangelischen Theologen und Orientalisten Alfred Jeremias kennen, in der derselben Zeit auch den Assyriologen Heinrich Zimmer. Am 12.2. 1923 hält S. im Nietzsche-Archiv in Weimar den Vortrag `Blut und Geld', fliegt im Frühjahr auf Einladung des Flugzeugkonstrukteurs Hugo Junkers zur Leipziger Messe, reist im Juni desselben Jahres auf Vermittlung von Paul Reusch nach Holland, wo er den Außenminister Abraham P.C. Karnebeek und den deutschen Kronprinzen Wilhelm in Wieringen trifft, ist Zeuge des Auftritts Hitlers im Bürgerbräukeller zu München am 8./9. November 1923, wird von Hermann Graf Keyserling zu dessen in Darmstadt ansässigen `Schule der Weisheit' eingeladen, um über die Zukunft »der werdenden russischen Kultur« zu sprechen, hält am 26. Februar 1924 vor dem Hochschulring deutscher Studenten in Würzburg seine Rede `Politische Pflichten der deutschen Jugend', in der er angesichts der durch den Versailler Vertrag verursachten nationalen `Ehrlosigkeit' und der politisch-militärischen Neuerungen - Kampfbünde Freiwilliger statt stehendes Heer, Globalisierung der Konflikte, die Ersetzung des mit seinem Eigentum sichtbar verbundenen Unternehmers durch den abstrakt unbekannten Aktionär, Entartung der Regierungskunst zu einem sich des »Gaukelspiels allgemeiner Wahlen und einer freien Presse« bedienenden parteienoligarchischen Egoismus - die Jugend aufruft zu einer Anknüpfung an die unromantisch - disziplinierte Form Friedrich Wilhelm I. (ein »Trommler« ist »noch kein Feldherr«) und an die nicht-provinzielle Offenheit des englischen Diplomaten (der z.B. früh in alle »Erdteile« hinausgesandt wird), um der Gefahr eines nationalromantisch bornierten »Philisterhorizontes« zu entgehen. Am 28. April 1924 trägt S. im `Überseeklub in Hamburg' unter dem Titel `Neue Formen der Weltpolitik' seine Analyse der globalen Machtkonstellation vor (u.a. Frankreich als `ideenloses', revanchistisches Land, das in seiner Kolonialpolitik kontraproduktiv afrikanischen Nationalismus erzeugt, der zu erwartende Niedergang der englischen Seemacht, die mit dem Tode Lenins gekommene Destabilisierung des `russisch - asiatischen' Reiches, die radikal - revolutionäre Erosion des Parlamentarismus), deren Vakuen (`cäsarischen') Einzelpersönlichkeiten Zukunft verheißen. Der Wechsel von Tradition zu Charisma, von Diplomatie zu Entscheidung macht die Überwindung der gegenwärtigen Hoffnungslosigkeit wahrscheinlich (»Aber darüber läßt sich nur mit einem Worte Hamlets sprechen: In Bereitschaft sein ist alles.«); am 16. Mai 1924 spricht S. auf dem `Deutschen Adelstag' in Breslau über die `Aufgaben des deutschen Adels' (der verantwortliche Mensch bildet sich nicht im Sein zum Text der »Bücher und Zeitungen«, nicht im »Hörsaal«, sondern in den nicht - intellektuellen Betätigungen der Jagd, des Duells und des Wettkampfes). Mitte Mai 1924 erscheint das im Spätsommer begonnene Buch `Neubau des Deutschen Reiches', in dem S. die Degeneration der `freien Verantwortlichkeit' zu beschreiben und zu erklären versucht. Erfahrungsentlastet und ideenlos versuchen Politiker in einer parteienoligarchisch verfaßten Gesellschaft, ihr Geschäft zu machen, in dem Glauben handelnd, daß es reicht zu wissen, wovon man lebt, und nicht, wofür man lebt (Politik als Fortsetzung der kleinbürgerlichen Privathändel mit anderen Mitteln), und betrachten so die `Welt' als Material ihrer eigenen Versorgung. Statt weltmännische Offenheit zu zeigen, verpanzert sich der `michelhafte' Politiker deutschen Provinzialismus entweder in rassischer Borniertheit (nur ein Deutscher ist dann begabt) oder wird - Beamter und, weil vom Lebenskampf entlastet, `schwerfällig' und `ohne Unternehmungsgeist': der Staat der Gegenwart erscheint als die petrifizierte, unbeweglich gewordene Aufblähung des philiströsen Aktenschleppers, der delegiert und gesichts-, d.h. verantwortungslos hinter seinem Amt verschwindet. Wegen der Sicherheit lebenslanger Beamtung zur Trägheit verurteilt, seinen Lebensunterhalt zu ersitzen, verkümmert er zu einem ungeformten Herdentier (statt Verfassung zu haben, klammert er sich an die Verwaltung) und lebt nunmehr das, wozu ihn die deutsche (Beamten-) Schule verbildet hat: früh den anämischen Lehren der »Feldwebel der Grammatik« ausgeliefert, für die der Akkusativ mit Infinitiv wichtiger ist als Abraham Lincoln, der - im `abgeschabten' Rock gekleidet - Horaz zitiert und die mittlerweilen per Flugzeug erschließbare Welt als das Un - heimliche benörgelt, lernt der junge Deutsche Offenheit und Form, Urteilsfähigkeit und Ästhetik als Adiaphora zu betrachten: wer Shakespeare kennt, die `Times' jedoch nicht versteht, die Via Appia beschreiben kann, die Wall Street für banausisch erklärt, ist Opfer einer `mönchsähnlichen' Klostererziehung, für die die Welt schon immer mit dem Buch identisch war, das - im Falle des Schulbuches - obendrein von Schulmännern geschrieben (der Staat als die sich selbst reproduzierende Lehrermentalität) ist. S. favorisiert Eton und Oxford, weil hier Einheit von Wissen und Takt, innerer und äußerer Bildung, Denken und sozialem Verkehr ein Paradigma darstellen könnte für das sich selbst ghettoisierende (deutsche) Gymnasium (warum sollten nicht z.B. aus Schulpforta, dem Tübinger Stift, dem Johanneum in Hamburg und den Franckeschen Stiftungen in Halle ein »deutsches Eton« werden, wo Studium, Sport und Erfahrungstausch mit Repräsentanten der `Welt' kultiviert werden?). S. blickt hinter das Selbstverständnis des Bürgertums und entdeckt dessen Neigung, sich politisch, pädagogisch und auch juristisch entmündigen zu lassen. So kommt auch das römische Recht der Trägheit des `deutschen Michel' entgegen, sich seiner Persönlichkeit zu entäußern, indem z.B. die Strafverhinderung und - verfolgung alleine dem Staate überlassen werden, die Verletzung der Würde und Ehre entkriminalisiert wird; auch die `sozialistisch' geprägte Wirtschaftstheorie verschafft dem (meritokratischen) Erfolg des Arbeiters ein schlechtes Gewissen (wer durch Arbeit und nicht durch das Parteibuch