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Verlag Traugott Bautz
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TEMPIER, Étienne (Stephanus von Orléans), Bischof von Paris seit dem 7.10. 1268, † 3.9. 1279. Aus Orléans stammend, studierte T. in Paris, wo er als Magister der Theologie und Kanoniker an Notre-Dame de Paris bezeugt ist. 1263 wurde er als Nachfolger Heimerichs von Veire Kanzler des Kathedralkapitels und damit der Universität Paris, 1268 Bischof von Paris. Durch sein autoritäres Auftreten - T. erteilte eigenmächtig Lehrbefugnisse, übernahm ohne Amtseid die Funktion eines Magister regens und beanspruchte das Amt des Dekans - geriet er in Konflikt mit der Theologischen Fakultät. Das Schisma an der Universität Paris nach der Rektorswahl von 1272 konnte er weder verhindern noch beheben; es endete erst 1275 durch Eingreifen des päpstlichen Legaten Simon von Brion. Als Bischof von Paris war T. einer der Testamentsvollstrecker Ludwigs X. des Heiligen. Gegen dessen Nachfolger, Philipp III. den Kühnen, verteidigte er die weltlichen Rechte der Kirche von Paris; 1273 wurde er daraufhin vorübergehend aus seiner Diözese exiliert. 1274 nahm er am II. Konzil von Lyon teil. Bekannt wurde T. vor allem wegen seiner beiden, für die abendländische Geistesgeschichte folgenschweren Verurteilungen des radikalen Aristotelismus (des sogen. "lateinischen Averroismus"), die einen Höhepunkt in den Auseinandersetzungen um die Aneignung griechischer und arabischer Philosophie im lateinischen Westen markieren. Die Lehre und Lektüre der naturphilosophischen und metaphysischen Schriften des Aristoteles waren schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Paris (und später auch in Toulouse) von kirchlichen Autoritäten verboten worden, hatten sich um die Jahrhundertmitte an der Artistenfakultät aber weitgehend durchgesetzt; seit etwa 1230 waren durch die Übersetzungen des Michael Scotus auch die Aristoteleskommentare des Averroes der lateinischen Welt zugänglich geworden. Gegen 1265 bildete sich erneut eine Opposition um den Franziskanergeneral Bonaventura und Professoren der Theologischen Fakultät; 1270 erstellte Aegidius Romanus eine Liste von 95 "Irrlehren der Philosophen". Zur selben Zeit kursierte an der Theologischen Fakultät eine Liste von fünfzehn Irrtümern; die ersten dreizehn dieser auf Aristoteles bzw. die Aristotelesinterpretation des Averroes zurückgehenden Thesen (die Einheit des Intellekts, die Ewigkeit der Welt, die Sterblichkeit der individuellen Seele, die Notwendigkeit der Wahl des Willens etc.) verurteilte T. am 10. Dezember 1270 (die letzten beiden Thesen stammten von Thomas von Aquin), ohne jedoch - wie bei derartigen Interventionen sonst üblich - die Namen derer zu erwähnen, die diese Lehren verbreiteten. Am 18. Januar 1277 richtete Papst Johannes XXI., der in Paris ausgebildete Arzt und Logiker Petrus Hispanus, ein Schreiben an T., in dem er ihn aufforderte, Gerüchten über neuerliche Irrlehren an der Universität Paris nachzugehen. T. rief infolgedessen eine sechzehnköpfige Theologenkommission zusammen, der auch Heinrich von Gent angehörte. Am 7. März 1277 veröffentlichte T. ohne weitere Rücksprache mit dem Papst einen Syllabus von 219 an der Artistenfakultät diskutierten Irrlehren und stellte ihre Verteidigung, wiederum ohne Namen zu nennen, unter die Strafe der Exkommunikation. Die inkriminierten Lehrsätze betreffen philosophische und theologische Themen wie den Rang der Philosophie, den Wissenschaftscharakter der Theologie, die Erkennbarkeit Gottes, das göttliche Wissen, die Allmacht Gottes, den Willen Gottes, die Freiheit des menschlichen Willens, die Unsterblichkeit der Seele, die Eucharistie- und die Morallehre, die Angelologie und die Kosmologie. Etwa ein Drittel dieser Thesen lassen sich in den Werken der "Averroisten" Siger von Brabant und Boetius von Dacien nachweisen, die in erster Linie von der Verurteilung betroffen gewesen