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Band XI (1996)Spalten 622-625 Autor: Gabriele Lautenschläger

TELEMANN, Georg Philipp (anagrammatisches Pseudonym: Melante), deutscher Komponist, * 14.3. 1681 in Magdeburg, † 25.6. 1767 in Hamburg. - Sohn des Heinrich T. und seiner Frau Johanna, geborene Haltmeier. Der Vater starb bereits 1685. T. eignete sich seine Fertigkeit in Komposition und Instrumentalspiel weitgehend als Autodidakt an. Im Herbst 1701 immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität, um - dem Wunsch seiner Mutter entsprechend - Jura zu studieren. Sein eigentliches Interesse galt jedoch der Musik. 1704 wurde ihm die Stelle eines Organisten und Musikdirektors übertragen. Noch in demselben Jahr erhielt T. einen Ruf als Kapellmeister an den Hof des Grafen Promnitz in Sorau. 1706 floh er vor dem Einfall schwedischer Truppen. Er wurde Kapellmeister am Hof Herzog Wilhelms von Sachsen-Eisenach. 1709 heiratete T. Louise Eberlin, die im Januar 1711 nach der Geburt der ersten Tochter starb. Ein Jahr später suchte er sich einen neuen Aufgabenkreis an der Barfüßer- und Katharinenkirche in Frankfurt. 1714 heiratete er Maria Katharina Textor. Aus dieser weniger glücklichen Ehe gingen acht Söhne und zwei Töchter hervor. 1736 verließ ihn seine zweite Frau. 1721 trat T. in den Dienst der Stadt Hamburg. Neben seinem Amt als Musikdirektor für die fünf Hauptkirchen der Stadt, war er zugleich Kantor am Johanneum. Ferner übernahm er auch hier, wie schon andernorts, die Leitung eines Collegium musicum, mit dem er regelmäßig öffentliche Aufführungen veranstaltete. 1722 wurde T. die Leitung der Hamburger Oper übertragen, die unter ihm eine vorläufig letzte Blütezeit erlebte. 1728 gründete er zusammen mit Johann Valentin Görner die erste deutsche Musikzeitschrift: »Der getreue Musicmeister«, worin er eigene und zeitgenössische Werke veröffentlichte. 1755 begann die Zeit der großen Alterswerke T.s, unter denen den Oratorien eine besondere Bedeutung zukommt. Da er nur noch mit Mühe schreiben konnte, mußte sein Enkel, Georg Michael T., vieles vervollständigen. Dieser Enkel machte sich vor allem als Bewahrer des Erbes seines Großvaters in der Musikgeschichte einen Namen. Im einzelnen umfaßt T.s bislang bekanntes kompositorisches Schaffen rund 40 Opern, 35 Oratorien, 23 Jahrgänge kirchlicher Kantaten, 40 Predigt-Einführungsmusiken, 40 Hamburger Kapitänsmusiken, 15 Messen, 2 Magnifikat, 22 Psalmen, 9 Beerdigungsmusiken, 5 Tafelmusiken, unzählige Motetten und weltliche Kantaten, ca. 1000 Orchestersuiten (davon sind 126 erhalten), viel Kammermusik, hunderte von Gelegenheitskompositionen und Werke für Tasteninstrumente. Heute liegt nur ein Bruchteil der auf einen Umfang von mehr als 1500 geschätzten Werke in Neuausgaben vor. Zu Lebzeiten war dies anders. T. war einer der gefeiertsten und produktivsten Musiker des 18. Jahrhunderts, der internationales Ansehen genoß. Auf seinen Reisen hatte er den Kompositionsstil der französischen Instrumentalmusik und der italienischen Oper studiert sowie die polnische Volksmusik kennengelernt. Überall finden sich in seinen Werken entsprechende Anklänge. Indem sich T. von der Formenwelt des deutschen Barock löste und bestimmte Elemente des galanten Stils übernahm, wurde er zum Wegbereiter der Klassik. Seine Verbindung von kontrapunktischer, konzertierender und galanter Schreibart sowie die Integrierung volkstümlicher Nationalstile und individuell vorgeprägter Formen beeinflußte maßgeblich die Musikästhetik des 18. Jahrhunderts. T. erstrebte eine »natürlich« wirkende Musik, die nicht nur für den professionellen Musiker und zur Erfüllung traditioneller gottesdienstlicher Aufgaben bestimmt war. Durch seine zahlreichen Druckausgaben förderte er das Laienmusizieren und gab damit der Musik eine neue gesellschaftliche Funktion: - Mit der Bachrenaissance im 19. Jahrhundert geriet die Bedeutung T.s in Vergessenheit. Gemessen an Komponisten wie Georg Friedrich Händel und der kontrapunktischen Schreibart Johann Sebastian Bachs, wurde sein Stil als »theatralisch« und er selbst als »Vielschreiber« abgetan. Erst im 20. Jahrhundert, nachdem das Gesamtwerk sowie das geschichtliche Umfeld besser erschlossen wurde, läßt sich T.s herausragende Bedeutung objektiver fassen.

Bibliographie und Werkverzeichnisse: H. Wettstein, G. P. T. Bibliographischer Versuch zu seinem Leben und Werk, Hamburg 1981; Werner Menke, Thematisches Verzeichnis der Vokalwerke von G. P. T., Bd. 1: Cantaten zum gottesdienstlichen Gebrauch, Frankfurt a. M. 1982 ( 2. erweiterte Aufl. 1988), Bd. 2, Frankfurt a. M. 1983; Martin Ruhnke (Hrsg.), T.-Werkverzeichnis (TWV). Thematisch-Systematisches Verzeichnis seiner Werke, Kassel 1984.