erfolgreich ist, verrät danach die Arbeiterklasse) und verhindert `demokratisch' die Selektion begabter Arbeiter, auf deren Kosten die Intellektuellen und Journalisten von der Arbeit befreit sind (die Theorie als Mittel, durch die Propaganda des `gesellschaftlichen' Fortschrittes den Arbeiter an seinem Fortschritt zu hindern), um sich selbst als Avantgardisten des Fortschritts auszurufen. - Auf der Münchener Orientalisten-Tagung hält S. den Vortrag `Plan eines neuen Atlas Antiquus' (Reform der Kartographie, z.B. Erweiterung um die Darstellung der Bodenbeschaffenheit und -schichtung, der Meeresströmungen und Windrichtungen, der Tierwelt) und am 15.10.1924 anläßlich des 80. Geburtstages des Philosophen im Nietzsche-Archiv den Vortrag `Nietzsche und sein Jahrhundert' (Nietzsche figuriert als der Spätgeborene: in der Zeit winterlicher Kulturlosigkeit verbleibt Nietzsche nur die `romantische' Sehnsucht nach Form bzw. der Aufschrei gegen die real existierende Unform, der unerhört bleibt und den Philosophen in die Einsamkeit treibt: weil Deutschlands `Schicksal' in einer Verspätung und deswegen auch Verkürzung der Blütezeit besteht, ist Nietzsche der Prototyp des `deutschen Denkers': in seiner Zeit nicht zu Hause zu sein, weil die Welt nicht empfänglich ist für den Geist, und aus dieser Erkenntnis heraus die Tatsachen benennen, z.B. den `Willen zur Macht' als den Motor geschichtlichen Handelns zu entlarven, ohne auf die »Moral der Ideologen und Weltverbesserer« Rücksicht zu nehmen). Ende Oktober 1924 bricht S. zu ca. 8-wöchigen Vortragsreisen u.a. nach Lund, Stockholm, Turku, Helsinki und Riga auf, gibt verschiedenen Zeitungen Interviews, sendet um 1924/25 Benito Mussolini seine politischen Schriften zu (Mussolini bedankt sich in einem Brief vom 24.3. 1925), reist Mitte Februar (bis 27. März) 1925 nach Italien und abermals im November desselben Jahres; im Juni 1925 versucht Gregor Strasser, der damalige Organisationsleiter der NSDAP, S. zur Mitarbeit an den `Nationalsozialistischen Monatsheften' zu gewinnen. - S. lehnt jedoch ab, wohl, wie die Rückantwort Strassers an S. vom 8.7. 1925 nahelegt, weil er u.a. die »primitive Lösung eines Antisemitismus« ablehnt; am 31.12. 1925 sendet S. den Entwurf zu dem unvollendeten Werk `Urfragen' an das Ehepaar Eleonore und Ernesto de Quesada, das er seit dem April 1922 kennt. Das Werk wird posthum (1965) erscheinen (ca. 1500 Fragmente) (»Es enthält das Epos des Menschen - humana comoedia...«). Eduard Spranger, der S. bereits 1921 als den »Großen unserer Zeit« bezeichnete, lädt S. zu einem `Internationalen Philosophischen Kongreß' in Cambridge/Massachussetts ein (13.-17.9. 1926) - S. lehnt mit der Begründung ab, für ein weiteres Werk, eben den `Urfragen', Zeit haben zu müssen, er nunmehr wieder ein Leben der Betrachtung, nicht der Tat führen möchte, nachdem auch sein Versuch, sich an dem Aufbau eines deutschnationalen Pressekonzerns nach amerikanischem Zuschnitt zu beteiligen, gescheitert ist, wie er ihn in seinem 1926 geschriebenen Aufsatz `Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Presse' (der Provinzialismus deutscher Tageszeitungen als Relikt deutscher Kleinstaaterei und als akute Gefährdung der praktischen Urteilskraft in internationalen und globalen Fragen - die Sportnachricht als Symptom der Abdankung politischer Rationalität) formuliert. Im Juli 1927 erleidet S. eine leichte Gehirnblutung mit zeitweiligem Gedächtnisschwund, schreibt im November desselben Jahres die Einführung zu Richard Korherrs Dissertation `Über den Geburtenrückgang', die Mussolini ins Italienische übersetzt; Ende März 1928 reist S. auf Einladung von Paul Reusch über Spiez, wo er das Ehepaar Quesadas aufsucht, nach Südfrankreich und Spanien, erkrankt im Frühjahr 1929 an einer schweren Anämie, macht abermals einen Erholungsurlaub, u.a. in Brioni, wo er George Bernhard Shaw trifft (den »alten Landschulmeister«, der »den ganzen Tag mit einem berühmten amerikanischen Boxer, Tunney oder so ähnlich« spazierengeht); für den 3.2.1930 lädt der Hamburger Großkaufmann R.J.T.T. Schlubach (»der Bananenkönig«) S. zu einem Vortrag vor der Hamburger Patriotischen Gesellschaft ein - aus dem `Deutschland in Gefahr' betitelten Vortrag wird später das Buch `Jahre der Entscheidung' hervorgehen. Zu seinem 50. Geburtstag wird S. von W. Wagner nach Bayreuth eingeladen (»Wagner ist für mich immer die Musik gewesen... Ja! Eigentlich habe ich auch nur Klavier spielen gelernt, um Wagner spielen zu können.«). Am 6. Mai 1931 hält er auf Anfrage von Oskar von Miller, dem Gründer des Deutschen Museums in München, einen Vortrag unter dem Titel `Kultur und Technik', das dem am 3. Juli 1931 erschienenen Buch `Der Mensch und die Technik' zugrundeliegt. S. konstruiert an der anthropologisch fundierten Technik die Geschichte des Abendlandes als den notwendigen und ausweglosen Sterbensvorgang der abendländischen Kultur; der `tierische' Hintergrund der `Kultur' (z.B. Verwaltungstechnik, die Technik der Erfinder und Ingenieure als heimtückisch-listiger Krieg gegen die Natur, Recht als Recht des Stärkeren, Geschichte als Kriegsgeschichte, der Staat als das Tier mit einer Seele, einem Kopf und vielen Händen) wird sichtbar, der Mensch als »ein Raubtier«, als »Bestie« erkennbar, dem in der Ordnung der aggressiv-destruktiven Lebewesen in einer Inversion traditioneller Anthropologie eine `Sonderstellung' zukommt - sein sich bis ins Perzeptions- und Denkvermögen ausprägender Angriffscharakter (»Spähen«, »Berechnung«) verurteilt den Menschen und - in tragischer Steigerung - den Abendländer (den Engländer, den Deutschen, den Franzosen und den »Yankee«) zum `widernatürlichen' Empörerschicksal: in den Aufstand gegen die Mutter Natur hineingetrieben, erhebt der Mensch gegen seine Mutter die Waffe; diese Tragödie der notwendigen Versündigung an der Natur (schließlich werden auch für Bücher über den `Menschen und die Technik' Wälder gerodet) und die suizidale Niederlage des `Prometheus' sind irreversibel - verwickelt in die Geschichte