zu sein scheinen. Möglicherweise lag T. die (nicht überlieferte) Anklageschrift des päpstlichen Inquisitors Simon du Val vor, der am 23. November 1276 die Lütticher Kanoniker und ehemaligen Lehrer der Freien Künste zu Paris Siger von Brabant, Gosvin von La Chapelle und Bernier von Nivelles vor sein Tribunal geladen hatte. Unter den 219 Thesen sind auch einige Lehrstücke des Thomas von Aquin (u.a. die Individuationstheorie, das Leib-Seele-Verhältnis und die Willenslehre betreffend), gegen den T. im März 1277 offenbar einen separaten, posthumen Prozeß in die Wege leitete, der aber aus unbekannten Gründen nie zum Abschluß kam. Ausdrücklich verbot T. am 7. März 1277 außerdem das Werk "De amore" (des Andreas Capellanus), ferner ein Buch über Geomantie sowie nicht näher identifizierte Bücher über Nekromantie und Zauberei. Die Verurteilungsurkunde vom 7. März 1277 ist der Locus classicus für die Formulierung der sogen. Lehre von der "doppelten Wahrheit". T. behauptete im Eingangsschreiben, sie läge in der theologischen Konsequenz der radikalen Orientierung an heidnischen philosophischen Systemen. Ebenfalls im März 1277 verurteilte T. 51 Sätze aus dem Sentenzenkommentar des Aegidius Romanus. Der Aufforderung Papst Johannes XXI., der in einem zweiten Brief vom 28. April 1277 von T. verlangte, insbesondere auch die Theologische Fakultät auf Irrlehren zu überprüfen, ist dieser demnach in vorauseilendem Gehorsam zuvorgekommen. Die beiden großen (anonymen) Verurteilungen T.s von 1270 und 1277 wurden bald mit derjenigen des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne von 1241 sowie derjenigen des Erzbischofs von Canterbury Robert Kilwardby von 1277 zu der Sammlung "Collectio errorum in Anglia et Parisius condemnatorum" zusammengefaßt. Das Dekret T.s von 1277 wurde noch im 15. Jahrhundert in Paris als gültig angesehen und wirkte auch auf den Lehrbetrieb in England. Gleichwohl hat man es häufig angefochten, umgangen oder zu verbessern gesucht. 1296 diskutierte Gottfried von Fontaines im Rahmen einer Quaestio quodlibetalis die Frage, ob der Nachfolger T.s eine Sünde begehe, wenn er dessen Syllabus aufgrund seiner Mängel nicht korrigiere. 1298 unternahm es Raimundus Lullus, die Unwahrheit der 219 Artikel ohne Rekurs auf die kirchliche Autorität mit notwendigen Gründen zu beweisen. Nach der Heiligsprechung Thomas von Aquins schränkte der Pariser Bischof Etienne Bourret 1325 die Irrtumsliste T.s derart ein, daß sie nicht mehr auf die Lehre des Thomas bezogen werden konnte. Johannes Buridan, 1328 und 1340 Rektor der Universität Paris, relativierte die Verurteilung, indem er ihre Gültigkeit ausschließlich für die Kirche von Paris hervorhob. In der modernen Forschung trug der Wissenschaftshistoriker Pierre Duhem wesentlich zu T.s Bekanntheit bei, indem er ihn in apologetischer Absicht zu einem Wegbereiter der neuzeitlichen Naturwissenschaften stilisierte; in der jüngeren Historiographie der mittelalterlichen Theologie und Philosophie hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß die anonymen Verurteilungen T.s von 1270 und 1277 als Reaktionen auf die erstmalige Herausbildung einer diesseitsorientierten, autonomen (und daher nicht um die Wahrheit der Offenbarung besorgten) Philosophie im christlichen Abendland zu werten sind. Der persönliche Anteil T.s an den Verurteilungen ist im Kräftedreieck von Papst, Ortsbischof und Theologischer Fakultät freilich schwer zu eruieren.
Werke: Sermones (drei Predigten, Paris, Bibl. Nat. lat. 16481.
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Bernd Goebel
Werkeergänzung:
2005
Sermones (drei Predigten, Paris, Bibl. Nat. lat. 16481; veröffentlicht in: Hille, M., Die Pariser Verurteilung vom 10. Dezember 1270. Leipzig 2005 (=Erfurter theologische Studien; 87).
Literaturergänzung:
1999
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2001
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Letzte Änderung: 19.08.2009