Werke:: Singe-, Spiel u. Generalbass-Übungen, Hamburg 1733-34 ( Neuausgabe hrsg. v. M. Seiffert, Kassel 1935); Beschreibung der Augen-Orgel, Hamburg 1739; Musikalische Werke, hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Musikforschung, Kassel 1950ff.; Neues musicalisches System. In: L. C. Mizler, Musicalische Bibliothek, Bd. 3, Reprint 1966; Singen ist das Fundament der Musik in allen Dingen. Eine Dokumentensammlung, hrsg. v. W. Rachwitz, Leipzig 1981; Lukaspassion 1728: Textbuch, hrsg. v. Arbeitskreis G. P. T., Magdeburg 1992; Joachim Jaenecke, G.P. T.: Autographe und Abschriften (=Kataloge der Musikabteilung/ Staatsbibliothek Berlin, Preussischer Kulturbesitz: Reihe 1, Handschriften; Bd. 7), München 1993.

Lit.: (allgemein): Rolf Dammann, Der Musikbegriff im deutschen Barock, Laaber, 2. Aufl. 1985; - Annemarie Clostermann, Studien zur Hamburgischen Currende vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, Hamburg 1989; - Gustav A. Krieg, Art. Musik und Religion IV. In: TRE 23 (1994), 457-495.

Lit. (speziell): Selbstbiographien deutscher Musiker des 18. Jahrhunderts, hrsg. v. W. Kahl, Köln 1948, Nachdruck Amsterdam 1970; - Konferenzberichte der Magdeburger T.-Festtage, Magdeburg 1963ff.; - MGG, Bd. 13, 1966, Sp. 175-211; - Brockhaus: Riemann Musiklexikon, hrsg. v. Carl Dahlhaus u. Hans Heinrich Eggebrecht, Bd. 2, Wiesbaden-Mainz 1979, 582-584; - Das große Lexikon der Musik, hrsg. v. Marc Honegger u. Günther Massenkeil, Freiburg-Basel-Wien 1982, 104-107; - Wolfgang Hirschmann, Studien zum Konzertschaffen von G. P. T., (Univ. Diss.) Kassel u.a. 1986; - Propyläen: Welt der Musik. Die Komponisten, hrsg. v. Alfred Baumgartner, Bd. 5 Berlin-Frankfurt a. M. 1989, 303-309; - 30 Jahre Hamburger T.-Gesellschaft e.V.: 1958-1988, eine Dokumentation, zusammengestellt u. kommentiert v. Annemarie Clostermann, Hamburg 1989; - Metzler Komponisten-Lexikon, hrsg. v. Horst Weber, Stuttgart 1992, 797-801; - Christine Klein, Beiträge zur Geschichte der T.-Rezeption im Zeitraum von 1767 bis 1907, 2 Bde., (Halle, Univ. Diss. 1992); - Manfred Fechner, Studien zur Dresdner Überlieferung der Instrumentalkonzerte von G. P. T. u.a., (Rostock, Univ. Diss., 1992); - Karl Grebe, G. P. T. Mit Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, 8. Aufl. Hamburg 1992; - Geschichte der Musik, hrsg. v. Michael Raeburn u. Alan Kendall, Bd. 1, München 1993, 239-243.

Gabriele Lautenschläger

2004

Handreichung zum Heidelberger Katechismus. Für Prediger, Lehrer u. Gemeindeglieder. Repr. d. Ausg. Detmold, 1892. 2., durchges. u. erw. Aufl. Hamburg 2004.

Literaturergänzung:

2005

Telemann und Bach. Hrsg. von Brit Reipsch u. Wolf Hobohm. Hildesheim [u.a.] 2005 (=Magdeburger Telemann-Studien; 18); - Eckart Kleßmann, "Ein Talent der flachsten Art". G.P.T. im Urteil d. Nachwelt. Stuttgart 2005 (=AAWLM.L; Jg. 2005,1); - G.P.T.s Passionsoratorium "Seliges Erwägen" zwischen lutherischer Orthodoxie u. Aufklärung. Martina Falletta (Hrsg.). Frankfurt a.M. 2005; -

2006

Ute Poetzsch-Seban, Die Kirchenmusik von Georg Philipp Telemann u. Erdmann Neumeister. Beeskow 2006; - Volksmusik u. nationale Stile in T.s Werk. Hrsg. von Wolf Hobohm u. Brit Reipsch. Hildesheim 2006; -

2007

Günter Fleischhauer, Annotationen zu G.P.T. Hrsg. von Carsten Lange. Hildesheim 2007; - Freiheit oder Gesetz? Aufführungsprakt. Erkenntnisse aus T.s Handschriften, zeitgenöss. Abschriften, musiktheoret. Publikationen u. ihre Anwendung. Hrsg. von Dieter Gutknecht. Hildesheim 2007; -

2008

Simon Rettelbach, Trompeten, Hörner u. Klarinetten in d. in Frankfurt am Main überlief. "Ordentlichen Kirchenmusik" G.P.T.s. Tutzing 2008; - Christiane Jungius, T.s Frankfurter Kantatenzyklus. Kassel 2008; - T.s Vokalmusik. Über Texte, Formen u. Werke. Adolf Nowak/Andreas Eichhorn (Hrsg.). Hildesheim 2008; -

2009

Jürgen Neubacher, G.P.T.s Hamburger Kirchenmusik u. ihre Aufführungsbedingungen. (1721-1767). Organisationsstrukturen, Musiker, Besetzungspraktiken. Mit e. umfangreichen Quellendokumentation. Hildesheim 2009; - T. u. Frankreich, Frankreich u. T. Hrsg. von Carsten Lange. Hildesheim 2009.

Letzte Änderung: 14.01.2010