des Kämpfens wird der Menschen sich schließlich verfangen, hängenbleiben und an seinen eigenen `Schöpfungen' zugrunde gehen, nachdem der Herr zum Beherrschten und die Kultur zum »Käfig mit engen Gittern« geworden sind, gegen das das »Raubtier« anläuft, um end-lich erschöpft und ohne Sinn dahinzusiechen: stirbt der Arbeiter an Verödung und trostloser Monotonie, so wird der `begabte' Wirtschaftsführer gemein und hinterlistig von »Schwätzern und Schreibern«, den spätzivilisatorischen Surrogaten der »Dichter und Denker«, erledigt. Beide sterben den Tod des Mangels an Einsicht: der Arbeiter sieht sich nicht in den Produkten, der Unternehmer kann seine Zwecke nicht einsichtig machen, zumal die Produkte sinnlos erscheinen: das Automobil symbolisiert den Stillstand des Fortschritts in der Großstadt - der Technik überdrüssig steigt man aus (z.B. aus dem Auto in das »Landstreichertum«), begibt sich auf die Flucht in Ideale, in »primitivere Erdteile« oder den »Okkultismus«. Ohne Möglichkeit des Ausweges oder der Umkehr (»Nur Träumer glauben an Auswege. Optimismus ist Feigheit.«) sind nur noch »Taten« zu vollbringen ohne Hoffnung auf Erlösung im ausharrenden Warten »auf dem verlorenen Posten...« wie ein römischer Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben.« - Im November 1931 erkrankt S. an Gichtanfällen und einer Nierenkolik, schreibt ein Vorwort zu den im November 1932 erscheinenden `Politischen Schriften' (ein Sammelband seiner wichtigsten politischen Reden und Aufsätze - hier die Abgrenzung des `nüchtern-realistischen' Staatsmannes gegen romantizistische Übersteigerungen: »Es steht schlimm um ein Schiff, wenn die Besatzung im Sturme berauscht ist.« »Heute sehe ich keinen Führer.«). S., den sein Briefpartner Schlubach schon als den »großen Ratgeber des deutschen Volkes« sieht (Brief vom 4.4.1933), wird von Goebbels am 18.3.1933 gebeten, zum `Tag von Potsdam' eine Rede zu halten, was S. ebenso ablehnt wie das Angebot einer Professur für Kultur- und Universalgeschichte in Leipzig (14.6.1933). Innerlich bereits vom Dritten Reich distanziert (Hitlers faschistische Regierung als »Faschingsministerium«), kommt es unter Vermittlung von Frau Knittel, der Ehefrau des Präsidenten des Deutschen Zeitungsleserverbandes, am 25.7. 1933 zur einzigen Unterredung mit Hitler in Bayreuth. Gegenstand dieses Treffens waren u.a. die evangelische Kirche, der Reichstagsbrand und die Gefahr einer »blutigen bolschewistischen Revolution«; Hitler soll - so E. Hanfstaengl - S. dessen Verkennen und Ignorieren der Rassenfrage vorgeworfen haben; in seinem am 18.8.1933 erschienenen Buch `Jahre der Entscheidung', von dem er ein Exemplar u.a. dem »Reichskanzler Hitler« zukommen läßt (»Ich würde es begrüßen, wenn ich gelegentlich Ihr Urteil über diese Fragen mündlich entgegennehmen könnte«), diagnostiziert S. die Gegenwart, erklärt die »Weltwirtschaftskrise« als das Ergebnis einer seit 150 Jahren vorgenommenen Mobilmachung des Arbeiters zum Profit der »Berufsdemagogen«, bes. der neidbesessenen, gescheiterten Akademiker, der »Schwätzer und Hetzer«. Die von S. durchgeführte Pathologie der Aufklärung und der Moderne sieht die Ursache in dem in den Großstädten sich epidemisch ausbreitenden, seelenlosen und artifiziellen Rationalismus, der eine Umwertung aller Werte heimtückisch inszeniert: Programme statt Instinkte, `panem et circenses' statt Kinder, Geist statt tiefer, traditionsgesättigter Weisheit, Geld statt Leistungsvermögen, Haben statt Sein, Quantität statt Qualität, Problematisierungszwänge statt Selbstverständlichkeiten, Mechanismus und Atomistik statt Organologie von Teil und Ganzem, Parteibüro statt Hochaltar, Zeitung statt Klassiker, Partei statt Staat machen die Symptome aus, die den Menschen in die Selbstentfremdung treiben und ihn vergessen lassen, daß er nur ein `Raubtier mit ausgebrochenen Zähnen' ist. Die Selbsttäuschung hat auch Teile der NSDAP ergriffen, in der auch von einem »Schlaraffenland aller Armen und Elenden« geträumt wird - deswegen ist auch der Nationalsozialismus ein »Übergang«, der, populistisch, antisemitisch und rassistisch, die Mehrheit sucht, die Parteienherrschaft aufhebt, um sich als die `schlimmste' Partei zu etablieren. S. sieht mit Bedenken , daß die »Machtergreifung« »täglich mit so viel Lärm gefeiert wird«, während das Feiern erst nach den Taten, vielleicht erst nach dem Tode der Täter angebracht ist, wenn sich erwiesen haben wird, daß ihre Geschichte weder eine Tragödie noch eine Komödie gewesen ist. Können sich `konservative' Kritiker des Dritten Reiches z.T. in diesem Buche wiedererkennen (u.a. J. Graf von Moltke, C.F. Goerdeler), so wird S. durch die ungebrochen euphorischen Ideologen der `neuen Zeit' in die Vereinsamung gedrängt. Bereits am 31.8. 1933 wirft A. Baeumler S. im `Völkischen Beobachter' vor, daß in der Schrift `Jahre der Entscheidung' weder Hitler noch die nationalsozialistische Bewegung gewürdigt werden. Obwohl er noch am 27.9. 1933 in den Senat der Deutschen Akademie gewählt wird, darf sein Name im Rundfunk nicht mehr erwähnt werden (»Die Regierung bittet, von diesem Manne keinerlei Notiz mehr zu nehmen.«). Im Oktober 1933 fährt S. nochmals nach Italien (u.a. Rom, Mailand, Florenz), zieht sich resigniert und enttäuscht von der Perversion des Nationalsozialismus (»Wer Menschenkenner ist, der ist Menschenverächter. Wenn sie mir auf mein Buch hin das immer vorhalten, daß ich die Menschen verachte, während Hitler alle Menschen liebt, dann spricht das eher für mich.«) aus der Öffentlichkeit zurück: er meidet nunmehr (ab Juni 1934) die Wagner-Festspiele (um nicht mehr »zwischen den braunen Haufen« zu sitzen), verbrennt nach dem `Röhmputsch' die an ihn gerichteten Briefe Gregor Strassers, will nicht glauben, daß seit 1933 der »Fortschritt« in Deutschland beginnt (»Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.