TASSILO, Herzog von Baiern, * um 740 als Sohn Herzog Odilos und
Hiltruds, einer Tochter Karl Martells, † vor 797. - T.s
gesamte Regierungszeit ist geprägt durch den Kampf um Eigenständigkeit
gegenüber dem Frankenreich, der schließlich 788 mit der Absetzung
T.s scheitert. Nach dem Tod des Vaters 748 wird T. zunächst zum Herzog
unter der Vormundschaft seiner Mutter. Aber noch im selben Jahr bemächtigt
sich Grifo, ein Sohn Karl Martells, der wegen seiner agilolfingischen
Mutter einen Thronanspruch geltend macht, im Zuge der Erbstreitigkeiten
mit seinem Bruder Pippin des Herzogtums. Pippin marschiert in Baiern
ein, vertreibt Grifo und setzt T. wieder ein. 754 stirbt Hiltrud.
Damit wird Pippin, als Bruder der Mutter, der direkte Vormund T.s.
Aus dieser Vormundschaft wird T. 757 entlassen, er leistet Pippin
und seinen Söhnen in Compiègne den Treueeid. Der eigentliche Konflikt
mit den Karolingern beginnt 763, als Pippin T. auffordert, sich an
seinem Heereszug gegen die Aquitanier zu beteiligen, die mit T.s Vater
verbündet waren. T. stößt zum Heer, entschuldigt sich aber bald darauf
mit einer Krankheit und kehrt nach Baiern zurück. Damit begeht er
nach Einschätzung der Karolinger »harisliz«. T. bittet Papst Paul
I. um Vermittlung zwischen ihm und Pippin, aber die Gesandten des
Papstes werden vom Langobardenkönig Desiderius abgefangen. Da Pippin
bald darauf stirbt, kommt es trotzdem nicht zu einem offenen Konflikt.
Um seine Stellung zu festigen, sucht T. Bündnisse, so heiratet er
die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius, Liutbirga. Möglicherweise
hat T. während der letzten Jahre der Auseinandersetzungen auch Verbindungen
zu den Awaren und Sachsen aufgenommen. Während des Streites zwischen
Pippins Sohn Karl und Desiderius, der 773/774 in der Eroberung des
Langobardenreiches gipfelt, ergreift T. allerdings keine Partei. Trotzdem
spitzt sich der Konflikt mit den Karolingern weiter zu. Um die profränkischen
Bischöfe von Freising und Salzburg, Atto und Arn, beginnt sich eine
innerbairische Opposition zu sammeln. Papst Hadrian I. stellt sich
auf die Seite der Karolinger. Daraufhin wird T 781 von Karl aufgefordert,
sich in Worms einzufinden. Nach dem Austausch von Geiseln erklärt
sich T. dazu bereit. Er erneuert noch einmal die Treueeide von Compiègne.
787 wenden sich Karl und T. wieder an den Papst, der diesmal T. droht,
ihn zu bannen, sollte er die Treueeide nicht halten. Eine Gesandtschaft
T.s nach Rom zu Karl scheitert, und Karl marschiert in Baiern ein.
T. wird gezwungen, sein Herzogtum an Karl zu übergeben. Er erhält
es als Lehen zurück und muß 12 Geiseln stellen, darunter seinen Sohn
Theodo. Karl lädt ihn 788 aber erneut nach Ingelheim. Dort wird er
von bairischen Adeligen angeklagt wegen Treuebruchs und Verhandlungen
mit den Awaren. Die Reichsversammlung verurteilt ihn wegen dieser
Vorwürfe und wegen der Ereignisse während des Aquitanischen Feldzuges
763 zum Tode. Von Karl begnadigt tritt T., wie es heißt auf eigene
Bitten, in ein Kloster ein, wahrscheinlich in Jumièges. Seine gesamte
Familie wird ebenfalls in verschiedene Klöster geschickt. 794 muß
T. noch einmal öffentlich auf der Synode von Frankfurt auf alle seine
Rechte verzichten. Danach gibt es keine Nachrichten mehr von ihm,
wahrscheinlich ist er in Jumièges zwischen 794 und 797 gestorben.
Innenpolitisch ist das Wirken T.s vor allem durch die Synoden von
Dingolfing, Aufhausen und Neuching gekennzeichnet, auf denen T. weltliche
und kirchliche Reformen vorantreibt und das Verhältnis zwischen kirchlicher
und weltlicher Gewalt für Baiern regelt. Unter anderem erläßt er in
dieser Zeit ein Gesetz, das von jedem Bischof verlangt, an seinem
Sitz eine Schule einzurichten. T. gründet auch mehrere Klöster, darunter
777 Kremsmünster.
Lit.: Stollenmayer, Pankraz, Das Grab Herzog Tassilos
III. von Bayern (Wels 1962); - Klingsporn, Albrecht, Beobachtungen
zur Frage der Bayerisch-Fränkischen Beziehungen im 8.Jh. (Freiburg
1965); - Reiser, Rudolf, Die Agilolfinger (Pfaffenhofen 1985);
- Wolfram, Herwig, Baiern und das Frankenreich, (Die Bajuwaren.
Von Severin bis Tassilo 488-788, München 1988, 130-135); - Störmer,
Wilhelm, Das Herzogsgeschlecht der Agilolfinger, (Die Bajuwaren. Von
Severin bis Tassilo 488-788, München 1988, 141-152); - Wolfram,
Herwig, Tassilo III. und Karl der Große - Das Ende der Agilolfinger
(Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo 488-788, München 1988), 160-167;
- Jahn, Joachim, Bayerische `Pfalzgrafen' im 8. Jahrhundert? Studien
zu den Anfängen Herzog Tassilos (III.) und zur Praxis der fränkischen
Regentschaft im agilolfingischen Bayern (Früh- und hochmittelalterlicher
Adel in Schwaben und Bayern, hrsg. von Immo Eberl u.a. = Regio 2,
Sigmaringendorf 1988), 80-114; - Anfänge Kloster Kremsmünster
(Mitteilungen des Österreichischen Landesarchivs, Erg.Bd. 2); -
Jahn, Joachim, Ducatus Baiuvariorum. Das Bairische Herzogtum der Agilolfinger
(Monographien zur Geschichte des Mittelalters 35, Stuttgart 1991).
Regina Holzinger
Literaturergänzung:
2001
Anton Scharer, Duke T. of B. and the origins of the Rupertus Cross, in: Belief and culture in the Middle Ages. Oxford 2001, S. 69-75.