«), daß Hitler den Auftrag hat, den `Untergang des Abendlandes' zu verhindern, daß Friedrich Nietzsche ein Vorläufer des Dritten Reiches sein soll (im Oktober 1935 scheidet S. aus dem Nietzsche-Archiv aus), schreibt das Geleitwort zu einem Sammelband des bei dem `Röhmputsch' ermordeten Willi Schmid (`Gedicht und Brief. Geleitwort zu: Willi Schmid: Unvollendete Symphonie. Gedanken und Dichtung'). Für H.E. Stiers Zeitschrift `Die Welt als Geschichte' arbeitet S. noch über das `Alter der amerikanischen Kulturen', den `Streitwagen und seine Bedeutung für den Gang der Weltgeschichte' (als Vortrag gehalten am 6.2. 1934 in der Gesellschaft der Freunde asiatischer Kunst und Kultur in München: die Waffe ist ein Symbol des Ethos einer Kultur, z.B. der Bogen als `unritterlich', der Beginn des Einsatzes des Streitwagens mit dressierten, geschulten, könnerhaften Kriegern um 1600 v. Chr. `gleichzeitig' in Griechenland, Indien und China) und über die `Weltgeschichte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends' (eine kulturhistorische Schau der `primitiveren' Lebensformen, die den im `Hauptwerk' behandelten Hochkulturen vorgelagert sind: mit der Erfindung der Seefahrt ringen sich Menschen zu einem freieren, von Erde und Boden, Blut und Scholle unabhängigen Leben durch, so daß sie nunmehr auf die zurückbleibenden Seßhaften verachtend zurückblicken, sich wagemutig auf das Meer als das Medium des `Überschreitens' und der völkerverbindenden Kommunikation begeben - die Seefahrt als Zeichen der Bereitschaft, den angeborenen, `natürlichen' Horizont zu überwinden und sich nicht mit den natürlichen Völker-, Rassen- und Sprachenklaven zu begnügen: der in seinen Gebirgen, Sümpfen, Wüsten und Urwäldern hausende Mensch bleibt roh und provinziell, weil er nicht tauschen und sich austauschen will. Geschichte wird erst von den Nicht-Seßhaften gemacht, die, weil sie `handeln', die wirklich Handelnden sind (»Man denke an das heutige Singapur und Hongkong und das Rassegemisch ihrer Geschäftswelt.«). In der erst posthum erschienenen Fragmentensammlung `Frühzeit der Weltgeschicht' wendet S. sich nahezu ausschließlich der mit dem 5. Jahrtausend beginnenden Weltgeschichte zu, für die er in toto den Untergang prophezeit. Die Anzeichen der `lawinenartigen' Katastrophe erschaut S. im Aufkommen der Langeweile (statt Feinde die Zeit totschlagen) und der artifiziellen Narkotisierungsmechanismen (z.B. »Erotik« ohne Kinder, Rausch, »Reisen, müßiggängerische Literatur... Feuilleton, Radio, Kino, Rekorde«); in Abweichung von seiner im `Hauptwerk' vertretenen Kulturkreislehre ist wegen der kolumbianischen Expansion des Europäismus das Schicksal der Welt- und Menschengeschichte unauflöslich verbunden mit dem Tode des Abendlandes, dessen Kurzgeschichte (Russen, Seemacht, Expansion, Kolumbus, Amerika, Kolonien, Kirche, Staat, Kreuzzüge, Osten, Nationen) sich liest wie ein Kommentar zur Anthropologie (»Was ist der Mensch? Schweifendes Raubtier...Hand. Werkzeug. List. Waffe...Leben ist Kampf. Tat ist Kampf.«). In dem Bewußtsein, zu den »Letzten« zu gehören, überblickt S. die Gesamtgeschichte, deren Akzeleration ins Nichts zielt (nach dem »langen Atem« des Altpaläolithikums erfolgt in der Spätphase die »Explosion«), das die Unmöglichkeit des Menschen verifiziert (»Die Natur rächt sich, indem sie die Menschen vernichtet.«). - Unversöhnlich wie die Geschichte selbst verstirbt S. in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1936 an Herzschwäche in München, wo er am 10.5. unter Beigabe von Goethes `Faust' und Nietzsches `Zarathustra' auf dem Nordfriedhof beigesetzt wird. - Oswald Spenglers Hauptwerk `Untergang des Abendlandes' war, wie selbst seine Kritiker (u.a. Thomas Mann) eingestehen müssen, ein »Riesenerfolg«, sicherlich auch deswegen, weil der Titel mißverstanden wurde: indem die für Spengler zur Zeit der Abfassung noch nicht absehbare (militärische) Niederlage Deutschlands als Teil eines allgemeinen, übernationalen Untergangs auch der Sieger (Helmut Plessner) gesehen werden konnte, das »tragische Bewußtsein des politischen deutschen Zusammenbruchs« tröstlich kompensiert wurde in der »vermeintlichen Aussicht auf den notwendigen Untergang des großen europäischen Kulturganzen« (Manfred Schröter) oder - noch schlimmer - die »eigene Misere als Untergangssymptome des `Abendlandes'« (Joachim Petzold) gesehen werden konnte, also die eigene Befindlichkeit im Untergang einer Kultur gespiegelt und so durch Universalisierung zu entsubjektivieren, die anderen in den eigenen Untergang hingerissen zu wähnen, d.h. psychoanalytisch formuliert: den Entzug libidinöser Besetzung zu rationalisieren zu einem Untergang, der die Chiffre ist für die »Projektion einer innerlichen Katastrophe« (S. Freud). S. als Paradigma, die (subjektiven) `Weltuntergänge' zu verarbeiten und bestehen zu können? Obwohl S. schon 1921 wegen der Mißverständnisse des Titels seines Werkes diesen ersetzt wissen wollte durch »Vollendung des Abendlandes«, bleibt er weiterhin in den Köpfen seiner Kritiker der Pessimist par excellence und wird über alle politischen, weltanschaulichen, moralischen Distinktionen hinweg als solcher zur persona non grata: Liberale, Humanisten, Katholiken, Protestanten, Utopielehrer, Nationalsozialisten werfen ihm narkotisierenden, paralysierenden Pessimismus vor, der wirkscheu (A. Zweiniger) die Möglichkeit der Wiedergeburt (A. Dempf, Karl Joel) leugnet, die `schöpferische Freiheit des Lebendigen' zurückweist, die Zeichen der Zeit mißachtet, z.B. nicht sieht, daß die Zeit nicht nur Epigonentum kenne (H. Scholz), oder in seiner »`defätistischen Weissagung'« (Hitler am 1.5. 1935) zu dem Untergang beitrage, den er deskriptiv zu erfassen meint, so daß der `Untergang des Abendlandes' - wissenschaftstheoretisch - den Status einer `self-fulfilling prophecy' (O. Neurath) habe. Wissend, den Untergang der eigenen Kultur zu bejahen, ist - so Thomas Mann - boshaft, eine aus Misanthropie geborene Verklärung der »Sinnlosigkeit« (Max Horkheimer), geradezu mephistophelisch (Karl Joel) oder - noch vorwurfsvoller - `sadistischer Nihilismus', so der Nationalsozialist G. Gründel, der in seiner `Sinndeutung des Nationalsozialismus' eine umfassende Abrechnung mit dem `Untergangs-Magier' vollzieht. S. kenne nur »Macht und wieder Macht« und bezeuge damit seinen Mangel an Sinn für Gerechtigkeit, Glück und Friede (so ein Apologet des Dritten Reiches, A. Zweiniger), S. verkünde die »l'art pour l'art der Macht«, in ihm werde die »Nacht der langen Messer« ideologisiert und so entschuldigt (so der Utopie- und Hoffnungsphilosoph Ernst Bloch), vielleicht, weil er - leicht biographisierend - den Traum des Oberlehrers träumte, zum Berater der Mächtigen zu avancieren (Th. W. Adorno). »Dahinter steckt der erbitterte, ressentimenterfüllte Drang des mittelständlerischen deutschen Gelehrten, den Schatz seines Wissens endlich in Kapital zu verwandeln und in den meist versprechenden Zweigen der Wirtschaft - damals der Schwerindustrie - zu investieren.« (Adorno). S. - hierin haben diese Kritiker Recht - wußte etwas von der Geist- und Phantasielosigkeit deutscher Beamten, wie sein Buch `Neubau des Deutschen Reiches' unter Beweis stellt. In seinem Lehrplan stehen keine »Allotria« (E. Bloch), und er erteilt, wie ein »harter Onkel« (E. Bloch), seinem Sprößling den Rat, nicht »weiter zu malen, zu singen, zu dichten, sich um Metaphysisches zu bemühen« (E. Bloch), da das Deutschland Goethes schon seit 150 Jahren verdrängt ist durch ein »zweites Amerika«, z.B. Rockefeller schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die `liberal arts' als `schädlich' erachtete. Ist aber derjenige, der es sagt, wie es ist, schon so schuldig wie der, der es so macht, daß es so ist, wie es ist? Ist z.B. der Kritiker des Parteiensystems (Parteien als neue Oligarchie und Instrument der Entmündigung) schon schuldig zu sprechen für das, was unter Bezugnahme auf diese Kritik von den `optimistischen' Akteuren bewirkt wurde, die in ihrem technologisch `zivilisierten' Untergang ad oculos demonstrierten, daß Expansion alles geworden ist, daß der 3. Band des `Untergang des Abendlandes' `nicht in Papier, sondern als Schlachtfeld und Generalstabskarte' (Gottfried Benn) erscheinen wird. Wer hinter die Kulissen der Sinn-Trommler und Verfallspraktiker schaut, riskiert, zum Einsamen (Hans Freyer), Outsider (Th. W. Adorno) zu werden, den die Amtsträger des Establishments zur Ordnung rufen: bereits 1920/21 treten sieben deutsche Fachgelehrte in der Zeitschrift »Logos« zusammen, um S. den Garaus zu machen: sie können S. `spezialistisch' nachweisen, daß er in seiner synoptischen Übersichtlichkeit zu viel `übersieht', z.B. die Kontinuität Platons und des Mittelalters Augustins (K. Joel), des stoischen und Kant'schen Pflichtbegriffs (Karl Joel) - ist diese Auseinandersetzung zwischen S. und der Zukunftswissenschaft ein »Zeugnis der überall spürbaren Empörung gegen die exakte Philologie und gegen die schulmäß-formalistische Philosophie der Katheder« (Ernst Troeltsch), ein Kampf zwischen der lyrisch-ungenauen Oberflächkeit und der exakten Wissenschaft (Robert Musil), zwischen subversivem Relativismus und kulturphilosophisch validiertem Wahrheitsbewußtsein, das z.B. nachweisen kann, daß ein Hebel z. Zt. des Archimedes regel- und gesetzeskonform genauso wirkt wie eine Keule im Paläolithikum oder wie ein Stein im Affenkäfig (Robert Musil), oder - weniger institutionalistisch oder stärker personalisierend gedacht - zwischen der sich in Paradoxien gefallenden und so entlastenden Persönlichkeit und der am Fortschritt interessierten Humanität, die sich ihren `kritischen Rationalismus, das philologische Element, die empirische Exaktheit und nüchterne Kausalitätsforschung' (Ernst Troeltsch), also die Errungenschaften Europas , nicht nehmen lassen möchte. Verliert die eigene Welt durch den Relativismus an »Schwere« (Helmut Plessner), so daß S. trotz oder gerade wegen seines emphatisch betonten Wirklichkeits- und Tatsachenpathos ein Repräsentant der ästhetischen Lebensform ist, der spielt und sogar mit dem Tode scherzen kann (Heinrich Scholz), weil er als der »Schopenhauer der modernen Geschichtsphilosophie« (H. Scholz) sich nicht als Motor eines linearen oder auch nur spiralenförmig gedachten Fortschrittes glaubt, weil er nicht den Wahrheitszelotismus der kausalen Wissenschaft teilt, weil er nicht den zum Richten und `schöpferischen' Handeln notwendigen Glauben an die Willensfreiheit hat, weil er nicht an das Ideal des durch interkulturelle Kommunikation bewirkbaren Universellen glaubt, weil er -wiederum ähnlich wie Schopenhauer- ein Entropie-Denker (Karl Joel) ist - ist S. wegen seines Mißtrauens gegenüber dem am Modell der Erziehbarkeit und Lernfähigkeit der Gattung orientierten Fortschrittsdenken anfällig für zyklisch-mythisches Denken, so daß er - von keinem Himmel des Wahren, Guten und Schönen überdacht - den (heidnischen) »Schicksalssternen« (E. Bloch) verfällt, eine »heidnische Geschichtsanschauung « (A. Dempf), einen »organologischen Fatalismus« (E. Rothacker) vertritt, der sich durchaus für die Verwandtschaft von Kriegsperioden mit Perioden der Witterung, der Sonnenflecken und gewisser »Planetenkonstellationen« (Spengler) ausspricht und so, wie Ernst Cassirer und Th.W. Adorno betonen, dem `astrologischen Aberglauben' nahekommt. Verrät sich in dieser Abdankung der Subjektivität der Vernunft dasselbe, was sich bei dem Zeitgenossen Ludwig Klages als Graphologie äußert, nämlich der »Verzicht auf bewußte Selbstbestimmung« (Th.W. Adorno) in dem Bedürfnis, aus der `Handschrift' bzw. den Karten (des Schicksals) sich die Zukunft vorhersagen zu lassen? Ist jedoch der Untergang des Abendlandes einem menschenentrückten, quasi-astronomischen Vorgang zu vergleichen, gibt es in der S.'schen Geschichtsphilosophie, zumindestens der des `Hauptwerkes', weder Schuld noch Täter, d.h. weder Verantwortung noch einen `Kultur-Kapitän' (A. Demandt) - ein Philosophem, das den Repräsentanten des (neuzeitlichen) Reparadisierungswillen (Ulrich Horstmann) jeder Couleur und Bewegung mißfällt, weil es sie ihrer Sinnhuberei beraubt, und das zumindestens den von S.'s Gegnern schadenfroh konstatierten praktischen Dilettantismus zu erklären vermag (z.B. Ernst Blochs Wort »Der `Staatsmann' Spengler ist zum Lachen«). Deswegen gilt es bei der wirkungsgeschichtlichen Betrachtungsweise - schärfer als bisher - zwischen dem politisch-praktischen Publizisten und dem theoretischen Kulturphilosophen S. zu unterscheiden (G. Müller); war er als `praktischer' Publizist zeitweise Imperialist, so vollzog er als theoretischer Philosoph eine `kopernikanische' Dezentrierung und Gleichstellung aller Kultur(seel)en ; genießt er als Theoretiker `ästhetisch' die Buntheit des Geschehens, um, wenn auch nicht Rosen, so doch Astern ans Grab der eigenen Kultur zu tragen, so ist er als `Praktiker' jemand, der nicht nur die Toten würdevoll begräbt, sondern - für eine begrenzte Zeit - als `Toter' die Toten begräbt, der z.B. in dem durchschauenden Bemühen der Scheinhaftigkeit der Ideologien die Dialektik des `Scheins' unterschlägt, nämlich nicht nur Betrug, sondern auch Erscheinung der prätendierten Wahrheit zu sein; während S. als Theoretiker die nationale Histeriographie überwindet, gehört er als `Praktiker' zu der `nationalen Rechten', offenbart hierin eine Spannung zwischen der mußevollen, genießenden Theorie und der organisierenden Praxis, zwischen der musealen Polymathie und dem immer einäugigen Handeln. S. diagnostiziert theoretisch die Regression (z.B. die Unbewohnbarkeit der Städte, die kommerzialisierte, unschöpferische Unterhaltungsindustrie, die massenmediale Infantilisierung, die Tilgung der Anamnesis, die parteien-oligarchische Austreibung der Mündigkeit u.a.m.), weigert [...] sich jedoch als `Praktiker', im betonierten Garten der Spätkultur seine Nische oder, falls dies auf harten Widerstand stößt, sein `Faß' wie Diogenes zu suchen. Die von S. der Antike attestierte »Interessenlosigkeit...am Lauf der Welt« und der ihr angemessene »moralische Polytheismus« (Spengler) entsprächen eher der gelassenen Wanderung durch die verschiedenen Kulturgärten als die auf `Weltverbesserung' drängende monotheistische und monokulturelle Zielvorstellung der `faustischen Seele'. Aus kulturmorphologisch gespeistem Zweifel an der Möglichkeit der Seelenverwandtschaft zwischen Antike und 20. Jahrhundert (Kulturen als `Monaden ohne Fenster' - ein Verständnis, das von dem Spengler-Adepten A. Toynbee revidiert wurde) und aus Furcht, als auferstandener Diogenes in einer »westeuropäischen Weltstadt« (Spengler) als `Narr' verlacht zu werden, verfällt S. dem »Urgefühl der Sorge«, »dem gegenüber das Glück des Augenblicks verächtlich wird« (Spengler), begibt sich in die Politik, um spät erkennen zu müssen, daß die Geschichte ein blindes Spiel ist, wo der Glück hat, der die Würfel hat. Arnold Gehlen (langjähriger Assistent bei dem Spengler-Bewunderer Hans Freyer), der in seinem Buch `Die Seele im technischen Zeitalter' S. neben Toynbee und N.J. Danilewskij zu den `rangdiskutablen' Vertretern der `Spätkulturproblematik' zählt (Spätkultur als postindustrielle Epoche der Orientierungslosigkeit, des Sichgehenlassens, des `Laissez-faire', der `Apathie der Selbstzufriedenheit u.a.m.), der u.a. Hans Freyer, Günther Anders, Ortega und sich selbst als Seelenverwandte S.'s bezeichnet, spricht in seinem Buch `Der Mensch' von der »Sisyphusleistung täglicher Daseinsbewältigung«, die mit der `spätkulturellen' »objektiven Unbestimmtheit« gestiegen ist (wer weiß überhaupt, ob wir Krieg oder Frieden haben, ein Vaterland haben oder nicht, im Sozialismus oder Kapitalismus, in einer Klassen- oder einer egalitären Gesellschaft leben u.a.m.), der Mensch sich also realistisch (heute) als Kind des Sisyphos zu sehen hätte, und so gerade durch Übernehmen dieser Rolle der Vergeblichkeit die Fremdheit der Welt spielerisch zeigen könnte, so wie etwa der zum Tode Verurteilte nach Freud humorvoll sich erhebt (`Die Woche fängt ja gut an'). Ist die bei S. temporär sichtbare Praktizismus-Pose (H. Lübbe), die dann zu einer Posse wird, nicht Resultat einer nicht-entsorgten, akrobatisch zwanghaften Identitätssicherung, die zu »Selbstaufblähung« (H. Lübbe) führt, und ist S. deswegen ein weiteres Glied in der Kette deutscher Denker, die ernst, entschlossen, verdrossen und existentialistisch exaltierend aus Selbstbekümmerung seriös werden und zur »verkniffenen Mannsnatur« (E. Bloch) ausarten. Nach der Gehlen'schen Anthropologie wäre Spengler redivivus eine Person, die in einer als `post-histoire' (von A.A. Cournot geprägter, über Bertrand de Jouvenel und Hendrik de Man an Arnold Gehlen tradierter Terminus zur Charakterisierung einer vollendeten, den Archetypus erfüllenden und erschöpfenden, deswegen wandlungsunfähigen und stabilisierten Epoche, die wegen ihrer Starre `sinn-los' ist) `lebensfähig' bliebe, vielleicht, indem sie nicht die Zukunft schaut, sondern die `Fähigkeit zur reinen Gegenwart' (A. Gehlen) besitzt, deren Verlust die `Ursache' aller Bestialität (z.B. der Technik, des Kapitalismus und des Weltkrieges ist.): hat nach dem an S. erinnernden Gehlen'schen Buch `Urmensch und Spätkultur' der `archaische' Mensch den stabilisierenden Außenhalt seines instinktresidualen Handlungsbedürfnisses in der `numinos' erlebten Gegenwart (die Natur als appellative, in ihrer Außeralltäglichkeit affekthohe Instanz), so tritt in der Kultur die Institution als die (nicht reflexiv gestörte) Norm dem Menschen gegenüber auf, sich `konsumieren' zu lassen: es liegt anthropologisch der Verdacht nahe, daß z.B. die Existenzphilosophie Martin Heideggers, die 1929/30 S. `Hauptwerk' neben Ludwig Klages und Max Scheler als Beispiele der sich in der `Langeweile' aussprechenden `Leere im Ganzen' (Untergang des Lebens an und durch den Geist, der Seele durch den Geist) anführt, einen Standpunkt einnimmt, der sich nocht nicht dazu durchgearbeitet hat, unter Preisgabe der `Seinsgier' das Opfer zu erbringen, »die Ideale seiner Sehnsucht aus seinem Herzen zu reißen...« (Gehlen), also als Asket auch von der Sinnfrage Abschied zu nehmen, die immer schon `erledigt' ist im bloßen Vollzug des Daseins (A. Gehlen).
Werke: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Erster Band: Gestalt und Wirklichkeit (Wien 1918); Zur Einführung von: Ernst Droem: Gesänge (München 1920); Der Untergang des Abendlandes. Zweiter Band: Welthistorische Perspektiven (München 1922; Der Untergang des Abendlandes. Völlig umgestaltete Ausgabe (München 1923); Die Revolution ist nicht zu Ende. (Oldenburg 1924); Steuererleichterung. Einführung zu: Valentinus: Neue Wege (Berlin 1926); Zur Einführung von: Richard Korherr: Geburtenrückgang, in: Süddt. Monatshefte 25 (1927) H3; Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer Philosophie des Lebens. (München 1931); Politische Schriften (München 1932); Jahre der Entscheidung. Erster Teil: Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung. (München 1933); Gedicht und Brief. Geleitwort zu: Willi Schmid: Unvollendete Symphonie. Gedanken und Dichtung von Willi Schmid. (München/Berlin 1935); Reden und Aufsätze. Hrsg. v. H. Kornhardt (München 1937); Achäerfragen. II. Teil von: Weltgeschichte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Hrsg. von H. Kornhardt, in: die Welt als Geschichte (1940) H. 1/2.-Gedanken. Ausgew. v. H. Kornhardt (München 1941); Jahre der Entscheidung. Erster Teil: Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung. Taschenbuchausgabe (München 1961); Der Untergang des Abendlandes. Vollständige Ausgabe in einem Band. (München 1963); Briefe 1913-1936. In Zusammenarbeit mit M. Schröter hrsg. v. A.M. Koktanek (München 1963); Urfragen. Fragmente aus dem Nachlaß. Unter Mitwirkung von M. Schröter hrsg. v. A.M. Koktanek (München 1965); Frühzeit der Weltgeschichte. Fragmente aus dem Nachlaß. Unter Mitwirkung von Manfred Schröter hrsg. von A.M. Koktanek (München 1966); Der Untergang des Abendlandes. Taschenbuchausgabe (München 1972); Bibliographie: A.M. Koktanek: Oswald Spengler in seiner Zeit (München 1968); Jürgen Naeher: Oswald Spengler (Hamburg 1984); Detlef Felkem: Oswald Spengler: Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur (1988).
Lit.: Schmekel, A.: Oswald Spengler, Heraklit, in: Deutsche Literaturzeitung, hrsg. Paul Hinneberg (Leipzig 1906) XXVII, p. 978; - Hans Freyer: Spengler, in: die Tat (1919) 11. Jg., pp. 304 ff; - Eugen Rosenstock: Der Selbstmord Europas, in: Hochland, hrsg. Karl Muth (1919) Bd. II, pp. 529 ff; - Ernst Troeltsch, `Der Untergang des Abendlandes', in: Historische Zeitschrift (1929) Bd. 120, auch in: Aufsätze zur Geistesgeschichte und Religionsoziologie, hrsg. H. Braun (Tübingen 1925); - Alfred Bäumler; Metaphysik und Geschichte, in: Die neue Rundschau 31 (1920) Bd. 2; - Emanuel Hirsch: Oswald Spenglers `Untergang des Abendlandes', in: Der Geisteskampf der Gegenwart (1920) H. 8/9; - Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur (Tübingen 1920/21) Bd. IX; - A. Moeller van den Bruck: `Der Untergang des Abendlandes'. Für und wider Spengler, in: Dt. Rundschau 46 (1920); - Heinrich Scholz: Zum `Untergang des Abendlandes'. Eine Auseinandersetzung mit Oswald Spengler (Berlin 1920); - J. Volkelt: Die Grundbegriffe in Spenglers Geschichtsphilosophie, in: Historische Viertelsjahresschrift 20 (1920)/21); - Ernst Bloch: Spengler als Optimist, in: Neue Merkur 5 (1921/22) pp. 290 ff; - Th. L. Haering: Die Struktur der Weltgeschichte. (Tübingen 1921); - Robert Musil: Geist und Erfahrung Anmerkungen für Leser, welche dem Untergang des Abendlandes entronnen sind (März 1921), in: Gesammelte Werke, hrsg. A. Frisé (1978) Bd. I; - L. Nelson: Spuk. Einweihung in das Geheimnis der Wahrsagekunst Oswald Spenglers und sonnenklarer Beweis der Unwiderleglichkeit seiner Weissagungen nebst Beiträgen zur Physiognomik des Zeitgeistes. Eine Pfingstgabe (Leipzig 1921); - Otto Neurath: Antispengler (München 1921); - Alois Dempf: Die ewige Wiederkehr. Ibn Chaldun und Oswald Spengler, in: Hochland (1922/23) Bd. XX, H. 1; - Thomas Mann: Briefe aus Deutschland, in: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden - Nachträge (1974) XIII; - Friedrich Meinecke: Über Spenglers Geschichtsbetrachtung, in: Wissenschaft und Leben 16 (1922/23) H. 1; - E. Mezger: Oswald Spenglers `Untergang des Abendlandes', in: Logos (1920/21) Bd. IX; - Manfred Schröter: Der Streit um Spengler. Kritik seiner Kritiker. (München 1922); - Eduard Meyer: Spenglers `Untergang des Abendlandes' in: Gnomon 1 (1925); - H. Keyserling: Spengler, der Tatsachenmensch, in: Menschen als Sinnbilder (Darmstadt 1926) 149 ff; - Eduard Spranger, Die Kulturzyklentheorie und das Problem des Kulturverfalls (1926), in: Gesammelte Schriften (1969) Bd. V, pp. 1 ff; - E. Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit (München 1927) pp. 43 ff; - Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik 1929/30, in: Gesamtausgabe (Frankfurt a.M. 1984) XXIX/XXX, pp. 104 ff; - W. Goetze: Die Gegensätzlichkeit der Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers und Theodor Lessings. (Leipzig 1930); - R.H. Grützmacher: Spengler und Nietzsche, in: Preußische Jahrbücher (1931) Bd. 224, H. 1; - Max Horkheimer: Zu Oswald Spenglers `Jahre der Entscheidung' (1933), in: Gesammelte Schriften, hrsg. Alfred Schmidt (1988) Bd. III, pp. 158 ff; - A. Zweininger: Spengler im Dritten Reich. Eine Antwort auf Oswald Spenglers `Jahre der Entscheidung' (Oldenburg 1933); - G. Gründel: Jahre der Überwindung. Umfassende Abrechnung mit dem `Untergangs-Magier' - Aufgaben der deutschen Intellektuellen - weltgeschichtliche Sinndeutung des Nationalsozialismus. Ein offenes Wort an alle Geistigen. (Breslau 1934); - J.v. Leers: Spenglers weltpolitisches System und der Nationalsozialismus. (Berlin 1934); - K. Muhs: Spengler und der wirtschaftliche Untergang Europas (Berlin 1934); - Arnold Toynbee: A Study of History (London 1934) vol. 3, pp. 185 f. 221 f. 378 ff; - Alfred Rosenberg: Oswald Spengler, in: Kampf um die Macht (München 1935) pp. 341 ff; - Lucien Febvre: De Spengler à Toynbee, in: Revue de Metaphysique (1936) pp. 573 ff; - Johan Huizinga: Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit (Bern/Leipzig 1936); - Paul Reusch u. R. Korherr: Oswald Spengler zum Gedenken (Nördlingen 1937); - M. Bense: Oswald Spengler oder die Kritik der Geschichte, in: Vom Wesen deutscher Denker (München 1938) pp. 157 ff; - Theodor W. Adorno: Spengler nach dem Untergang (1941), in: Prismen (Berlin/Frankfurt a.M. 1955); - A.v. Martin: Geistige Wegbereiter des deutschen Zusammenbruchs. (Recklinghausen 1948); - Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates (München 1949); - Henry A. Kissinger: The Meaning of History: Reflections on Toynbee, Spengler and Kant (Harvard University 1950); - Erich Rothacker: Toynbee und Spengler, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (1950) Bd. XXIV., 24. Jg; - H. Stuart Hughes: Oswald Spengler. A Critical Estimate (New York 1952); - Helmut Plessner: Deutsches Philosophieren in der Epoche der Weltkriege, in: Gesammelte Schriften (Frankfurt a.M.) Bd. IX, pp. 263 ff; - H.-J. Schoeps: Wurzeln des abendländischen Kulturpessimismus, in: Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung (1954) 9, Nr. 13; - Theodor W. Adorno: Wird Spengler rechtbehalten? in: Frankfurter Hefte 10 (1955) H. 12; - Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen (München 1956); - Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter (Hamburg 1957); - Arnold Gehlen: Antropologische Forschung (Hamburg 1961); - Gert Müller: Oswald Spenglers Bedeutung für die Geschichtswissenschaft, in: Zeitschrift für Philosophische Forschung (1963) Bd. XVII, pp. 483 ff; - Arnold Gehlen: Urmensch und Spätkultur (Frankfurt a.M./Bonn 1964); - (hrsg.) Anton Mirko Koktanek: Spengler-Studien. Festgabe für Manfred Schröter (München 1965); - A.M. Koktanek: Spenglers Verhältnis zum Nationalsozialismus in geschichtlicher Entwicklung, in: Zeitschrift für Politik (1966) N.F. 13, pp. 33 ff; - H.L. Frigg: The Impact of a Pessimist. The Reception of Oswald Spengler in America 1919-1939 (Nashville 1968); - G. Murjahn: Romantik und Realismus in der Lehre Oswald Spenglers. Ein Versuch (Berlin 1968); - Hans Freyer: Oswald Spengler, in: Die Grossen Deutschen, hrsg. Hermann Heimpel et al. (1968) pp. 455 ff; - A.M. Koktanek: Oswald Spengler in seiner Zeit (München 1968); - H. Pross: Schauen und fühlen - und dann vielleicht beschreiben: Oswald Spengler, in: Söhne der Kassandra. Versuch über deutsche Intellektuelle (1971) pp. 75 ff; - Northrop Frye: The Decline of the West, in: Daedalus. Journal of the American Academy of Arts and Sciences (Boston 1974) pp. 1 ff; - Alexander Demandt: Metaphern für Geschichte (1978); - Joachim Petzold: Wegbereiter des deutschen Faschismus. Die Jungkonservativen in der Weimarer Republik (1978); - Helmut Koopmann: Der Untergang des Abendlandes und der Aufgang des Morgenlandes, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft (Stuttgart 1980) 24. Jg., pp. 300 ff; - Hermann Lübbe; Vorwort. in: (hrsg. P.C. Ludz) Spengler heute. Sechs Essays (München 1980); - Ulrich Horstmann: Das Untier (1983); - Detlef Felkem: Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur (1988).
Martin Arndt
Werkeergänzung:
2007
Preußentum u. Sozialismus. [Nachdr. d. Ausg.] München, 1922. Leipzig 2007; Der Untergang des Abendlandes. Umrisse e. Morphologie d. Weltgeschichte. Hrsg. u. mit e. Nachw. vers. von Thomas Zwenger. Neu gesetzte Ausg. nach d. 72. u. 73. Aufl. d. Ausg. München 1923. Wiesbaden 2007; Jahre der Entscheidung. Dtl. u.d. weltgeschichtl. Entwicklung. Neu hrsg. u. mit e. Vorw. vers. von Frank Lisson. Graz 2007;
2008
Aufsätze. Paderborn [2008]; -
2009
Spengler, Oswald/ Bigalke, Daniel: Neubau des deutschen Reiches. Mit einem Vorwort des Herausgebers, Arnshaugk, 2009.
Literaturergänzung:
1976
Meyer, Hans: Oswald Spengler, (Diss. Fribourg i. Ü. 1976) Der Begriff der Analogie im Werk Oswald Spenglers, Selbstverlag; -
1982
Claudio Berto, L'uomo e il destino nel pensiero di O.S., in: Aquinas 25.1982, S. 357-370; -
2002
Giuseppe Molino, Politica, natura, storia in O.S. Messina 2002; -
2005
Pierluca Azzaro, Dt. Geschichtsdenker u.d. Jahrhundertwende u. ihr Einfluß in Italien. Kurt Breysig, Walther Rathenau, Oswald Spengler. Bern [u.a.] 2005 (=Convergences; 31); - Frank Lisson, O.S. Philosoph d. Schicksals. Schnellroda 2005 (=Perspektiven; 4); - Fortunato Maria Cacciatore, Indagini su O.S. Soveria Mannelli 2005; -
2006
Uwe Simson, Von S. lernen? Berlin 2006; - Uwe Janensch, Goethe u. Nietzsche bei Spengler. Berlin 2006; -
2007
Samir Osmancevic, O.S. u.d. Ende d. Geschichte. Wien 2007; - William James DeAngelis, Ludwig Wittgenstein - a cultural point of view. Aldershot 2007; -
2008
Wolfgang Krebs, Die imperiale Endzeit. O.S. u.d. Zukunft d. abendländ. Zivilisation. Berlin 2008; - Emmanuel Mattiato, Théories de l'espace et géopolitique du libéralisme. À propos de quelques affinités entre Spengler et Schmitt, in: Pauvreté et capitalisme. Palermo 2008, S. 215-254; -
2009
Giandomenico Mucci, Tramonto dell'Occidente?, in: CivCatt 160.2009, S. 233-238; - S. - ein Denker d. Zwitenwende. Manfred Gangl (Hrsg.). Frankfurt/M. 2009.
Letzte Änderung: 02.02.2010